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Musik? Ruhm? Kühne Outfits? Glück fand David Bowie anderswo: in den Büchern

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 11.06.2020 Marion Löhndorf

Leseempfehlungen hatten in der Zeit des Lockdown Hochkonjunktur. Wer den Marathon auf David Bowies Spuren fortsetzen möchte, kann nun zu einem Band greifen, der die hundert Lieblingsbücher des Musikers kommentiert. Einige davon verriet er allerdings lieber nicht.

Schweinchen bringen Glück – Bücher aber noch viel mehr: David Bowie im Film «Just a Gigolo», 1978. Everett Collection / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Schweinchen bringen Glück – Bücher aber noch viel mehr: David Bowie im Film «Just a Gigolo», 1978. Everett Collection / Imago

Er war jemand, der immer und überall ein Buch zur Hand hatte, mit Autoren befreundet war, mit ihnen über Bücher sprach, korrespondierte und sie gelegentlich sogar rezensierte. Der im proustschen Questionnaire auf die Frage nach dem vollkommenen irdischen Glück geantwortet hatte: «Lesen.» Als das Victoria & Albert Museum in London David Bowie vor sieben Jahren eine grosse, später weltweit gezeigte Ausstellung widmete, spürte sie den Inspirationen nach, die er aus unzähligen Quellen schöpfte. Doch eine Lücke blieb: die Literatur.

Ein Buch pro Tag, das strebte er an. Was las dieser Vielleser? Die Kuratoren des V&A hatten den genialen Musiker gefragt, als sie die Ausstellung konzipierten. Er stellte eine Liste nicht seiner Lieblingsliteratur, sondern der hundert wichtigsten und einflussreichsten Bücher seines Lebens zusammen: Belletristik, aber auch Sachbücher und Comics. Er verstand sich als Leser, der mit Büchern und durch Bücher lebte. In seinem Fall hiess das auch: die Literatur auf sein eigenes künstlerisches Werk wirken zu lassen, ein Werk, das sich von seiner Suche nach immer neuen, anderen Kulturen und Welten anregen liess.

Durchkreuzte Pläne

George Orwells «1984» gehörte zu den Romanen, die David Bowie besonders beeindruckten. 1973 plante er, daraus etwas Eigenes zu machen, und wie immer bei ihm sollte es im grossen Stil passieren. Ein Bühnen-Musical war sein erster Gedanke, eine Fernsehshow sein zweiter, auch von einem Gesamtkunstwerk aus beidem, kombiniert mit einem Album, war die Rede. Orwells Witwe und Nachlassverwalterin Sonia zerstörte Bowies Pläne. Gestrandet mit einer Menge musikalischem Material, tat er das Naheliegende. Bearbeitet und verändert, liess er Songs wie «Big Brother», «1984» und «We Are the Dead» – ein direktes Zitat aus dem Buch – in sein Album «Diamond Dogs» (1974) einfliessen.

Zwei Jahre zuvor hatte er sich auf einem Kreuzfahrtschiff von Evelyn Waughs «Vile Bodies» inspirieren lassen. Die Geschichte einer vergnügungssüchtigen Jeunesse dorée zwischen den Kriegen, die auf die nächste Katastrophe zusteuert, steht hinter dem Song «Aladdin Sane».

Auch Sachbücher, vor allem über Musik und Kunst, las Bowie exzessiv – etwa Richard Corks Biografie über den halb vergessenen britischen Maler David Bomberg, einen seiner Lieblingskünstler, oder «Mystery Train», das Meisterwerk des grossen Essayisten der Pop-Kultur, Greil Marcus.

Der Essayband, der die umstrittene amerikanische Kunsthistorikerin Camille Paglia berühmt machte – «Sexual Personae. Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson» –, beeindruckte ihn dermassen, dass er die Autorin dazu einlud, eine Zeile in seinem Stück «We Prick You» zu sprechen. Paglia rief ihn nie zurück und liess durch ihren Assistenten fragen: «Ist das wirklich David Bowie und, wenn ja, ist es wichtig?» In ihrem Buch aber hatte die Autorin den Star erwähnt, und offenbar fühlte er sich geschmeichelt: Mit Hingabe las Bowie auch alles, was über ihn selbst geschrieben wurde, speziell Biografien. Sie fehlen auf dieser fein edierten Liste, auf der Bowie nur die Bücher anführte, von denen die Welt wissen sollte, dass er sie gelesen hatte.

Diskrete Auslassungen

So bleiben manche Lektüreerlebnisse, von denen David Bowie während seiner Laufbahn geschwärmt hatte – Stephen King etwa –, auf der Liste unerwähnt, ebenso Schriftstellerfreunde wie Hanif Kureishi und William Boyd. Weitgehend ausgespart wird auch seine Beschäftigung mit dem Okkulten. Auffallend war, dass er nach Ende der achtziger Jahre die Welt gern wissen liess, wie gebildet und universalgenial er war – vielleicht getrieben vom Wunsch, nie mehr als reiner Musikstar begriffen zu werden. Ähnlich dem Bücherschrank in alten Zeiten dient die Liste auch der intellektuellen Selbstdarstellung; sie ist, wie so vieles in Bowies Leben, eine Performance.

Viele Nennungen stehen auf der sicheren Seite des weltliterarischen Kanons: Klassiker wie Nabokovs «Lolita», D. H. Lawrence’ «Lady Chatterley’s Lover», Flauberts «Madame Bovary», Dantes «Inferno» und Homers «Ilias». Mit dem intellektuellen Hunger eines Autodidakten las sich der Musiker quer durch die Jahrhunderte und rund um die Welt. Da finden sich keine Ausreisser mit ausschliesslich persönlichem Bezug; auch zur Aufheiterung oder Ablenkung taugen die Titel nicht. Die meisten von ihnen blicken dem Leben geradewegs, auf anspruchsvolle Weise ins Gesicht. Sie erfordern Zeit, Arbeit und Konzentration.

Wenn Bowie sich unterhalten wollte, blätterte er in «Beano»-Comics oder in Ausgaben des Satiremagazins «Viz», auch diese Titel schloss er in die Aufstellung seiner Bücherlieblinge ein. Was bei David Bowie am häufigsten übersehen wird, ist sein Humor.

Die Liste ist voller Querverweise und innerer Verwandtschaften, zusammengehalten vom Leben dieses besonderen Lesers. Romane wie Döblins «Berlin Alexanderplatz» und Fran Lebowitz’ Essays über New York, «Metropolitan Life», evozieren Städte, die Bowie geprägt haben. Immer wieder kommt er auch auf das Thema Totalitarismus zurück. Das lässt sich an Titeln wie Jewgenja Ginsburgs «Marschroute eines Lebens» über ihre Zeit in Stalins Gefängnissen ablesen oder an Arthur Koestlers «Sonnenfinsternis», das in belletristischer Form dasselbe Terrain betritt. Und eben «1984».

Auffallend sind auch die vielen ungewöhnlichen, stilisierten Erzählerstimmen, ob in William Faulkners «As I Lay Dying», in Peter Ackroyds «Hawksmoor», in Hubert Selbys «Last Exit to Brooklyn» oder Anthony Burgess’ «A Clockwork Orange». Der Meister extravaganter Stilübungen suchte Entsprechendes auch in der Literatur.

Anregende Skizzen

Drei Jahre nach Bowies Tod nahm sich der Londoner Journalist John O’Connell der Liste an und schrieb ein Buch darüber, das jetzt auf Deutsch vorliegt: «Bowies Bücher. Literatur, die sein Leben veränderte». Das tönt auf den ersten Blick dramatisch, doch überzeugend führt O’Connell den Beweis, dass Bowie sich als Leser verstand, der literarischen Fiktionen, Formulierungen und Einsichten Einfluss auf sein Leben und seine Kunst erlaubte. Jedem Buch ist ein zweiseitiges, skizzenhaftes Kapitel gewidmet, das Verweise spinnend zwischen den Büchern und Bowies Leben und Werk hin- und herspringt. Die meisten der essayistischen Miniaturen sind anregend, verspielt; andere greifen spürbar zu kurz.

Ergänzt werden sie von charmanten Cartoons (Luis Paadín), Tipps zum Weiterlesen und je einem Soundtrack, der die Lektüre ergänzen soll. Der Originaltitel, «Bowie’s Books», klingt wie ein Querverweis auf Peter Greenaways Film «Prospero’s Books», der seinerseits auf Shakespeares Figur des belesenen Zauberers zurückgreift. Die Anspielung hätte Bowie, einem Meister dieser Technik, sicher gefallen.

John O’Connell: Bowies Bücher. Aus dem Englischen von Tino Hanekamp. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 384 S., Fr. 22.90.

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