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Lindt eröffnet sein Home of Chocolate in Kilchberg, und Roger Federer enthüllt darin einen Schokoladenbrunnen. Dass er künftig mit Lindor-Kugeln statt mit Bällen serviert, wäre aber wohl zu viel verlangt

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 10.09.2020 Urs Bühler

Der Schokoladenhersteller weiht einen 100 Millionen Franken teuren Neubau ein. Dieser soll mit seinem Museum jährlich 350 000 Besucher anziehen. Die Eröffnung begleiten Bekenntnisse eines Bundesrats und eines Tennisstars.

Mit Schoggi, Konfetti und berühmten Gesichtern eröffnete Lindt heute sein nagelneues «Schokoladenkompetenzzentrum» in Kilchberg. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Mit Schoggi, Konfetti und berühmten Gesichtern eröffnete Lindt heute sein nagelneues «Schokoladenkompetenzzentrum» in Kilchberg. Simon Tanner / NZZ

Wer könnte dieses Objekt besser einweihen als der Mann, dem Neider vorwerfen, ausschliesslich Schokoladenseiten zu haben? Mister Perfect gibt sich an diesem späten Donnerstagnachmittag tatsächlich in Kilchberg die Ehre, diesen angeblich grössten Schoggibrunnen der Welt enthüllen zu helfen. Denn Roger Federer ist nicht nur der beste Botschafter der Schweiz seit Heidi, er ist auch Markenbotschafter von Lindt. Und diese eröffnet auf ihrem Werksgelände einen Prestigebau, in dessen Eingangshalle der neun Meter hohe Brunnen zum Markenzeichen werden soll. Bundesrat Ueli Maurer ist auch angereist, Ernst Tanner, vormaliger Lindt-CEO und heutiger Präsident, sowieso. Und die internationale Presse macht den ultimativen Maskentest: Bleiben die Münder bedeckt, wenn überall so viel Schoggi lockt?

Eine akkurate Adresse

100 Millionen Franken hat der Neubau gekostet. Finanziert hat ihn die Firma über eine 2013 gegründete Stiftung, präsidiert von Tanner, dem Motor hinter dem Projekt. Es soll nicht zuletzt als Forschungs- und Entwicklungszentrum dienen, etwa für Kooperationen mit der ETH Zürich. Als übergeordnetes Ziel wolle man damit den Schokoladenstandort Schweiz langfristig schützen und fördern, heisst es. Der neue Leuchtturm wird als «Schokoladenkompetenzzentrum» bezeichnet. Wenn Federer so kompliziert Tennis spielen würde, wie das klingt, hätte er keinen Blumentopf gewonnen, also nehmen wir hier den neudeutschen Namen: Lindt Home of Chocolate.

Der neun Meter hohe Schokoladenbrunnen in der Eingangshalle des Home of Chocolate soll der grösste der Welt sein. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der neun Meter hohe Schokoladenbrunnen in der Eingangshalle des Home of Chocolate soll der grösste der Welt sein. Simon Tanner / NZZ

An der akkurat klingenden Adresse Schokoladenplatz 1, welche die Gemeindebehörden soeben offiziell genehmigt haben, ist innert nur dreier Jahre ein eindrückliches Bauwerk entstanden. Entworfen hat es das renommierte Basler Büro Christ & Gantenbein als reizvollen Kontrast zu den rund 120-jährigen Fabrikgebäuden auf dem Areal. Die markante Front könnte eine seitlich stehende Schokoladentafel mit neckischem Knick sein, und die Innenarchitektur wirkt im Unterschied zu so manchem Produkt des Lindt-Sortiments keineswegs übersüsst: Die Haupthalle nimmt die ganze Höhe von zwanzig Metern des Hauses ein, mit raffiniert strukturierten Wänden, riesigen, runden Oberlichtern und hellen Materialien, vom Sichtbeton über die Böden aus Kunstmarmor bis zu spiralförmigen Treppen wie im New Yorker Guggenheim-Museum.

Die Geschossflächen entsprechen insgesamt fünf Fussballfeldern, der erste Eindruck lässt an eine Mischung aus Flughafen, Hotellobby und Museum denken. Ein solches kann, zumindest für die Öffentlichkeit, denn auch als Herzstück dieser Anlage gelten: Auf einer Etage wird auf 1500 Quadratmetern in sieben Etappen in die Geschichte der Schokolade, ihre Fertigungsmethoden und ihre Wertschöpfungskette eingeführt, wobei das gerade bei diesem Produkt besonders wichtige Thema der Nachhaltigkeit immerhin gestreift wird.

Die offizielle Adresse des am Donnerstag eröffneten Prachtbaus lautet Schokoladenplatz 1 und wurde soeben von den Behörden genehmigt. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die offizielle Adresse des am Donnerstag eröffneten Prachtbaus lautet Schokoladenplatz 1 und wurde soeben von den Behörden genehmigt. Simon Tanner / NZZ

Verantwortlich für die Ausstellung zeichnete das Stuttgarter Atelier Brückner, von dem etwa im Landesmuseum Zürich die Schau «Archäologie Schweiz» stammt. Es hat das Material einladend aufbereitet, mit Animationen auf 360-Grad-Leinwänden und interaktiven Stationen. Das Product-Placement ist dezent, ehe ein Steigerungslauf einsetzt und es am Ende quasi Lindor-Kugeln regnet. Natürlich sind auch Maîtres Chocolatiers im Einsatz, dieser brillante Marketing-Einfall: So manches Kind glaubt inzwischen wohl nicht nur, dass Ananas in Dosen an Bäumen wächst, sondern auch, dass Industrieschokolade mit weissen Mützen und in Handarbeit gefertigt wird.

350 000 Besucher erwartet

Der Eintritt kostet für Erwachsene 15 Franken und ist für Kinder im Vorschulalter gratis, und es ist gewiss nicht das einzige Schokolademuseum von Flawil bis Köln, will sich aber mit einem Superlativ abheben: «the largest Swiss chocolate museum». Erwartet werden jährlich über 350 000 Besucher aus aller Welt. Mit vergleichbaren Zielen ist die Fifa mit ihrem Museum in der Enge mittlerweile auf den Boden geholt worden; aber von den Imageproblemen des Weltfussballverbands ist der Schokoladenhersteller zum Glück weit entfernt.

Und das Home of Chocolate ist mit seiner Ausstellung letztlich auch ein Denkmal für den Schweizer Pioniergeist, der die Entwicklung der Tafel- und Milchschokolade derart geprägt hat, dass vor gut hundert Jahren über die Hälfte des Weltexports aus diesem Land kam. Mag sein, dass man sich etwas zu lange darauf ausgeruht und deshalb anfangs den Trend zu hochwertiger dunkler Schokolade verpasst hat, den kleine Bean-to-Bar-Manufakturen dann aufnahmen. Noch immer aber wirkt das Erbe der findigen Köpfe aus dem 19. Jahrhundert nach, wie Cailler, Suchard, Maestrani – und Rodolphe Lindt: Der Berner Apothekerssohn erfand 1879 die Conchiermaschine, die erst diesen Schmelz ermöglichte, und gründete mit dem Zürcher Chocolatier Rudolf Sprüngli die Lindt & Sprüngli AG. Das ist der Teil der Geschichte, den die Fabrik mit der Confiserie am Paradeplatz teilt. Schon vor über 120 Jahren aber hat sich der Familienstamm gespalten, es sind heute zwei separate Firmen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Premiumqualität.

Von der Bohne bis zur Kugel: Im neuen ;«Schokoladenkompetenzzentrum» dreht sich – selbstverständlich – alles um Schokolade. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Von der Bohne bis zur Kugel: Im neuen ;«Schokoladenkompetenzzentrum» dreht sich – selbstverständlich – alles um Schokolade. Simon Tanner / NZZ

Gegen die Truffes du Jour von Sprüngli haben die Lindor-Kugeln, von denen minütlich 2000 Stück vom Band laufen, keinen Stich. Doch man soll nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Lindt gehört zu den wenigen Massenproduzenten, die ihre Couverture selbst fertigen, und das Marketing ist ein Meisterstreich. Fehlt nur noch, dass Federer eines Tages mit Lindor-Kugeln statt mit Filzbällen aufschlägt. Immerhin schaut der Maestro gelegentlich werbewirksam bei den Maîtres Chocolatiers vorbei, und er beweist dabei am Donnerstag einmal mehr seine Lockerheit und Bodenhaftung. Die Frage etwa, ob er sich während der Corona-Zeit in die Schweiz verliebt habe wie viele hier, verneint er mit einleuchtender Begründung: «Ich war schon immer verliebt in dieses Land.» Natürlich betont der Meister mit der knallharten Vorhand auch seine Vorliebe für zartschmelzende Schokolade. Er gönne sich regelmässig welche, in Massen (mit langem «a»).

Auch der Markenbotschafter Roger Federer und Bundesrat Ueli Maurer sind bei der Eröffnung zugegen. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Auch der Markenbotschafter Roger Federer und Bundesrat Ueli Maurer sind bei der Eröffnung zugegen. Simon Tanner / NZZ

Bekenntnisse eines Bundesrats

Finanzminister Maurer plädiert scherzhaft dafür, aufgrund der positiven Effekte des Schokoladengenusses hätten eigentlich die Krankenkassen die Kosten dafür zu tragen. Sein eigener Konsum jedenfalls liege über dem hiesigen, schon weltrekordverdächtigen Schnitt von 10,4 Kilogramm pro Jahr und Kopf. Den Kern seiner Rede aber bildet ein Loblied auf den Schweizer Innovations- und Unternehmergeist, den es zu schätzen und zu fördern gelte. Die Leistungen von Lindt würdigt er mit der Aussage, überall auf der Welt wisse man, dass die Schweiz die beste Schokolade habe. Ein kühnes Wort, das nicht nur in Belgien eher ein müdes Lächeln auslösen könnte.

Der riesige Schoggibrunnen jedenfalls, der eine Hommage auf die Lindor-Kugel sein soll mit entsprechend gestaltetem Sockel und einem Schwingbesen als Krone, ist nun auch enthüllt. Und Federer, der wegen einer Verletzung nicht in New York um seinen 21. Grand-Slam-Titel kämpfen kann, kündigt an, am Australian Open im Januar wieder dabei zu sein. Mit einem Schoggibäuchlein wird er dann gewiss nicht antreten.

Für den Neubau in Kilchberg hat Lindt rund 100 Millionen Franken hingeblättert. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Für den Neubau in Kilchberg hat Lindt rund 100 Millionen Franken hingeblättert. Simon Tanner / NZZ
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