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Postfaktisches Zeitalter? Dieser Begriff ist selbst der grösste Schwindel

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 30.06.2020 Steven Pinker

Auch wenn uns der Begriff der «Fake-News» täglich um die Ohren schwirrt und oft diejenigen Politiker am lautesten auftreten, die es mit der Wahrheit am wenigsten genau nehmen: Das Ende der Vernunft ist nicht gekommen. Ganz im Gegenteil.

Wer heute für Wissen, Wahrheit und Vernunft eintritt, bekommt schnell einmal zu hören, solche Aspirationen seien doch ziemlich überholt. Leben wir nicht im postfaktischen Zeitalter? Haben kognitive Psychologen nicht nachgewiesen, dass Menschen grundsätzlich unvernünftig sind? Sollten wir uns nicht eingestehen, dass das Streben nach sachlichem Vernunftdenken und objektiver Wahrheit ein Anachronismus aus der Zeit der Aufklärung ist?

Die Antwort auf alle diese Fragen lautet: Nein.

Erstens leben wir nicht im postfaktischen Zeitalter. Warum nicht? Nehmen wir gleich die Behauptung «Wir leben im postfaktischen Zeitalter». Ist das wahr? Wenn ja, kann die Behauptung nicht wahr sein.

Der Vernunft verpflichtet

Ebenso wenig trifft es zu, dass Menschen unvernünftig sind. Machen wir dasselbe Experiment: «Menschen sind unvernünftig.» Ist diese Behauptung vernünftig? Wenn ja, dann kann sie nicht zutreffen – jedenfalls nicht, wenn sie von Menschen geäussert und verstanden wird. (Käme sie von Aliens, die uns geistig überlegen sind, verhielte sich die Sache anders.) Wenn Menschen tatsächlich unvernünftig sind, wer hat dann den Massstab festgesetzt, dem sie nicht entsprechen? Nach welchen Kriterien wurde der Untersuch durchgeführt? Warum sollten wir denen glauben, die uns das weismachen wollen? Wie könnten wir sie überhaupt verstehen?

In seinem Buch «Das letzte Wort» zeigt der Philosoph Thomas Nagel auf, dass Wahrheit, Objektivität und Vernunft nicht verhandelbar sind. Sobald man gegen sie argumentiert, beweist man – indem man argumentiert –, dass man implizit der Vernunft verpflichtet ist. Nagel nennt diesen Gedanken kartesianisch, denn genau wie Descartes’ berühmtes «Ich denke, also bin ich» ist die schiere Tatsache, dass man über die Gültigkeit der Vernunft nachdenkt, der Beweis dafür, dass man der Vernunft vertraut. Als logische Folge ergibt sich daraus, dass wir die Vernunft nicht verteidigen oder rechtfertigen müssen und dass wir ganz sicher nicht, wie gelegentlich behauptet wird, an sie glauben. Wie Nagel schreibt: All dies wäre «ein Gedanke zu viel». Wir glauben nicht an die Vernunft; wir gebrauchen sie.

Im Krieg, heisst es, sterbe die Wahrheit zuerst, und das kann genauso für die Politik gelten.

Das mag nach Haarspalterei klingen, aber genauso funktionieren wir, wann immer wir mit Argumenten überzeugen wollen. Wenn wir unsere Zuhörer nicht durch Drohungen oder Versprechen dazu nötigen, uns nach dem Mund zu reden, sondern vielmehr zu begründen suchen, warum unsere Position richtig und glaubwürdig ist – dann konzedieren wir die Vorrangstellung der Vernunft. Versuchen wir aber Gründe vorzubringen, warum man auch ohne Beizug der Vernunft etwas glauben solle, dann kämpfen wir auf verlorenem Posten, denn wir haben ja bereits an die Vernunft appelliert. Deshalb ist eine Verteidigung der Vernunft unnötig und vielleicht überhaupt unmöglich.

Fake-News gab es immer

Was das «postfaktische Zeitalter» angeht, wären Journalisten gut beraten, wenn sie dieses Klischee beiseiteliessen, es sei denn, sie verwenden es mit beissender Ironie. Der Begriff hat seinen Ursprung in der Erkenntnis, dass manche Politiker – und einer ganz besonders – eine Menge Lügen von sich geben. Aber Politiker haben immer gelogen. Im Krieg, heisst es, sterbe die Wahrheit zuerst, und das kann genauso für die Politik gelten. Das Verbiegen und Verdrehen der Wahrheit durch die Mächtigen kann gravierende Folgen haben; es führte unter anderem zum Spanisch-Amerikanischen Krieg, zum Ersten Weltkrieg, zum Vietnamkrieg oder zur Invasion des Irak; erst 2019 sind wir knapp an einer Konfrontation im Persischen Golf vorbeigekommen.

Hier rede ich – also Ruhe bitte, und vor allem keine Fragen! Donald Trump signalisiert einem Journalisten, was Sache ist. Andrew Harrer / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Hier rede ich – also Ruhe bitte, und vor allem keine Fragen! Donald Trump signalisiert einem Journalisten, was Sache ist. Andrew Harrer / Bloomberg

Ein weiterer Treiber für die Rede vom Postfaktischen ist das derzeit starke Augenmerk auf «Fake-News». Aber auch diese sind kein neues Phänomen. Der Titel von James Cortadas und William Asprays 2019 erschienenem Buch «Fake News Nation: The Long History of Lies and Misinterpretations in America» spricht für sich, obwohl diese lange Geschichte keineswegs auf Amerika beschränkt ist. So wurden die «Protokolle der Weisen von Zion», die durchweg gefälschte Dokumentation einer geheimen jüdischen Weltverschwörung, über Jahrzehnte von prominenten Persönlichkeiten – etwa dem Unternehmer Henry Ford – für wahr gehalten und propagiert. Zahllose Pogrome, Lynchmorde und blutige Konfrontationen wurden allein durch Gerüchte über das üble Treiben einer bestimmten Bevölkerungsgruppe ausgelöst.

Der Glaube, dass Fake-News die Wahrheit zunehmend verdrängen, muss allerdings auch grundsätzlich hinterfragt werden. In den US-Präsidentschaftswahlen von 2016 machten Fake-News nur einen winzigen Bruchteil – weit weniger als 1 Prozent – der Online-Kommunikation zum Thema aus. Zudem richteten sich solche Meldungen hauptsächlich an eingefleischte Parteigänger, die ihren Standpunkt ohnehin nicht geändert hätten. Dem Gerücht, dass Hillary Clinton von einer Pizzeria aus einen Kinderporno-Ring betrieben haben soll, konnte wirklich nur Glauben schenken, wer zuvor schon tief in den Sumpf der äussersten politischen Rechten gewatet war.

Der Hauptgrund aber dafür, dass wir das Klischee vom postfaktischen Zeitalter schleunigst in Pension schicken sollten, liegt darin, dass es im Stillen doch Schaden anrichten könnte. Der Begriff impliziert, dass wir Vernunft und Wahrheit genauso gut sausen lassen und die Lügen und Einschüchterungsversuche der anderen mit unseren eigenen Lügen und Einschüchterungsversuchen kontern können. Da sollten wir ehrgeiziger sein.

Der Schwindel vom Echsenhirn

Kehren wir zur Behauptung zurück, dass der Mensch hoffnungslos unvernünftig sei. Sie stützt sich einerseits auf Studien im Bereich der kognitiven Psychologie, die unseren Hang zu Illusionen und Voreingenommenheit analysierten, anderseits auf eine arg verkürzte Lesart der Evolutionspsychologie, laut der wir von Echsengehirnen gesteuert sind, die aus simplen Wahrnehmungen schnell Gefahrensignale ableiten. Implizit heisst das, dass Menschen keine zerebralen Wesen sein können, solange sie nach den Gesetzen der Steinzeit funktionieren. Allerdings ist eine solche Einschätzung der menschlichen Denkfähigkeit schlicht unzutreffend.

Die San können aus minimalen Hinweisen – Hufspuren, geknickten Zweigen, dislozierten Kieseln – sehr viel Informationen über ein Tier gewinnen.

So wissen wir, dass Jäger und Sammler, deren Lebensformen uns Einblicke in diejenigen unserer evolutionären Vorfahren verschaffen können, eine Modellvorstellung ihrer Umwelt konstruieren, die es ihnen erlaubt, Dinge zu ihrem eigenen Nutzen zu erklären, vorauszusehen und zu kontrollieren.

Der Evolutionsbiologe Louis Liebenberg etwa erforschte die Techniken, welche die San in der Kalahari-Wüste bei der Spurensuche anwenden. Die Huftiere, die sie jagen, sind zwar schneller als der Mensch, aber sie können kaum Körperwärme abgeben; verfolgt man sie lang genug, brechen sie zusammen. Die San können aus minimalen Hinweisen – Hufspuren, geknickten Zweigen, dislozierten Kieseln – sehr viel Informationen über ein Tier gewinnen: Aufenthaltsort und Gattung, aber auch Alter, Geschlecht und körperliche Verfassung. Dieses Wissen nutzen sie nicht nur, um die Tiere aufzuspüren, sondern auch, um ihre Bewegungen vorauszusagen. Zudem diskutieren sie während der Jagd, beraten über das richtige Vorgehen und wägen unterschiedliche Vorschläge gegeneinander ab.

Wenn also jemand Irrationalität und Dogmatismus mit dem Verweis auf unsere evolutionäre Herkunft erklären will, dann sage ich nur: Hängt die Schuld nicht den Jägern und Sammlern an. Das Ziehen vernunftbegründeter Schlüsse, Skepsis und Debattierlust liegen genauso in unserer Natur wie das reflexhafte Erstarren, wenn wir ein Rascheln im Gras vernehmen.

Warum sind Wahrheit und Vernunft Selektionskriterien? Weil Realität bei der natürlichen Selektion eine entscheidende Rolle spielt. Wer nicht in der Lage ist, Schlüsse über das mögliche Verhalten eines Beutetiers zu ziehen, geht bei der Jagd leer aus.

Eine dritte Begründung bei der Argumentation gegen den pauschalen Vorwurf, dass Menschen unvernünftig seien, liegt in der Erkenntnis, dass scheinbare Irrationalität immer auch davon abhängt, wie Information präsentiert und wie Rationalität definiert wird. Der Erkenntnispsychologe Gerd Gigerenzer hat aufgezeigt, dass viele Illusionen und Irrtümer sich in Luft auflösen, wenn die Information so vermittelt wird, dass sie mit der menschlichen Intuition harmoniert.

Was der Vernunft entgegensteht

Wenn wir also die Fähigkeit haben, vernünftig zu sein, warum sind wir so oft irrational? Dafür gibt es mehrere Gründe. Auf den offensichtlichsten wies etwa Herbert Simon hin, ein Mitbegründer der kognitiven Psychologie wie auch der künstlichen Intelligenz: Rationalität muss begrenzt sein. Der perfekte Vernunftmensch würde für seine Erwägungen alle Zeit der Welt brauchen und obendrein ein unbegrenztes Gedächtnis; deshalb geben wir in der Regel der Effizienz auf Kosten der Exaktheit Vorrang. Zudem haben wir uns, obwohl die Realität als starker Selektionsdruck wirkt, nicht im Gleichschritt mit den erkenntnisfördernden Technologien entwickelt, die im Lauf der Jahrtausende erfunden wurden – etwa der Schrift, der quantitativen Datenerhebung, der wissenschaftlichen Methodik und dem spezialisierten Expertenwissen.

Auch können Fakten und Logik an unserem Selbstbild kratzen. Wir alle möchten unfehlbar, allwissend und edel erscheinen, und dabei kann uns die Rationalität ziemlich lästig werden; denn unweigerlich fördert sie Tatsachen zutage, in deren Licht wir als ganz gewöhnlich Sterbliche dastehen. Wenn wir also Vernunft und Fakten in den Wind schlagen, steht oft reiner Selbstschutz dahinter.

Loyalität gegenüber der Gruppe ist ein unterschätzter Quell der öffentlich praktizierten Unvernunft.

Überzeugungen können auch Zeugnis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe sein; und wie John Tooby aufgezeigt hat, ist das Zeugnis umso glaubwürdiger, je abstruser die Überzeugung ist. Wenn man die Ansicht vertritt, dass Steine nach unten und nicht nach oben fallen, funktioniert das schwerlich als Bekenntnis zu einem speziellen Kollektiv. Wenn man aber behauptet, Gott sei zugleich drei und einer oder dass Hillary Clinton von einer Pizzeria aus einen Kinderpornografie-Ring betrieben habe, dann beweist man, dass man für die eigene Gemeinschaft auch ein Risiko einzugehen bereit ist.

Loyalität gegenüber der Gruppe ist ein unterschätzter Quell der öffentlich praktizierten Unvernunft, besonders, wo es um stark politisierte Themen wie Evolution und Klimawandel geht. Dan Kahan hat nachgewiesen, dass – anders, als viele Wissenschafter glauben – die Verneinung der Evolutionslehre oder des vom Menschen verursachten Klimawandels nicht ein Zeichen wissenschaftlicher Unbelecktheit ist. Die Negationisten sind mit den wissenschaftlichen Befunden ebenso vertraut wie ihre Gegner; der Unterschied zwischen den Parteien liegt vielmehr in der politischen Überzeugung: Je weiter rechts, desto stärker der Hang zur Verneinung.

Kahan stellt fest, dass in dieser Haltung eine perverse Vernunft steckt. Sofern man nicht zur kleinen Gruppe der Entscheidungsträger und Influencer gehört, hat die eigene Meinung keinerlei Einfluss aufs Klima. Aber sie kann sich unmittelbar darauf auswirken, wie man in seinem sozialen Umfeld wahrgenommen wird. Für Akademiker bedeutete es das gesellschaftliche Aus, den vom Menschen verursachten Klimawandel zu negieren; für jemanden, der in einer ländlichen Kleinstadt im Mittleren Westen oder in den Südstaaten der USA lebt, wäre es im gleichen Sinne tödlich, aus dem Lager der Negationisten auszubrechen.

Ein weiteres Paradox der Vernunft ist die «Schweigespirale» – eine Situation, in der jeder annimmt, dass alle anderen etwas glauben, was faktisch aber niemand glaubt. Ein klassisches Beispiel dafür wurde 1998 an der Universität Princeton nachgewiesen. Dort – wie an anderen Hochschulen auch – dachten die männlichen Studenten fälschlicherweise, ihre Kommilitonen seien allesamt der Meinung, dass es cool sei, sich zu besaufen, wenn man einer Studentenverbindung angehöre; und im Lauf ihrer Studienzeit neigten sie immer mehr dazu, diese verkehrte Norm selbst aufrechtzuerhalten und zu unterstützen. Bei einer Untersuchung der Einstellung weiblicher Studentinnen zum Gelegenheitssex ergab sich dasselbe Bild.

Aber woher rührt dieses «pluralistische Ignoranz» genannte Phänomen? Wie kommt es, dass sich eine falsche Vorstellung über lange Zeit halten kann? Das Schlüsselwort lautet hier: Zwang. Der Soziologe Michael Macy und seine Kollegen haben festgestellt, dass solche Vorstellungen nicht nur nie hinterfragt werden; Mitglieder der Gruppe glauben sogar, dass sie diejenigen, die sie nicht teilen, bestrafen oder verurteilen müssen – aus dem nicht minder falschen Glauben heraus, dass sie sonst selbst Sanktionen erleiden könnten.

Dialog als Prüfstein

Wir sehen: Es gibt zahlreiche wirkmächtige Faktoren, welche die Vernunft torpedieren können. Aber es gibt auch gegenteilige Kräfte, und viele fussen auf dem Prinzip, das Abraham Lincoln in die berühmten Worte fasste: «Man kann einige Menschen die ganze Zeit und alle Menschen eine Zeitlang zum Narren halten; aber man kann nicht alle Menschen allezeit zum Narren halten.» Es gibt Normen, Institutionen und Motivationen, die uns dazu bringen können, im Kollektiv vernünftiger zu sein, als es jeder von uns aus eigenem Antrieb wäre.

Einer dieser Mechanismen ist unglaublich einfach: Lasst die Leute ihren Standpunkt ausformulieren. Dabei erweist sich, dass so manch feuriger Gegner von – beispielsweise – Obamacare oder Nafta arg ins Schwimmen kommt, wenn er erklären sollte, worum es bei Obamas Gesundheitsprogramm oder dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen genau geht. Sind die Leute erst einmal mit ihrer Unkenntnis der Fakten konfrontiert, dann lernen sie auch, die eigene Meinung bescheidener einzuschätzen. Der Psychologe Jonathan Baron rät dazu, die geistige Offenheit aktiv zu pflegen, indem man die eigenen Ansichten stets überprüft und sich der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden stellt.

Menschen können im Kollektiv vernünftig sein, wenn sie sich Normen unterstellen, bei denen die Vernunft zum Tragen kommt.

Und dann gibt es die Technik, welche die Rabbiner schon lange entdeckt haben. Sie lassen ihre Studenten in der Jeschiwa zuerst einen Standpunkt im talmudischen Disput nach allen Regeln der Kunst verteidigen und fordern sie dann auf, den gegenteiligen Standpunkt genauso engagiert zu vertreten.

Man könnte sich auch eine praktische Anwendung solcher Mechanismen in der Wissenschaft vorstellen: Vertreter gegensätzlicher Theorien würden sich dabei zusammenfinden und gemeinsam einen empirischen Versuch erarbeiten, der nach Ansicht beider Parteien die Frage klären würde.

Menschen können also im Kollektiv vernünftig sein, wenn sie sich Normen unterstellen, bei denen die Vernunft zum Tragen kommt und das Irrationale ausgeblendet wird. Viele dieser Normen haben sich in den Institutionen herausgebildet, die das Grundgerüst moderner liberaler Demokratien sind: eine freie Presse statt staatlicher Propaganda; ein auf dem Verhandlungsgrundsatz beruhendes Justizsystem statt auf Gottesurteil basierende Richtsprüche oder Lynchjustiz; überprüfbare wissenschaftliche Erkenntnis statt Autorität und Dogma; Demokratie mit Debatte und Gewaltenteilung statt Autokratie. Sie verlangen dem Einzelnen nicht übermenschliche Vernunft ab, sondern sie funktionieren, indem sie ihn in eine Arena setzen, in der die Diversität des Denkens Autorität und Konformität unterminieren kann.

Aber werden nicht manche dieser Institutionen wieder zunehmend infrage gestellt? Die Antwort lautet: Nein, nie zuvor spielten sie eine grössere Rolle. Der Journalismus ergänzt die klassische Berichterstattung heute mit den Leistungen von Fact-Checking-Organisationen wie PolitiFact, weil die Leser protestieren, wenn Aussagen eines Politikers unhinterfragt wiedergegeben werden. Statt Meinungsumfragen gibt es Datenjournalismus, an die Stelle spekulativer Voraussagen und raunender Prophezeiungen tritt die vom Psychologen Philip Tetlock entwickelte Idee des Superforecasting; dieses amalgamiert Datenanalyse, Bayes’sche Wahrscheinlichkeitsrechnung und Barons Idee der aktiven geistigen Offenheit, um zurückhaltende Prognosen im Blick auf klar definierte Ereignisse zu machen.

In vielerlei Bereichen – von der Medizin über die Kriminologie bis zur Philanthropie – lassen sich ähnliche Entwicklungen verfolgen, im letztgenannten Bereich etwa der Effektive Altruismus, der nicht einfach aufs diffuse Wohlgefühl des Gebens setzt, sondern genau hinschaut, wo das gespendete Geld am meisten Wirkung zeitigt. Regierungen gründen ihre Politik weniger auf Ideologie oder den trägen Apparat der Bürokratie als vielmehr auf Evidenz; mit Messungen und Nachforschungen wird eruiert, wie Strassen tatsächlich sicherer und Schulen leistungsfähiger gemacht werden können. Daten sind nicht mehr in staatlichen und universitären Archiven verborgen, sondern werden digitalisiert und allgemein zugänglich gemacht. Der Umfang von Wikipedia beträgt mittlerweile das Achtzigfache dessen der «Encyclopedia Britannica».

Entscheide nach Bauchgefühl

Natürlich, nicht überall hat die Vernunft die Oberhand. Am deutlichsten wird dies beim Wahlverhalten, das nachgerade dazu geschaffen scheint, unsere Vernunft auf den Rücksitz zu verbannen. Wähler und Stimmbürger entscheiden über Dinge, die sie persönlich nicht betreffen; weder müssen sie sich darüber genau informieren noch ihren Entscheid schlüssig begründen. Konkrete Fragen, etwa in den Bereichen Medizin oder Umwelt, können dabei in den Dunstkreis explosiver Begriffe wie Euthanasie oder Evolutionslehre geraten. Gewählt wird – oft auch unter dem Einfluss der Medien –, als ginge es um ein Sportereignis, bei dem man vorab für die eigene Mannschaft einzutreten hat, statt sich mit dem Charakter oder der politischen Vision des Kandidaten auseinanderzusetzen.

Leider spielen auch Social Media nicht die Rolle, die man sich von ihnen erhofft hatte. Es ist noch nicht lange her, dass viele Intellektuelle das Meinungsmonopol der Massenmedien beklagten. Einige wenige Medienunternehmen, die oft mit der Regierung unter einer Decke steckten, fabrizierten kraft ihrer Monopolstellung den öffentlichen Konsens; die Social Media, so meinten wir, würden auch den Bürgern eine Stimme geben.

Wir hätten unsere Zuversicht besser dosieren müssen. Die Dynamik der Social Media ist noch bei weitem nicht erforscht; klar ist aber, dass sie einstweilen nicht über die Mechanismen der kritischen Überprüfung verfügt, die notwendig wären, um das Wahre und Faktische über den Sumpf der Eitelkeiten, des Gruppendenkens und der pluralistischen Ignoranz hinauszuheben. Zudem sind die Social Media zum Multiplikator für moralistische Selbstdarstellung und voreilige Denunziation geworden.

Was die Vernunft angeht, leben wir heute in einer Ära der Ungleichheit. Blicken wir aufs Positive, dann waren wir nie vernünftiger; schauen wir aufs Negative, entdecken wir Bereiche, in denen sich das Übelste der menschlichen Psyche ungestört tummeln kann. Bis der Engel der Vernunft in der Menschennatur obsiegt, bleibt noch einiges zu tun.

Steven Pinker lehrt Psychologie an der Harvard University. Der obige Beitrag wurde ursprünglich als Rede aufgesetzt, die Pinker bei der Jahreskonferenz der Heterodox Academy hielt. Die NZZ veröffentlicht den Text in gekürzter Fassung. Aus dem Englischen von as.

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