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Wegen der Corona-Krise in London gestrandet: Wie eine Spanierin viermal versuchte, nach Zürich zu fliegen – und viermal scheiterte

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 29.03.2020 Nils Pfändler

Ausgehverbot in Griechenland, Einreisebeschränkung in der Schweiz, dann Lockdown im Vereinigten Königreich: Die Corona-Krise machte einer Spanierin gleich mehrmals einen Strich durch die Rechnung. Nur einmal hatte die 38-Jährige Glück.

Sicherheitszaun am Flughafen Heathrow: Gloria Martinez sitzt in London fest, an einen Abflug ist derzeit nicht zu denken. Jason Alden / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Sicherheitszaun am Flughafen Heathrow: Gloria Martinez sitzt in London fest, an einen Abflug ist derzeit nicht zu denken. Jason Alden / Bloomberg

Eigentlich sollte Gloria Martinez* längst in Zürich sein. Nach fünf Jahren in London wäre die Spanierin diesen Monat in die Schweiz gezogen, wo ihre beste Freundin und viele Bekannte leben. Sie hätte einen neuen Job bei einem hiesigen Unternehmen angetreten und ihre Wohnung in Schlieren bezogen. Doch es sollte anders kommen.

Denn statt in Zürich einen neuen Lebensabschnitt anzufangen, sitzt Martinez in einem Apartment in Westlondon fest. Grund dafür sind die weltweiten Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus. Aufgrund des Ausnahmezustands verbrachte die 38-Jährige in den letzten Wochen unzählige Stunden in Wartehallen, Flughafenterminals und Hotelzimmern. Sie buchte vier verschiedene Flüge von England in die Schweiz, wurde vier Mal abgewiesen und am Ende auch noch aus ihrem Hotel geworfen. Martinez ist verzweifelt: «Ich gehöre nicht mehr nach London», sagt sie. «Aber momentan gehöre ich wohl nirgendwohin.»

Die Spanierin ist mit ihren Erfahrungen nicht allein. Zehntausende Menschen in Europa stehen in diesen Tagen aufgrund der Corona-Krise vor geschlossenen Toren. Allein an der Schweizer Grenze hat die Eidgenössische Zollverwaltung seit dem 13. März mehr als 24 000 Personen zurückgewiesen. Tatsächlich dürften sich noch einige mehr im Schwebezustand zwischen Ausgangspunkt und Zielort befinden: Menschen wie Gloria Martinez, die es gar nicht erst an die Grenze schaffen.

Dabei hatte vor wenigen Wochen noch alles so gut ausgesehen für die Spanierin. Sie fand in der Schweiz eine neue Stelle, kündigte ihren alten Job und flog vor dem Stellenantritt für ein paar Tage nach Griechenland in die Ferien. Dort holte sie das Coronavirus ein erstes Mal ein. Nach und nach schlossen alle Läden, Bars und Restaurants. Statt Shopping, Rotwein und Tsatsiki hiess es nun für Martinez, tagelang im Hotelzimmer zu verharren und alsbald zurück nach London zu reisen.

Ohnehin stand bald ihr Umzug in die Schweiz an. Doch schon begannen die nächsten Probleme: Eine Speditionsfirma nach der anderen lehnte ihre Anfrage wegen der zunehmenden Verbreitung des Coronavirus ab. Als sie endlich ein Umzugsunternehmen gefunden hatte, blieben ihr nicht einmal zwei Tage Zeit, all ihre Sachen zu packen und die Wohnung zu verlassen.

Ihr erstes Flugticket war auf den Abend des 20. März datiert – just den Tag nachdem der Bundesrat die Einreisebeschränkungen auf sämtliche Drittstaaten ausserhalb des Schengen-Raumes, also auch das Vereinigte Königreich, ausgedehnt hatte.

«Ich flehte ihn an»

Martinez konnte ihr Gepäck trotzdem einchecken und kam auch problemlos durch die Pass- und Sicherheitskontrolle. Erst kurz bevor sie das Flugzeug besteigen wollte, wurde sie aufgehalten. Am Gate beschied ihr ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft, dass sie nicht nach Zürich reisen dürfe. Für die Spanierin war die Nachricht ein Schock. Sie hatte ihre Wohnung bereits aufgegeben, all ihre Sachen waren per Spedition unterwegs in die Schweiz. Sie wusste nicht, wo sie hingehen sollte. «Ich flehte ihn an», sagt Martinez. Doch es nützte nichts.

Insgesamt verbrachte sie an diesem Tag acht Stunden am Londoner Flughafen Heathrow. Informationen, wie sie nun in die Schweiz gelangen könne, erhielt sie nicht. Am Abend wurde sie von Sicherheitsleuten mit zahlreichen anderen Gestrandeten aus dem Flughafen geführt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als in einem nahe gelegenen Hotel ein Zimmer zu beziehen.

Es begann ein Spiessrutenlauf. Weil der Umbuchungsprozess zu lange dauerte, kaufte Martinez in den nächsten Tagen drei weitere Flugtickets im Wert von insgesamt mehr als 1000 Pfund und versuchte ihr Glück immer wieder aufs Neue. Doch bei den nächsten Versuchen liess man sie nicht einmal mehr durch die Sicherheitskontrolle – selbst dann nicht, als sie eine Meldebestätigung für ausländische Staatsangehörige vorweisen konnte.

«Ich war sicher, dass ich alle nötigen Unterlagen hatte», sagt die Spanierin. Die Informationen des Staatssekretariats für Migration (SEM) geben ihr recht. Die Grenzschliessung gelte nicht für Freizügigkeitsberechtigte mit einem beruflichen Grund für die Einreise und einer Meldebestätigung, heisst es auf der Website. All dies ist bei Martinez der Fall.

Wieso sie trotzdem nicht einreisen durfte, wirft auch beim SEM Fragen auf. Der Pressesprecher Lukas Rieder kann sich den Fall nur folgendermassen erklären: «Aufgrund des Chaos, das im Moment herrscht, ist es möglich, dass die Schweizer Regeln und Gesetze nicht überall bekannt sind.»

Alle Londoner Hotels geschlossen

Martinez blieb nichts anderes übrig, als den Flughafen ein weiteres Mal unverrichteter Dinge zu verlassen. Doch es kam noch schlimmer: Weil der britische Premierminister Boris Johnson am vergangenen Montag einen Lockdown für das gesamte Vereinigte Königreich verhängte, schlossen am Mittwoch auch alle Hotels. Martinez drohte plötzlich auf der Strasse zu stehen.

Doch zum ersten Mal seit Tagen hatte die Spanierin Glück. Verzweifelt rief sie ihre ehemalige Vermieterin an und bat um Hilfe. Diese hatte gute Neuigkeiten: Ihre Wohnung stand noch immer leer. Der Grund? Die Nachmieterin konnte wegen des Coronavirus nicht einreisen.

Martinez bleibt bis auf weiteres nicht anderes übrig, als in England zu warten. Alternativen hat sie keine: Ihre Eltern leben in Zentralamerika, wo zurzeit niemand aus Europa einreisen darf. Nach Spanien könnte sie zwar, aber dort hat sie weder einen Job noch Familie. Zudem liefe sie Gefahr, danach Schwierigkeiten bei der Weiterreise zu haben. Spanien steht aufgrund der hohen Anzahl von Ansteckungen in vielen Ländern auf der schwarzen Liste.

«Die Unsicherheit ist das grösste Problem», sagt Martinez. Trotz allem hat sie in den letzten Tagen auch positive Erfahrungen gemacht. Ihr neuer Arbeitgeber unterstütze sie, obwohl sie noch gar nicht im Büro aufgetaucht sei. Auch die Schweizerinnen und Schweizer aus der Alumni-Community ihrer ehemaligen Universität in Barcelona haben bereits Hilfe angeboten. «Ich bin noch nicht einmal in Zürich gelandet und schulde schon so vielen Leuten ein Bier», sagt Martinez und lacht. «Ich darf mich nicht beklagen. Anderen geht es momentan viel schlechter als mir.»

* Name geändert.

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