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Singapurs Lockdown hat einen dramatischen Wirtschaftseinbruch zur Folge

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 14.07.2020 Manfred Rist, Singapur

Singapurs jäher Lockdown ist auf das zweite Quartal gefallen. Jetzt liegen erste Zahlen dazu vor. Die Nachwirkungen werden vermutlich noch lange spürbar sein.

Leergefegte Strassen: Rund drei Monate herrschte in Singapur faktischer Stillstand. Olaf Schuelke / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Leergefegte Strassen: Rund drei Monate herrschte in Singapur faktischer Stillstand. Olaf Schuelke / Imago

Der wirtschaftliche Absturz lag in der Luft, er war in der ganzen Metropole spürbar, und er spiegelte sich in den landesweit geschlossenen Läden und Restaurants und in leergefegten Strassen. Aber wenn die offiziellen Zahlen und die Bestätigung vorliegen, wirkt das statistische Ausmass noch einmal wie ein Schock: Um 41% ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) in Singapur im zweiten Quartal eingebrochen.

Notbremse, Maskenpflicht und Baustopp

Die Lichter gingen auch während des hierzulande als «Circuit Breaker» bezeichneten Dämmerzustands zwar nie ganz aus. Die Schrumpfung des Bruttoinlandprodukts (BIP) ist aber doch ohnegleichen und dürfte als Beispiel für einen wirtschaftlichen Kurzschluss in die Lehrbücher eingehen. Auch weil der verordnete Stillstand vom 7. April bis 19. Juni reichte, also die drei Monate des zweiten Quartals fast vollständig abdeckte, fällt die Veränderung gegenüber dem Vorquartal so deutlich aus.

Der Kurzschluss war indessen gewollt: Weil sich gegen Ende März ein sprunghaftes Ansteigen der Covid-19-Fälle abzeichnete, zog die Regierung die Notbremse. Zusätzlich zur Maskenpflicht verordnete Singapur die Schliessung der Geschäfte und der Schulen, verbot jegliche Versammlung von Personen, verriegelte die Grenzen, befahl Home-Office und stoppte alle Bauarbeiten. Letzteres stand im Zusammenhang mit den rasant zunehmenden Infektionswellen in Gastarbeitersiedlungen, wo zeitweise über 1000 Covid-19-Fälle täglich registriert wurden. Inzwischen liegt die Zahl immer noch bei täglich 200 bis 300 Fällen, doch scheint die Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung gebannt.

Leere Hotels und tiefe Frequenzen

Die nun vorgelegten Zahlen schlüsseln den Einbruch entsprechend auf: Die Bauwirtschaft, deren Bedeutung unter anderem am Heer der 300 000 ausländischen Gastarbeiter zum Ausdruck kommt, verzeichnete einen Rückgang um 96%. Ein solcher faktischer Stillstand lässt sich eigentlich bloss mit der Lahmlegung des Flughafens und der gähnenden Leere in den Hotels vergleichen, wo bekanntlich ebenfalls Schockstarre herrschte – und weiterhin anhält. Die Service-Industrie insgesamt schrumpfte im zweiten Quartal derweil um 38%; weil Lebensmittelgeschäfte und Online-Dienste regeren Zulauf hatten, büsste der Detailhandel vergleichsweise bescheidene 22% ein.

Inzwischen haben auch in Singapur die Geschäfte, die Gaststätten und selbst die Kinos unter Auflagen wieder geöffnet. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind mittlerweile besser besetzt, und sogar die Schulen haben ihren Betrieb aufgenommen. Doch Normalität herrscht nur vordergründig: An den meisten Einkaufsorten registriert man bestenfalls 50% der früheren Frequenzen, exklusive Boutiquen bleiben meistens leer, und Restaurants klagen über fehlende Kundschaft. Wer ein Shopping-Center betritt, muss sich bei jedem Outlet-Besuch mit dem Smartphone registrieren.

Tiefpunkt durchschritten

Im zweiten Quartal hat die Republik wohl einen wirtschaftlichen Tiefpunkt durchschritten, und manche Firmen und Institutionen haben auch einen digitalen Erneuerungsschub durchgemacht. Doch die Folgen sind bei weitem noch nicht ausgestanden. Firmenmeldungen über Entlassungen, Redimensionierungen und Konkurse reissen auch hierzulande nicht ab. Angesichts der hohen oder bereits wieder steigenden Zahl der Infektionsfälle in anderen Ländern rechnet zudem derzeit niemand mit einer baldigen Öffnung der Grenzen für den Personenverkehr. Und die Konsumenten stehen auf der Bremse. Die Covid-19-Folgen werden mithin auch das zweite Halbjahr prägen. Für 2020 rechnen Ökonomen deshalb mit einem BIP-Einbruch von bis zu 7%.

Dass die Krise trotz allem noch nicht sichtbar auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen hat, hat zwei Gründe. Zum einen sind in den vergangenen Monaten schätzungsweise 60 000 Stellen abgebaut worden, die von ausländischen Arbeitskräften besetzt waren. Entsprechend ist die Arbeitslosenquote unter den 3,5 Mio. einheimischen Bürgern bisher bloss von 3,1 auf 3,3% gestiegen. Zum anderen hat der Staat während des Lockdowns die Lohnkosten für lokale Arbeitskräfte mit bis zu 75% subventioniert. Nach dem Wegfall dieser Hilfen per Ende Juni bläst jedoch auch der einheimischen Bevölkerung ein kühlerer Wind entgegen.

Motor auf drei Zylindern

Geht die Rechnung trotz einem Minus von 41% auf? Die Regierung hat den jähen, relativ kurzen Einschnitt bekanntlich mit der Hoffnung verbunden, die Covid-19-Infektionen in den Griff zu bekommen – und den Startknopf bald wieder drücken zu können. Zur Abfederung der Folgen wurden Zusatzausgaben von rund 70 Mrd. $ getätigt. Inzwischen scheint die Seuche national tatsächlich weitgehend unter Kontrolle; auch der Wirtschaftsmotor läuft wieder auf etwa drei Zylindern. Doch niemand stellt in Abrede, dass härtere Zeiten angebrochen sind.

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