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Wie sich Djokovic mit einer Tennis-Party in den Abgrund ritt – und dabei Corona kriegte

watson.ch-Logo watson.ch 23.06.2020 Philipp Reich
Teaserbild © keystone Teaserbild Dimitrov, Djokovic, Troicki und Coric – sie alle sind mit dem Coronavirus infiziert. © keystone Dimitrov, Djokovic, Troicki und Coric – sie alle sind mit dem Coronavirus infiziert. Mitte Mai hat Novak Djokovic eine Idee: Die Weltnummer 1 ruft mitten in der ATP-Pause die Adria Tour ins Leben. Trotz der weltweiten Corona-Pandemie entwickelt sich diese zur grossen Tennis-Party. Doch es ist wie im richtigen Leben: Der grosse Kater folgte prompt. Eine Chronologie der Ereignisse.

22. Mai

Die weltweite Tennis-Tour steht seit Mitte März still. Noch bis mindestens Ende Juli sollen wegen der Corona-Pandemie keine ATP- und WTA-Turniere stattfinden, da kündigt Novak Djokovic an, dass er eine eigene Turnierserie ins Leben rufen will.

Die «Adria Tour» soll vom 13. Juni bis 15. Juli in Serbien, Kroatien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina stattfinden, wie die PR-Abteilung des Serben vermeldete. Djokovic werde bei allen Turnieren antreten, daneben hätten bereits der Österreicher Dominic Thiem (ATP 3) und der Bulgare Grigor Dimitrov (ATP 19) zugesagt. Gespielt wird ohne Gage für den guten Zweck. Als TV-Partner sitzt Eurosport mit im Boot.

Ob Zuschauer zugelassen werden, steht noch nicht fest. «Bis Mitte Juni kann noch einiges passieren, ein bisschen Zeit haben wir noch», sagt Djokovic. «Wie alles, was mit Corona zu tun hat, ist auch das sehr abhängig von der aktuellen Entwicklung.»

3. Juni

In Serbien sind Sportveranstaltungen mit bis zu 1000 Zuschauern ab dem 1. Juni wieder erlaubt. Bedingung ist, dass ein Mindestabstand von einem Meter eingehalten werden kann. Djokovic und seine Entourage geben bekannt, dass bei der Adria Tour vor Publikum gespielt wird. Die 1000 Tickets sind bereits nach sieben Minuten weg.

Kurz darauf beschliesst die serbische Regierung, dass bei Sportveranstaltungen unter freiem Himmel wieder unbegrenzt Zuschauer zugelassen sind. Die Adria-Tour-Organisatoren planen nun auf dem Areal des Novak Tennis Centre in Belgrad eine Arena für bis zu 4000 Zuschauer.

Djokovic posiert stolz vor dem Kalender seiner Adria Tour. © AP Djokovic posiert stolz vor dem Kalender seiner Adria Tour.

6. Juni

In New York wird über eine mögliche Durchführung des US Open debattiert. Die Organisatoren stellen ihre Hygiene- und Sicherheits-Massnahmen vor. Für Novak Djokovic sind diese allerdings inakzeptabel: «Diese Regeln sind extrem. Wir hätten keinen Zugang nach Manhattan, müssten in Hotels am Flughafen schlafen und zwei oder drei Mal pro Woche getestet werden», erklärt die Weltnummer 1. «Das ist wirklich unmöglich. Ich meine, du brauchst einen Coach, einen Fitnesstrainer und einen Physiotherapeuten.»

Spieler ausserhalb der Top 100 werfen Djokovic Egoismus vor. Während der Präsident des ATP-Spielerrats seine eigene Mini-Serie für die Tennis-Elite ins Leben rufe, kümmere er sich nicht um die Anliegen der weniger gut betuchten Athleten.

10. Juni

Trotz seiner Position als Präsident des Spielerrats der ATP nimmt Djokovic nicht an einer Videokonferenz mit 400 Spielern, Trainern und Funktionären teil, um über die aktuelle Situation im Tenniszirkus zu diskutieren. In einem TV-Interview deutet er aber an, dass er die US Open wohl auslassen werde und stattdessen im September beim French Open auf die Tour zurückkehren werde.

Am Abend verfolgen in Belgrad rund 20'000 Fans den Fussball-Cup-Halbfinal zwischen den Stadtrivalen Partizan und Roter Stern (1:0) im Stadion. Die Zuschauer stehen auf den Tribünen dicht beieinander, ohne den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von einem Meter einzuhalten. Trotz mahnender Worte aus dem Ausland werden die Hygiene-Massnahmen nicht neu diskutiert.

11. Juni

Inmitten der Diskussionen um die Austragung des US Open zeigt Djokovic an einem Fussball-Plauschspiel mit seinen Adria-Tour-Kollegen und einigen serbischen Ex-Fussballern, dass «Social Distancing» kein grosses Thema mehr für ihn ist. Man umarmt sich, jubelt miteinander, als wäre das Coronavirus längst besiegt.

12. Juni

Einen Tag vor Turnierstart beginnen die offiziellen Veranstaltungen rund um die Adria Tour. Beim Kids Day posieren die Tennis-Stars mit über 100 Kindern für Fotos und auch bei den Interviews mit den Journalisten sind Hygiene- und Abstandsregeln kein Thema.

13. Juni

In Belgrad beginnt bei frühsommerlichem Wetter die Adria Tour. Die Tribünen sind bestens besucht, die geforderten Mindestabstände von einem Meter können im Stadion allerdings nicht eingehalten werden. Nur wenige Zuschauer tragen die empfohlenen Masken. Auch die Spieler kümmern sich nicht um die Hygiene-Regeln: Es gibt Umarmungen hier, Handshakes da und sogar ein Küsschen ist ab und zu zu sehen.

Volle Tribünen in Belgrad. © keystone Volle Tribünen in Belgrad. Djokovic umarmt seinen Kumpel Viktor Troicki. © keystone Djokovic umarmt seinen Kumpel Viktor Troicki. Eine Selfie mit den Fans – kein Problem! © keystone Eine Selfie mit den Fans – kein Problem!

14. Juni

Am Sonntag geht die erste Etappe der Adria Tour in Belgrad mit dem Sieg von Dominic Thiem zu Ende. Wieder sind 4000 Zuschauer gekommen, wieder sitzen sie eng zusammen gepfercht auf der Tribüne. Die Bilder suggerieren weiterhin eine heile Welt, die völlig verschont geblieben ist vom Coronavirus. Und das in einer Zeit, in der fast alle Sportveranstaltungen weltweit ausgesetzt sind oder ohne Zuschauer stattfinden müssen.

«Wir waren Top-Spieler und wir spielten vor einer grossen Kulisse. Das war mein erstes Mal in Serbien und es war fabelhaft. Es war ein perfektes Wochenende», kommentierte Dominic Thiem die zwei Tage von Belgrad.

Ein Blick in die Zuschauerränge im Novak Tennis Centre von Belgrad. © keystone Ein Blick in die Zuschauerränge im Novak Tennis Centre von Belgrad. Djokovic feiert mit den Spielern und Volunteers das Ende des Turniers von Belgrad. © keystone Djokovic feiert mit den Spielern und Volunteers das Ende des Turniers von Belgrad.

15. Juni

Am späten Sonntagabend war offenbar noch eine Party angesagt. Bereits am Tag darauf taucht ein Video auf, in dem der beste Tennisspieler der Gegenwart mit Alexander Zverev und Dominic Thiem oben ohne tanzend die Nacht zum Tag werden lässt. Djokovic gibt den Animateur und singt – sogar mit Klavier-Begleitung.

Video wiedergeben

Die Bilder gehen um die Welt und Djokovic wird wegen der laschen Hygiene-Massnahmen harsch kritisiert. «Wir tun, was die serbische Regierung entscheidet», wiegelt der «Djoker» die Nachfragen ab. Dass die Corona-Fallzahlen auch in Serbien seit den Lockerungen wieder steigen, kommentiert er so: «Natürlich ist es schrecklich, aber das Leben geht weiter. Als Sportler freuen wir uns auf den Wettbewerb. Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, was richtig und falsch für die Gesundheit ist.» Die Leute würden nicht begreifen, dass Serbien nicht Amerika sei. «Das Virus ist hier unter Kontrolle.»

18. Juni

Die Adria Tour zieht weiter nach Zadar. In der kroatischen Hafenstadt wurde ein Stadion für 9000 Zuschauer aus dem Boden gestampft.

Auch in Kroatien werden die Hygiene-Massnahmen eher locker interpretiert. In der Innenstadt von Zadar kommen hunderte Schaulistige, um zu sehen, wie Djokovic, Alex Zverev, Borna Coric und Grigor Dimitrov einen kleines Plausch-Mätschli spielen.

Die Tennis-Stars schauen ausserdem noch beim Basketball-Klub KK Zadar vorbei und absolvieren auch dort ein kleines Testspiel – mit vollem Körperkontakt notabene.

19. Juni

Djokovic gibt bekannt, dass er nun doch am US Open teilnehmen werde. Grund dafür sind die von den Turnierveranstaltern gelockerten Sicherheitsmassnahmen. Statt nur einer Begleitperson dürfen die Spieler nun drei dabei haben. Angenehm ist für die Stars zudem, dass die Einquartierung in den zwei offiziellen Turnier-Hotels nicht mehr obligatorisch ist. Wer es sich leisten kann, darf sich – wie es auch in Wimbledon üblich ist – ein Privathaus mieten.

20. Juni

Grigor Dimitrov fühlt sich am Samstagmorgen nicht richtig fit. Trotzdem tritt er am Nachmittag zum Duell mit dem kroatischen Lokalmatadoren Borna Coric an. Nach der 1:4, 1:4-Niederlage gibt er seinem Gegner und dem Stuhl-Schiedsrichter jedoch nicht die Hand, sondern sucht nur Kontakt von Faust zu Faust. Für seine nächste Partie wird die Weltnummer 19 dann durch Nino Serdarusic ersetzt. Dimitrov fordert den Physiotherapeuten an, um sich am rechten Ellbogen behandeln zu lassen. Am Abend fliegt er zurück in seine Wahlheimat Monaco.

21. Juni

Kurz vor dem Final zwischen Novak Djokovic und dem Russen Andrey Rublev betreten die Turnierveranstalter Djordje Djokovic und Goran Ivansevic den Platz. Sie verkünden, dass Grigor Dimitrov in Monaco positiv auf das Coronavirus getestet worden sei, und sagen den Final ab. Sämtliche Spieler werden noch am Abend im Institut für öffentliche Gesundheit in Zadar getestet, nur Djokovic nicht. Die Weltnummer 1 fliegt umgehend nach Serbien. Er wolle dort entscheiden, wie er mit dieser Situation verfahren wolle. Sein Team erklärt, dass es ihm gut gehe und er keinerlei Symptome verspüre.

22. Juni

Wegen dem fahrlässigen Umgang mit den Hygiene- und Sicherheitsvorschriften geht ein Aufschrei um die Welt. Zahlreiche Prominente aus der Tennis-Szene kritisieren Djokovic und seine Adria Tour aufs Schärfste, da flattert schon die nächste Hiobsbotschaft rein. Mit Borna Coric, Djokovics Fitnesstrainer Marko Paniki und Dimitrovs Trainer Christian Groh wurden drei weitere Protagonisten der Adria Tour positiv getestet. Am Abend kommt mit Viktor Troicki ein vierter Infizierter dazu, während Djokovic immer noch beharrlich zum Thema schweigt.

23. Juni

Djokovic gibt am Nachmittag bekannt, dass auch er und seine Frau Jelena mit dem Coronavirus infiziert sind. Djokovic zeige keine Symptome und begebe sich nun in eine 14-tägige Quarantäne. In seiner Erklärung versucht die Weltnummer 1 die Wogen zu glätten: «Alles, was wir im vergangenen Monat gemacht haben, passierte mit reinem Herzen und ernsthaften Absichten», verteidigt er die Adria Tour, mit der er Spenden sammeln und seinen Kollegen Spielpraxis verschaffen wollte.

Doch die Kritik wächst weiter. Als «Horror-Show» fasst der brasilianische Tennis-Profi Bruno Soares das Geschehen treffend zusammen. Der Doppel-Spezialist ist Mitglied im ATP-Spielerrat, dessen Präsident Djokovic ist. «Enorme Unverantwortlichkeit und grosse Unreife», urteilt Soares im brasilianischen Sender GloboEsporte.

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