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Roger Federer ist noch immer der grösste Star der Tennisszene – doch Rafael Nadal hat ihn längst als besten Spieler abgelöst

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.10.2020 Daniel Germann (Text), Christian Kleeb (Infografik)

Der 34-jährige Spanier erringt in Roland-Garros seinen 20. Major-Titel und egalisiert damit den Rekord von Roger Federer. Noch vor wenigen Jahren war unvorstellbar, dass Nadal noch lange weiterspielt. Ständige Verletzungen bedrohten seine Karriere.

Rafael Nadal lässt Novak Djokovic im Final von Roland-Garros keine Chance und gewinnt in Paris ohne Satzverlust seinen 13. Titel. Aurelien Morissard / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Rafael Nadal lässt Novak Djokovic im Final von Roland-Garros keine Chance und gewinnt in Paris ohne Satzverlust seinen 13. Titel. Aurelien Morissard / Imago

Eigentlich hatte das Schicksal vorgesehen, dass Rafael Nadal diesen 11. Oktober 2020 irgendwo auf Mallorca verbringt: auf seiner Jacht beim Fischen – oder mit Freunden beim Kartenspielen oder Fussballschauen. Der Sand unter seinen Füssen sollte Teil eines iberischen Strandes und nicht die Unterlage des Court Philippe-Chatrier in Roland-Garros sein. Der Körper, da sind sich Mediziner und spirituelle Handleser einig, müsste Nadal längst schon zum Rücktritt gezwungen haben.

Stattdessen stand er am Sonntag in Paris im Final des wichtigsten Sandplatzturniers der Saison, spielte Punkt um Punkt mit der Präzision einer Ballmaschine und strebte unaufhaltsam dem 13. Titelgewinn in Roland-Garros entgegen.

Nadals Auftritt war eine Demonstration, wie man sie auf diesem Niveau und vor allem in einem Final eines Grand-Slam-Turniers nur selten sieht. Über zwei Sätze lang spielte er den perfekten Tennismatch. Sein Gegner Novak Djokovic, immerhin die Nummer 1 der Welt und in dieser Saison auf dem Platz noch ungeschlagen, war chancenlos. Wo immer er den Ball hinspielte: Nadal war schon da. Irgendwann gegen Ende des zweiten Satzes, nachdem dem Spanier einer seiner wenigen Fehler unterlaufen war, blickte Djokovic zum geschlossenen Hallendach und hob seine Arme zum Dank gegen den Himmel.

Der 100. Sieg im 102. Match

Djokovic spielte selber alles andere als schlecht. Er verbiss sich in den Match, kämpfte um jeden Punkt. Im dritten Satz machte er aus der Demontage vorübergehend beinahe einen Match. Doch geholfen hätte dem Serben an diesem Nachmittag wahrscheinlich tatsächlich nur göttliche Hilfe; Nadal spielte einfach zu gut.

Am Ende gewann Nadal den Final des French Open in 2:41 Stunden 6:0, 6:2, 7:5. Es war sein 100. Sieg im 102. Match auf dem Pariser Sand, und der brachte ihm den 20. Grand-Slam-Titel, mit dem er den Rekord von Roger Federer egalisierte. Der 39-jährige Schweizer, der sich derzeit von zwei Meniskusoperationen erholt, zählte zu den ersten Gratulanten. Auf Twitter schrieb er: «Ein Grand-Slam-Turnier 13-mal zu gewinnen, ist eine der grössten Leistungen im Sport. Ich hoffe, dass der 20. Titel nur ein weiterer Schritt auf unserer Reise ist, die weitergeht.»

Federers Gratulation zeugt von seiner Grösse. Er weiss genau, dass die Egalisierung seines Rekords die Diskussion neu befeuert, wer denn nun wirklich der Beste dieser aussergewöhnlichen Spielergeneration, vielleicht sogar der Geschichte ist. Federer galt und gilt noch immer als Massstab. Mit seiner Eleganz, der Leichtigkeit, mit der er während Jahren Titel um Titel gewann, hievte er den Tennissport auf eine neue Ebene.

Nadal war gewissermassen der Gegenentwurf, der Mann, der zum grossen Gegenspieler Federers wurde. Schwitzend und stöhnend gewann er seine Matchs und machte aus dem Konkurrenzkampf mit Federer eine der grössten Rivalitäten, die der internationale Sport bis heute gesehen hat. In seiner Autobiografie «Rafa» schreibt er: «Ich werde manchmal gefragt, ob ich nicht das Gefühl habe, Federers Party versaut zu haben, weil ich ihn daran hinderte, weitere Rekorde aufzustellen. Man kann es auch anders sehen: Vielleicht hat er meine ruiniert. Wäre er nicht gewesen, hätte ich möglicherweise schon vor 2008 vier Jahre das Ranking angeführt.»

Federer - Nadal war das Duell, das den Circuit prägte, ehe Djokovic aus dem Zwei- einen Dreikampf machte. Die Rollen waren definiert: Federer war der Dominator, Nadal sein Herausforderer. Anfänglich gewann Nadal seine Titel fast ausschliesslich auf Sand. Bis heute hat er 60 der 86 Turniere auf seiner bevorzugten Unterlage gewonnen.

Doch 2008 schlug Nadal Federer erstmals auch in Wimbledon. Der Final gilt bis heute als einer der besten Tennismatchs der Geschichte, und er war auch die Geburtsstunde des Spaniers als Allrounder. Kurz darauf löste Nadal den Schweizer an der Weltranglistenspitze ab. Ein halbes Jahr später schlug er ihn auch im Final des Australian Open. Bereits 2010 und als jüngster Spieler in der Geschichte vollendete er am US Open den Karriere-Grand-Slam, das Kunststück, die vier Major-Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York mindestens einmal zu gewinnen.

Die Niederlage im Wimbledon-Final 2008 mag die bitterste in Federers Karriere gewesen sein. Doch prägender noch war der Match für Nadal. Der Sieg bewies ihm, dass er auch abseits der Sandplätze von Roland-Garros grosses Tennis spielen kann. Wie bedeutend der Sieg für ihn war, zeigt eine Passage aus seiner Biografie, in der er schreibt: «Jedes Spiel ist wichtig. Aber dieser Match in diesem Rahmen mit dieser Geschichte, den Erwartungen, der Spannung, der Regenpause, der hereinbrechenden Dämmerung, Federers Comeback im Spiel, meinem Widerstand dagegen, dem Stolz auf meine Einstellung, die besser war als je zuvor, weil mich die Erinnerung an die Niederlage von 2007 verfolgte: Wenn man das alles zusammennimmt, ist kaum ein anderer Match vorstellbar, der mir und den Menschen, die mir nahestehen, eine so enorme Befriedigung und Freude hätte verschaffen können.»

Federer ist noch heute der grösste Star der Tennisszene. Mit seiner Persönlichkeit ist er mittlerweile eine Art «Elder Statesman» – eine moralische Instanz, an der sich alle orientieren. Doch rein sportlich hat ihn Nadal wohl bereits mit dem Sieg 2008 in Wimbledon als besten Spieler abgelöst. Der Spanier gewann ab diesem Moment die nächsten fünf Duelle an Grand-Slam-Turnieren. Die Serie riss erst 2017, als Federer sein Comeback nach der Verletzungspause mit dem Finalsieg gegen Nadal am Australian Open krönte. Doch immer noch spricht die Bilanz klar für Nadal. Er führt in den Direktbegegnungen mit 24:16-Siegen. In Grand-Slam-Duellen lautet die Bilanz sogar 10:4 zu seinen Gunsten. Er hat mehr Turniere der wichtigsten Masters-1000-Serie gewonnen, der Prozentsatz seiner gewonnenen Matchs ist ebenfalls höher.

Opfer der Verletzungen

Federer liegt noch in zwei bedeutenden Statistiken vor Nadal: Er hat mehr Turniere gewonnen, und er war länger die Nummer 1 im Ranking. Beide sind jenem Teil von Nadals Geschichte geschuldet, die zur Vorsehung führte, dass er an diesem 11. Oktober 2020 eigentlich nicht in Paris, sondern beim Fischen oder Kartenspielen hätte sein sollen: der langen Liste seiner Verletzungen. Eigentlich müsste sich Nadal längst schon im Ruhestand befinden, in die Knie gezwungen nicht von Federer oder Djokovic, sondern von seiner Patellasehne, den Handgelenken, dem Rücken, der Schulter oder was auch immer ihm in seiner Karriere sonst noch Probleme bereitet hat.

Wäre Nadal von diesen gesundheitlichen Rückschlägen verschont geblieben, er hätte mehr als 86 Turniere gewonnen, wäre länger als 209 Wochen an der Weltranglistenspitze gestanden. Wegen Verletzungen hat er in seiner Karriere sieben Major-Turniere verpasst. Ein weiteres Mal konnte er verletzt nicht zu einem Match antreten, dreimal musste er aufgeben. 2011 spielte er den Viertelfinal am Australian Open aus Respekt vor seinem Landsmann David Ferrer zu Ende, obwohl er wegen einer Oberschenkelverletzung chancenlos war.

Der Respekt und die Demut, die Nadal bei all seinen Erfolgen auszeichneten, machen ihn zu einem der grössten, wenn nicht dem grössten Spieler der Geschichte. Im Moment des 13. Sieges in Paris erinnerte er im Platzinterview daran, dass die Welt inmitten einer ihrer grössten Krise stehe. Er selber habe nur ein Tennisturnier gewonnen. Wenn auch eines, das ihm wichtig sei. Rafael Nadal ist 34 Jahre und 140 Tage alt. Und er macht allen Prognosen zum Trotz nicht den Eindruck, als wolle er sich in nächster Zeit vom Tennis zurückziehen.

Tennis. Paris. French Open. Grand-Slam-Turnier (37,9 Mio. Euro/Sand). Männer. Final: Rafael Nadal (ESP/2) s. Novak Djokovic (SRB/1) 6:0, 6:2, 7:5. – Frauen. Doppel. Final: Timea Babos/Kristina Mladenovic (HUN/FRA/2) s. Alexa Guarachi/Desirae Krawczyk (CHI/USA/14) 6:4, 7:5.

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