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Mitten in der Krise übernimmt Anne Lévy den härtesten Job in Bundesbern: So tickt die neue Chefin des Bundesamtes für Gesundheit

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 15.09.2020 Daniel Gerny

Sie wollte den Alkoholverkauf einschränken und kämpft gegen Tabakwerbung: Anne Lévy sorgte mit Präventionspolitik für Aufsehen. Nun muss sie das schlingernde BAG auf Kurs bringen. Weggefährten trauen es ihr zu. Wenn es darauf ankomme, sei sie «knallhart».

Anne Lévy, neue Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), posiert am Freitag, 3. April 2020, in Bern. ; Anthony Anex / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Anne Lévy, neue Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), posiert am Freitag, 3. April 2020, in Bern. ; Anthony Anex / Keystone

Selten stand eine Behörde über Monate derart intensiv im medialen Fokus wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seit dem Ausbruch der Corona-Krise. Der wochenlange Streit um die Maskenpflicht, die Irritationen über die Liste der Risikoländer oder verschiedene Kommunikationspannen im Zusammenhang mit Corona-Zahlen machten im letzten halben Jahr deutlich, mit welchen Problemen das Amt kämpft. Der Wechsel an der Spitze des BAG steht deshalb für einen Neustart mitten in einer Krisensituation – zumal der bisherige Direktor, Pascal Strupler, in der intensiven Corona-Phase kaum sichtbar blieb und wenig souverän aufgetreten ist.

Wieder keine Medizinerin

Für Anne Lévy, die die Leitung des Bundesamtes am 1. Oktober übernimmt, ist diese Ausgangslage eine Chance. Schafft sie es, das Krisenmanagement in den bevorstehenden Wintermonaten und im Falle eines Wiederaufflammens der Pandemie rasch zu verbessern, wird sie politisches Kapital erwerben. Bei der Bewältigung der übrigen Herausforderungen im Gesundheitswesen kann sie dieses gebrauchen. Bei den Akteuren im Gesundheitswesen sind die Hoffnungen auf eine profilierte Führungsperson mit mehr Präsenz und Innovationskraft gross, nachdem das BAG unter Strupler als nicht besonders dynamisch gegolten hat und der Chef selbst eher farblos geblieben ist.

Anders als ihr Vorgänger, der vor seinem Amtsantritt als BAG-Direktor vor zehn Jahren kaum mit der Gesundheitspolitik zu tun hatte, ist Lévy auf diesem Gebiet vielseitig erfahren – ein klarer Vorteil. Zwar ist die neue Amtsvorsteherin ebenfalls keine Medizinerin, was vor allem deshalb ins Gewicht fällt, weil in der Geschäftsleitung des BAG medizinisches Fachpersonal auch sonst fehlt. Mit Patientinnen und Patienten kam Lévy in ihren bisherigen Funktionen kaum direkt in Kontakt.

Doch beruflich war sie seit dem Abschluss ihres Studiums an verschiedenen Positionen im Gesundheitswesen unterwegs – zuletzt als Geschäftsführerin der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel (UPK). Die 48-jährige Lévy, die vor ihrem Amtsantritt nicht mit den Medien sprechen möchte, weiss deshalb, wie die Branche tickt.

Drogenarbeit war prägend

Anne Lévy kam Ende der 1980er Jahre als Jugendliche von Bern nach Basel, als ihr Vater, Philippe Lévy, die Generaldirektion des Messeunternehmens Muba übernahm. In Basel machte sie die Matur und lernte ihren heutigen Mann kennen. Bis heute sind ihre Wurzeln unüberhörbar, ihren Bernerdialekt hat sie beibehalten. Das Politologiestudium in Lausanne und ihr kurzer Abstecher als Stagiaire bei der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) deuteten vorerst nicht auf eine Laufbahn im Gesundheitswesen hin.

Bereits ihre erste Stelle als Spezialistin für Drogenfragen in der Stadt Bern spurte aber ihre weitere Karriere vor. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» erklärte Lévy vor zwei Jahren, dieser Job sei für sie der prägendste gewesen. Nach den Jahren in Bern wechselte Lévy ein erstes Mal zum Bundesamt für Gesundheit, wo sie bis 2009 die Sektion Alkohol und Tabak leitete.

Pläne für ein Alkoholverkaufsverbot ab 21 Uhr und Gedankenspiele über eine Erhöhung der Bierpreise nach schwedischem Vorbild sorgten in ihrer damaligen Amtszeit für Aufregung. Das BAG wollte auf diese Weise den wachsenden Alkoholkonsum bei Jugendlichen eindämmen. «Berner Beamte vom Elch geknutscht», titelte der «Blick» – beide Vorhaben erwiesen sich schliesslich als chancenlos.

Auch ihre fünfjährige Tätigkeit als Präsidentin der Stiftung Sucht Schweiz bis 2019 zeigt, wo Lévy ihre Schwerpunkte setzt. Pikant: Lévy hat als Mitglied des Initiativkomitees das Volksbegehren «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung» mitlanciert, das faktisch zu einem vollständigen Werbeverbot in diesem Bereich führen würde. Der Bundesrat lehnte das Gesetz im August ohne Gegenentwurf ab. Er will stattdessen die Vorschriften im Tabakgesetz verschärfen.

Knallhart – bis zur Empathielosigkeit

Versicherungsnahe Kreise befürchten vor diesem Hintergrund, das BAG könnte die Präventionspolitik unter der neuen Leitung noch stärker ins Zentrum setzen und Massnahmen zur Kostendämpfung im Leistungsbereich zu wenig gewichten. Weggefährten warnen allerdings davor, Lévy zu stark aufgrund ihrer früheren Tätigkeiten einzuordnen: Sie sei im Gesundheitswesen nicht nur gut vernetzt, sondern verfüge über eine rasche Auffassung und die Fähigkeit, Herausforderungen sehr analytisch und disziplinübergreifend anzugehen.

Nach ihrer BAG-Zeit leitete Lévy im Kanton Basel-Stadt die Abteilung Gesundheitsschutz mit dem kantonalen Laboratorium, dem Veterinäramt und dem Institut für Rechtsmedizin als wichtigste Stellen. Während dieser Zeit äusserte sie in den Medien ihre Faszination für den sogenannten «One Health»-Ansatz, wonach viele neu auftretende Krankheiten auf den vermehrten Kontakt zwischen Mensch und Tier zurückzuführen sind und die Gesundheit von Tier, Mensch und Umwelt deshalb ganzheitlich betrachtet werden muss. Mit Corona und anderen neuen Viren dürfte dieser Gedanke an Bedeutung gewinnen.

Die Führung der Basler Psychiatrie mit rund 1200 Mitarbeitern kommt Lévys neuem Management-Job im Bundesamt für Gesundheit wohl am nächsten. Verschiedene frühere Mitarbeiter beschreiben Lévy als sehr angenehm im Umgang, aber auch als knallhart wenn nötig, sogar bis hin zur «Empathielosigkeit». Falls damit Durchsetzungsvermögen gemeint ist, wäre dies für den Job an der Spitze einer Behörde mit derart divergierenden Aufgaben kein Nachteil: In kaum einer anderen Branche lobbyieren die diversen Akteure derart intensiv und laut wie im Gesundheitswesen. Corona zeigt ausserdem, dass eine auch gegen aussen wahrnehmbare, klare Führung und Strategie Voraussetzung für die Bewältigung von Krisensituationen ist.

So wurden während der Pandemie Versäumnisse der letzten Jahre bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens rasch offenkundig. Bei ihrer Wahl zur Direktorin des Amtes im April erklärte Lévy, dass die Digitalisierung zu den vordringlichen Aufgaben in ihrem Job gehöre. Eine andere Frage ist allerdings, ob es Lévy abseits davon gelingt, für neue Impulse zur Senkung der Gesundheitskosten zu sorgen, die an der Departementsspitze auch ankommen.

Politisch dürften die Vorstellungen von Bundesrat Alain Berset und Lévy nicht weit auseinanderliegen. Berset führt jedoch eng und mit klaren Vorgaben. Lévy verfüge zwar zweifellos über die Fähigkeit, auch unangenehme Dossiers anzupacken, erklärt ein langjähriger Kenner des Gesundheitswesens: «Aber wenn sie Berset allzu stark herausfordert, wird auch sie es schwer haben.»

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