Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Studenten stürmen Oxford: Corona legt die Schwäche britischer Universitäten offen

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 31.10.2020 Benjamin Triebe, Oxford

Britische Hochschulen brauchen zahlende Studenten, um zu überleben. Also nehmen sie trotz Pandemie viele Erstsemestrige auf, gerne aus dem Ausland. Die kuriose Folge des einseitigen Geschäftsmodells: Elite-Institutionen wie Oxford sind voller als je zuvor.

Die berühmte Bodleian-Universitätsbibliothek in Oxford ist nach der Corona-Pause wieder geöffnet – unter strengen Auflagen. Christopher Furlong / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die berühmte Bodleian-Universitätsbibliothek in Oxford ist nach der Corona-Pause wieder geöffnet – unter strengen Auflagen. Christopher Furlong / Getty

Die Wellen schlugen hoch in der ehrwürdigen Universitätsstadt Oxford, als im Herbst ein Video auftauchte. Es zeigt Hunderte Studenten der Oxford Brookes University, die ungeachtet der Corona-Verhaltensregeln in den Innenhöfen ihrer Wohnheime Partys feiern. Vertreter des Universitätssektors mussten schnell zusichern, dass sie die Gesundheit der Stadt ernst nehmen: «Wir haben die Pflicht, die Bürger Oxfords zu schützen», sagte Jan Royall, die Leiterin des Somerville College, der «Oxford Mail». Somerville ist eines der 39 Colleges, die zusammen die University of Oxford formen, die älteste Hochschule der angelsächsischen Welt. Die Brookes University ist die zweite grosse Bildungsinstitution der Stadt.

Universitäten als Corona-Hotspots

Doch nicht nur in Oxford verlief der Start ins akademische Jahr turbulent. Mit dem Einzug der Studenten kam es an rund vierzig Hochschulen zu Corona-Ausbrüchen – und viele Studenten fanden sich daraufhin nicht wie erhofft in den Hörsälen wieder, sondern unter Quarantäne in den Wohnheimen. Das blieb Oxford erspart. Bei einem Besuch im Oktober machte das englische Städtchen einen belebteren Eindruck als viele Ecken im Zentrum Londons. Denn so wie im ganzen Land brauchen auch Oxfords Universitäten und Colleges die Studenten zum Überleben. Genauer gesagt: ihr Geld.

Im Frühjahr sah es so aus, als nahte eine Katastrophe. «Das britische Universitätssystem steht vor der grössten Herausforderung der vergangenen vierzig Jahre», meinte Ende Mai Peter Dolton, Forschungsleiter des angesehenen National Institute of Economic and Social Research (Niesr). Die meisten der 141 Hochschulen des Landes beziehen nach seiner Kalkulation durchschnittlich 75% ihrer Einnahmen aus Studiengebühren. Wenn sie geschlossen bleiben müssen oder die Studenten nicht anreisen dürfen, drohen kaum zu stopfende Löcher in den Kassen. Das war nicht immer so: Im Jahr 1981 finanzierten sich die Hochschulen laut Dolton zu 90% durch Zuschüsse der Zentralregierung, im Jahr 2010 noch zur Hälfte.

«Jede Universität steht unter Druck, genug Studenten einzuschreiben, damit sie ihre Rechnungen bezahlen kann», sagt auch Simon Marginson, Professor für höhere Bildung am Oxforder Linacre College. Die Hochschulen erhalten keine speziellen Corona-Hilfen. Stattdessen wurden sie von der Regierung unter Druck gesetzt, zu öffnen und sogar noch mehr Studenten aufzunehmen: «Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit war das ziemlich unverantwortlich. Es ist eine Strategie mit hohem Risiko.» Das Risiko ist auch deshalb hoch, weil die Strategie kurzfristig gut funktioniert. Der erste Eindruck täuschte nicht. «Oxford war noch nie so belebt wie jetzt», sagt Marginson.

Mehr Studenten dank Notenchaos

Es ist kurios, aber das Zusammenspiel von Pandemie und universitärem Geschäftsmodell hat die britischen Hochschulen bis an den Rand gefüllt. Das Angebot an Studienplätzen nahm zu, weil die Unis wegen der Unsicherheit mit mehr potenziellen Abbrechern kalkulierten und prophylaktisch mehr Studenten aufnahmen. Die Nachfrage wuchs, weil junge Briten in der Wirtschaftskrise schwerer einen Arbeitsplatz finden und die Zeit an der Uni überbrücken. Das wurde ihnen durch ein Chaos bei den Maturanoten erleichtert: Die Abschlussprüfungen im Frühjahr mussten ausfallen. Die zum Ersatz kalkulierten Noten erzeugten einen Skandal, wurden korrigiert und schliesslich überdurchschnittlich gut festgesetzt, so dass sich mehr Schulabgänger für einen Universitätsbesuch qualifiziert haben. Die Zahl der britischen Erstsemestrigen wuchs um 4%.

Insgesamt nahm der Umfang der Erstsemestrigen um ebenfalls 4% auf über 515 000 zu. Eine grosse Überraschung war das Interesse aus Übersee: Die Zahl der ausländischen Studienanfänger, die nicht aus der EU stammen, kletterte im neuen akademischen Jahr um 9% auf einen Rekordwert von mehr als 44 000. Beim Interesse aus der EU machte sich hingegen der Brexit bemerkbar, hier sank die Zahl um 2%. Das ist nicht verwunderlich. Der EU-Ausstieg führt kommendes Jahr zu einer Anhebung der Studiengebühren, die EU-Ausländer zahlen müssen, auf das Niveau der übrigen Drittländer.

Diese Gebühren für Studenten aus Drittländern sind das Opium der universitären Kassenwarte. In Oxford müssen Studenten von ausserhalb der EU für manche Fächer 27 285 £ (32 000 Fr.) pro Jahr zahlen – britische Studenten hingegen mit maximal 9250 £ nur etwa einen Drittel. Mehr als 340 000 ausländische Nicht-EU-Studenten sind an britischen Unis eingeschrieben, etwa 120 000 von ihnen stammen aus China. Besonders bei den Elite-Unis geht ohne diese Ausländer wenig: Bei den zwei Dutzend führenden Hochschulen des Landes steuern sie laut dem Niesr-Experten Dolton rund 45% der Gebühreneinnahmen bei. Landesweit sind es durchschnittlich 17%.

Die beste Bildung, die sich kaufen lässt

Aus ihrem hervorragenden Ruf haben die führenden Universitäten Englands stets Kapital schlagen können. Viel Neid, viel Ehr: Bereits im Jahr 1939 reisten die Komiker Stan Laurel und Oliver Hardy im Film «A Chump at Oxford» von den USA in die englische Kleinstadt, nachdem ein glücklicher Zufall es ihnen erlaubt hatte, «die beste Bildung zu bekommen, die für Geld zu haben ist». Sie geraten natürlich gleich in Konflikt mit den lokalen Snobismen und werden ermahnt, ihr unpassender Studenten-Dress lasse vermuten, sie wollten nach Eton (Stan: «That’s swell, we haven’t eaten since breakfast!»). Die akademische Rangordnung wird spätestens klar, wenn sich Albert Einstein aus Princeton zum Besuch in Oxford anmeldet, weil er Hilfe bei seinen Theorien benötigt.

Im 21. Jahrhundert wären Laurel und Hardy wohl versucht, auch amerikanische und australische Unis in die engere Auswahl zu nehmen. Sie sind die grössten Konkurrenten Grossbritanniens im Wettrennen um ausländische Studenten. Doch die Corona-Krise spielt der britischen Insel in die Hände: Australien hat Einreiseverbote erlassen, die Immatrikulationszahlen sind im Keller. Die USA befinden sich unter Präsident Trump im politischen Konflikt mit China, was Studenten aus dem Reich der Mitte abschreckt.

Grossbritannien hingegen hat die Grenzen offen gelassen und verlangt höchstens eine Quarantäne. Gegenüber Peking fährt London zwar einen kritischen, aber keinen konfrontativen Kurs. Das könnte sich auszahlen: Dass die Zahl ausländischer Studenten jüngst so stark angestiegen ist, ist laut Dolton fast ausschliesslich auf China zurückzuführen.

Für den Oxford-Professor Marginson ist trotz oder gerade wegen Corona klar: «Oxford wird Ende dieses Jahres wahrscheinlich mehr Geld haben als vergangenes Jahr.» Auch die anderen Universitäten hätten genug Studenten, um ihre Position zu halten – und Grossbritannien werde weltweit vielleicht der einzige Anbieter von höherer Bildung sein, der mehr ausländische Studenten anziehe als im Vorjahr. Einige britische Universitäten hätten Charterflüge arrangiert, um chinesische Studenten zu holen.

Viel Geld für zu wenig Leistung?

Ungeachtet ihrer Herkunft werden nicht alle Erstsemestrigen bekommen, was sie erwarten. «Um Studenten zu locken, versprachen die Hochschulen, dass die Lehre so normal wie möglich ablaufen wird», sagt Marginson. Doch die Realität sind ein deutlich reduzierter oder ganz gestrichener Präsenzunterricht und die Verlagerung der Lehre ins Digitale. «Viele Studenten sind jetzt sehr erbost. Die Umstände sind für sie sehr schwierig.» Klagen wegen irreführender Werbung seien absehbar, und Rufe nach einer Senkung der Studiengebühren werden laut. Obendrein wird diese neue Art der Lehre so schnell nicht verschwinden.

Wenn die Leistung nicht stimmt, wird der Kunde unzufrieden – und für ausländische Studenten sei die britische Bildungslandschaft organisiert wie ein kommerzieller Markt, erläutert Marginson. Für britische Studenten sei sie derweil nur «ein halber Markt»: Zwar wurde nach der Jahrhundertwende die Finanzierung von Zuschüssen zu den Studiengebühren verschoben, um die Last vom Steuerzahler auf den Empfänger der Bildung zu verlagern. Damit unterscheide sich Grossbritannien heute sehr deutlich von fast allen europäischen Nachbarn, schreibt Peter Dolton von Niesr.

Doch zurückgezogen hat sich der Staat damit nicht: Britische Studenten können Studiendarlehen aufnehmen, die sie nur zurückzahlen müssen, falls sie später ein ausreichendes Einkommen erzielen. Durchschnittlich beläuft sich der Kredit in England auf rund 40 000 £ (47 000 Fr.). Insgesamt stehen in dem Landesteil Studienkredite über rund 122 Mrd. £ aus. «Es ist viel mehr öffentliches Geld im System, als man vermutet», sagt Marginson – vor allem deshalb, weil realistisch gesehen nur 55% des Betrags einmal zurückgezahlt würden. Der Rest sei eine Subvention für die Hochschulen, und die sei quantitativ nicht viel kleiner als im alten System mit hohen Direktzuschüssen.

Das Modell sei trotzdem in Schieflage und die Abhängigkeit insbesondere von den chinesischen Studenten zu gross, kritisiert der Niesr-Experte Dolton – deren Geld werde inzwischen sogar gebraucht, um die Forschung querzufinanzieren. Marginson lobt hingegen das Wettbewerbselement: Die Universitäten konkurrieren intensiv um Studenten und müssen Verantwortung übernehmen. Allerdings funktioniere bei den Kunden der Markt nicht wie gewünscht: Studenten sollten ihre Hochschule auf Grundlage der Qualität der Lehre wählen – «und das tun sie natürlich nicht», sagt der Oxford-Professor. Sie wählten auf Basis des Prestiges und der Qualifikation. «Aber immerhin ist das auch eine Form von marktbasierter Wahl.»

Sie können Benjamin Triebe, Wirtschaftskorrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland, auf Twitter folgen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon