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Mit Seewen-Spieler Rino Gisler an einem geschichtsträchtigen Ort in seinem Heimatkanton Uri: Es braucht eine «tell’sche» Meisterleistung

Blick-LogoBlick 14.10.2020 Nicole Vandenbrouck (Text) und Sven Thomann (Fotos)
Es braucht eine «tell’sche» Meisterleistung © Sven Thomann Es braucht eine «tell’sche» Meisterleistung

Es ist ein Stück Schweizer Geschichte, das Rino Gisler nachstellt. Der Spieler des EHC Seewen posiert bei der Tellskapelle in Sisikon UR direkt am Ufer des Vierwaldstättersees. An dieser Stelle soll sich Wilhelm Tell 1291 mit einem Sprung aus dem Boot des Landvogts Gessler gerettet haben und geflohen sein.

Der Sage nach ist Tell von Gessler gefangen genommen worden, weil er in seinem Köcher einen zweiten Pfeil hatte und unumwunden zugab, dass dieser für den Landvogt bestimmt ist – falls er davor mit dem Pfeil seiner Armbrust nicht den Apfel auf dem Kopf von Sohn Walterli getroffen, sondern ihn dabei verletzt hätte. Das wurde Tell befohlen, nachdem er sich geweigert hatte, Gesslers Hut auf dem Dorfplatz in Altdorf zu grüssen.

Nach seiner Flucht von der Tellskapelle über den Axenberg und der Rigi entlang nach Küssnacht lauerte Tell seinem Feind Gessler in der Hohlen Gasse auf – und erschoss ihn mit dem zweiten Pfeil. Tells Taten wurden schnell im ganzen Land bekannt und stärkten die Bewegung für Freiheit und Unabhängigkeit in der Urschweiz.

Keine Eishalle im ganzen Kanton Uri

«Die grosse Meisterleistung von Tell war, dass er den Apfel vom Kopf seines Sohnes geschossen hat», sagt Gisler und zieht eine Parallele: «Genau so eine Meisterleistung braucht es von uns im Cup gegen Davos.» Der 24-Jährige ist mit der Tell-Sage aufgewachsen – denn er hat seine Wurzeln im Urnerland. Das trifft nur auf wenige Hockeyspieler der Schweiz zu. Im ganzen Kanton Uri gibt es tatsächlich keine einzige Eishalle.

Gislers Eltern sind früh nach Seewen SZ gezogen, dort ist er nur wenige Minuten von der Eishalle entfernt aufgewachsen. «Meine Mutter ging mit mir in den freien Eislauf, so fing alles an.» Nach Junioren-Jahren beim EHC Seewen wechselte er als 14-Jähriger zum EVZ in dessen Nachwuchs. «Ich war richtig ambitioniert, wollte gut sein.» Mit dem Traum, eines Tages Profispieler zu werden. In Zug oder auch zwei Jahre später in Rapperswil-Jona konnte er sich nicht für höhere Aufgaben aufdrängen. «Ich konnte die Chancen nicht nutzen», sagt er reflektiert.

Als 19-Jähriger kehrte er zu Erstligist Seewen, der 2017 zur MySports-League stösst, zurück. «Es ist mehr als nur eine Mannschaft, es ist Kameradschaft. Wir sind alles Kollegen, treffen uns auch privat. Über die Hälfte des Teams kenne ich seit meiner Kindheit.» Weil die dritthöchste Liga der Schweiz eine Amateur-Liga ist, gehen alle Spieler einem Job nach.

Gisler absolvierte das Sport-KV in Zug und arbeitet heute im Einkauf und Produktmanagement von Active Communication, einer Tochtergesellschaft der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Die Firma bietet Menschen mit einer Beeinträchtigung massgeschneiderte Lösungen in den Bereichen Kommunikationshilfen, Computer- und Arbeitsplatzanpassungen, sowie Umfeldsteuerungen. In seinem Job ist Gisler auch mit tragischen Schicksalen konfrontiert. «Natürlich mache ich mir bei schlimmen Fällen Gedanken. Aber man darf es sich nicht zu nahekommen lassen und muss sich abgrenzen können. Da hilft Eishockey als Ausgleich.»

«Auf die Zähne beissen»

Der Stürmer betont aber, dass man wirklich angefressen sein und es wirklich wollen muss. «Denn manchmal muss man schon auf die Zähne beissen. Zum Beispiel wenn wir nach einem Auswärtsspiel am Mittwoch erst um 3 Uhr nachts heimkommen und vier Stunden später wieder zur Arbeit müssen.» Trotzdem hat Gisler, der an der Höheren Fachschule derzeit eine Weiterbildung in Betriebswirtschaft macht, noch kein einziges Spiel mit Seewen verpasst.

Ein ganz besonderes wird nun der Cup-Sechzehntelfinal, für den sich Seewen zuvor erst einmal qualifiziert hat: Die Schwyzer verloren 2017 gegen Lugano 1:9. Und erneut gastiert ein NL-Team im Zingel. «Als wir Davos zugelost bekamen, schoss natürlich allen der Gedanke in den Kopf, dass die Bündner mal gegen Dübendorf verloren haben.» Ein solcher Coup ist natürlich die Wunschvorstellung. «Jeder würde gerne einem Grossen ein Bein stellen. Aber wir sind schon auch nervös», gesteht Gisler.

Gut aufs Spiel eingestellt werden sie von ihrem neuen Trainer Leo Schumacher (67), der vor zwei Jahren an der Bande der ZSC Lions noch Schweizermeister geworden ist. «Er fördert uns mit einer gewissen Härte, für uns ist es eine Chance. Seine Leidenschaft fürs Hockey ist spürbar.» Ein Meistertrainer für die «tell’sche» Meisterleistung gegen den HCD.

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