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«Mit dem Label ‹Clean and Safe› müssen wir uns in Zeiten von Covid-19 nicht brüsten, klatschen können bei solchen Massnahmen nur die Werbeagenturen», sagt der etwas andere Tourismusdirektor

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 27.06.2020 Erich Aschwanden

Theo Schnider setzt sich seit mehr als 40 Jahren mit Herzblut für die Region Entlebuch ein. Der nachhaltige, in der Bevölkerung verankerte Tourismus in der Biosphäre stösst weltweit auf Beachtung.

«Wir bewegen uns zurück ins Steinzeitalter des Tourismusmarketings», kritisiert Theo Schnider, der Direktor der Biosphäre Entlebuch. Blick in Richtung Schüpfheim. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung «Wir bewegen uns zurück ins Steinzeitalter des Tourismusmarketings», kritisiert Theo Schnider, der Direktor der Biosphäre Entlebuch. Blick in Richtung Schüpfheim. Annick Ramp / NZZ

Theo Schnider wusste, dass er in ein Wespennest sticht. Doch wenn etwas auf der Seele brennt, dann muss es gesagt werden. Diese Devise gilt insbesondere für Entlebucher, sind doch die Bewohner dieser Luzerner Talschaft als «geradeheraus» bekannt. Seine in einem Brief geäusserte Kritik an den immer austauschbaren, langweiligen Image-Recovery-Kampagnen hat dem Direktor der Biosphäre Entlebuch erstaunlich viele positive Rückmeldungen eingebracht. Würde heissen, dass die Branche gar nicht an die Wirksamkeit ihrer Kampagne glaubt.

Schnider hat eine einfache Erklärung: «Sie sind unter enormem Druck, etwas tun zu müssen, und haben teilweise zu wenig Rückgrat, in der Krise wirklich zu führen und langfristige, nachhaltige Akzente zu setzen.» Dass es auch Zweifler an seiner These gibt, stört ihn nicht.

Nicht noch mehr Label-Salat

Inhaltlich steht er nach wie vor zu seiner Haltung: «Jetzt hat schon fast jeder Kanton, ja jede Region ihre eigene Kampagne. Doch ein paar schöne Landschaftsbildchen als Werbung genügen jetzt nicht. Wir bewegen uns zurück ins Steinzeitalter des Tourismusmarketings.» Was im Moment im Schweizer Tourismus laufe, sei die Zersplitterung der Kräfte und ein Rückschritt bezüglich all der Anstrengungen zur Bündelung der Kräfte hin zu Innovation und Produkteentwicklung.

Gleichzeitig hat Schnider Verständnis dafür, dass Schweiz Tourismus und viele seiner Kollegen in anderen Destinationen unter Druck stehen und angesichts der Corona-bedingten Reisebeschränkungen mit Sofortmassnahmen um Gäste aus der Schweiz werben.

Doch sie beschreiten seiner Ansicht nach den falschen Weg. «Was soll denn das Label ‹Clean and Safe›?», fragt der ausgebildete Tourismus- und Marketingfachmann rhetorisch. Es gebe ohnehin schon «ä riise cheibe Label-Salaat», und er bekräftigt: «Wenn ich in der Schweiz Ferien mache, gehe ich als Gast davon aus, dass es hier sauber und sicher ist. Damit müssen wir uns in Zeiten von Covid-19 nicht brüsten, klatschen können bei solchen Massnahmen nur die Werbeagenturen.»

Kritisieren ist leicht, doch was machen sie anders im Entlebuch, das seit 2001 von der Unesco als Biosphärenreservat und damit als Modellregion anerkannt ist? «Wir setzen auf konkrete Angebote und handeln proaktiv», sagt Schnider, der erste und bis anhin einzige Direktor der Biosphäre.

Ein Beispiel für das vorausschauende Handeln ist das Phänomen des wilden Campierens. «Es war doch völlig klar, dass in diesen Wochen das Zelten in freier Natur stark zunehmen wird», sagt Schnider. Verbote sind aus seiner Sicht nicht das richtige Mittel, doch soll die Situation nicht aus dem Ruder laufen. Deshalb schaffen die Entlebucher nun ein neues Angebot. Die Verantwortlichen der Biosphäre gestalten derzeit einen vor allem im Winter gebrauchten Parkplatz einer Luftseilbahn zu einem voll ausgebauten Campingplatz um.

Schnider ärgert sich auch darüber, dass momentan vor allem von den notleidenden Hotels die Rede ist. «Daneben droht die Parahotellerie durch die Maschen zu fallen. Doch gerade in einer Zeit, in der die Menschen Abstand halten wollen, ihren Erholungsraum im wahrsten Sinn des Wortes suchen, kann die Ferienwohnung oder der Wohnwagen zu dem kleinen Reich werden, wo die Gäste sich sicher fühlen», so skizziert er seine Überlegungen und setzt auf entsprechende Pauschalangebote.

Der bekehrte Indianer

Der 62-Jährige hofft, dass die Corona-Krise zu einem Umdenken in der Schweizer Reisebranche führt: «Gerade jetzt zeigt sich doch, dass der Massentourismus für viele Regionen und Unternehmen ein Klumpenrisiko ist. Die ausserordentliche Zeit schafft die Chance, neue Werte zu diskutieren, alte Strukturen aufzureissen, bisweilen auch im Tourismus wieder etwas menschlicher zu werden.»

Ebenso fatal wäre aus seiner Sicht jedoch das Abwürgen jeglicher Entwicklung. Eine Gefahr sieht er deshalb in einem Naturschutz, der die falschen Akzente setzt: «Wenn Umweltorganisationen nur noch auf Verzicht und Verknappungsideologien setzen und uns bei jeder Gelegenheit ein schlechtes Gewissen machen, Angst und Schuldgefühle aufbauen, dann laufen wir in eine Sackgasse.» Naturschutz dürfe nicht nur aus Verboten bestehen, sondern müsse für die Menschen den Zugang zur Natur schaffen.

Exakt dies – ein ganzheitlicher, naturnaher Tourismus, der den Menschen nicht vergisst – ist den sieben Gemeinden des Entlebuchs allerdings nicht in den Schoss gefallen, sondern vom Schweizervolk verordnet worden. Nach der Annahme der Rothenthurm-Initiative im Jahr 1987 sollte nämlich plötzlich die Hälfte der Fläche der Region unter Moorschutz gestellt werden. In der Tourismusgemeinde Flühli Sörenberg gar zwei Drittel der Fläche.

Für Theo Schnider, damals Kurdirektor von Sörenberg, war dies eine Horrorvorstellung. «Sollen die Einheimischen künftig in einem Reservat leben?», fragte er sich und inszenierte 1989 eine landesweit beachtete Protestaktion. Geschminkt und mit Indianerfedern auf dem Kopf wetterte er gegen die drohenden Einschränkungen für Tourismus, Landwirtschaft und Gewerbe. «Manchmal braucht es theatralische Auftritte, um etwas bewegen zu können. Für viele Menschen ist das Denken in Zukunftsszenarien viel zu anstrengend, da braucht es einfache Bilder», meint er im Rückblick. Einen Rossschwanz trägt Schnider heute noch, und als «Mister Biosphäre» ist er gewissermassen in die Rolle des Häuptlings geschlüpft.

Schnider ist dabei den gleichen Weg gegangen wie viele andere Entlebucher auch. Er hat sich früh überzeugen lassen von der Idee des Unesco-Biosphärenreservats und wurde zum Überzeugungstäter. «Wir haben die Einschränkungen zu unserer Stärke gemacht», so beschreibt er die Idee der Modellregion, die viel mehr macht, als nachhaltigen Tourismus zu betreiben. Als Gemeindeverband realisiert man Projekte in den Bereichen Natur, Umwelt, Raumplanung, Mobilität, Forschung, Regionalmarketing und Tourismus.

Für Theo Schnider ist entscheidend, dass die Idee des Biosphärenreservats den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Für Theo Schnider ist entscheidend, dass die Idee des Biosphärenreservats den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Annick Ramp / NZZ

Auch nach 21 Jahren und diversen Weiterbildungen in den Bereichen Tourismus, Marketing und Kommunikation ist der gelernte Wirtschaftskaufmann immer noch mit viel Herzblut dabei. Entscheidend ist für ihn, dass die Idee des Biosphärenreservats den Menschen in den Mittelpunkt stellt: «Wir müssen alle aus der Region ins Boot holen. Die Naturschützer, aber auch die Bauern und das Gewerbe. Nur wenn wir alle zusammen Ideen entwickeln und sie gemeinsam umsetzen, können wir langfristig überleben.»

Der Erfolg ist durchaus da. Unter der Marke «Echt Entlebuch» gibt es inzwischen 500 Produkte von der Schweizer Burrata aus Marbach bis zu Fleisch vom Wiesenschwein. Diese Erzeugnisse sind nicht nur bei Coop und Migros zu kaufen, sondern auch bei Edeka in Deutschland und unzähligen Detaillisten. 2016 wurde die Gaggo Leche lanciert, eine Schokolade mit Bergheumilch aus der Biosphäre Entlebuch und Kakao aus der Biosphäre Gran Pajatén in Peru. Südamerika und Luzerner Hügellandschaft – das passt, nicht nur weil immer mehr Lamas das Entlebuch bevölkern.

Diese internationalen Kontakte sind für Schnider ein wichtiger Antrieb dafür, ständig Neues zu schaffen. Nicht erst seitdem die Unesco das Entlebuch zu einem der Top-Ten-Biosphärenreservate auf der Welt erkoren hat, besuchen regelmässig Regierungs-, Wirtschafts- und Tourismusdelegationen den «Wilden Westen Luzerns», um von dieser aussergewöhnlichen Region zu lernen.

Für Schnider sind es immer wieder neue, willkommene Impulse für die Zukunftsgestaltung. Zurzeit läuft ein vielbeachtetes Projekt mit Beteiligten aus der Schweiz, Portugal, Spanien und Irland. Es geht darum, eine neue Rinderrasse zu züchten, welche die steilen Hügel und empfindlichen Böden mit ihren Hufen weniger stark belastet.

Wo die Kühe nicht lila sind

Auch normale Kühe gehören zum Landschaftsbild des Entlebuchs. Und das ist auch gut so. Im Rahmen des Projektes Entlebucher Biosphärenschule sind jedes Jahr zwischen 800 und 1000 Kinder aus den Städten Zürich, Basel und Genf während einer Woche in der Biosphäre zu Gast. Sie lernen das Landleben kennen, erleben was Nachhaltigkeit bedeutet und machen dabei neue Erfahrungen, wie Theo Schnider festgestellt hat: «Es gibt tatsächlich Kinder aus Basel und Genf, die glauben, ähnlich wie Kinder aus Norddeutschland, dass Kühe lila sind.» Die Entlebucher müssen ihre Landschaft im Corona-Sommer 2020 also gar nicht als Rocky Mountains inszenieren; richtig präsentiert, ist auch Simmentaler Fleckvieh oder Swiss Brown ein Hingucker.

«Vor allem Schüler aus Basel und Genf glauben wie Kinder aus Norddeutschland, dass Kühe lila sind», hat Theo Schnider festgestellt. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung «Vor allem Schüler aus Basel und Genf glauben wie Kinder aus Norddeutschland, dass Kühe lila sind», hat Theo Schnider festgestellt. Annick Ramp / NZZ
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