Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Pendler riskieren ihr Leben in den «rollenden Sardinenbüchsen»

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 15.05.2020

Millionen Londoner sollen zurück zur Arbeit, und zwar mit der U-Bahn. Deren Betrieb wird wieder hochgefahren, obwohl das Virus weiter grassiert.

Dichtestress trotz Pandemie: Pendler verlassen die U-Bahn-Station West Ham im Osten Londons. © Foto: Justin Setterfield (Getty Images) Dichtestress trotz Pandemie: Pendler verlassen die U-Bahn-Station West Ham im Osten Londons.

Dieser Tage stehen viele Londoner vor einer schweren Entscheidung. Bleiben sie ihren Arbeitsplätzen fern, obwohl die Regierung ihnen rät, zurück an die Arbeit gehen? Oder riskieren sie, sich in den allmählich wieder füllenden U-Bahn-Schächten der Themse-Metropole doch noch anzustecken – so kein Auto oder Velo ihnen weiterhilft? Für die kommende Woche wird erwartet, dass mehr Menschen in der grössten Stadt Westeuropas versuchen werden, zurück in ihre Betriebe, in Tausende von Büros oder auf die Baustellen auf dem riesigen Stadtgelände zu kommen. Dazu ermutigt worden sind sie von Premierminister Boris Johnson.

Wie sie zur Arbeit kommen, bleibt dabei ihnen überlassen. Empfohlen hat ihnen Johnson nur, statt der öffentlichen Verkehrsmittel lieber das Auto oder das Velo zu benutzen oder zu Fuss zu gehen. Aber nur die wenigsten haben es bis zum Arbeitsplatz so nah, dass sie ohne weiteres zu Fuss dorthin kommen oder hinradeln könnten. Viele leben in den Aussenbezirken oder ganz ausserhalb der Stadt.

Und Parkplätze für Autos, zumal erschwinglich, gibt es im Zentrum der Neun-Millionen-Metropole kaum. Ausserdem hat nicht jeder ein eigenes Gefährt. Die meisten derer, die in London arbeiten, kommen mit Vorortszügen, Bussen oder der Tube genannten Untergrundbahn zur Arbeit. Allein die U-Bahn mit ihrem weit verzweigten Streckennetz beförderte vor Beginn des Lockdown an einem typischen Werktag vier Millionen Passagiere, einen Grossteil davon während der Rushhour.

Die Stille im Labyrinth

Mit dem Rückgang der Passagierzahlen um 95 Prozent seit dem Lockdown, der erzwungenen Reduktion der Zahl der Züge und der Schliessung von drei Dutzend angeblich entbehrlichen U-Bahnhöfen war es im Labyrinth der Underground ziemlich still geworden in den letzten sieben Wochen. Eines der beliebtesten Videos im April war das eines sorglos auf einem leer gefegten Bahnsteig herumtanzenden Mäusepärchens gewesen.

Am Montag nun aber soll das System wieder auf mindestens 70 Prozent seiner Kapazität hochgefahren werden. Und wiewohl es bisher auf den meisten Linien noch relativ ruhig zuging, sind schon jetzt Bilder im Umlauf, die dicht gepackte Plattformen und voll besetzte Abteile zeigen. In einem Zug der Victoria Line, in dem ein Passagier das Bewusstsein verlor, kam es zu einem regelrechten Chaos, weil alle Mitreisenden sofort befürchteten, dass das Virus die Ursache war.

«Selbst wenn alle Züge und Busse wieder fahren, wird es nicht genug Platz geben.»

Hilfe von höchster Warte können die Betroffenen in dieser Lage kaum erwarten. Premier Johnson hat ihnen geraten, bei der Entscheidung über Verkehrsmittel und Verkehrswege einfach «gesunden britischen Menschenverstand» walten zu lassen. Unter anderem ist U-Bahn-Passagieren von der Regierung empfohlen worden, «nichts anzufassen» und sich «voneinander abzuwenden» während der Fahrt.

Dabei hat selbst Verkehrsminister Grant Shapps einräumen müssen, dass Londons U-Bahn bei strikter Einhaltung der Vorschriften zur sozialen Distanzierung «nur noch zehn Prozent» der früheren Zahl an Passagieren befördern könnte. «Selbst wenn alle Züge und Busse wieder fahren, wird es nicht genug Platz geben», erklärt Shapps – weshalb der Verkehrsminister seinen Mitbürgern ans Herz legt, «vernünftig» zu sein und den öffentlichen Nahverkehr in London auf absehbare Zeit zu meiden.

Minister würde niemals Bus fahren

Ihn selbst, gestand Shapps, würde gegenwärtig niemand in eine U-Bahn und einen Bus bringen. Und die ministerielle Berechnung dürfte durchaus realistisch sein. Auf maximal zehn Prozent früherer Kapazität kommt auch ein Forscherteam, das am Beispiel der U-Bahn-Station Clapham North eruiert hat, dass dort zur morgendlichen Stosszeit nur noch hundert statt tausend Passagiere pro Stunde mit der Bahn aus der Station wegkämen, wenn die Fahrgäste auf den Sitzplätzen den erforderlichen Abstand einhalten und während der Fahrt niemand mehr steht.

Das würde, berechnete das Team, bedeuten, dass sich droben am Eingang zur Station Clapham North eine 1,8 Kilometer lange Schlange von 900 Wartenden bilden würde, fast bis hin zum zwei Stationen entfernten Bahnhof Clapham South. Ein regulärer Verkehr kreuz und quer durch London wäre also überhaupt nicht mehr möglich – ausser man ignoriert die Sicherheitsvorschriften und geht beträchtliche Risiken ein.

Viele Pendler setzen zu Beginn und zum Ende eines jeden Arbeitstages ihr Leben aufs Spiel.»

Auch Aufforderungen an die Betreffenden, Reisezeit und Reiseroute nach reiflicher Überlegung zu wählen, helfen nach Auffassung von Kritikern nicht weiter. «Viele Pendler haben gar keine Wahl, was Arbeitsbeginn und Route angeht», meint der Autor Stefan Stern. «Also setzen sie zu Beginn und zum Ende eines jeden Arbeitstages ihr Leben aufs Spiel.»

Gewerkschaft droht mit Stillstand

Besonders betroffen seien «Leute mit niedrigen Einkommen, die kein Auto besitzen oder viele Meilen weit entfernt leben von ihrem Arbeitsplatz», fügt Stern an. Das sehen viele Menschen aus dem «Schattenbereich» der britischen Hauptstadt ähnlich: Während die wohlhabenden Klassen neuerdings wieder mit dem Auto zu einer Partie Golf zum Golfplatz fahren können, sollen sich Londoner, die um ihre Existenz bangen, trotz aller Gefahren in die «rollenden Sardinenbüchsen» der U-Bahn zwängen von Tag zu Tag.

Dazu kommt die Gefährdung der U-Bahn-Mitarbeiter und Busfahrer, von denen viele schon dem Virus zum Opfer gefallen sind. Die Bahnarbeiter-Gewerkschaften haben darum anlässlich der Lockerung des Lockdown bereits Arbeitsniederlegungen angedroht. Wenn es den Verantwortlichen nicht gelinge, für genug Sicherheit zu sorgen, hat Gewerkschaftsführer Mick Cash verlauten lassen, «dann stehen die Züge eben einfach still».

| Anzeige
| Anzeige

Mehr Von BZ Berner Zeitung

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon