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«Wir fliegen für Badeferien nach Rhodos, man darf ja jetzt wieder» – das Coronavirus löst bei manchen Reisenden einen neuen Typus der «Flugscham» aus

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.07.2020 Rebekka Haefeli

Die Flugzeuge heben wieder ab in Zürich, allerdings in noch deutlich geringerer Zahl als vor dem Lockdown. Für viele Passagiere, die in die Sommerferien verreisen, ist das Fliegen mit einem seltsamen Prickeln verbunden.

Am ersten Wochenende der Zürcher Sommerferien werden 2020 markant weniger Flugpassagiere abgefertigt als in anderen Jahren. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Am ersten Wochenende der Zürcher Sommerferien werden 2020 markant weniger Flugpassagiere abgefertigt als in anderen Jahren. Karin Hofer / NZZ

Die Nervosität ist im Zug in Richtung Flughafen Zürich spürbar. Ein Mann mittleren Alters mit Rucksack weist vier Jugendliche harsch darauf hin, dass sie die Schutzmasken wie alle anderen über Nase und Mund zu ziehen hätten. Die Teenager haben es sich in einem Viererabteil in der Nähe der Tür bequem gemacht. Sie fahren weiter, in Richtung Ostschweiz.

Kondome, Regenschutz, Schutzmaske

Das einzige Mädchen in der Gruppe telefoniert während der Fahrt mit einer Freundin. Ihren Aussagen ist zu entnehmen, dass die beiden demnächst nach Amsterdam verreisen. Die männlichen Jugendlichen unterbrechen ständig das Telefonat und scherzen: «Nehmt Kondome mit! Vergesst nicht Regenschutz und Schutzmasken!» Auch Gespräche unter Teenagern klingen dieses Jahr anders.

Am Flughafenbahnhof spucken die Züge an diesem Samstagnachmittag deutlich weniger mit Taschen und Koffern beladene Reisende aus als sonst zu Beginn der Zürcher Sommerferien. Auf den Rolltreppen gibt es nicht das übliche Gedränge, und auch weiter oben, im Airport-Shopping, bekommt bestimmt niemand Klaustrophobie.

Nur beim Check-in 1 hat sich vorübergehend eine lange Schlange gebildet, die durch die halbe Halle mäandert. Die ungeduldig Drängelnden gibt es auch hier, doch die Leute halten insgesamt einigermassen Abstand. Die Mehrheit der Wartenden trägt wie empfohlen Masken.

Desinfektionsmittel ;gibt es am Flughafen Zürich aus dem Automaten. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Desinfektionsmittel ;gibt es am Flughafen Zürich aus dem Automaten. Karin Hofer / NZZ

Sehnsucht nach Meer

Möchte man von den Passagieren erfahren, wohin sie fliegen werden und mit welchen Gefühlen sie diese erste Flugreise nach dem Lockdown antreten, erweist sich dies als knifflig. Während viele bis vor kurzem, ohne mit der Wimper zu zucken, geflogen sind, begannen sich einige bereits letztes Jahr dabei ein wenig zu schämen. Damals wegen der Klimadebatte.

Diesen Sommer scheint eine neue Art von «Flugscham» viele Reisende befallen zu haben. Sofort rechtfertigen sie sich dafür, ihrem Fernweh und ihrer Sehnsucht nach Sonne und Meer trotz dem Virus nachgegeben zu haben. Dabei zweifelt gar niemand daran, dass sie sich ihre Ferien redlich verdient haben und sie sich mit Salz auf der Haut in den Sommerferien einfach am besten erholen.

Eine vierköpfige Familie nähert sich dem Check-in. Eines der Kinder thront auf den Koffern, die der Vater auf dem Wägelchen vor sich herschiebt. Die Mutter hält die Reisedokumente vorbereitet in der Hand. «Wir fliegen für Badeferien nach Rhodos, man darf ja jetzt wieder», erzählen die Eltern. «Freunde haben uns in ihr Ferienhaus eingeladen.» Ob sie ihre Reise lange vorher geplant haben? «Wir haben uns kurzfristig entschieden, aufgrund der aktuellen Corona-Lage. Auf Rhodos gibt es bis jetzt nur ganz wenige Fälle.»

In diesen Sommerferien gehören Gesichtsmasken mit auf die Reise. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung In diesen Sommerferien gehören Gesichtsmasken mit auf die Reise. Karin Hofer / NZZ

Mallorca ohne Ballermann

Eine andere Familie, ein Paar mit drei Kindern, fliegt nach Kreta. Sie haben im Dezember gebucht und seither einige Male gezittert, ob die Reise stattfinden werde. Ihren Namen möchten sie wie die erste Familie nicht nennen, und fotografiert werden wollen sie schon gar nicht. Schnell wendet sich die Frau ab; ihre Körpersprache ist eindeutig. Der Mann erklärt, von seinem Büro fliege sonst niemand ins Ausland. Wenn er sich mit der Familie nun auch noch in den Medien zeigen würde, könnte das niemand verstehen.

Das Ziel der Maturareise von Johanna (links) und Sophia aus Bregenz ist Mallorca. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Das Ziel der Maturareise von Johanna (links) und Sophia aus Bregenz ist Mallorca. Karin Hofer / NZZ

Zwei junge Frauen sehen das lockerer. Johanna und Sophia, zwei 19- beziehungsweise 18-jährige Schulfreundinnen, fliegen mit drei weiteren Kolleginnen nach Mallorca. Die Österreicherinnen aus Bregenz haben sich von den Eltern mit dem Auto nach Zürich fahren lassen. Sie werden auf Mallorca ihre Matura feiern. «Aber ohne Ballermann und Menschenmassen», wie sie betonen. Übernachten werden sie im Haus einer Freundin, auf dem Land, wo sie sich vor dem Coronavirus weitgehend geschützt fühlen.

Der Geräuschpegel in der Check-in-Halle ist nicht hoch; ganz anders als an einem Samstag zu Beginn der Sommerferien ohne Corona-Pandemie. Im Vergleich mit anderen Jahren werden 2020 deutlich weniger Passagiere abgefertigt. Laut einer Sprecherin des Flughafens Zürich steigen an Spitzentagen in der Sommerferienzeit in normalen Zeiten rund 115 000 Passagiere in Zürich um, fliegen von hier aus weg oder kommen hier an. An diesem Wochenende seien es täglich rund 25 000; also nicht einmal ein Viertel der üblichen Anzahl Passagiere.

Kleine Dramen

Die Monitoren mit den Abflügen bleiben zu mehr als zwei Dritteln leer. Der Flug nach Mykonos ist rot gekennzeichnet, er wurde «cancelled», ebenso derjenige nach Korfu. Dubai, Rhodos, Heraklion, Berlin und Palma de Mallorca werden an diesem Nachmittag ab Zürich aber angeflogen. Genau wie eine Handvoll weiterer Destinationen. Das grosse Durcheinander zu Ferienbeginn bleibt dieses Jahr zwar aus, was jedoch kleine Dramen beim Check-in nicht ausschliesst.

Ein 3-jähriger Bub soll eine Schutzmaske anziehen, wegen der vielen umstehenden Leute und weil es so auf Plakaten steht und mit Lautsprecherdurchsagen regelmässig empfohlen wird. Das Kind wehrt sich, der Junge will die Maske partout nicht haben. Die Eltern kapitulieren.

Die Familie Wybo ;muss vor der Abreise des Sohnes am Swiss-Schalter eine Frage klären. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Familie Wybo ;muss vor der Abreise des Sohnes am Swiss-Schalter eine Frage klären. Karin Hofer / NZZ

Mittlerweile warten viele Leute vor dem Ticketschalter der Swiss. Unter ihnen ist die Familie Wybo aus Rüti im Zürcher Oberland. Der 11-jährige Sohn Noël wird demnächst in Spanien erwartet, wo er bei einer befreundeten Familie Ferien machen wird. Ein 13-jähriges Mädchen fliegt mit. Nun wollen sich die Eltern versichern, dass die beiden ohne Begleitung eines Erwachsenen reisen können. «Telefonisch sind wir nicht durchgekommen», erzählen sie, «jetzt stehen wir halt hier.»

Die grosse Quarantänefrage

Beim Check-in 2 ist es noch ein Stück ruhiger. Lounge-Musik klingt durch die fast leere Halle, von weit her ist Babygeschrei zu hören. Im Souvenirshop, in der Bäckerei und in der Apotheke hat es nur wenige Kunden; das Verkaufspersonal bleibt zwischendurch lange allein.

Vor den Schranken, die mit «Security Control» und «Departure» beschriftet sind, steht einsam ein Mann. Er blickt in die Ferne, die rechte Hand erhoben, und winkt lange. Von hinten sind eine weggehende Frau und ein Mädchen zu sehen, die immer kleiner zu werden scheinen. Das Kind bleibt stehen und winkt zurück. Erst als die beiden aus seinem Blickfeld verschwunden sind, dreht sich der Mann um.

Pajo Riza macht die lange Trennung von der Frau und der Tochter zu schaffen. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Pajo Riza macht die lange Trennung von der Frau und der Tochter zu schaffen. Karin Hofer / NZZ

Pajo Riza hat feuchte Augen, als er erzählt, er werde seine Frau und seine 7-jährige Tochter, die er soeben verabschiedet hat, fast fünf Wochen lang nicht mehr umarmen können. «Sie fliegen nach Pristina und werden die betagte Grossmutter besuchen. Meine Frau hat ihre Mutter wegen Corona sehr lange nicht gesehen.» Diese Reise habe viele Diskussionen ausgelöst, sagt Riza. Er ist besorgt um seine Familie.

Wenn die Frau und die Tochter in die Schweiz zurückkehren, werden sie sich zehn Tage in Quarantäne begeben müssen. Denn Kosovo steht auf der Liste der Risikoländer, die der Bund erstellt hat. «Wir haben abgemacht, dass ich für die Dauer der Quarantäne im Geschäft schlafen werde», erzählt Riza. Der Gedanke daran scheint ihm schon jetzt Bauchweh zu machen.

Information «nachjustiert»

Um die Quarantänepflicht hat es in der vergangenen Woche etwas Wirbel gegeben. Medien hatten angezweifelt, dass die aus Risikoländern einreisenden Passagiere genügend über die Bestimmungen informiert würden. Eine Flughafensprecherin sagt, man habe in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) «nachjustiert» und zusätzliche Plakate aufgehängt. Ausserdem würden Informationsblätter an die ankommenden Passagiere ausgehändigt.

Eine Sprecherin der Swiss hält fest, die Fluggesellschaft informiere die Reisenden jeweils vor dem Flug im Abreiseland am Gate, unmittelbar vor dem Boarding, über die neuen Einreisebestimmungen. Am Donnerstag habe die Swiss seitens des BAG zusätzlich die Anweisung erhalten, an Bord einen Flyer zur Quarantänepflicht bezüglich der Risikoländer zu verteilen. «Diesen gibt es in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Aus logistischen Gründen wird die Umsetzung dieser Massnahme einige Tage dauern.»

In einer Woche zurück

Die Vielfliegerin Bärbel Pfeiffer ist froh, dass die Flugzeuge wieder abheben. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Vielfliegerin Bärbel Pfeiffer ist froh, dass die Flugzeuge wieder abheben. Karin Hofer / NZZ

Bärbel Pfeiffer muss sich wegen der Quarantänepflicht nicht sorgen. Die Deutsche wartet an diesem Nachmittag auf ihren Flug nach Berlin. Es wird nur eine Stippvisite in der Heimat sein; bereits nach einer Woche ist sie zurück in Zürich, wo ihre Tochter und ihre Enkelin wohnen. Die 78-Jährige sitzt mit ihrer Schutzmaske stoisch vor dem Durchgang zu den Abflügen. Bärbel Pfeiffer erzählt, sie fliege normalerweise fünf- oder sechsmal pro Jahr von Berlin nach Zürich. Während des Lockdown erhielt sie den Kontakt zur Familie via Skype aufrecht. Dass sie ihre Tochter nun wieder regelmässiger besuchen kann, kommt ihr entgegen.

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