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Pornodarsteller auf Hausbesuch

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 19.06.2020

Eine Kampagne soll Eltern für das Online-Verhalten ihrer Kinder sensibilisieren. Vor allem für den Unterschied zwischen Pornografie und echtem Sexualleben.

Screenshot aus der neuseeländischen Kampagne: Die Pornodarsteller Sue (r.) und Derek auf Hausbesuch © Video: Keep It Real Online/Youtube Screenshot aus der neuseeländischen Kampagne: Die Pornodarsteller Sue (r.) und Derek auf Hausbesuch

Die Mutter im Bademantel, mit dem Handtuch um den Kopf gewickelt und der Kaffeetasse in der Hand, öffnet nach dem Klopfen gut gelaunt ihre Haustür. Und blickt in die Gesichter zweier Pornodarsteller, die völlig nackt und völlig fröhlich vor ihr stehen. «Ich bin Sue, das ist Derek», sagt die Darstellerin, deren Brüste von Mutters Kaffeetasse verdeckt werden. «Wir sind hier, weil Ihr Sohn im Internet nach uns gesucht hat - um uns zuzugucken, Sie wissen schon.»

Was beginnt wie ein Sketch in einer Late-Night-Show, wenn nicht jugendfreies Programm im Fernsehen laufen darf, ist eine mit Schauspielern gestartete Kampagne der neuseeländischen Regierung. «Viele junge Kiwis nutzen Pornos, um sich über Sex aufzuklären», heisst es darin.

Aufklärung per Internet

Die Anfang Juni gestartete Kampagne «Keep it real online» soll Eltern klarmachen, dass Kinder den Unterschied zwischen Pornografie und echtem Sexualleben oft nicht verstehen. Vor allem jenen Unterschied, dass es im echten Leben auf gegenseitige Zustimmung ankommt. Die neuseeländische Regierung bietet Eltern daher Ratschläge an, wie sie mit ihren Kindern Gespräche über sensible Online-Inhalte beginnen und führen können.

Eine erste Untersuchung zum Porno-Verhalten junger Neuseeländer aus dem vergangenen Jahr hatte gezeigt, dass Kinder und Jugendliche das Internet als primäre Quelle nutzen, um sich über Sex zu informieren – und dass viele das umsetzen, was sie online sehen. Mehr als ein Drittel aller in Neuseeland geklickten Pornos aber zeigten nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen.

Problematische Muster

«Also er schaut Ihnen im Internet zu?», fragt die sichtlich irritierte Mutter im Bademantel die beiden Pornodarsteller, während sie auf ihren hinzugerufenen Sohn wartet. «Ja, auf seinem Laptop», antwortet Sue und Derek ergänzt: «und seinem iPad, seiner Playstation», dann wieder Sue: «auf seinem Handy, auf Ihrem Handy…» Aber, um zurückzukommen auf das, worum es den beiden geht: «Wir performen eigentlich für Erwachsene, aber Ihr Sohn ist noch ein Kind.»

Neuseelands oberster Zensor, David Shanks, hatte nach Veröffentlichung der Porno-Untersuchung gesagt, dass jüngeren Zuschauern die Erfahrung fehle, Pornos als das zu behandeln, was sie sind: Fantasie. «Oft beginnen diese Videos mit einem widerstrebenden Partner, üblicherweise der Frau, die zu Beginn 'Nein' zum Sex sagt, deren Widerstand aber durch den Nachdruck eines Mannes gebrochen wird», sagte Shanks dem Guardian. Schliesslich werde die Schauspielerin dann doch als Geniesserin des Sex dargestellt. «Für junge Menschen, oder Menschen, die zu Zwang neigen, könnte das wiederholte Thema 'Aus Nein wird Ja' sehr leicht problematisch werden.»

«Im echten Leben würde ich mich nie so verhalten», sagt also auch Porno-Derek in dem Kampagnen-Video. Als dann der Sohn, Matty, an der Tür erscheint, mit dem offenen Laptop in der einen und dem ihm dann runterfallenden Müsli in der anderen Hand, folgt die Erkenntnis der Mutter: «Es ist Zeit, dass wir über den Unterschied reden, zwischen dem, was du Online siehst und Beziehungen im echten Leben.»

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Die neuseeländische Kampagne bleibt auf dem Sketch-Level, ehe der ernste Hinweis auf die «Keep It Real Online»-Homepage der Regierung folgt. «Als Kiwis benutzen wir oft Humor, um mit schwierigen Themen umzugehen», sagte Hilary Ngan Kee von der Agentur, die die Kampagne erstellt hatte, dem neuseeländischen Branchenmagazin «Campaign Brief».

«In gewisser Weise gibt uns Humor die Kraft zurück. Wenn wir über etwas lachen können, ist es vielleicht gar nicht so beängstigend, vielleicht können wir die Sache doch ein bisschen besser angehen, als wir ursprünglich gedacht hatten.» Ihre Kampagne solle Eltern etwas Sicherheit vermitteln, um die Probleme ihrer Kinder zu lösen. «Letztendlich ist es ihre Aufgabe, ihr Kind zu schützen», sagte Kee.

Eine ziemlich ähnliche Kampagne der EU-Initiative «Klicksafe» endete vor neun Jahren im deutschen Fernsehen drastischer. Da klingelten erst Nazis, dann Pornodarsteller und ein um sich schiessender Kampfroboter bei einer Familie, um die Mutter nach ihrem Sohn Klaus zu fragen. Und dann ein älterer Herr mit dicker Brille und Männerhandtasche, der die Tochter, die «kleine Anna», direkt an der Hand und mitnimmt, um ihr «richtige Hasen» zu zeigen.

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