Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Sie ist die glaubwürdigste Kämpferin gegen die Konzernverantwortungsinitiative

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 10.11.2020 Angelika Hardegger

Isabelle Chevalley ist Doktorin der Chemie, Nationalrätin und Entwicklungshelferin. Sie rettet Kartoffelbauern in Burkina Faso und räumt in Afrika Müllhalden auf. Was treibt sie an?

Isabelle Chevalley ist Doktorin der Chemie. ;Für sie gibt es in der Politik ein objektives Richtig und Falsch. Ga¨ëtan Bally / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Isabelle Chevalley ist Doktorin der Chemie. ;Für sie gibt es in der Politik ein objektives Richtig und Falsch. Ga¨ëtan Bally / Keystone

Auf dem Planeten Isabelle Chevalley verraten drei Tiere, woher sie kommt, wer sie ist und wohin sie will: der Tiger, der Delphin, die Schildkröte.

Für den Tiger ging Isabelle Chevalley nach Bern, mit dem Delphin kam sie dort an. Die Schildkröte eröffnete Chevalley einen ganzen Kontinent, Afrika. So gesehen steht die Schildkröte auch am Ursprung von Chevalleys neustem Kampf: dem gegen die Konzernverantwortungsinitiative. Im Moment deutet einiges darauf hin, dass sie ihn verlieren wird.

Die Initianten liegen in den Umfragen vorn. Sie wollen Konzerne wie Glencore in der Schweiz haftbar machen, wenn sie im Ausland Menschen- oder Umweltrecht verletzen. Die Gegner, Wirtschaftsverbände und hauptsächlich bürgerliche Politiker, tun sich im Abstimmungskampf schwer. Das liegt auch daran, dass sie mit der Schweiz argumentieren: Sie sprechen von Schweizer KMU, die betroffen seien, vom Schweizer Rechtsverständnis, das verletzt werde, vom Schweizer Wohlstand, der gefährdet sei. So haftet den Bürgerlichen der Verdacht an, dass es im Grundsatz um eine simple Frage geht: wir oder sie? Wie viel Moral ist die Schweiz bereit zu opfern, um ihren Wohlstand zu sichern?

Diesen Verdacht hat im Lager der Gegner bisher niemand zerstreuen können – ausser Isabelle Chevalley, 48, grünliberale Nationalrätin aus der Waadt, Entwicklungshelferin. Chevalley versorgt in Burkina Faso Geburtshäuser mit warmem Wasser, räumt in Senegal Müllhalden auf, baut Recyclingzentren auf den Komoren und in Burkina Faso. Einmal besuchte Chevalley in Burkina Faso Kartoffelbauern, deren Ernte verregnet worden war. Sie trieb ein Darlehen von 140 000 Euro für die Bauern auf. Sie gab dafür ihr Haus als Pfand.

Isabelle Chevalley ist die glaubwürdigste Gegnerin der Initiative für Konzernverantwortung, weil niemand behaupten kann, sie stelle die Interessen von Konzernen vor jene der Menschen. Was treibt sie an?

Der Tiger

Isabelle Chevalley ist eine widersprüchliche Frau: Doktorin der Chemie, überzeugte Atheistin – und zugleich eine Berufene. Chevalley gehört zur seltenen Sorte Politiker, die in wenigen Worten viel sagen, nicht umgekehrt. Sie versteht Politik als Fortführung der Arbeit an der Uni. Sie recherchiert und zieht Schlüsse.

So kommt es etwa, dass Chevalley, immerhin zur Hälfte eine Grüne, das meistgehasste Pestizid der Welt, DDT, als Mittel gegen Malaria verteidigt. Sie sagt: «Ich habe recherchiert. Keine wissenschaftliche Studie hat je bewiesen, dass DDT schädlich ist für Menschen. Aucune.» Recherche. Fazit. Für Isabelle Chevalley gibt es in der Politik ein objektives Richtig und Falsch, wie in einer Gleichung. Das macht sie immer wieder zur Dissidentin.

Im Jahr 1999 überkam Chevalley eine politische Offenbarung. Damals forschte sie an der Universität Lausanne über Pflanzen aus der Gattung der Steinbrechgewächse. Kurz vor der Promotion freundete sich Chevalley mit einer Tigerin an. Sie hatte am Fernsehen einen Beitrag über das Tier gesehen, gerettet aus einem Zirkus von einem Genfer Privatier. Chevalley kontaktierte den Besitzer, wurde eingeladen, das Tier zu sehen. Sie sagt: «Das hat mein Leben verändert. Es war, als hätte die Tigerin zu mir gesagt: Rette auf dieser Erde, was zu retten ist. Ich wusste: Das ist meine Bestimmung.»

Chevalley promovierte, verliess die Uni, wurde Umweltschützerin. Sie lobbyierte acht Jahre für Tiere in Bern, auch im Auftrag des WWF, bevor sie 2011 in den Nationalrat gewählt wurde. In Bern gelang ihr schon in der zweiten Session ein Coup: Chevalley setzte ein Verbot der Delphinhaltung in der Schweiz durch, bekanntgeworden als «Lex Connyland». Später verbot sie auch das Schreddern von Küken, interpellierte gegen Jungtiere in Zoos, die Baujagd, den Import von Jagdtrophäen, betrunkene Jäger, Tierversuche, krebserregende Stoffe in Tierfutter, Raubtiere im Zirkus.

Isabelle Chevalley ist eine aussergewöhnlich intelligente Politikerin, das sagen viele, die sie kennen. Ihr Fokus auf das Tierische lässt nur einen Schluss zu: Es geht ihr sehr um die Sache und wenig um sich selbst. Niemand steigt in der Politik mit Zirkustieren auf.

Der Delphin

Isabelle Chevalley kommt politisch von rechts. Sie folgte der Mutter in die Liberale Partei. Mit ihrer Politik der Gleichung wurde sie dort früh unbequem. Chevalley recherchierte und zog ein Fazit. Wich das Fazit von der Parteimeinung ab, focht Chevalley die Parteimeinung an. Das erzählt ein langjähriger Parteifreund, Jacques-André Haury. Er sagt: «Sie hatte nie Angst, allein zu sein. Das ist heute noch so. Wenn sie von etwas überzeugt ist, wagt sie den Alleingang.»

Chevalleys politisches Debüt war der Kampf gegen die Nuklearenergie. In den nuller Jahren baute sie eine ökologische Bewegung von Westschweizer Bürgerlichen mit auf. Sie provozierte den Bruch mit den Liberalen, im Jahr 2010 gründete sie mit dem Gesinnungsgenossen Haury die grünliberale Sektion in der Waadt. Haury sagt: «Wir waren grün, aber zuerst waren wir bürgerlich. Das merkt man Isabelle noch an. Sie hat ein grosses Ohr für die Wirtschaft.»

Im Jahr 2017 liess Chevalley sich für die Wahlen in die Waadtländer Regierung aufstellen, zusammen mit einem Politiker der SVP, Jacques Nicolet. Die Waadtländer Linke reagierte empört. Auch in der Deutschschweiz, wo die Grünliberalen von links kommen, wäre das unvorstellbar gewesen. Chevalley sagte, die Grünliberalen müssten Allianzen eingehen, um in Regierungsnähe zu kommen. Sie hatte eine Gleichung aufgestellt. Sie ging am Wahltag nicht auf. Chevalley politisierte im Parlament weiter, wo sie aufgehört hatte. Im Mikrobereich.

Die grossen Reformen in Bern werden ohne Isabelle Chevalley gezimmert, die Nacht der langen Messer wird ohne sie verbracht. Aber wenn ein Thema Chevalley packt, vertieft sie es mit der Ausdauer einer Besessenen. Der Abfall ist so ein Thema. Chevalley pflügt es im Bundeshaus von oben bis unten durch, von der Kehrichtverbrennungsanlage zu den 12 000 Mikroplastikpartikeln, die ein Zigarettenstummel enthält. (Sie hat ausgerechnet, dass deren Entsorgung doppelt so viel kostet wie das Beseitigen von Wegwerfgeschirr, nämlich 50 Millionen Franken im Jahr.) Doch Isabelle Chevalleys grösster, wichtigster Kampf gegen Abfall passiert anderswo: in Afrika.

Die Schildkröte

Die Westschweizer Zeitung «Le Temps» überschrieb ein Porträt von Chevalley mit dem Titel: «L’Africaine», die Afrikanerin. Chevalley sagt, nie habe ein Journalist sie besser getroffen. Wenn sie am Fernsehen und an Podien gegen die Konzernverantwortungsinitiative auftritt, zieht Chevalley farbige Blusen mit Muster an, sie nennt es «Kleidung à l’africaine». Sie sagt: «Ich habe ein afrikanisches Herz.» Chevalleys beste Freundin sagt, sie sei «höchstens zur Hälfte Schweizerin».

Die erste Reise nach Afrika unternahm sie 1997. Auf den Komoren arbeitete Chevalley für ein Programm zur Rettung von Schildkröten. Sie realisierte: Wer Schildkröten retten will, muss die Plastikverschmutzung der Meere angehen. Es war die Geburt der Abfall-Allrounderin Chevalley. Während sie im Bundeshaus gegen Zigarettenstummel interpellierte, baute Chevalley auf den Komoren und in Burkina Faso Recyclingzentren auf. Sie schrieb eine Einführung in das Abfallproblem für ein afrikanisches Publikum. Die Universität Kinshasa in Kongo hätte sie gern als externe Professorin für Abfall eingestellt.

Überall, wo Chevalley hinkommt, zeigt sie eine grosse, schwarze Tasche herum, genäht von Frauen in Burkina Faso, aus gebrauchten schwarzen Plastiksäcken. Überall, wo sie hinkommt, trägt Isabelle Chevalley ein bisschen Abfall aus Afrika mit. Er ist der grüne Teil ihrer Afrika-Mission. Der andere ist freisinnig und lässt sich am besten von einem Freisinnigen formulieren, von alt Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Er lautet: Jobs, Jobs, Jobs.

In Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou gibt es einen Steinbruch. Er wird in Berichten von Zeitungen und NGO wahlweise als «Hölle», «vergleichbar mit der Hölle» und «Hölle auf Erden» beschrieben. Männer schlagen im Steinbruch Granitblöcke zu Kies. Frauen tragen die Steine aus dem Steinbruch heraus. Kinder arbeiten in der Grube.

Chevalley besuchte den Steinbruch zum ersten Mal im Jahr 2018. Sie war geschockt, sie sagt: «Nicht einmal Putin lässt solche Arbeit von politischen Gegnern verrichten.» Chevalley sammelte in der Schweiz Schutzbrillen, feste Schuhe und Handschuhe für die Arbeiter. Im Steinbruch installierte sie eine Seilbahn für den Transport der geschlagenen Steine aus dem Bruch. Sie sagt: «Ich hätte auch andere Arbeit mechanisieren können. Aber dann hätte ich 3000 Arbeitslose produziert. Die Würde des Menschen liegt in der Arbeit.»

Ein Satz, wie aus der Zeit gefallen. Chevalley entgegnet: «Nicht für Afrika. Ich kenne keinen Schweizer, der bereit ist, für einen Job zu sterben. Keinen. Das ist es, was Tausende Migranten auf ihrem Weg über das Mittelmeer suchen. Arbeit.»

Darum kämpft Isabelle Chevalley so vehement gegen die Konzernverantwortungsinitiative: für Arbeit. Sie fürchtet, dass Unternehmen kritische Regionen verlassen, dass Leute ihre Arbeit verlieren. Keine Arbeit zu haben, zählt in Isabelle Chevalleys Gleichung mehr als etwas Kinderarbeit.

Chevalley spricht im Abstimmungskampf viel über Kinderarbeit. Sie vergleicht Kinder auf den Baumwollfeldern von Burkina Faso mit Bauernkindern in der Schweiz. Sie sagt: «Das Problem liegt nicht bei den Konzernen. Das Problem ist, dass es keine Schulen gibt, dass Eltern die Schulen nicht bezahlen können – oder auch nur das Schulmaterial.» Initiativbefürworter von links bis rechts zeigen sich «empört» und «schockiert» von dieser Argumentation. Sie sprechen von «systematischem Einsatz» von Kindern auf den Baumwollfeldern. Sie mokieren sich auch über die Eindringlichkeit, mit der Chevalley ihre Nähe zu Afrika betont.

In Burkina Faso hat Chevalley für ihre Dienste den Diplomatenpass erhalten. Sie hat es im westafrikanischen Land nah an die Macht geschafft. Sie baute ein Vertrauensverhältnis zum früheren Präsidenten des Parlaments auf, Salifou Diallo. Für den Kampf gegen die Konzernverantwortungsinitiative holte sie diese Woche den Handelsminister in die Schweiz. Vielleicht beeinflussen diese Beziehungen die Vehemenz, mit der Chevalley gegen die Konzernverantwortungsinitiative antritt. Sicher ist: Sie handelt nicht aus Eigennutz.

Entwicklungszusammenarbeit macht niemanden reich. Doch für die meisten ist es auch: ein Job. Eine Art, Geld zu verdienen. Bei Isabelle Chevalley ist das anders. Sie verdient ihr Geld als Nationalrätin und Beraterin in der Schweiz. Sie gibt es in Afrika aus.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon