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Wie der erfolgreichste Bundesanwalt zum Buhmann wurde

Der Bund-Logo Der Bund 12.05.2020

Wegen seiner Geheimtreffen wurde aus einem glanzvoll Gewählten ein Gehetzter. Doch die wahren Gründe für Michael Laubers beispiellosen Abstieg liegen tiefer.

2011 wird Lauber zum Bundesanwalt gewählt. Vielen gilt er als bester überhaupt. © Foto: Peter Klaunzer (Keystone) 2011 wird Lauber zum Bundesanwalt gewählt. Vielen gilt er als bester überhaupt.

Selten lässt sich ein Karrierehöhepunkt besser datieren: Am 17. Juni 2015 erreichte Michael Lauber seinen. Das Parlament wählte den Bundesanwalt für eine zweite Amtszeit. Glanzvoll. Mit 195 von 215 Stimmen.

BBC und Reuters schalteten live in Laubers anschliessende Medienkonferenz. Natürlich nicht um zu berichten, dass ein Pfarrerssohn aus dem Solothurnischen einen tollen «Attorney General of Switzerland» gab. Sondern weil Michael Lauber damals sein Schweigen brach zu seinem neuesten und heissesten Fallkomplex.

In den Monaten zuvor hatte der Bundesanwalt sich mit den Mächtigen des Weltfussballs angelegt. Im Zürcher Baur au Lac hatte die Polizei mehrere Fifa-Funktionäre aus den Federn geholt, um sie an die USA auszuliefern.

Die Amerikaner zogen in den Kampf gegen die korruptionsverseuchte Sportspitze. Und Michael Lauber war fest entschlossen mitzuziehen. Er wollte nachholen, was seine Vorgänger und auch die Zürcher Staatsanwaltschaft jahrzehntelang versäumt hatten. Scheu vor grossen Namen wie Sepp Blatter oder Franz Beckenbauer zeigte der Jurist auf seinem Karrierehöhepunkt keine.

Hohes Pressing auf Holperrasen

Endlich traute sich jemand, das Schmiergeldwesen im Fussball zu untersuchen. Lauber wollte herausfinden, ob die Weltmeisterschaften wegen Bestechung an Russland und Katar gegangen waren. Doch bereits bei Anpfiff war Beobachtern des Bundesanwalts klar: Der Kampf wird hart.

«Die Sache hat alles, um zum Fall seines Lebens zu werden», schrieben wir am glanzvollen Wiederwahltag über Michael Lauber und prophezeiten: «Mit den Ermittlungen wegen ‹Unregelmässigkeiten› bei den WM-Vergaben 2018 und 2022 hat der Yoga-Anhänger ein riskantes Verfahren eröffnet. Strafrechtlich hat sich die Bundesanwaltschaft auf einen Holperrasen begeben.»

Trotz wenig griffiger Schweizer Korruptionsparagrafen spielten die Ermittler hohes Pressing. Mit mehr als zwei Dutzend Fussball-Strafverfahren übernahmen sie sich hoffnungslos, wie sich heute, ein halbes Jahrzehnt später, deutlich zeigt: Nur kleine Nebenfälle konnten die Ermittler bislang erfolgreich abschliessen.

Der Fall seines Lebens ist für Michael Lauber endgültig zum Unfall seines Lebens geworden.

Auf dem Hauptfeld, dem Holperrasen, kassierte die Schweizer Justiz zuletzt herbe Kanterniederlagen: Der Sommermärchen-Fall um Millionentricksereien vor der Fussball-WM 2006 in Deutschland ist kürzlich verjährt. Im Prestigeverfahren machte die Bundesanwaltschaft keine bella figura. Doch mindestens ebenso trugen das Bundesstrafgericht und das Coronavirus zum Scheitern bei.

Andere gross angekündigte Ermittlungen, so jene gegen Sepp Blatter, dümpeln vor sich hin und sollen jetzt teilweise ergebnislos eingestellt werden.

Alles steht unter einem schlechten Stern: Seinen Leiter Wirtschaftskriminalität sowie den Fussball-Taskforce-Chef hat der Bundesanwalt aus nie transparent gemachten Gründen abgesetzt. Das Bundesstrafgericht hat ihn selber für befangen erklärt wegen seiner Geheimtreffen mit Fifa-Boss Gianni Infantino. Damit war jahrelange Ermittlungsarbeit für die Katz. Lauber musste sich aus dem ganzen Fussballkomplex zurückziehen. Nun droht ihm wegen der Affäre um die nicht protokollierten Zusammenkünfte mit Infantino die Amtsenthebung.

Der Fall seines Lebens ist für Michael Lauber endgültig zum Unfall seines Lebens geworden.

Immerhin soll nun im September eine Anklage gegen den ehemaligen Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sowie den Chef des Topclubs Paris St-Germain, Nasser al-Khelaifi, in Bellinzona verhandelt werden. Ein Tor würde dem Spiel guttun, doch die beiden Beschuldigten wehren sich vehement.

Der Anti-Abenteurer

Selbst bei einem Erfolg dürfte der Bundesanwalt bei jenen der Buhmann bleiben, die ihm noch im Sommer 2015 zur glanzvollen Wiederwahl verholfen hatten. In seinen ersten vier Jahren hatte es Lauber darauf angelegt, alles bedacht anzugehen. «Wir machen keine Abenteuer mehr», gab er in einem Interview mit Blick auf Mafiafälle als Devise aus. Damit stellte er öffentlich seine Kämpfer gegen organisierte Kriminalität als Abenteurer hin. Intern rumorte es ein wenig.

Zuvor hatte Lauber Ruhe in eine Behörde gebracht, bei der Unruhe Programm war. Schlappen vor Gericht, die zuvor zur Bundesanwaltschaft gehörten, blieben in seinen Anfangsjahren weitgehend aus. Grosserfolge allerdings ebenso.

Trotzdem wurde Lauber von nicht wenigen als erfolgreichster Bundesanwalt überhaupt gehandelt. Vieles machte er richtig.

Verfahren gegen Fifa-Funktionäre 2015: Lauber mit der US-Generalstaatsanwältin Lynch. © Foto: Anthony Anex Verfahren gegen Fifa-Funktionäre 2015: Lauber mit der US-Generalstaatsanwältin Lynch.

Seine Position der Stärke nutzte er nicht nur für sanfte Reformen, sondern auch, um fünf altgedienten Staatsanwälten mitzuteilen, dass er sie nicht wiederwählen wolle. Mit den Entlassungen schuf sich der Bundesanwalt Feinde fürs Leben. Doch gefährlich werden konnte ihm niemand, so unbestritten war er. Lauber konnte es sich sogar leisten, die Rauswürfe nicht gesetzeskonform durchzuziehen. Ein Rüffel vom Gericht, das ihm Entlassungskosten von über einer Million aufbrummte, schienen ihn nicht gross zu kümmern.

Die Personalpolitik offenbarte: Auf dem Höhepunkt der Macht handelte Lauber nicht mehr umsichtig. Der Zweck heiligte plötzlich die Mittel. Damit machte sich der Bundesanwalt angreifbar – und dies zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Nach gemächlichen Jahren kam auf einmal enorm viel zusammen. Nicht nur der Kampf gegen die Fussballkorrupten forderte, ja überforderte die Institution. Auch islamistische Aktivitäten im Land, bis hin zu einem verhinderten Attentat, und die vielen Jihadreisen beanspruchten die Bundesanwaltschaft plötzlich stark.

Es tauchten auch noch zwei internationale Grossfälle auf, die noch gigantischer waren als der Fifa-Komplex: Die Strafverfolger des Bundes spielten eine Schlüsselrolle bei der Aufdeckung des Schmiergeldsystems um den brasilianischen Energieriesen Petrobras und im Milliardenskandal um den malaysischen Staatsfonds 1MDB. Das trug Lauber und seinen Leuten vor allem international viel Lob ein. Raue Mengen bei Schweizer Banken gebunkertes Schwarzgeld konnte dorthin zurückerstattet werden, wo sie abgezweigt worden waren.

Viele – insbesondere die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft – sind überzeugt, dass Lauber schlicht nicht die Wahrheit sagt.

Der Aufwand war enorm. Die Bundesanwaltschaft kam an den Anschlag. Doch ihr Chef war in seinem Element. Mit vielen Reisen versuchte er, die Riesenfälle voranzubringen und Verfahrenshindernisse zu beseitigen. Ob in Bern, Brasília oder Kuala Lumpur – Lauber tat, was er am besten kann: direkt kommunizieren, von Angesicht zu Angesicht, immer einnehmend. Seinem legendär festen Händedruck folgten weltweit vertiefte und verbindliche Gespräche.

Bei der Auswahl seiner Gesprächspartner liess Lauber aber bisweilen jedes Gespür vermissen.

Einmal kam er mit dem schillernden Schweizer Ex-Botschafter in Berlin zusammen, mit Thomas Borer, der aggressiv für Kasachstan lobbyierte. Gleich dreimal traf Lauber ganz inoffiziell Gianni Infantino. Dies tat er, obwohl der Fifa-Präsident in einem der Fussballfälle potenzieller, wenn auch nie offizieller Beschuldigter war. Für einen Lobbyisten im Dienste von Liechtensteiner Banken, der Lauber einst war, wäre alles weniger ein Problem gewesen. Für den obersten Vertreter der Schweizer Strafverfolger wurde es ein unüberwindbares.

: Der Fifa-Präsident wollte mit Lauber über ein Strafverfahren sprechen, bei dem die Bundesanwaltschaft ein Vertragswerk untersuchte, das er noch als Uefa-Mitarbeiter mitunterzeichnet hatte. Der Fall wurde später eingestellt, was zu vielen Spekulationen führte.

Der Bundesanwalt beteuerte, die Treffen hätten da null Einfluss gehabt. Doch es trug wenig zu seiner Glaubwürdigkeit bei, dass er und gleich auch noch drei weitere Involvierte eine der drei Zusammenkünfte mit Infantino «vergessen» hatten. Das kannte das Publikum von Verdächtigen in Krimis. Aber nicht vom Bundesanwalt.

Die kollektive Erinnerungslücke blieb unerklärlich und unerklärt. Viele – insbesondere die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft – sind überzeugt, dass Lauber schlicht nicht die Wahrheit sagt.

Deshalb klammert er sich an sein Amt

Und wie reagierte der Bundesanwalt? In einer denkwürdigen Medienkonferenz fuhr der lange so Vorsichtige seinen Aufsehern an den Karren. Und konterte Rücktrittsforderungen mit der Losung: «Jetzt erst recht.»

Das war vor einem Jahr. Für eine zweite Wiederwahl sah es schlecht aus. Doch der geborene Krisenkommunikator Lauber gab nicht auf und schaffte das Unmögliche, hauchdünn.

Noch grosszügiger sah die Mehrheit aus National- und Ständerat diesmal über die eher dürftige Fallbilanz hinweg. In der zweiten Amtszeit hatte Lauber zwar einige Höhepunkte erlebt, darunter die Verurteilungen der Schaffhauser IS-Zelle, von Bankdatendieben, von geldwaschenden Bankern oder von Grossbetrüger Dieter Behring.

Doch seine Behörde bekundete weiterhin ihre Mühe mit jenen, die ihr Dasein berechtigen. Mit den ganz schweren Jungs tut sie sich nach wie vor schwer, .

Lauber bei seiner Wiederwahl als Bundesanwalt im September 2019 in Bern. © Foto: Peter Klaunzer (Keystone) Lauber bei seiner Wiederwahl als Bundesanwalt im September 2019 in Bern.

Nur noch nationale TV-Kameras warteten im September 2019 auf den eben Wiedergewählten. Ein müde wirkender Michael Lauber sagte: «Ich werde mich gestärkt weiterhin einsetzen für eine wirksame, eine unabhängige und eine moderne Strafverfolgung auf Bundesebene.»

Ohne eine einzige der vielen offenen Fragen zu beantworten, verschwand der Bundesanwalt vor einem Dreivierteljahr komplett aus der Öffentlichkeit. Seine ausgebaute Kommunikationsabteilung schirmt seither Lauber und gleich auch alle anderen Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft ab.

Heute scheint alles, was zwischenzeitlich besser war, wie früher: Schlappen sind zurück, und niemand kommuniziert. Der Bundesanwalt, finden plötzlich selbst Parlamentarier, die ihn vor kurzem im Amt bestätigten, muss weg.

Und Lauber selber? Er fühlt sich massiv missverstanden, von der Politik, von den Medien und vor allem von seinen Aufsehern, die ihn als illoyalen und pflichtvergessenen Lügner hingestellt haben. Der Bundesanwalt wehrt sich juristisch gegen ihre Disziplinierung und eine achtprozentige Lohnkürzung. Freunde, Juristen, die nach wie vor zu ihm halten, räumen seiner Beschwerde durchaus gute Chancen ein.

Träte Michael Lauber zurück, würde das Bundesverwaltungsgericht den Fall wohl einstellen. Dem schonungslosen Verdikt der Aufseher würde es nichts mehr entgegensetzen. Der fünfzehnte Bundesanwalt will nicht so in die Geschichte eingehen. Deshalb klammert er sich an sein Amt.

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