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Protest endete als Techno-Rave mit 3000 Feiernden

Der Bund-Logo Der Bund 02.06.2020

In Berlin wuchs sich eine Demonstration für die bedrohte Clubkultur zu einer grossen Party aus, die von der Polizei beendet wurde. Die Zukunft der Tanzszene sieht düster aus.

«Für die Kultur – alle im selben Boot»: Teilnehmer der Demonstration zur Rettung der Clubkultur am Pfingstsonntag auf dem Berliner Landwehrkanal. © Foto: Picture Alliance / Eventpress «Für die Kultur – alle im selben Boot»: Teilnehmer der Demonstration zur Rettung der Clubkultur am Pfingstsonntag auf dem Berliner Landwehrkanal.

Blauer Himmel, quietschbunte Gummiboote, wummernde Bässe: Bis zu 3000 junge Menschen feierten an Pfingsten am Landwehrkanal in Kreuzberg. Was als illegale Rave-Party endete, hatte vier Stunden zuvor am Treptower Hafen als legale Demonstration für die vom Virus bedrohte Berliner Clubkultur begonnen.

Im Laufe der Stunden wurden die Bötchen auf dem Wasser immer zahlreicher, und als der Protestkonvoi am Urbanhafen landete und die grossen Boxen montiert wurden, gesellten sich an den Ufern viele Hundert weitere Feiernde dazu. Ausgerechnet auf der Wiese vor dem einzigen Spital in Kreuzberg stieg eine Party, wie sie Berlin seit dem Shutdown im März nicht mehr gesehen hat. Da die Demo aufgehört hatte, eine Demo zu sein, Lärmklagen eingingen, Abstände nicht eingehalten wurden und kaum jemand eine Gesichtsmaske trug, beendete die Polizei den Spuk schliesslich.

Veranstalter entschuldigen sich

Am nächsten Tag reagierten die Veranstalter ziemlich zerknirscht. Sie entschuldigten sich für die Geschmacklosigkeit, ausgerechnet vor einem Spital gefeiert zu haben, und meinten, sie seien vom Zulauf schlicht überwältigt worden. Ihre Appelle, Abstand zu halten und sich zu schützen, seien nicht mehr gehört worden. Die Clubcommission, die die Branche in Berlin vertritt, ahnte da bereits, dass die Kundgebung ihrem Anliegen mehr geschadet als genützt haben dürfte.

«Es ist nicht die Zeit für Partys!», schimpfte die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Dienstag. Gerade die Clubs hätten anfänglich stark zur Verbreitung des Virus beigetragen. «Berlin hat Corona besiegt», tönte es in einer Mischung aus Ironie und Entsetzen aus den sozialen Medien. Ein FDP-Politiker ätzte, wenn die Szene nicht mal vernünftig demonstrieren könne, sei es gewiss noch zu früh, die Clubs wieder zu öffnen.

Die Party vom Landwehrkanal zeigte freilich nicht nur, wie sorglos viele Berliner mittlerweile mit der Virusgefahr umgehen, sondern auch wie viel Feierlust sich angestaut hat. Und wie gross die Verzweiflung der Partyveranstalter bereits ist: Alle wissen, dass ihre Lokale zu den allerletzten gehören werden, die wieder öffnen dürfen.

Was wäre Berlin ohne sein Nachtleben?

Seit die Clubs im März schlossen, schlägt Berlins wildes Herz nicht mehr. Und manche zweifeln, dass die Stadt sich je davon erholen wird. Frankfurt hat die Banken, München BMW, Hamburg den Hafen – aber was wäre Berlin ohne sein Nachtleben? Berlin gilt als Partyhauptstadt Europas. Jeder vierte der jährlich 14 Millionen Touristen kommt zum Feiern. Die fast 300 Clubs generieren rund 1,5 Milliarden Euro touristischen Umsatz im Jahr und sind damit auch ein Wirtschaftsfaktor. Unschätzbar schliesslich ist ihr Wert für das freie und bunte Image der Stadt.

Die Krise ist schon älter

Noch ist die Clubszene in der Krise nur stillgelegt. Gestorben wird später. Stadt und Bund unterstützen die Veranstalter derzeit mit Kurzarbeit, Darlehen, Krediten oder Soforthilfen. Mitglieder der Clubcommission haben sich zusammengeschlossen: Jeden Abend legt in einem anderen leeren Club ein DJ auf, der Set wird live gestreamt – auch auf dem TV-Sender Arte. Die Clubs erreichen so Hunderttausende von Anhängern, sammeln Spenden und Gutscheine ein. , Sprecher der Clubcommission, gibt sich dennoch keinen Illusionen hin: «Das Nachtleben in Berlin erlebt seine grösste Krise der Nachkriegszeit.»

Der Corona-Shutdown trifft die Party- und Tanzszene nicht nur härter, weil deren Lokale vielleicht noch auf Monate hinaus geschlossen bleiben müssen, sondern auch weil diese schon vorher tief in der Krise steckten. In Berlin sind im vergangenen Jahrzehnt die Mieten so stark gestiegen, dass all jene Veranstalter unter Druck gerieten, die wenig kommerziell orientiert sind. Von einem «Clubsterben» ist seit Jahren die Rede. 100 Lokale seien seit 2010 verschwunden, heisst es. Anfang Jahr schreckten die Kündigungen für international bekannte Clubs wie die Griessmühle und den Fetisch-Club KitKat die Stadt auf.

Hilfe von der Politik?

Politiker aus FDP, Grünen und Linkspartei schlugen im Deutschen Bundestag vor, Tanzclubs künftig nicht mehr wie «Vergnügungs-», sondern wie «Kulturstätten» zu behandeln. Sie würden dann mehr baurechtlichen Schutz geniessen und könnten Subventionen erhalten. Die Grünen haben zudem Änderungen des Gewerbemietrechts angeregt, die Linken eigentliche «Kulturschutzgebiete». Selbst aus der Berliner CDU gibt es Unterstützung.

Im Unterschied zu früher scheint Berlin mittlerweile immerhin erkannt zu haben, wie wichtig die Partyszene für ihre Identität ist. Wie viele Clubs nach Corona wieder öffnen und weiterleben werden, ist derzeit jedoch völlig unklar. Wie Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) einfach darauf zu hoffen, dass die Szene sich schnell wieder erholen und seine Stadt erneut zu einem grossen Anziehungspunkt für die halbe Welt werden würde, dürfte jedenfalls nicht genügen.

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