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Nach dem Verkauf nach China gibt es das alte GC nicht mehr

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 09.04.2020 Flurin Clalüna

Nach 17 Jahren erfolgloser Suche hat die Grasshopper Fussball AG neue Geldgeber gefunden. Die Champion Union HK Holdings Limited aus Hongkong übernimmt die Aktienmehrheit – und wechselt gleich das Management aus. GC hat nun zwar eine Überlebensperspektive, steht aber vor einer Zukunft, die vor allem eines ist: unbekannt.

GC erhält nicht nur neue Besitzer, sondern auch ein neues Management. Melanie Duchene / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung GC erhält nicht nur neue Besitzer, sondern auch ein neues Management. Melanie Duchene / Keystone

Der Fussballklub Grasshoppers, der Verein, der sich immer als Zweig des Zürcher Wirtschaftsfreisinns verstand, wird nach China verkauft. Die Champion Union HK Holdings Limited aus Hongkong übernimmt die Aktienmehrheit. Dieser 9. April ist eine Zäsur, wie sie GC in seiner Geschichte noch nie erlebt hat. Es ist eine Art Stunde null.

Das traditionelle Zürcher Bürgertum hat GC nach langen Krisenjahren fallengelassen. Die Zeit des Mäzenatentums und der Kollekten aus ideeller Verbundenheit zum Klub ist damit endgültig vorbei. Das wird diesen Verein fundamental verändern.

Vor allem der Autohändler Peter Stüber stand als letzter Mitbesitzer und Monsieur mit seiner Haltung für das alte GC, das es seit heute nicht mehr gibt. Es ergeht dem Grasshopper-Club nicht anders als anderen Firmen, die sich ebenfalls als Schweizer Institutionen begriffen und in chinesische Hände fielen – der Schuhhersteller Bally, die Traditionsfirma Saurer oder der Basler Konzern Syngenta.

In den letzten Jahren haben chinesische Firmen für über 50 Milliarden Dollar in der Schweiz eingekauft. Und nun geht also zum ersten Mal auch ein Schweizer Fussballklub in chinesischen Besitz über. GC tritt aus Zürich in die globalisierte Fussballwelt. Ohne zu wissen, ob und wie man sich in dieser neuen Welt zurechtfinden wird.

Zeitenwende für GC

Und wie bei den anderen Firmenübernahmen fragt man sich: Ist dieser Deal nun eigentlich eine gute oder eine schlechte Nachricht? Investitionen aus China haben immer einen Beigeschmack, es riecht nach Kommunismus, Autoritarismus und Fremdheit. Ängste mischen sich mit Vorurteilen, wenn Bilder heraufbeschwört werden, wie chinesische Investoren wie Heuschrecken über Europa herfallen.

Im Fall des Schweizer Klubfussballs sind diese Sorgen vielleicht noch grösser, weil in den letzten Jahren mit Ausnahme von jenem des englischen Chemieunternehmens Ineos in Lausanne praktisch jedes ausländische Engagement im Elend geendet hat. Und wenn Fussballklubs verkauft werden, werden eben nicht nur Bilanzen und Spieler-Marktwerte verschoben, sondern auch Werte und Emotionen neu verhandelt.

GC war immer mehr als ein Fussballklub, GC war ein gesellschaftliches Bekenntnis, gegründet im Geist von britischer Sportsmanship, und ja: GC war auch der Klub der Mehrbesseren. Diese Identität hat in den letzten Jahren zwar gebröckelt, aber selbst in der Erfolglosigkeit gab es nichts anderes, worauf sich Klub und Anhänger hätten beziehen können. Der Verein versucht nun zwar seine Identität und sein Erbe zu bewahren, indem die neu gegründete Grasshopper Football Foundation als Minderheitsaktionärin mit Vetorecht auftritt.

Aber über das Schicksal von GC werden von nun an andere bestimmen, mit ihren Regeln und ihrem Denken. Bereits ist das Management ausgewechselt worden. Auch der bisherige Sportchef Fredy Bickel muss per sofort gehen. GC betont im Communiqué, dass der Klub «operativ in Schweizer Händen» bleibe. Aber diese Hände gehören Menschen, die fast alle unbekannt sind.

Ausser dem früheren Kommunikationschef Adrian Fetscherin kommen Leute in Machtpositionen, über die man wenig weiss: Managing Director wird der Spielervermittler Shqiprim Berisha. Der Treuhänder Samuel Haas besetzt die Funktion des Generalsekretärs. Beide waren daran beteiligt, den Kontakt nach China herzustellen – mit der Hilfe des 81-jährigen Erich Vogel, der grauen GC-Eminenz. Neuer Sportchef wird Bernard Schuiteman, früher Scout bei Wolverhampton. Und neuer GC-Präsident ist der Chinese Sky Sun, auch er hat eine Vergangenheit in Wolverhampton. Der bisherige Interimspräsident Andras Gurovits wird Vizepräsident und bleibt Verwaltungsrat.

Das chinesische Investment ist eine Zeitenwende für den Klub. Die Grasshoppers, die in jüngerer Zeit immer nur von ihrer Vergangenheit gelebt haben, machen einen Zeitsprung in eine neue Zukunft, die vor allem eines ist: unbekannt. Aber die Chinesen bieten ihnen nun wieder eine Perspektive. Es ist kurzfristig eine Überlebensperspektive, weil auch ein Konkurs und das Verschwinden von GC aus dem Profifussball ein reales Szenario waren.

Jenny Wang in einer Aufnahme von 2018. Julien M. Hekimian / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Jenny Wang in einer Aufnahme von 2018. Julien M. Hekimian / Getty

Und längerfristig ist es vielleicht sogar mehr als nur eine Existenzsicherung, je nachdem, wie seriös und nachhaltig das Projekt ist. Darüber ist konkret wenig bekannt. Jenny Wang, die Besitzerin der Champion Union HK Holdings Limited, sagt, die Unterstützung basiere «auf einer langfristigen strategischen Entscheidung, die ich getroffen habe, um den Verein wieder an die Spitze des Schweizer Fussballs zurückzuführen».

Jenny Wang sei «eine der einflussreichsten und bedeutendsten Persönlichkeiten der Wirtschaft, Kunst und Kultur Asiens», steht im Communiqué von GC. Vor allem ist sie die Frau des Milliardärs Guo Guangchang, der mit seiner mächtigen Fosun-Gruppe auch der Besitzer des englischen Fussballklubs Wolverhampton Wanderers ist.

Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass auch Wangs Firma, über die nur wenig bekannt ist, im Einflussbereich des chinesischen Konzerns Fosun steht. Wie viel Geld in GC investiert werden soll, weiss man nicht. Das Engagement soll sich über einen Zeitraum von zehn Jahren erstrecken.

Und trotz allen Unwägbarkeiten: Dass der Verkauf überhaupt unterschriftsreif geworden ist, ist angesichts der langen Vorgeschichte gescheiterter Lösungen und besonders mitten in der Corona-Krise eine bemerkenswerte Nachricht. Und es ist auch das Verdienst des Interimspräsidenten Andras Gurovits. Siebzehn Jahre lang suchte der Klub nach dem Ende der Ära von Rainer E. Gut und Fritz Gerber nach einem tragfähigen Finanzierungsmodell, und immer waren es am Ende die gleichen, immer älter werdenden Männer, die stets widerwilliger bezahlten. Am Ende hatten sie gar keine Lust mehr, weil sie je länger, je mehr nur noch Rechnungen für den Misserfolg beglichen.

Und deshalb darf sich nun eigentlich auch niemand wundern oder gar beschweren, dass es GC nur noch als chinesische Filiale gibt. Noch weiss man nicht, wie die Chinesen mit dem ihnen anvertrauten Erbe umgehen werden. Ob sie den Klub emotional entkernen oder Rücksicht nehmen. Ob sie verstehen wollen, was die Grasshoppers waren, und ob das in ihren Überlegungen überhaupt eine Rolle spielt.

In China weiss keiner, was ein GC-Herz ist

Fest steht: Nach dieser Übernahme steht GC in der Schweiz einzigartig da. Erst später einmal wird man wissen, ob die Grasshoppers damit einen Trend begründet und auch für andere Schweizer Klubs eine Türe zum globalen Fussball aufgestossen haben. Oder ob sie ein weiteres abschreckendes Beispiel für ausländische Investoren werden, die bald wieder das Interesse verlieren.

In Wolverhampton jedenfalls, wo die chinesische Fosun-Gruppe die Wanderers besitzt, scheint das Engagement auf Nachhaltigkeit angelegt zu sein. Und vielleicht passt GC tatsächlich in eine Geschäftsstrategie, mit der sich sogar Geld verdienen lässt, obwohl heute niemand so genau weiss, wie das gehen soll. Denn eines ist auch klar: Die Chinesen haben die Grasshoppers nicht übernommen, weil ihnen ideell etwas am Klub liegt. GC muss als Business und als Zweigstelle für Spieler funktionieren. Ein GC-Herz hatten vielleicht die alten Zürcher Patrons. In China weiss keiner, was das ist.

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