Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Ob ich mich auf die Öffnung freue? Gopfertami, ja» – die Schweiz holt sich etwas Normalität zurück

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 27.04.2020 André Müller, Larissa Rhyn, Christof Forster

Der erste Schritt aus dem Lockdown ist geschafft – doch der Spagat zwischen Verkaufserfolg und Gesundheitsschutz fällt nicht leicht. Zu Besuch beim Zürcher Hipster-Barbier, im Ostschweizer Baumarkt und bei der Berner Physiotherapeutin.

Handschuhe, Maske und Plastikmantel: Der Besuch beim Barber des Vertrauens ist etwas komplizierter als sonst. Christoph Ruckstuhl / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Handschuhe, Maske und Plastikmantel: Der Besuch beim Barber des Vertrauens ist etwas komplizierter als sonst. Christoph Ruckstuhl / NZZ

Zürich, Walcheplatz, kurz vor 6 Uhr. Die Dunkelheit weicht nur zäh aus der Innenstadt, die Schwäne lassen sich lustlos die Limmat hinuntertreiben. Vor den graubraunen Büroriegeln der Kantonsverwaltung ist kaum ein Anzugträger auszumachen. Die halbe Stadt schläft noch, als in «Zürich’s Finest Barbers» an diesem Montag der 41-tägige Lockdown endet. Inhaber Engels Enmanuel Rodriguez kann es kaum erwarten: «Ob ich mich auf die Öffnung freue? Gopfertami, ja! Endlich darf ich wieder Haare schneiden.»

Der Barbier- und Friseursalon des kräftigen 27-Jährigen ist schon in normalen Zeiten ein Treffpunkt für die stolzen Bartträger der Stadt, jetzt ist er auf Tage ausgebucht. Rodriguez schneidet und rasiert durchgehend von 6 bis 22 Uhr, als Inhaber des Shops darf er das. Seine Mitarbeiter wechseln sich in Schichten ab. Sie arbeiten vorne im Salon, Rodriguez selbst hinten im kleinen Büro, in welchem das Team extra einen Coiffeurstuhl mit Spiegel eingerichtet hat. So können sie trotz den neuen Abstandsregeln weiterhin zu dritt Kunden empfangen.

Die Corona-Vorsorge hinterlässt überall im Lokal Spuren: Graues Haftklebeband markiert, wer bis wohin gehen, wo stehen darf. Das Ledersofa ist abgesperrt, auf einem Tischchen beim Eingang liegen dafür ein Stapel blaue Einwegmasken und Desinfektionsmittel für die Kunden bereit. Draussen vor dem Eingang erleichtern zwei bequeme Stühle in BAG-konformem Abstand die Wartezeit. Zum Glück regnet es nicht.

Endlich wieder mit dem Barber reden

Der erste Kunde fährt um sechs Uhr im roten Lexus vor. Es ist ein alter Schulfreund von Engels Rodriguez. Sie grüssen sich so umständlich, wie man es sich die letzten zwei Monate über antrainiert hat. «Ich habe ihm gesagt, dass ich der erste Kunde sein will, wenn er wieder aufmacht», sagt Dosif Mathilvathanan. Der Autobauer hat für seinen Haarschnitt extra eine Stunde Fahrweg auf sich genommen. Angst vor dem Virus habe er nicht. Rodriguez habe ja vorgesorgt, sagt er.

«Dosif, was machen wir?», fragt der Barber mit Blick auf die üppige schwarze Haarpracht vor ihm. «Dasselbe wie letztes Mal.» «Oben nehmen wir ein Viertel weg – oder etwas mehr, ein Drittel?» Viele seiner Kunden seien gute Freunde geworden, sagt Rodriguez. «Sie wollen ihren Haarschnitt und einfach wieder einmal mit ihrem Barber reden.»

Der Plastikmantel muss weggeworfen werden – das gehört zum Schutzkonzept. ; Christoph Ruckstuhl / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Plastikmantel muss weggeworfen werden – das gehört zum Schutzkonzept. ; Christoph Ruckstuhl / NZZ Viele Kunden sind gute Freunde geworden. Da mutet das Gespräch mit Maske etwas seltsam an. ; Christoph Ruckstuhl / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Viele Kunden sind gute Freunde geworden. Da mutet das Gespräch mit Maske etwas seltsam an. ; Christoph Ruckstuhl / NZZ

Der Lockdown habe zum kompletten Einnahmeausfall geführt. Doch dank einem Einkaufsstopp und der Kurzarbeitsentschädigung konnte Rodriguez die Kosten tief halten. Der Kanton, der Vermieter des Salons, hat ein Entgegenkommen auch bei der Miete signalisiert, der Notkredit der Bank kam rasch an. «Wir hatten zudem etwas Geld auf der Seite. So sind wir verhältnismässig gut aus der Geschichte herausgekommen.» Den Bankkredit möchte Rodriguez daher bald zurückzahlen, sofern im Mai genug Mittel für die Bezahlung der gestundeten Sozialabgaben und Steuern da sind.

Inzwischen hat der Barbier die schwarze Mähne seines Kunden in eine präsentable Frisur zurückgestutzt, jetzt widmet er sich dem Bart. Rodriguez zieht sich einen unförmigen Plastikschutz über, der an eine Schweissmaske erinnert. «Das Licht spiegelt sich dauernd darin, das stört», ärgert er sich. Die Gesichtsmaske wiederum erschwere das Atmen, und die Gummihandschuhe lägen nicht satt an, das Gefühl beim Schneiden sei nicht dasselbe.

Es ist ruhig geworden im umfunktionierten Büro. Der eine schnippelt und schert konzentriert vor sich hin, der andere hält still. Aus dem Salon, wo Rodriguez’ Mitarbeiterin den ersten Kunden bedient, dringen einige dumpfe Bässe herüber.

«Hast du hier hinten keine Musik?», fragt Mathilvathanan in einer Pause. «Doch, aber dann hat sie vorne keine. Wir haben es noch nicht geschafft, sie gleichzeitig laufen zu lassen.»

Insgesamt scheint das Provisorium bei den «Finest Barbers» aber gut zu funktionieren. Nach eineinhalb Stunden steigt der Kunde zufrieden in den Lexus und fährt davon. Rodriguez geht zurück in sein «Büro» und desinfiziert Stuhl und Geräte. Der nächste Kunde kommt bald.

Desinfizieren beim Hipster-Barber: Steckt in beiden Sprühflaschen Alkohol? Christoph Ruckstuhl / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Desinfizieren beim Hipster-Barber: Steckt in beiden Sprühflaschen Alkohol? Christoph Ruckstuhl / NZZ Früher Start: Als der erste Kunde den Laden betritt, ist es in Zürichs Strassen noch immer dunkel. ; Christoph Ruckstuhl / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Früher Start: Als der erste Kunde den Laden betritt, ist es in Zürichs Strassen noch immer dunkel. ; Christoph Ruckstuhl / NZZ

Es ist kurz vor acht Uhr, doch in der Zürcher Innenstadt ist von einer Rush-Hour noch wenig zu spüren. Der Verkehr lärmt, gleitet aber doch flüssig über die Walchebrücke zum Hauptbahnhof. In der alten Ladenpassage über den S-Bahn-Gleisen richtet die Floristin sorgsam ihre Töpfe aus. Die Rolltreppen spucken ein paar Pendler aus, doch die meisten bewegen sich zielstrebig auf die Ausgänge zu. Die Take-Away-Betreiber blicken ihnen nach und warten aufs grosse Geschäft. Es herrscht kein Ausnahmezustand mehr, aber auch noch keine Normalität.

Schlangestehen auf dem Parkplatz

Zur gleichen Zeit, auf der weiten Betonwüste vor dem Bahnhof Wil: Vom Ende des Lockdowns ist wenig zu sehen. Nur fünf Personen steigen in den Bus ein. Jeder scheint ein imaginäres Messband auszupacken, um sich möglichst weit weg von den anderen hinzusetzen. Jeder bis auf einen glatzköpfigen Mann, der den schwarzen Schal bis über die Nase hochgezogen hat und eine dunkle Sonnenbrille trägt. Sein Aufzug erinnert an einen Hooligan – dass im Kanton St. Gallen eigentlich ein Verhüllungsverbot gilt, scheint ihn wenig zu stören. Der Mann setzt sich direkt neben eine Frau, sie scheint eine Bekannte zu sein, die beiden unterhalten sich. Abstandhalten? Fehlanzeige.

Der Bus passiert die unsichtbare Grenze zum Kanton Thurgau. Vor den Fenstern zieht nun der Dorfkern von Rickenbach vorbei, er wirkt ausgestorben. Erst im Industriegebiet ändert sich das Bild abrupt: Der grosse Parkplatz vor dem Coop Bau+Hobby ist voll, die abgesteckte Wartezone reicht nicht aus. Mehrere Dutzend Leute stehen sogar zwischen den Autos Schlange – obwohl das Geschäft erst in einer Viertelstunde öffnet.

Die grosse Wartezone vor dem Bau+Hobby reicht nicht aus . . . ; Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die grosse Wartezone vor dem Bau+Hobby reicht nicht aus . . . ; Annick Ramp / NZZ . . . darum führen die Kunden die Schlange auf dem Parkplatz weiter, um Abstand halten zu können. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung . . . darum führen die Kunden die Schlange auf dem Parkplatz weiter, um Abstand halten zu können. Annick Ramp / NZZ

Holzplatten, Farbtöpfe oder Mosaiksteine – viele scheinen nur darauf gewartet zu haben, das ständig verschobene Heimwerker-Projekt umzusetzen. Eine ältere Frau erzählt in der Warteschlange, sie habe genug lange auf dem kargen Balkon gesessen: «Blumen braucht man auch zum Leben.»

Der Baumarkt wird zum Smalltalk-Hotspot

Sechs Wochen Lockdown sind vorbei. Sechs Wochen, in denen man ausser Lebensmitteln nichts im Laden kaufen konnte. Sechs Wochen, in denen viele Schweizerinnen und Schweizer mehr Zeit hatten als sonst – und ständig zu Hause waren. Da fällt einem plötzlich auf, dass die Wohnzimmerwand einen neuen Anstrich vertragen könnte. Oder dass man der Tochter schon vor Monaten versprochen hatte, endlich das Baumhaus fertig zu bauen.

Jürg Roduner, der die Bau+Hobby-Filiale in Rickenbach leitet, hat mit dem Ansturm gerechnet. Er hat die Bilder aus Österreich gesehen. «Dort zog es am ersten Tag nach dem Lockdown Tausende in die Baumärkte, darauf mussten wir vorbereitet sein.» In Rickenbach dürfen trotz der riesigen Verkaufsfläche nur 270 Kunden auf einmal im Geschäft sein. Dafür müssen sie keine Masken tragen. Das Limit wird fast durchgehend ausgereizt, immerhin verschwindet die Warteschlange am Nachmittag.

Filialleiter Jürg Roduner hat mit dem Kunden-Ansturm gerechnet – vor allem bei den Pflanzen. ; Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Filialleiter Jürg Roduner hat mit dem Kunden-Ansturm gerechnet – vor allem bei den Pflanzen. ; Annick Ramp / NZZ

Von der Hektik, die in den letzten Wochen in vielen Lebensmittelläden herrschte, ist hier kaum etwas zu spüren. Durch die Gänge streifen, sich Zeit lassen beim Aussuchen: Viele geniessen diese Portion Normalität in der Krise sichtlich. Das fällt auch den Mitarbeitern auf. Einer sagt: «Zuerst kamen die, die genau wussten, was sie wollen. Jetzt sind die meisten hauptsächlich zum ‹Schnoiggen› hier.»

«Ich hab schon lange nicht mehr so viele Leute gesehen», sagt eine junge Frau mit Kinderwagen zu einer älteren Dame, die vor ihr steht und wartet, bis sie bezahlen kann. Smalltalk mit Fremden war in den letzten Wochen die Ausnahme – nun scheint der Baumarkt ein Hotspot dafür zu sein. Wenn es eng wird, treten die meisten einen Schritt zur Seite und lächeln, anstatt den Kopf zu senken und möglichst schnell vorbeizulaufen.

Es ist fast wie «vorher», wären da nicht die gelben Abstandsmarkierungen am Boden, das Desinfektionsmittel am Eingang oder die Plexiglasscheiben bei den Beratungsposten. Die Baumärkte öffnen, aber die Corona-Krise ist noch nicht vorbei.

Eine Mitarbeiterin bringt Markierungen an, die auf die Abstandsregeln ;aufmerksam machen sollen. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Eine Mitarbeiterin bringt Markierungen an, die auf die Abstandsregeln ;aufmerksam machen sollen. Annick Ramp / NZZ Am beliebtesten sind am Tag nach dem Lockdown Blumen, Erde und andere Gartenartikel. ; Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Am beliebtesten sind am Tag nach dem Lockdown Blumen, Erde und andere Gartenartikel. ; Annick Ramp / NZZ

Zu Hause ist alles schon zweimal geputzt

In den letzten Wochen haben etliche von Roduners Mitarbeitern im Detailhandel bei Coop ausgeholfen. Das zahlt sich nun aus. «Sie kennen die Hygienemassnahmen schon, und nur wenige haben Angst, dass sie sich anstecken könnten.» Wer sich unwohl fühle, könne jedoch im Lager oder im Backoffice arbeiten.

Eine Woche lang hat sich das Team auf die Eröffnung vorbereitet. Innert zwei Tagen wurden so viele Pflanzen angeliefert wie noch nie. Der Aufwand hat sich gelohnt: Roduner kann, in einem ersten Zwischenstand am Nachmittag, einen neuen Umsatzrekord verbuchen. Trotzdem ist es zu früh zum Aufatmen. «Vor allem für unsere Zulieferer ist es schwierig», erklärt Roduner. Viele Gärtnereien würden im März, April und Mai rund 70 Prozent des Jahresumsatzes machen. Diese Einbussen könnten kaum mehr wettgemacht werden. «Aber der heutige Start ist auch für sie ein Hoffnungsschimmer.»

Pflanzen sind der Verkaufsschlager, doch die Kunden suchen alles Mögliche: Ein Elektrotechniker auf Kurzarbeit will die Poolbeleuchtung im Garten installieren. In seinem Einkaufskorb stapeln sich Kabel, er dreht prüfend eine Lampe in der Hand hin und her. Eine Frau Mitte zwanzig kniet vor dem Regal mit dem Büromaterial. Sie ist Praxisgehilfin, es ist ihr erster Arbeitstag seit dem Beginn des Lockdowns. «Es klingt blöd, aber ich kann es wirklich kaum erwarten, zurück zur Arbeit zu kommen», erzählt sie. Zu Hause gingen ihr die Ideen aus. «Mittlerweile habe ich alles schon zweimal geputzt.»

Einige Regalreihen weiter steht ein Mann in Jeans und kariertem Hemd bei den Rasenmähern. «Haben Sie auch Atemschutzmasken», fragt er eine Verkäuferin. Sie erklärt, es gebe nur Staubschutzmasken, die Handwerker beim Schleifen tragen. «Schützen die denn auch verlässlich vor Corona?» Die Bedienung lächelt freundlich, ein bisschen Ungeduld schwingt aber in ihrer Stimme mit, als sie zum wiederholten Mal an diesem Tag erklärt: «Wie gut Sie die Masken vor einer Infektion schützen, kann ich ihnen leider nicht sagen.»

Vor allem unter den älteren Leuten tragen viele Hygienemasken. Die Schutzausrüstung scheint noch ungewohnt. Eine ältere Dame stoppt ihren Einkaufswagen alle zwei Meter, um das Gummiband zurechtzuzupfen oder sich an der Backe zu kratzen. Eine 50-Jährige mit blondem Kurzhaarschnitt beobachtet sie und schüttelt leicht den Kopf: «Bei uns auf dem Land hat bisher fast niemand eine Maske getragen. Eigentlich war in den letzten Wochen alles wie immer, ausser dass die Läden geschlossen waren.» Händewaschen und Abstandhalten, daran halte sie sich. «Aber übertreiben muss man es ja nicht.»

Die Spitalpatienten fehlen – und die Sportunfälle

Nicht nur in Rickenbach, auch in der Hauptstadt kehrt für manche der Alltag zaghaft zurück. Im Berner Länggass-Quartier empfängt die Physiotherapie-Praxis «Physio3012» seit 8 Uhr wieder Patienten. 16 Leute haben sich für Montag für eine halbstündige Behandlung angemeldet. Der Betrieb startet langsam, denn vorerst arbeiten die beiden Inhaberinnen nicht gleichzeitig. Dies erlaubt ihnen, Erfahrungen zu sammeln mit der neuen Situation. So sitzt jeweils nur eine Person im Wartezimmer. Damit übertreffen sie sogar die Vorgaben des Berufsverbands. Dieser sagt, die Stühle müssten zweieinhalb Meter auseinander stehen.

Ob Coiffure, Baumarkt oder Physiotherapiepraxis: Desinfektionsmittel gehört mittlerweile überall zur Standardausrüstung. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Ob Coiffure, Baumarkt oder Physiotherapiepraxis: Desinfektionsmittel gehört mittlerweile überall zur Standardausrüstung. Annick Ramp / NZZ

Der Langsamstart hat aber noch andere Gründe. Es gebe derzeit noch zu wenig Patienten für eine volle Auslastung, sagt Physiotherapeutin Sarah Balk. Ein Teil besucht die Therapie normalerweise nach Operationen. Doch die waren in den vergangenen Wochen an den Spitälern nicht erlaubt. Es gibt auch weniger Sportunfälle. Schliesslich meiden laut Balk Leute der Risikogruppen weiterhin den öV und kommen deshalb nicht in die Praxis. Die Physiotherapeutin behandelt Kundinnen und Kunden in jeder Altersgruppe, die älteste zählt 95 Jahre.

Angst vor einer Ansteckung hat Balk nicht. Sie gehört nicht zur Risikogruppe und schützt sich bei der Behandlung mit einer Maske. Risikopatienten dürfen zwar in die Physio, müssen aber einen Mundschutz tragen, den sie selbst organisieren müssen. Balk konnte zwar dank guten Kontakten zu einer Herstellerfirma für sich und ihre Geschäftspartnerin einige tausend Masken bestellen. Doch diese benötigt sie vor allem für sich und ihre Arbeitskollegin.

Die Hygieneempfehlungen gehörten für das Team bereits vor dem Coronavirus zum Alltag. Vor jeder Behandlung werden Hände und Liege desinfiziert. Einen Schutzanzug tragen die beiden Physiotherapeutinnen nicht. Aber sie werden ihre Arbeitskleider in der Praxis lassen. «Wenn man die Schutzmassnahmen einhält, kann man sich eigentlich gar nicht anstecken mit dem Virus», sagt Balk. Wer Symptome hat, die auf Corona hindeuten, darf selbstverständlich nicht in die Praxis kommen. Das gilt auch für andere Krankheiten.

Weil ihr AHV-Einkommen über 90 000 Franken liegt, hat die Physiotherapeutin keine staatliche Überbrückungshilfe erhalten. Die freie Zeit war nicht verschwendet. Balk konnte sie nutzen, um die Praxisräume zu renovieren. Dies war ohnehin geplant in diesem Jahr. Mit einer Eröffnung der Praxis hat die gebürtige Holländerin frühestens im Juni gerechnet.

Rund einen Kilometer weiter, am Bahnhof, sind auch wieder mehr Leute unterwegs als in den Wochen zuvor; die Kioskverkäuferin bestätigt den Eindruck. Beim Bundesplatz wird derweil das bekannte Café Fédéral herausgeputzt. Es wird einen Take-Away-Betrieb starten. Daneben stehen zwei einsame Touristen und fotografieren das Bundeshaus, wo die Regierung den Lockdown am 16. März verfügt hat und ihn in diesen Tagen etappenweise wieder aufhebt. Die Geschäfte und die Bevölkerung haben den ersten Schritt zurück ins gewohnte Leben gemacht. Doch Normalbetrieb sieht anders aus.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon