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Wenn die Langeweile pandemisch wird, hilft nur noch Konsumverzicht

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 05.05.2020 Philipp Tingler

Nicht nur in diesen Tagen stellt sich die Frage: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Langweiligsein und Gelangweiltsein?

Wenn man reich ist und royal, bietet die Welt so furchtbar wenig: Die englische Prinzessin Margaret (mit ;Zigarettenspitze) 1954 bei einem Pferderennen. Ron Case / Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Wenn man reich ist und royal, bietet die Welt so furchtbar wenig: Die englische Prinzessin Margaret (mit ;Zigarettenspitze) 1954 bei einem Pferderennen. Ron Case / Hulton / Getty

Quarantäne ist Langeweile? Das ist keine sehr originelle Einsicht. Ein wenig origineller wird’s, wenn man den Begriff der Quarantäne als Metapher fasst. Auch das Leben im Palast, zum Beispiel, stellt eine Form der Quarantäne dar, eine Isolation und Absonderung, die sich die Betroffenen regelmässig nicht ausgesucht haben.

Können Sie sich noch an Princess Margaret erinnern? Prinzessin Margaret war die jüngere Schwester der englischen Königin Elizabeth II. Sie starb im Jahre 2002 im Alter von 71 Jahren. Als eine der herausragenden Leistungen der scharfzüngigen, schwierigen, modernen Prinzessin wird erwähnt, wie sie eine Streichholzschachtel an ihrem Glas derart zu befestigen wusste, dass sie die nächste Zigarette anzünden konnte, ohne den Drink abzusetzen.

Besagte Leistung ist überliefert in der preisgekrönten Biografie «Ma’am Darling» des englischen Satirikers und Kritikers Craig Brown. In ihrer Besprechung dieses Buches bezeichnete die «New York Times» die Prinzessin als «eine der grossen Missvergnügten des 20. Jahrhunderts», was uns sofort an die Eingangszeile von William Shakespeares Drama «Richard III.» erinnert, in der klassischen Übersetzung von August Wilhelm Schlegel: «Nun ward der Winter unsers Missvergnügens».

Interessanterweise hat Schlegel hier «discontent» mit «Missvergnügen» übersetzt, was eher «malcontent» entspricht, wie es die «New York Times» für Prinzessin Margaret benutzt. Deren Missvergnügen war allerdings von einer anderen Art: Sie wurde im Laufe ihres Lebens immer mehr zu einer Wappenfigur jener kultivierten, überreizten Langeweile, die sich durch Unterforderung nährt und vermehrt. Der Ennui ist hier ein feingewirkter Vorhang, der sich langsam senkt, erlesene Seelenmusik, Lebensüberdruss, dem sich das gelangweilte Bewusstsein schliesslich ergibt, tragisch und herablassend. Die Welt hat zu wenig zu bieten.

Was macht jemanden langweilig?

«Beverly Hills Housewife» ist der Titel eines Gemäldes von David Hockney, das ebenjene kultivierte Langeweile, das Gefühl der leicht apathischen Übersättigung, ironisch widerspiegelt. Das Bild ist nur schon deshalb ironisch, weil es die Pianistin, Fotografin und Kunstpatronin Betty Freeman zeigt, alles andere als eine «housewife». Das Bild zeigt allerdings auch, wie klein der Abstand ist zwischen Melancholie und Langeweile.

Melancholie ist ein Zug, der gelangweilte Menschen interessant machen kann, denn gelangweilte Menschen sind ja nicht dasselbe wie langweilige Menschen. Prinzessin Margaret war oft melancholisch und gelangweilt, aber sie war deshalb selbst keine langweilige Person. Manchmal unangenehm, aber doch stets interessant. Das ist eine wichtige Unterscheidung, wobei sich umso dringender die Frage stellt: Was macht eigentlich eine langweilige Person aus?

Die Frage scheint komplex, und man ist als abwägender Mensch natürlich sofort verlockt, sie mit diversen kulturellen Einschränkungen zu beantworten. Aber man könnte es ja zur Abwechslung auch einmal mit einer einfachen und überzeitlichen Antwort versuchen: Wer langweilig ist, hat keine Fähigkeit zur Distanz. Zum Abstand von der Welt und ihren Phänomenen, besonders jedoch zum Abstand von sich selbst.

Ich meine hier nicht eine intellektuell-reflektierende Distanz, sondern die ironisch-impulsive. Ironie als Haltung verhindert und demontiert geschlossene Selbst- und Weltbilder. Darinnen liegt ihre philosophische Subversion. Ironische Menschen können nicht langweilig sein. Das heisst, andersherum, dass die Langweiligkeit eines Menschen nur sehr bedingt zusammenhängt mit Eigenschaften wie Intelligenz, sozialem Status oder äusserlicher Attraktivität. Auch intelligente, wohlhabende und hübsche Menschen können langweilig sein. Bekanntlich. Leider. Und es ist nicht wahr, dass ihnen dies im Allgemeinen leichter verziehen würde. Im Gegenteil.

Pandemische Langeweile

In unserer Gegenwart, die epochale Tabuverschiebungen erlebt, bleibt «langweilig» eines der schlimmsten Verdikte. In der individualistischen Erlebnisgesellschaft wird allerdings Langweiligkeit oft mit vermeintlicher äusserlicher Konformität oder mit Unsichtbarkeit verwechselt, weshalb viele Menschen glauben, bereits dadurch interessant zu werden, dass sie sich einen Balken über den Unterschenkel tätowieren lassen oder ihre Ernährungsweise zum Identitätsmerkmal erklären. Was dann flugs zur neuen Konformität wird. Wer jemals versucht hat, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der seine Nahrungsaufnahme als Philosophie betrachtet, ahnt, was sich bestätigt, wenn man sich nur ein wenig umguckt: Die Langeweile lauert heute überall.

Das gelangweilte Bewusstsein weiss nicht mehr, wie es den Reichtum der Zeit nutzen soll. Dem entspricht ein singuläres Zeichen unserer Epoche: In beträchtlichem Ausmass ist Langeweile selbst zum Kultur- und Konsumgut geworden. Langeweile entsteht aus einem Mangel an Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt, und auf diesem Beziehungsmangel ist eine ganze Industrie entstanden, von der faden Fast Fashion über die platten Artefakte von Damien Hirst bis zu dem, was mit einem geläufigen Oxymoron als Realitätsfernsehen bezeichnet wird.

Wenn Sie heute «Beverly Hills Housewife» googeln, erscheint mitnichten das Gemälde von Hockney, sondern eine Armada von Damen, die mit ihren angeschweissten Haaren, gebleichten Zähnen, aufgepumpten Lippen und überstrafften Augenpartien allesamt aussehen, als wären sie von irgendeinem Fliessband gefallen. «The Real Housewives of Beverly Hills» läuft seit zehn Jahren als Ableger der im angelsächsischen Raum überaus erfolgreichen «Real Housewives»-Franchise, eines Seriennetzes von Reality-TV-Formaten, das sprühgebräunte, pseudoreale Hausfrauen in ihren überrealen Lebensräumen pseudodokumentiert.

Das Banale, Prototyp des Langweiligen, wird in massenhaftem alltagsmedialem Massstab als Unterhaltungswert verkauft. Das funktioniert einerseits über die Konträrfaszination. Andererseits hat bereits im letzten Jahrhundert der Schriftsteller Alberto Moravia festgestellt, Langweile ähnele der Unterhaltung, weil sie Zerstreuung und Vergessen nach sich ziehe.

Die lohfarbene Langweiligkeit des Real-Housewife-Phänotyps bringt uns zu Bewusstsein, dass die Spätmoderne, in der wir leben, überhaupt keine Ambivalenzen und Kontingenzerfahrungen mehr verträgt. Ihre Welt ist unironisch, beruhend auf dem wichtigsten Dogma unserer Gesellschaft: Sichtbarkeit. Wir lebten in einem «pathologisch visuellen Zeitalter», erklärte kürzlich der britische Kunsthistoriker James Fox, und paradoxerweise scheint dies gleichzeitig zu bedeuten: Die Langeweile wird pandemisch.

Die ständige Revolte

Oder existenzialistisch. Man könnte Formate wie die «Real Housewives» existenzialistisch umdeuten, so wie Albert Camus das mit der Figur des Don Juan getan hat. Camus, der Don Juan bewunderte, sah ihn als Idee und Verkörperung des absurden Menschen, der weiss, dass alles sinnlos ist und dass der Augenblick deswegen gelebt werden muss. Existenzialismus ist ja quasi die Langweiligkeit als philosophisches Programm, und zwar die schlimmste Variante der Langeweile, nämlich die ohne identifizierbaren Gegenstand oder äusseren Anlass. Dafür mit dieser vagen Leere, wenn aus dem Grund der Seele der Ennui aufsteigt, die Schwärze, die Traurigkeit, das Phlegma, verursacht durch das nichtige Ganze der Existenz.

In der existenzialistischen Langeweile zeigt sich die Freiheit des Menschen als Herausforderung. Man kann versuchen, ihr begegnend den Augenblick zu leben, indem man beispielsweise konsumiert. Nicht nur Sex, wie Don Juan, sondern Waren, Followers, Aktienkurse. Wir stehen möglicherweise vor einer Zeit, in der zur Wiederbelebung der Wirtschaft zu Konsum aufgerufen wird, mit dem gleichen moralischen Anspruch, der vor der Krise die Verzichtsappelle zum Klimaschutz begleitete.

Das ist richtig und wichtig. Und zugleich könnte man ja inskünftig trotzdem versuchen, weniger von diesen langweiligen Wegwerfprodukten jeder Art zu verbrauchen. Woran Sie die erkennen? Ganz einfach: daran, dass Ihnen etwas daran auf den ersten Blick banal vorkommt. Und sei es der Preis.

Philipp Tingler ist Schriftsteller, Philosoph und Literaturkritiker.

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