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Spuckschutzscheibenspass

Basler Zeitung-Logo Basler Zeitung 22.05.2020

Solange hinter einer Scheibe gelacht wird, ist alles in Ordnung.

Schutz hinter der Scheibe: Ein Restaurant in Corona-Zeiten. © Urs Jaudas Schutz hinter der Scheibe: Ein Restaurant in Corona-Zeiten.

Ich muss schon wieder eine verrückte Geschichte erzählen. Ich bin Bus gefahren. Ja, wirklich! Nicht als Chauffeur, sondern als Passagier. Wie verrückt ist das denn? Ich habe Todesängste ausgestanden! Aber nicht, weil ich meinen BVB-Kolleginnen und -Kollegen nicht traue – quatsch, die fahren ganz hervorragend. Da bin ich völlig entspannt. Kralle mich aber trotzdem mit beiden Händen an den Haltestangen fest! Eh voilà, schon ist es passiert: Jetzt krabbelt das vermaledeite Virus garantiert an mir herum. Die anderen Fahrgäste starren mich an, murmeln etwas. Da alle Corona-Larven tragen, kann ich ihre Lippen nicht lesen. Dafür ihre Augen. Sie funkeln mich entgeistert an: Wie kann man nur?

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie sich an diese verrückte neue Welt schon gewöhnt? An die wiedererlangte Freiheit? Ist es nicht wunderbar, in einer Beiz einen Kaffee hinter einer Spuckschutzscheibe zu trinken? Was für ein Spass. Ein Spuckschutzscheibenspass! Jetzt stellen Sie sich vor, Sie wären der Papst und möchten noch etwas Speck essen. Aber: Dr Baapscht hett fir dr Spuggschutzschiibegspass s Spägg Bstegg z spoot bstellt.

Das ist die neue Version des altbekannten Zungenbrechers! Aber bitte: Üben Sie nur hinter einem Spuckschutz. Sonst muss Mister Corona Daniel Koch uns wieder ermahnen, wie neulich das unsäglich fahrlässige Party-People in der Steinenvorstadt …

Nein, ich will mich nicht lustig machen. Obwohl: Lachen soll ja ganz gesund sein. Solange nur hinter einer Spuckschutzscheibe gelacht wird, ist auch alles in Ordnung.

Mit einer zünftigen Prise Humor werden wir hoffentlich dem Virus den Garaus machen. Und gesund bleiben. Ich jedenfalls habe beschlossen, 100 Jahre alt zu werden. Nein, nicht weil ich so wahnsinnig gerne Bus fahre. Auch nicht, weil ich befürchte, wegen all der verlorenen Milliarden erst mit 80 meine Rente zu bekommen. Ich möchte 100 Jahre alt werden, damit ich noch erfahre, was eigentlich in diesen Tagen, Wochen und Monaten des Jahres 2020 wirklich passiert ist. Ein Weltereignis minutiös aufzuklären braucht in der Regel mehrere Jahrzehnte. Corona ist unbestritten ein solches Weltereignis. Und trifft ja irgendwie jeden.

Ganz ehrlich: Bekommen Sie auch so ein mulmiges Gefühl, wenn Sie sehen, dass Ihnen auf dem Trottoir jemand entgegenkommt? Ist mir gestern passiert. Ein älterer Herr schreitet direkt auf mich zu. Was soll ich tun? Auf die Strasse ausweichen? Geht nicht, zu viel Verkehr. Der Mann kommt immer näher. Die 2-Meter-Abstandsregel ist in grösster Gefahr. Wir beide verlangsamen das Tempo. Soll ich den Mann grüssen? Nein, denn ich trage keinen Spuckschutz! Also nicke ich nur, senke den Kopf und halte den Atem an. Ich beschleunige auf schnellstmögliches Schritttempo, kreuze den Mann und atme erst 20 Sekunden später wieder aus und ein.

Wir alle wollen doch nur unser altes Leben zurück. Uns freundlich grüssen, anlachen und berühren können. Ausgelassen feiern. Und endlich auch wieder einmal so eine kuschlige Druggede in einem Tram oder Bus erleben. Das wär heerlig, gäll?

Ich hoffe, dazu muss ich keine 100 werden …

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