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Keine Almosen, kein Schlafplatz und überall Polizei

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 04.06.2020 David Signer, Dakar

In kaum einer anderen afrikanischen Stadt gibt es so viele Strassenkinder wie in Dakar. Viele von ihnen stammen aus Koranschulen. Nun ändert Covid-19 ihre Situation.

Cheikh ;Diallo vom Village Pilote verteilt den Strassenkindern in Dakar Nahrungsmittel. Zohra Bensemra / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Cheikh ;Diallo vom Village Pilote verteilt den Strassenkindern in Dakar Nahrungsmittel. Zohra Bensemra / Reuters

Es gibt schätzungsweise 30 000 Strassenkinder in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Bis vor kurzem waren sie allgegenwärtig. Nun hat Covid-19 auch ihre Situation verändert. Wegen der nächtlichen Ausgangssperre müssen sie sich nach dem Sonnenuntergang noch besser als früher verstecken, um nicht von der Polizei erwischt zu werden. Betteln ist schwierig geworden, jeder geht ihnen aus dem Weg. Der Staat und diverse NGO intensivieren die Anstrengungen, die jungen Obdachlosen zu ihren Eltern zurückzubringen oder einen Platz in einem Heim zu finden.

Koranschüler als Bettler

Das Problem hat auch eine religiöse Seite. Viele Strassenkinder sind Talibé. Sie besuchen die Koranschule eines islamischen Geistlichen, eines sogenannten Marabuts, der sie tagsüber betteln schickt. Oft stammen die Kinder aus armen, grossen Familien. Wenn die Eltern einen Sohn oder eine Tochter in eine Koranschule geben können, müssen sie nicht mehr für sie sorgen und hoffen zugleich auf eine gute religiöse Erziehung. In Wirklichkeit haben es viele Marabuts einfach auf das Geld abgesehen. Ihre Schützlinge streunen den ganzen Tag in den staubigen Strassen der Stadt herum, und wenn sie am Abend nicht genug Geld nach Hause bringen, werden sie geschlagen. Aus Not oder religiöser Autoritätsgläubigkeit verschliessen viele Eltern von Talibé die Augen vor der traurigen Wahrheit. Die Regierung hatte bisher Mühe, das Problem zu lösen, weil die Marabuts in der senegalesischen Gesellschaft viel Prestige geniessen. Wer sich mit ihnen und den mächtigen Sufi-Bruderschaften anlegt, riskiert, als «unislamisch» abgestempelt zu werden.

Covid-19 ist nun für die Regierung eine Gelegenheit, aus epidemiologischen Gründen entschiedener gegen das Unwesen vorzugehen, als dies bisher möglich war. Sie hat die Marabuts aufgefordert, die Kinder in der Schule zu behalten und nicht mehr zum Betteln loszuschicken. Viele Marabuts verfügen jedoch kaum über die Mittel, um ihre Schüler zu ernähren. Manche beklagten sich über mangelnde staatliche Hilfe in dieser schwierigen Zeit, manche schickten die Kinder einfach zu ihren Eltern zurück. Zahlreiche ausländische Marabuts wurden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt. Viele von ihnen kommen aus Guinea und Guinea-Bissau. Aus diesen Ländern hat sich ein regelrechter Bettel-Tourismus entwickelt, manche sprechen auch von einer Mafia.

Viele dieser angeblichen «Geistlichen» verfügen über keinerlei theologische Qualifikation. Sie sehen die Kinder, die sie aus ihrer Heimat mitnehmen, lediglich als Geldmaschinen, die sie ausbeuten und malträtieren. Immer wieder erscheinen in der lokalen Presse Artikel, die das Ausmass des Missbrauchs und der Gewalt dokumentieren, die zum Teil in solchen Koranschulen herrschen. Aber Kinder, die aus diesen Einrichtungen zu ihren Eltern flüchten, werden oft einfach wieder zu ihren Zuchtmeistern zurückgeschickt. Beim dritten oder vierten Versuch hoffen solche Kinder dann nicht mehr zu Hause auf ihr Heil, sondern einfach auf der Strasse, wo sie sowieso schon die meiste Zeit verbracht haben. So kommt es, dass ein grosser Teil der Strassenkinder auch aus entlaufenen Koranschülern besteht.

«Ich habe seither nie mehr mit meinen Eltern gesprochen»

Es gibt verschiedene Organisationen in Senegal, die sich der Strassenkinder annehmen, wie Empire des Enfants oder Samu Social. Village Pilote ist eine Institution, die sich in der Ortschaft Deni Biram Ndao befindet, rund fünfzig Kilometer östlich von Dakar. Sie beherbergte bisher etwa achtzig Strassenkinder, die hier wohnen und eine Ausbildung absolvieren konnten. Zudem standen ihre Leute in regelmässigem Kontakt mit den jungen Obdachlosen in verschiedenen Quartieren Dakars und unterstützten sie mit Rat und Tat. Nun hat sich die Zahl der Kinder im Village Pilote in kurzer Zeit verdoppelt.

Cheikh Diallo vom Village Pilote, der seit 25 Jahren mit Strassenkindern arbeitet, sagt: «Die Kinder konnten vor allem dank den Strassenküchen überleben. Entweder gaben ihnen die Gäste die Reste zum Essen, oder sie konnten der Köchin beim Abwaschen helfen und bekamen dafür eine Mahlzeit. Wegen Corona mussten nun all diese Imbissbuden schliessen, die Kinder leiden Hunger.»

Da ist zum Beispiel der 20-jährige B. Seinen Namen will er nicht nennen. Er hat früh seine Mutter verloren. «Ich wollte Fussballer werden», sagt er, «aber mein Vater beharrte darauf, dass ich weiter zur Schule ging.» Da haute er von zu Hause ab. Das war 2017. «Tagsüber bewachte ich Autos im Almadies-Quartier in Dakar, nachts schlief ich am Strassenrand», sagt er. In diesem Viertel gibt es viele teure Restaurants und Klubs. Die Fahrer waren grosszügig, manchmal konnte er die Autos auch waschen. Aber wegen Corona, der nächtlichen Ausgangssperre und der Polizeikontrollen wurde es immer schwieriger, einen Schlafplatz zu finden. Zudem schlossen die Lokale, es gab keine Kundschaft mehr. Also kam er vor zwei Wochen ins Village Pilote.

Oder der 25-jährige Alioune. Er lebte zwölf Jahre lang auf der Strasse. «Als sich meine Eltern scheiden liessen, wollte weder die Mutter noch der Vater, dass ich bei ihnen lebte. Also ging ich weg. Ich habe seither nie mehr mit meinen Eltern gesprochen.» Wenn man ihn fragt, in welchem Alter er zum Strassenkind geworden sei, sagt er: «Ich war noch so jung, ich habe es vergessen.» Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit dem Sammeln von Schrott. «Aber jetzt bekommt man nur noch einen Viertel des Preises», sagt er. Er versuchte es mit Betteln. «Doch die Leute rannten davon, wenn ich mich ihnen näherte.» Bitter sagt er, dass seine Geschwister bei den Eltern leben. Er war früher schon einmal im Village, ging dann aber zurück auf die Strasse. «Es war gut hier, aber mein ganzes Denken drehte sich nur um das Leben auf der Strasse.»

Cheikh Diallo sagt, für viele Strassenkinder sei es schwierig, nach einigen Jahren wieder ins normale Leben zurückzufinden. «Auch wenn ihre Situation hart ist, haben sie doch eine Unabhängigkeit, die sie nicht leicht aufgeben. Auf der Strasse gibt es keine Regeln, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Manche stehlen, manche schlagen sich, manche nehmen Drogen. Es ist nicht einfach, sich nachher wieder in die Strukturen der Gesellschaft einzufügen.»

Der 18-jährige Djoumoba stammt aus Guinea. Er wirkt misstrauisch und sagt kaum ein Wort. «Ich lebte zusammen mit meinem Bruder auf der Strasse», sagt er. «Aber dann hatten wir Streit, und ich kam hierher.» Seine Mutter starb vor fünf Jahren, seinen Vater hat er schon lange nicht mehr gesehen. Auf dem Oberarm hat er sich selbst eine Tätowierung gemacht – oder eher eine Verätzung – mit der Säure der Cashewfrucht, wie er erklärt. Es sind der kaum lesbare Name seiner verstorbenen Mutter, Khadija, und sein eigener. Die Prozedur muss sehr schmerzhaft gewesen sein, zum Teil ist die Haut immer noch vereitert. Beim Anblick des Notizblocks zuckt er zusammen. «Die meisten Strassenkinder haben Angst vor allem, was mit Schreiben zusammenhängt», sagt Cheikh Diallo. «Es erinnert sie an die Polizei.» Sie selbst können meist weder lesen noch schreiben, ausser den paar Suren, die sie in der Koranschule lernten.

Schlafplatz neben dem Justizpalast

Seit drei Wochen verteilen die Leute vom Village Pilote Nahrungsmittel an die Strassenkinder von Dakar; um ihnen über den gröbsten Hunger hinwegzuhelfen, aber auch, um sie über die Möglichkeit zu informieren, nach Deni Biram Ndao zu kommen. Nun, zu Beginn des Ramadans, wird die Aktion beendet. Man will keinen Anreiz für die Kinder schaffen, auf der Strasse zu bleiben.

Einer der Orte, wo sich jeweils etwa hundert Strassenkinder aufhalten, liegt ausgerechnet neben dem Palais de Justice. Dort, einen Steinwurf vom imposanten riesigen Gebäude entfernt, dehnt sich ein von Abfall übersäter Platz aus mit alten, ausgeweideten Autos und Minibussen, mit Mechanikern, Wäscherinnen und Jungen, die Fussball spielen. «Früher schliefen die Kinder in den Gerippen der alten Wagen oder breiteten irgendwo einen Karton aus», sagt Diallo. «Aber seit der Ausgangssperre lässt sie die Polizei nicht mehr.»

«Vagabondage», also Landstreicherei oder Herumstreunen, gilt in Senegal für unter 16-Jährige als Delikt, ebenso wie Bettelei. Tatsächlich greift die Polizei täglich Strassenkinder auf, vor allem auch in der Nähe des Justizpalastes. Denn die Anwesenheit der Obdachlosen hier vermittle ein schlechtes Bild des Staates, heisst es. «Dann landen sie auf dem Posten, wo sie verprügelt werden, nachher landen sie für zwei, drei Monate im Knast», sagt Diallo. Ein Gefängnis für Minderjährige gibt es nur für die Knaben; die Mädchen kommen ins Frauengefängnis. Aber nach der Freilassung landen die meisten wieder auf der Strasse. Die Mädchen haben ihre eigenen versteckten Schlafplätze. Viele von ihnen prostituieren sich schon in jungen Jahren.

Süchtig nach Lösungsmitteln

Entgegen dem Anschein leben die Strassenkinder allerdings nicht völlig chaotisch, sondern sind in Gruppen organisiert, denen jeweils ein Älterer vorsteht. «Er geht selbst nicht betteln», sagt Diallo. «Er kassiert am Abend einen Teil der Almosen ein, dafür sorgt er für den Schutz der Kinder.» Offenbar gibt es eine klare Hierarchie, aber auch eine Solidarität. «Wenn jemand zum Beispiel aus dem Gefängnis zurückkommt oder krank ist, sammeln sie Geld und versuchen zu helfen.» Es gibt auch einen Ehrenkodex. Einmal wurde einem der Helfer vom Village Pilote bei der Sandwich-Verteilung das Handy gestohlen. Die Kinder selbst machten den Dieb ausfindig und gaben das Handy zurück. Am Ende der Essensverteilung stellen sich die Kinder in einen Kreis und beten zusammen.

Der Chef der Gruppe steht mit dem Village Pilote in Kontakt. «Er selbst ist schon zu lange auf der Strasse; er kann und will sein Leben nicht mehr ändern», sagt Diallo. «Aber wenn neue Kinder ankommen, von denen der Chef annimmt, sie seien gefährdet oder bereit, etwas anderes anzufangen, ruft er uns an. Das ist hilfreich, weil die Chance, auszusteigen, am Anfang grösser ist. Später, wenn sie beispielsweise Lösungsmittel schnüffeln und abhängig sind, wird es schwieriger.»

Oft müssen Kinder, die im Village landen, zuerst einen Entzug machen. Wie geht das vor sich? «Viele Möglichkeiten haben wir nicht», sagt Diallo. «Denjenigen, die schon rauchen, geben wir statt des Lösungsmittels täglich ein paar Zigaretten, den Jüngeren Bonbons.»

Viele der Strassenkinder sind mager; man sieht ihnen den Hunger oder zumindest die Mangelernährung an. Was aber noch mehr auffällt: Häufig ist ihr Alter schwer zu schätzen. Sie sind eine Mischung aus frühreif und zurückgeblieben. Kleine Erwachsene, grosse Kinder; abgebrüht und naiv. Sie können sich durchschlagen wie erfahrene Männer oder Frauen; aber zugleich sind sie ahnungslos, was die Welt ausserhalb ihres Bezugssystems angeht; der lebenslange Mangel an Zuwendung und Liebe macht sie dünnhäutig, verschüchtert und fragil wie Kleinkinder. «Manche sind so misstrauisch, dass sie zwei Jahre lang kaum ein Wort sagen», sagt Diallo. «Es braucht unendlich viel Geduld, bis sie zu jemandem Vertrauen fassen.»

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