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Too Big To Care: Wie die Tech-Giganten die Corona-Krise nutzen

Bilanz-Logo Bilanz 14.11.2020 Marc Kowalsky
Mächtig wie niemand sonst: Apple-Chef Tim Cook, Alphabet-CEO Sundar Pichai, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Facebook-Alleinherrscher Mark Zuckerberg und Microsoft-CEO Satya Nadella (v.l.). © Getty Images, AFP; Montage: maple_forest für BILANZ Mächtig wie niemand sonst: Apple-Chef Tim Cook, Alphabet-CEO Sundar Pichai, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Facebook-Alleinherrscher Mark Zuckerberg und Microsoft-CEO Satya Nadella (v.l.).

In der Krise bauen Facebook, Amazon, Microsoft, Google und Apple ihre Vormachtstellung weiter aus. Doch jetzt regt sich massiver Widerstand.

Die Wachablösung vollzog sich am 13. Mai: An jenem Tag war der Technologiekonzern Logitech an der Schweizer Börse erstmals mehr wert als die Swatch Group, der weltgrösste Uhrenhersteller. «Ich hätte nie gedacht, dass ich das je erleben würde!», sagt Daniel Borel, der Logitech vor 39 Jahren gegründet hat.

In der langen Unternehmensgeschichte macht er drei Schlüsselmomente aus für den Erfolg seiner Firma: die Erfindung des PC 1981 durch IBM, der Durchbruch des Internets 1996 – und die Corona-Krise: «Covid war ein einzigartiger Beschleuniger für Logitech und die Techindustrie generell.» Seither vermeldet die Firma Rekordergebnisse. Die Folge: Seit Jahresanfang hat sich der Logitech-Kurs fast verdoppelt.

Auch in der Schweiz hat damit jener Stabwechsel zwischen der alten und der neuen Wirtschaftswelt stattgefunden, den die USA bereits vor Längerem vollzogen hatten. Dort waren schon letztes Jahr die Tech-Giganten Facebook, Apple, Microsoft, Google und Amazon, kurz FAMGA, die wertvollsten Unternehmen (und nach dem saudi-arabischen Ölkonzern Aramco die wertvollsten der Welt).

Amazon, Apple & Co. werden immer wertvoller

Doch während nun die meisten anderen Branchen – teils massiv – unter der Corona-Krise leiden, legt Big Tech noch weiter zu. Seit Jahresanfang stieg der Börsenkurs von Amazon um 70 Prozent, jener von Apple um rund 60 Prozent, Microsoft und Facebook legten rund 35 Prozent zu, Googles Mutterkonzern Alphabet etwa 20 – während der Börsenindex Dow Jones noch immer im Minus liegt.

Apple ist als erste Firma der Wirtschaftsgeschichte mehr als zwei Billionen Dollar wert – für die erste Billion benötigte sie 42 Jahre, für die zweite 24 Monate. Zusammen kommen die «Big Five» auf einen Wert von 7,3 Billionen Dollar. Das ist mehr als ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung der USA – aber zusammen beschäftigen diese Unternehmen weniger als ein Prozent der Erwerbstätigen.

Und alle Einhörner (also Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde) der Welt kommen addiert nur auf einen Wert von 1,54 Billionen, alle SMI-Titel auf 1,25 Billionen. Zusammen mit dem Automobilhersteller Tesla, der sich selbst als Softwarekonzern auf Rädern sieht, machen die FAMGA inzwischen 50 Prozent des Wertes des Nasdaq 100 aus. Von der «grössten Konzentration von Finanzkapital aller Zeiten» spricht der New Yorker Marketingprofessor Scott Galloway schon seit Jahren.

 

Die zehn wertvollsten US-Unternehmen 1917 – 1967 – 2020:

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Grafik in voller Grösse

 

Kein Wunder, denn der Umsatz boomt. Bei Amazon natürlich im E-Commerce, weil die Leute während der Pandemie lieber online shoppen und es während eines Shutdowns sogar müssen. So hat der Konzern seine Lebensmittelumsätze verdreifacht. Auch bei den Cloud-Diensten, über die etwa Videokonferenzen abgehalten werden, geht die Post ab. Hier ist Amazon der weltgrösste Player – vor Microsoft und Google. Der Suchmaschinenkonzern konnte über seine Plattform Meets die Zahl der täglichen Konferenzteilnehmer auf 100 Millionen steigern – mehr als 30-mal so viele wie vor der Krise.

Microsofts Plattform Teams wuchs um 70 Prozent auf 75 Millionen Teilnehmer täglich. «Wir haben in zwei Monaten eine Digitalisierung erlebt, für die es sonst zwei Jahre gebraucht hätte», frohlockte Microsoft-Chef Satya Nadella schon Ende April. Und die Facebook-Plattform WhatsApp wickelt im Schnitt nun täglich 15 Milliarden Gesprächsminuten ab – mehr als doppelt so viel wie sämtliche US-Mobilfunknetzbetreiber zusammen!

Auch Google-Tochter YouTube legte zweistellig zu, haben die zwei Milliarden User daheim doch mehr Zeit für den Videokonsum. Dass im Shutdown viele Kunden ihre IT-Infrastruktur upgegradet haben, ist wiederum gut für Apple mit seinen Computern, Laptops und dem iPhone: Dieses bleibt «das profitabelste Produkt der Wirtschaftsgeschichte mit Ferrari-Margen und Toyota-Stückzahlen» (Galloway).

Netzwerkeffekt: The winner takes all

2019 haben die Big Five zusammen Gewinne von 165 Milliarden Dollar erwirtschaftet, fast zweieinhalb Mal mehr als alle 20 SMI-Konzerne addiert. Jetzt profitieren sie gleich exponentiell vom Corona-Boost. Denn im Internet sind Skaleneffekte ungleich wichtiger als in der analogen Welt. Ist eine Website oder eine App erst mal programmiert, steigt der Nutzen für das Unternehmen mit jedem weiteren Anwender, ohne dass zusätzliche Kosten entstehen.

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Noch stärker wirkt der sogenannte Netzwerkeffekt, bei dem jedes weitere Mitglied in einem Netzwerk den Nutzen für alle Beteiligten steigert. Man geht auf Facebook, WhatsApp oder Instagram, weil die Freunde auch schon dort sind, man bietet seine Waren auf Amazon an, weil hier die meisten potenziellen Kunden registriert sind; man veröffentlicht seine Apps im Apple-App-Store und auf Google Play, weil man mit diesen zwei Plattformen so ziemlich jeden Nutzer auf der Welt erreicht. Es ist der «The winner takes all»-Effekt.

Hinzu kommen die indirekten Netzwerkeffekte: Je mehr Leute auf einer Plattform sind, desto mehr Werbung kann man ihnen verkaufen – mit dem Effekt, dass die Profite steigen, auch wenn das eigentliche Produkt (etwa die Suchergebnisse bei Google oder die Kommunikation via Facebook) gratis ist. Und je häufiger und auf je mehr konzerneigenen Plattformen der User aktiv ist, desto besser kennt ihn die Firma, kann dank Algorithmen besser seine Vorlieben erkennen und ihn gezielter mit Werbung ansprechen – was wiederum mehr Geld einspielt. Ein Perpetuum mobile.

Deshalb besetzen die Tech-Firmen immer mehr Schnittstellen im täglichen Leben des Menschen, vom Thema Unterhaltung über die Gesundheit bis zur Bezahlung. Im aufziehenden Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird die Bedeutung dieser Daten sogar noch zunehmen.

Damit haben die Big Tech einen unüberwindlichen Schutzwall um ihre Geschäftsmodelle gezogen. Eine Suchmaschine zu bauen, die besser ist als Google, ein soziales Netzwerk mit mehr Nutzern als Facebook oder eine E-Commerce-Plattform mit einem breiteren Angebot als Amazon ist faktisch unmöglich: «Neueinsteiger haben wegen der Netzwerkeffekte keine Chance», sagt Robert Finger, Professor emeritus an der EPFL und Experte für Infrastruktur. Und Konkurrenten, die ihnen gefährlich werden können, kaufen die Big Five regelmässig vom Markt weg.

Allein Google hat in den letzten 20 Jahren über 260 Firmen übernommen. Apple kauft alle zwei bis drei Wochen eine Firma, wie Tim Cook letztes Jahr verlauten liess. Facebook übernahm schon früh in der Firmengeschichte die aufstrebenden Plattformen WhatsApp und Instagram. «Google, Amazon, Facebook ersticken Innovationen in der ganzen Wirtschaft, indem sie Energie und Ressourcen auf Bereiche lenken, die ihnen nützen, aber der Gesellschaft schaden», sagt Roger McNamee, damals einer der ersten Facebook-Investoren sowie Mark Zuckerbergs Mentor und heute ein scharfer Kritiker.

Immer mehr Menschen wird die Machtballung immer unheimlicher. 72 Prozent der Schweizer, so ergab kürzlich eine Umfrage, misstrauen den Topmanagern der grossen Technologiekonzerne. Unter den Schweizer Führungskräften sind es sogar 86 Prozent. «Vor 20 Jahren waren die fünf mächtigsten Firmen der Welt eine Mischung aus Finanzfirmen, Ölkonzernen und einem Technologieunternehmen, nämlich Microsoft. Heute sind alle fünf Big Tech. Diese Firmen existieren länger als jede Regierung und sind mächtiger als jede Regierung!», sagt Galloway, einer der härtesten Kritiker der grossen Techfirmen.

«Facebook gleicht in vielerlei Weise mehr einer Regierung als einer traditionellen Firma», gibt Zuckerberg zu. Wobei er, als CEO, Chairman und Mehrheitsaktionär, nicht nur die Macht eines Regierungschefs hat, sondern die eines absolutistischen Königs. Galloway hält ihn sogar für den mächtigsten Menschen der Welt: «Weder Trump noch Putin können per Algorithmus beeinflussen, was ein Drittel der Menschheit sieht.» Mit 2,7 Milliarden aktiven Nutzern hat Zuckerbergs Konzern mehr Anhänger als das Christentum.

Eine Gefahr für die Demokratie

Viele sehen eine Gefahr für die Demokratie, wenn das System missbraucht wird, Stichwort Fake News, Cambridge Analytica, russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf. «Am Ende steht der Verlust unserer Selbstbestimmung», warnt Roger McNamee. Und die von Facebook gepushte Kryptowährung Libra sieht er als «Bedrohung der Souveränität für jeden Staat». Er fordert daher nichts Geringeres, als das Geschäftsmodell von Google und Facebook zu verbieten.

Die Big Tech interessieren solche Bedenken natürlich nicht. Emsig nutzen sie die Krise, um ihre Position sogar noch auszubauen. Amazon stellte schon in den ersten acht Wochen der Pandemie nicht weniger als 175'000 neue Arbeitskräfte ein. Die bedienen nicht nur die erhöhte Nachfrage in den Warenlagern, Zehntausende neue Stellen sind auch in der Softwareentwicklung dazugekommen. Zudem kaufte sich die Firma mit 16 Prozent beim britischen Lieferdienst Deliveroo ein, der in Finanznöten ist – ein Deal, den die englischen Wettbewerbsbehörden lange Zeit untersagt hatten. Dann übernahm der Konzern aus Seattle im Juni das Roboterauto-Start-up Zoox für über eine Milliarde Dollar; damit tritt er in den Markt für selbstfahrende Autos.

Platzhirsch ist dort die Google-Tochter Waymo. Sie sammelte während der Pandemie drei Milliarden Dollar von VCs ein und sucht ebenfalls Tausende zusätzliche Softwareingenieure. Microsoft gab 7,5 Milliarden Dollar aus für den Spielehersteller Bethesda und kaufte 5G-Start-ups. Auch das US-Geschäft des sozialen Netzwerks TikTok wollte Nadella übernehmen, scheiterte jedoch an der US-Regierung.

Apple kaufte im letzten halben Jahr mehrere Start-ups für Virtual und Augmented Reality, ausserdem Firmen im Bereich maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz, Podcasts, Mobile Payment und Gerätemanagement. Facebook pusht mit voller Kraft seine neuen Bezahldienste und stellt bis Ende Jahr weltweit 10'000 neue Spezialisten ein.

Bereits heute gehören die FAMGA zu den Top-12-Firmen mit den weltweit höchsten Forschungs-und-Entwicklungs-Ausgaben. Jetzt, in der Krise, dürften sie diese sogar noch einmal erhöhen, um die Konkurrenz endgültig abzuschütteln.

Genug Cash auf der Seite zum Überleben

Sie attackieren dabei aus einer Position der Stärke: Vier der Big Five haben genug Cash auf der Seite, um zwei oder mehr Jahre ganz ohne Umsätze überleben zu können; bei Amazon handelt es sich immerhin um Reserven für ein paar Monate. Gleichzeitig finden immer weniger Start-ups Geld, um den Betrieb aufrechterhalten zu können: 585 Jungfirmen haben seit März insgesamt 79'718 Mitarbeiter vor die Tür gestellt, protokolliert die Website Layoffs.fyi. Jeden Tag kommen Dutzende bis Hunderte weitere Entlassungen dazu.

Ein vertrautes Muster. Schon in der Finanzkrise 2008 hatten die grossen Tech-Firmen ihre Stärke ausgespielt. Apple etwa pushte das gerade lancierte iPhone, was schliesslich den damaligen Marktführer Blackberry in die Bedeutungslosigkeit trieb. Gleichzeitig investierte Steve Jobs in die Entwicklung des iPad, das später zum Bestseller wurde. Google lancierte das Handy-Betriebssystem Android, das heute weltweit 75 Prozent Marktanteil hat.

Besonders aktiv in diesen stürmischen Zeiten war Amazon. Zum einen investierte Bezos hohe Summen in das damals noch blutjunge Cloud-Geschäft. Inzwischen ist Amazon Web Service (AWS) eine Cash Cow, die knapp zwei Drittel des Konzerngewinns erwirtschaftet. Zum anderen bot Bezos im E-Commerce hohe Rabatte und kostenfreie Lieferungen. Das bescherte seiner Firma zwar hohe Verluste, aber die waren einkalkuliert: Der Preiskrieg brachte den Rivalen Zappos, der in Bereichen wie Schuhe und Mode vor Amazon gelegen hatte, an den Rand der Pleite.

Wenig später konnte Amazon Zappos zum Schnäppchenpreis übernehmen und die Vorherrschaft zementieren. Ähnliches dürfte nun wieder passieren: «Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen wir die Industrie mehr als je zuvor fürchten», warnt Kara Swisher, eine der profiliertesten amerikanischen Tech-Analystinnen. «Die Tech-Giganten könnten alle Macht haben und absolut keine Verantwortung wahrnehmen.»

Denn dass sich die FAMGA kraft ihrer schieren Grösse um alle Regeln foutieren, ist ein weiteres Problem – «Too big to care», nannte es EU-Kommissar Thierry Breton. Amazon und Google bevorzugen bei den Suchresultaten eigene Angebote, Google und Facebook missachten die Urheberrechte, die Firmen tauschen die Daten zwischen ihren konzerneigenen Plattformen aus – die Liste liesse sich lange fortsetzen. «Wir haben diese Firmen dazu erzogen, dass es aus Aktionärssicht das Richtige ist, zu lügen und das Gesetz zu brechen», sagt Galloway. Was die Beschuldigten natürlich vehement bestreiten.

Strafen gegen Tech-Giganten – kaum mehr als Parkbussen

Seit 2015 haben die EU-Kommission selbst oder nationale Behörden rund 30 Verfahren gegen grosse Plattformen eingeleitet – meist ohne nennenswerten Erfolg, weil die Firmen häufig Tatsachen schaffen, bevor die langjährigen Verfahren zu einem Abschluss finden.

Falls doch, tun die resultierenden Geldbussen den Giganten nicht weh, denn sie sind als eine weitere Kostenstelle im Geschäftsmodell eingeplant. Als die EU-Wettbewerbskommission unter Margrethe Vestager vor drei Jahren eine Strafe von 2,4 Milliarden Euro gegen Google verhängte, weil der Konzern in den Suchergebnissen eigene Verkaufsangebote bevorzugt hatte, reagierte die Aktie der Google-Mutter Alphabet kaum: Der Betrag macht gerade einmal drei Prozent der Barreserven zu jenem Zeitpunkt aus.

Für den Datenaustausch zwischen WhatsApp und Facebook verhängte die EU eine Strafe von 122 Millionen Euro – mit sechs Promille des Kaufpreises von WhatsApp kaum mehr als eine Parkbusse. «Wir müssen viel strikter werden: hundert Milliarden Strafe beim ersten Verstoss, Marktverbot beim zweiten», sagt McNamee: «Über die bisherigen Strafen lachen die Unternehmen nur.»

Infografik Umsatz/Gewinn

Hinzu kommt: Die Big Tech machen in Europa zwar einen wichtigen Teil ihrer Gewinne, zahlen hier aber – anders als die europäischen Konkurrenten – fast keine Steuern, weil sie Steuerschlupflöcher in Irland, Luxemburg, den Niederlanden und Belgien nutzen. Den Versuch der EU-Wettbewerbskommission, Apple deshalb eine Nachzahlung von 14 Milliarden Dollar aufzubürden, stoppte der EU-Gerichtshof. Um diese Steuerpraxis zu verbieten, bräuchte es die Zustimmung aller 27 EU-Mitgliedsländer. «Das werden die Big Tech konsequent ausnutzen und die Länder gegeneinander ausspielen», sagt Michael Wade, Technologieprofessor an der Lausanner Managementschule IMD.

Widerstand aus Politik und Wirtschaft

Die USA haben bisher kaum etwas getan gegen das Verhalten der Big Tech, abgesehen von einzelnen halbherzigen und deshalb zum Scheitern verurteilten Politikervorstössen. Jetzt aber regt sich massiver Widerstand, sowohl aus der Politik als auch aus der Wirtschaft.

Der Gamehersteller Epic – er steht hinter dem Ego-Shooter «Fortnite», mit weltweit 350 Millionen Usern eines der beliebtesten Videospiele überhaupt – hat im August Apple und Google den Krieg erklärt, weil sie ihre Monopolstellung bei den App-Stores missbrauchten: Von jedem Dollar, der dort umgesetzt wird, streichen Apple bzw. Google 30 Cent ein. Das sei überrissen, so die Klage von Epic.

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2019 soll Apple über den App-Store insgesamt 60 Milliarden Dollar eingenommen haben, sagt eine Studie der Analysis Group. Auch der Streamingdienst Spotify klagte letztes Jahr gegen die 30-Prozent-Praxis: «Das bedeutet, dass Apple mit jedem Spotify-Nutzer mehr verdient als Spotify selber», sagt VC Klaus Hommels, ein früher Investor in den Streamingdienst: «Und es bedeutet, dass Dienste mit einer Marge von unter 30 Prozent per se nicht den Usern angeboten werden können.»

Auch die US-Politiker sind erwacht. Anfang Oktober veröffentlichte das US-Repräsentantenhaus eine 449-seitige Studie, welche die Geschäftspraktiken von Google, Apple, Facebook und Amazon in scharfen Worten anprangert: Sie seien zu mächtig und hätten ihre dominierende Position missbraucht, würden Unternehmertum und Privatsphäre untergraben und gefährdeten das Überleben der Medien.

Die Abgeordneten – Demokraten und Republikaner sind sich da weitgehend einig – fordern eine Überarbeitung des Wettbewerbsrechtes, die Abspaltung von Geschäftsfeldern und ein Akquisitionsverbot für die dominanten Player, sofern sie nicht die Unbedenklichkeit der Übernahme für den Wettbewerb nachweisen können.

Ende des Monats zog US-Justizminister William Barr nach und leitete – zusammen mit den Staatsanwälten von elf Bundesstaaten – ein Verfahren gegen Google ein: Das Unternehmen soll seine marktbeherrschende Stellung im Werbemarkt missbrauchen. Zudem soll es Konkurrenten benachteiligen, indem es Smartphone-Hersteller zwinge (Android) bzw. ihnen viel Geld dafür bezahle (Apple), Google als Standard-Suchmaschine zu installieren. Acht bis zwölf Milliarden Dollar pro Jahr soll Apple dafür erhalten. Es ist das grösste Kartellverfahren seit mehr als 20 Jahren und Googles Albtraumszenario: Als «Code Red» wurde diese Möglichkeit in internen Planspielen bezeichnet.

Auch die mächtige demokratische US-Senatorin Elizabeth Warren macht Druck: Öffentliche Online-Marktplätze mit weltweit mehr als 25 Milliarden Dollar Umsatz würden nach ihrem Vorschlag als Plattform-Grundversorger eingestuft – ähnlich wie Stromversorger, Wasserwerke oder öffentliche Verkehrsbetriebe. Sie wären zu ethischen Mindeststandards im Umgang mit den Kunden verpflichtet, dürften keine Daten weitergeben – und vor allem selber keine eigenen Produkte auf der Plattform anbieten. Amazons Marketplace würde ebenso darunterfallen wie bei Google die Suche und die Anzeigenplattform Ad Exchange. Als Ergebnis müssten diese Dienste abgespaltet werden – was einer Zerschlagung der Big Tech gleichkäme.

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Die EU greift nun ebenfalls zu schwereren Waffen. Weil sie mit dem deutschen Softwarehaus SAP und dem Modehändler Zalando, dem schwedischen Streamingdienst Spotify und der französischen Mitfahrvermittlung BlaBlaCar nur wenige international relevante Player hat, hat die EU hier weniger zu verlieren als die USA.

So soll der Digital Services Act verschärft werden – er legt fest, welche Verantwortung die Betreiber für den Inhalt ihrer Onlineplattformen haben. Auch das Monopol der App-Stores soll fallen, und die Bevorzugung eigener Angebote soll verboten werden. Und die EU erstellt gerade eine Liste mit 20 Tech-Giganten, die neuen und deutlich strengeren Regeln unterworfen werden sollen. Etwa müssen sie Auskunft erteilen, wie sie Daten sammeln, und diese mit der Konkurrenz teilen. In extremen Fällen sieht Thierry Breton sogar ein Marktverbot oder eine Zerschlagung vor.

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«Die Kunden profitieren» von Big Tech

Aber wie realistisch ist so eine Zerschlagung? Historische Beispiele gibt es, aber das letzte stammt aus den 80er Jahren, als die Behörden den Telefongiganten AT&T aufspalteten. Und die Verfahren sind lang und kompliziert, denn sie basieren auf einer Rechtsgrundlage von 1890, die auf die grossen Ölkonzerne jener Zeit gemünzt sind.

Sie soll die Konsumenten vor Monopolpreisen zu schützen. Doch – und das ist der Unterschied zu früheren Fällen – die Dienste etwa von Google oder Facebook kosten den Anwender nichts. Finanziert werden sie durch die Anzeigenkunden. Und die absurden Preise von Apple zahlen die Kunden freiwillig, es gäbe genug Alternativen. Amazon wiederum hilft, die Preise für jegliche Art von Waren zu senken, zudem ist die Auswahl enorm und der Kundendienst besser als bei vielen anderen Händlern. «Insgesamt profitieren die Kunden», sagt Michael Wade.

Auf die volkswirtschaftlichen Effizienzgewinne durch die Digitaldienste will man ebenfalls nicht verzichten. Zudem liefern die Big Five hoch bezahlte Jobs. Und wer die Angebote der Technologiefirmen nutzt, ist meist auch Wähler – da wird sich jeder Politiker zweimal überlegen, ob er als «der Mann, der Facebook kaputtmachte» den nächsten Wahlkampf bestreiten will. Zumal die Big Five die letzten Jahre ihr Lobbying massiv verstärkt haben. Facebook gibt mit 17 Millionen pro Jahr mehr Geld aus für politische Einflussnahme als jede andere Tech-Firma, zuvor gebührte dieser Platz Google.

Den Kritikern Hoffnung macht eher das Beispiel Microsoft: Dem bereits damals weltgrössten Softwarekonzern drohte in den 90er Jahren die Zerschlagung, weil er seine Vormachtstellung bei Betriebssystemen (Windows) dazu missbraucht hatte, auch im neu aufkommenden Browsermarkt Marktführer zu werden. Das Verfahren wurde zwar schliesslich eingestellt, aber der 15-jährige Prozess lähmte den Giganten so, dass er beim Internet den Anschluss verpasste und so erst der Aufstieg von Firmen wie Google oder Facebook möglich wurde.

ETH-Professor Robert Finger sieht einen anderen Ansatz: Die Tech-Konzerne müssten behandelt werden wie Infrastrukturfirmen: «Bei analogen Infrastrukturen wie Strasse und Schiene gibt es auch Netzwerkeffekte», sagt er: «Von deren Regulierung könnte man sich inspirieren lassen, um das öffentliche Interesse in den Vordergrund zu stellen.» Als Beispiel nennt er die finnische Mobilitätsplattform Whim.

Bleibt die Frage, ob die Big Five eines Tages vom Thron gestossen werden von der nächsten Generation Big Tech. Wie schnell es gehen kann, haben auch Milliardenkonzerne erleben müssen. IBM, einst Monopolist, hat heute kaum mehr Bedeutung, Sun Microsystems, Nokia und Blackberry sind verschwunden, sie hatten die wichtigen Technologiesprünge verpasst. Und erinnern Sie sich noch an die Suchmaschine AltaVista, das Internetportal Yahoo, das soziale Netzwerk MySpace oder die virtuellen Welten von Second Life, zu ihrer Zeit allesamt Marktführer?

Wachablösung von aussen

Auch jetzt gibt es kleinere Player, die im Kampf gegen die Big Five überleben und gut leben – häufig in lokalen Nischen: in der Schweiz etwa, wo Amazon im E-Commerce nicht selber präsent ist, DigitecGalaxus oder Brack, in den Niederlanden Coolblue. Der Modehändler Zalando hat sich zu einem grossen paneuropäischen Player entwickelt, beim Messaging hat sich Telegram mit 400 Millionen Usern eine starke Basis geschaffen. In Russland ist nicht Facebook, sondern das soziale Netzwerk VK erste Wahl. Der gegenüber westlichen Unternehmen abgeschottete chinesische Markt hat sowieso sein eigenes Ökosystem mit Milliardenkonzernen wie Tencent, Alibaba oder Baidu.

Doch selbst wenn sie weiter expandieren: Die Schutzwälle der Big Five werden auch diese Firmen wohl nie knacken können. Eine Wachablösung könnte nur von ganz woanders herkommen: «Irgendwer lauert irgendwo in einer Garage auf uns», warnte der damalige Alphabet-Chef Eric Schmidt schon vor Jahren. «Aber das nächste Google wird nicht tun, was Google tut. Der Wandel kommt von dort, wo man ihn am wenigsten erwartet.»

Drohnen, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen oder Virtual und Augmented Reality könnten in den nächsten Jahren ein ähnliches Disruptionspotenzial entwickeln wie einst PC, Smartphone und Internet. Doch genau deshalb haben die Big Five in diese Felder bereits massiv Geld investiert und sind in vielen Bereichen Technologieführer.

So schnell werden sich die Weltherrscher nicht vom Thron verjagen lassen.

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