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Nach der Razzia trat er mit Rosenkranz auf

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 24.01.2021
«Ich vertraue auf den Glauben», sagte Lorenzo Cesa, als er zurücktrat. Diese Aufnahme entstand 2017 in Neapel. © Bereitgestellt von Der Bund «Ich vertraue auf den Glauben», sagte Lorenzo Cesa, als er zurücktrat. Diese Aufnahme entstand 2017 in Neapel.

Lorenzo Cesa, langjähriger Chef der christdemokratischen Partei UDC, steht im Verdacht, der kalabrischen Mafia geholfen zu haben.

«Ich vertraue auf den Glauben», sagte Lorenzo Cesa, als er zurücktrat. Diese Aufnahme entstand 2017 in Neapel. © Bereitgestellt von Der Bund «Ich vertraue auf den Glauben», sagte Lorenzo Cesa, als er zurücktrat. Diese Aufnahme entstand 2017 in Neapel.

Wenn alles auseinanderbricht, bleibt noch Gott. Als Lorenzo Cesa vor einigen Tagen den Sitz seiner Partei verliess und damit wohl seine lange politische Karriere beendete, trug er in der Hand einen Rosenkranz, gut sichtbar. «Ich vertraue auf den Glauben», sagte er in die Kameras. Normalerweise sagt man in solchen Fällen eher: Ich vertraue der Justiz. Cesa, 68 Jahre alt, Römer und Christdemokrat, hatte gerade die Polizei im Haus gehabt. Sie war im Morgengrauen gekommen, wie sie das bei einer Razzia immer tut, durchsuchte die Wohnung und teilte ihm dann mit, dass die Ermittler im fernen Catanzaro ihn für einen Vertrauten der. Für einen Helfer, für einen, der die Verbindungen der Bosse zur Oberwelt öle.

Nun ist dieser Verdacht, so er denn wahr ist, schon für sich ungeheuerlich: Cesa ist ein prominenter Politiker, alle Italiener kennen ihn aus dem Fernsehen. Drei Legislaturperioden lang war er Abgeordneter, zweimal wurde er ins Europaparlament gewählt, und fünfzehn Jahre lang führte er die katholische Zentrumspartei Unione di Centro, kurz UDC, die grösste Nachlassverwalterin der einst übermächtigen Democrazia Cristiana – bis jetzt, bis zu seinem Rücktritt mit dem Rosenkranz.

Mitten in den Hinterzimmerverhandlungen

Doch zu reden gibt der Fall vor allem politisch. Die Medien fragen sich, ob die Operation mit dem unpassenden Namen «Basso profilo», «Unauffällig», vielleicht nicht zufällig in die laufende Regierungskrise platzte. Justiz mit dem Timer? Jedenfalls torpedierte sie die . Der braucht für seine arg geschrumpfte Mehrheit mindestens ein halbes Dutzend neuer Unterstützer im Senat, der kleineren Parlamentskammer, um im Amt zu bleiben.

Von der traditionell wankelmütigen und bezirzbaren UDC, die meistens rechts von der Mitte politisiert, erhoffte sich Conte. Sie hat drei Senatoren. Cesa selbst gehört nicht dazu, er hat die jüngsten Wahlen verloren und war darob etwas bitter. Doch als Parteichef führte er Regie. Für oder wider Conte? Das war zunächst unklar. Seine Rolle aber war zentral. Als nun bekannt wurde, dass die Justiz wegen Kontakten zur Mafia gegen ihn ermittelt, fiel ein Schatten auf die gesamte UDC. Und plötzlich ist diese , von tausend Unwägbarkeiten durchzogen.

Ein brisantes Mittagessen im Restaurant Tullio

«Basso profilo» erzählt die Geschichte einer «teuflischen Connection» von ’Ndrangheta, Unternehmern und Politikern, wie es der berühmte kalabrische Mafiajäger Nicola Gratteri nennt. Auch Notare und ein Offizier der Finanzpolizei gehörten zur Vereinigung, insgesamt 48 Personen. Mit gefälschten Akten und Strohfirmen griffen sie nach öffentlichen Aufträgen, vor allem nach Bauaufträgen. Willfährige Politiker sollen mit 5 Prozent des Geschäftsvolumens entschädigt worden sein – und mit Stimmenpaketen. Im Süden Italiens kann die Mafia noch immer Wahlen beeinflussen. Eine Hauptfigur der Bande soll der regionale Chef der UDC gewesen sein, Franco Talarico. Der war Cesas Emissär in Kalabrien und zuständig für die Finanzen in der kalabrischen Regionsverwaltung.

Die Ermittler kreuzten Banküberweisungen, prüften mysteriöse Firmennamen, und sie hörten den Herrschaften beim Reden zu, Tausende Stunden Aufnahmen abgehörter Telefonate kamen zusammen. Cesa war «Lorè», eine Abkürzung für Lorenzo. Die Bande baute auf seine Kontakte zu grossen Firmen. Belegt ist ein Mittagessen im Restaurant Tullio in Rom, Sommer 2017, an dem auch der Boss aus Kalabrien teilnahm. Cesa sagt, er müsse sich seine Agenda anschauen, er könne sich nicht an alle seine Essen erinnern. Überhaupt sei er «total unbeteiligt».

«Mit den Starken ist unsere Justiz schwach, mit den Schwachen ist sie stark.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Cesa Probleme mit der Justiz hat: Korruption, Amtsmissbrauch, solche Dinge. Einmal floh er, als sie ihn festnehmen wollten. Er sass auch mal einige Tage im Gefängnis. Aber am Ende kam er immer frei – dank Verjährung, dank Verfahrensfehlern, dank mangelnder Beweise. Die Zeitung «Il Fatto Quotidiano» schreibt: «Mit den Starken ist unsere Justiz schwach, mit den Schwachen ist sie stark.»

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