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Verlag verteidigt Lindemanns Vergewaltigungsgedicht

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 05.04.2020

Das Gedicht «Wenn du schläfst» des Rammstein-Sängers löst Empörung aus. Der Verlag hingegen findet, man solle Werk und Autor trennen.

Das Gedicht «Wenn du schläfst» des Rammstein-Sängers löst Empörung aus. Der Verlag hingegen findet, man solle Werk und Autor trennen.

Ist er mit seinem Vergewaltigungsgedicht zu weit gegangen? Der Sänger der Band Rammstein, Till Lindemann. © Foto: Keystone Ist er mit seinem Vergewaltigungsgedicht zu weit gegangen? Der Sänger der Band Rammstein, Till Lindemann.

Rammstein-Sänger Till Lindemann provoziert gern. Nun hat er seinen dritten Gedichtband veröffentlicht, in dem besonders umstrittene Zeilen auftauchen. Im Gedicht «Wenn du schläfst» beschreibt er die Vergewaltigung einer Frau, die zuvor betäubt wurde:

«Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst.

Wenn du dich überhaupt nicht regst.

Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe.

Kann dich überall anfassen.

Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst.

Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spass).

Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas).

Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.»

Erschienen ist der Gedichtband im deutschen Verlag Kiepenhheuer & Witsch (Kiwi), bei dem auch Autorin Sybille Berg publiziert. Der Herausgeber: Alexander Gorkow, er leitet das «Seite 3»-Ressorts der «Süddeutschen Zeitung». Es sei «enttäuschend», schreibt die Berliner Tageszeitung TAZ, dass ein etablierter Verlag an dessen Spitze ein Redakteur der «Süddeutschen Zeitung» steht, diesem gewaltverherrlichenden Text zu grosser Öffentlichkeit verhelfe.

Der Verlag schreibt auf Twitter, dass man unterscheiden müsse zwischen dem Lyrischen Ich und dem Autor und beruft sich auf die Kunstfreiheit. «Dass er im dargestellten Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors.»

Die deutsche Aktivistin Jorinde Wiese antwortet dem Verlag auf Twitter: «Wie wäre es mit einer ehrlichen Stellungnahme: «Wir wollten als Kiwi-Verlag einen Beitrag zur #RapeCulture machen und haben uns deshalb für das Geschwurbel von Till Lindemann entschieden. Stilmittel: Verherrlichung einer Vergewaltigung.» Jorinde Wiese hat selbst sexuelle Gewalt erlebt, wie sie unlängst im SRF-Dok «Vergewaltigt aber kein Opfer!» schilderte.

Auch diverse Medien kritisieren die Veröffentlichung des Gedichts: Viele Frauen würden Opfer sexueller Gewalt. Es gehe nicht darum, Filme oder Literatur, die eine Vergewaltigung beschreiben oder zeigen, zu zensieren. Doch müsse man sich die Frage stellen, wie diese kontextualisiert werde, so die TAZ.

«Lindemann gibt lediglich eine realistische, detaillierte, lustvoll beschönigende Beschreibung einer Vergewaltigung wider», schreibt die Frankfurter Rundschau. Es entstehe kein Bruch, kein Moment, in dem klar werde: «Das hier ist falsch.» Stattdessen werde die Tat beschönigt und romantisiert. SWR2 weist darauf hin, dass die Zeilen von «Fans» gar als Handlungsaufruf gelesen werden können.

Kunstfreiheit und Provokation soll erlaubt sein und kritisch diskutiert werden, sind sich die Medien einig. Doch bei sexuellem Missbrauch sei das «völlig fehl am Platz», so die Frankfurter Rundschau. «Kunst ist Kunst», schreibt der Spiegel. Sie dürfe Wirklichkeit abbilden und Moral ausblenden. «Nur Applaus darf sie nicht erwarten, nie.»

Autor Saša Stanišić fragt auf Twitter: «Hat jemand schon Till Lindemann vom Autor getrennt?» und kritisiert den Kiwi-Verlag dafür, die «Wenn du schläfst» gedruckt zu haben.

Schriftstellerin Paula Irmschler schlüsselt das Lindemanns Gedicht folgendermassen auf:

Und Journalistin und Autorin Mirna Funk verfasste ein Gegengedicht, das sie auf Instagram publizierte:

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Autorin Sybille Berg hingegen twittert: «(…) geht kritik auch ohne shitstormklickempörungskanone?», sie schreibe schliesslich auch Bücher, in denen es viele Tote gebe.

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