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Glencore-Chef: «Ich bin der Überzeugung, dass wir ärmeren Ländern viel Gutes bringen»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.11.2020 Giorgio V. Müller, Baar (ZG)

Der Konzernchef von Glencore, Ivan Glasenberg, erklärt im Gespräch mit Giorgio V. Müller, wie er seine Tochter davon überzeugt hat, gegen die Konzernverantwortungsinitiative zu stimmen, und weshalb er nicht Verwaltungsratspräsident des Bergbauunternehmens werden will.

Ivan Glasenberg, der CEO von Glencore, am Hauptsitz in Baar. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Ivan Glasenberg, der CEO von Glencore, am Hauptsitz in Baar. Annick Ramp / NZZ Herr Glasenberg, wie wirkt das auf Sie, wenn Sie Plakate in der ganzen Schweiz sehen, die Glencore beschuldigen, Kinder zu vergiften?

In der Schweiz versteht man die Bergbaubranche zu wenig. Wir sind die einzige Minengesellschaft in der Schweiz und eines der grössten Bergbauunternehmen weltweit. Bisher haben wir zu wenig erklärt, was das bedeutet. Es verletzt uns, wenn wir diese Beschuldigungen sehen. Wir wenden bei Glencore viel Zeit für die Einhaltung von Menschenrechten auf. Wir sind transparent und veröffentlichen dazu Berichte. In den Ländern, in denen wir tätig sind, halten wir uns an hohe internationale Standards, einschliesslich derjenigen, die von der Branchenvereinigung International Council on Mining and Metals (ICMM) vorgegeben werden. Viele der Behauptungen gegen Glencore sind nicht korrekt. Wir haben aber auf der ganzen Welt 150 Standorte und beschäftigen 160 000 Personen. Dabei kann immer etwas schiefgehen. Sobald wir ein Problem sehen, korrigieren wir es.

Was würde es für Glencore bedeuten, wenn die Konzernverantwortungsinitiative angenommen würde?

Wir würden viel Zeit mit Rechtsfällen verbringen. Jeder könnte dann mit seinem Fall in die Schweiz kommen. Wegen der Beweislastumkehr ist man schuldig bis zum Beweis des Gegenteils. Wir müssten wohl mehr Anwälte anstellen. Es würde sich aber nichts daran ändern, wie wir unsere Minen betreiben.

Glencore würde die Schweiz nicht verlassen?

Nein. Glencore ist seit fast fünfzig Jahren im Kanton Zug. Wir sind stolz darauf, in der Schweiz zu sein. Die Annahme der Initiative würde zu höheren Kosten führen und Managementkapazitäten beanspruchen, wir könnten damit aber leben. Kleinere und mittlere Unternehmen dürfte es härter treffen.

Der Bergbau greift in die Natur ein, und viele Minen befinden sich in ärmeren Ländern. Glencore gilt in der Bergbaubranche als etwas aggressiverer Akteur, weil die Wurzel des Konzerns der Rohstoffhandel ist. Dies macht Glencore doch zu einem natürlichen Ziel für die Initiative.

Wir unterscheiden uns nicht besonders von den anderen Bergbauunternehmen. Was Menschenrechte und Umweltstandards betrifft, sind wir nicht aggressiver als die anderen fünf grossen Minenunternehmen. Wir halten uns alle an die gleichen hohen internationalen Standards. Wir werden in der Schweiz mehr als anderswo kritisiert, weil wir hier das einzige Bergbauunternehmen sind.

Rohstoffabbau findet nicht in der Schweiz oder in Deutschland statt, sondern häufig in Ländern mit schwachen politischen Institutionen, wie in Kongo-Kinshasa. Nutzt Glencore nicht dieses politische Vakuum zu seinem Vorteil?

Sobald ein Unternehmen in einem Entwicklungsland tätig ist, steht es in Europa unter dem Verdacht, die Situation auszunutzen und tiefere Standards anzuwenden. Wir haben jedoch in all unseren Produktionsstätten die gleich hohen Standards, egal, ob wir in einem Industrieland oder einem Entwicklungsland tätig sind. Was man hingegen weniger weiss: Die Länder profitieren von uns. In Kongo-Kinshasa haben wir beispielsweise über 7 Mrd. $ investiert. Seit 2014 hat Glencore dort gut 3,5 Milliarden $ an Steuern bezahlt, wir beschäftigen dort rund 8000 Personen. Stellen Sie sich den Multiplikatoreffekt vor! Ich bin der Überzeugung, dass wir diesen Ländern viel Gutes bringen. Wie würden sich diese Länder entwickeln, wenn wir nicht hingingen? Um eine Mine aufzubauen, muss man Milliarden an Dollar investieren. Wir sind dazu bereit, das Geld in die Hand zu nehmen, wie wir in Kolumbien, Peru oder Chile gezeigt haben.

Gilt das für die gesamte Branche?

Im Prinzip ja. Manche westliche Unternehmen sind aber vorsichtig gegenüber schwierigen Ländern wie Kongo-Kinshasa oder Sambia. Hauptsächlich sind dort chinesische Unternehmen tätig. Die Chinesen brauchen die Rohstoffe und sind bereit, mehr Risiken einzugehen. Wir sind ebenfalls in schwierigen Ländern tätig, hatten unsere Erfolge und Herausforderungen. Es ist in solchen Ländern schwierig, weil die Regierungen einen oft hoch besteuern. Für viele westliche Firmen lohnt es sich deshalb nicht. Zudem kommt das Stigma hinzu, etwas falsch zu machen, wenn man in Afrika tätig ist. Chinesische Unternehmen haben vor diesem Vorurteil keine Angst.

Halten sich die Chinesen an internationale Regeln?

Das kann ich nicht kommentieren. Aber sie investieren in Afrika und bauen Flughäfen, Fussballstadien, Schulen, Strassen und Brücken. Was hat das mit der Konzernverantwortungsinitiative zu tun? Wenn sie angenommen wird, werden Unternehmen in der Schweiz noch mehr darüber nachdenken, ob sie überhaupt in Afrika oder in Entwicklungsländern investieren sollen. Vor allem für kleinere Unternehmen stellt sich die Frage, ob sie sich Rechtsstreitigkeiten und die Klagen um die Überprüfung der Lieferkette leisten können. Es wird riskanter. Die Schweiz verliert dabei auf zwei Arten: Erstens werden kleinere Unternehmen, die bereits in der Schweiz sind, weniger in Entwicklungsländern investieren. Zweitens werden es sich Unternehmen, die bereits in Entwicklungsländern sind, zweimal überlegen, ob sie den Firmensitz in die Schweiz verlegen sollen.

Die Initianten werfen Konzernen wie Glencore vor, in Ländern mit schwachen Regierungen ein Staat im Staat zu sein. Deswegen gebe es keinen fairen Zugang zum Rechtssystem, und die multinationalen Unternehmen könnten es sich immer richten.

Wir haben diese Erfahrung nicht gemacht. Ausserdem verwässern wir unsere Standards nicht, nur weil in einem Land die Regeln laxer wären. Wir wenden internationale Standards an. Egal ob in Australien, Kongo-Kinshasa oder Sambia, wir halten uns an dieselben Regeln.

Im Jahr 2014 kam in Kongo-Kinshasa ein junger Mann zu Tode, der vom Sicherheitsdienst von Glencore aufgegriffen worden war. Nichtregierungsorganisationen sagen, dass es danach keinen fairen Prozess gegeben habe. Ist das nicht ein Beispiel für eine mächtige Firma?

Dass ein junger Mann nach einem Einsatz der kongolesischen Minenpolizei verstorben ist, ist tragisch. Ob und wann die Minenpolizei auf Konzessionen zum Einsatz kommt, darüber entscheidet die Regierung – wir haben darüber keine Kontrolle. 2014 hatte das Militärgericht in Kolwezi die beiden angeklagten Minenpolizisten für nicht schuldig befunden und die Zivilklage gegen unser Tochterunternehmen Kamoto Copper Company abgewiesen. Beim oberen Militärgericht von Lubumbashi wurde dann eine Beschwerde gegen diesen Entscheid eingereicht. Nach unserem Wissensstand ist dieser Fall noch hängig.

Wie sollte man aus Ihrer Sicht Entwicklungsländern am besten helfen?

Man spricht immer davon, dass diese Länder schwache Institutionen hätten. Das mag für manche Dinge stimmen. Ich gebe Ihnen aber ein anderes Beispiel: Viele sagen, wir zahlten in Kongo-Kinshasa oder Sambia keine Steuern. Das stimmt nicht. Grosse Unternehmen wie wir sind die bedeutendsten Steuerzahler, deshalb sind wir besonders im Fokus. Es sind eben gerade diese Länder, die einem vormachen, wie man Steuern einsammelt. Im Fiskus sind die am besten ausgebildeten Personen angestellt. Das sind intelligente Leute, die an den besten Universitäten der Welt studiert haben – sie könnten auch für Glencore arbeiten. Glauben Sie mir, sie prüfen ganz genau, ob wir unsere Steuern korrekt bezahlen.

Glencore investiert selten in neue Bergbauprojekte, vielmehr werden bestehende Minen übernommen. Das kann den Nachteil von Altlasten haben. Erhöhen sich die Rechtsrisiken für Minen mit Altlasten mit obligatorischen Sorgfaltspflichten?

Neue Projekte bedeuten massive Kosten. Wenn man einfach anfängt zu graben und alles neu aufbaut, ist das teuer und schwierig. Wir haben einige Projekte von Grund auf neu erstellt – sogenannte Greenfield-Projekte –, und einige davon waren ein Desaster. Es gibt auch genügend Beispiele von unseren Mitbewerbern dafür. Unsere Aktionäre wollen nicht, dass wir damit Geld vergeuden. Glencore wurde gross, indem wir bestehende Minen übernommen haben. Es stimmt aber, es kann Altlasten geben. Heute gehen wir dabei vorsichtig vor und klären vor dem Kauf ab, welche Auflagen wir haben. Die früheren Besitzer sollten in der Regel die Verantwortung für die Sanierung der Altlasten übernehmen. Wir möchten nicht dafür die Schuld bekommen. Sobald wir aber eine Mine gekauft haben, gehen die Nichtregierungsorganisationen auf uns los, weil wir ein gutes Ziel abgeben. Auch wenn wir die Altlasten nicht verursacht haben.

Sie sind nicht nur der Chef von Glencore und einer der grössten Aktionäre, sondern auch Schweizer Bürger und Wähler. Wie stufen Sie die direkte Demokratie ein? Ist sie eine Stärke der Schweiz?

Absolut.

Sie haben zwei erwachsene Kinder. Diskutieren Sie mit ihnen über die Initiative?

Wir diskutieren die ganze Zeit darüber. Nicht nur über die Initiative, sondern auch über den Bergbau und über Verantwortung.

Konnten Sie Ihre Kinder von Ihrer Position überzeugen?

Meine Tochter hat Corporate Social Responsibility in den USA studiert und eine Arbeit über den Kleinbergbau in Kongo-Kinshasa geschrieben. Sie überzeugte ihre Dozenten davon, dass Glencore verantwortlich vorgeht. In den USA hat man die Vorstellung, dass alles im Zusammenhang mit Kongo-Kinshasa schlecht ist. Meine Tochter war dort und hat sich ein eigenes Bild gemacht. Meine Kinder verfolgen aber auch die Medien und die negativen Berichte der Nichtregierungsorganisationen. Ich erkläre ihnen dann jeweils unsere Seite – so, wie ich sie auch den Nichtregierungsorganisationen erkläre.

Dann sind Sie sich nicht sicher, ob Sie sie überzeugt haben?

Ich denke, ich habe sie überzeugt.

Falls die Initiative nicht angenommen wird, kommt der Gegenvorschlag zum Zug. Dieser sieht verschärfte Rechenschaftspflichten vor. Was halten Sie davon?

Der Gegenvorschlag ist sinnvoll. Er schreibt den Unternehmen vor, transparent zu sein und über ihre Tätigkeit Bericht zu erstatten. Firmen werden in dieser Hinsicht unter Druck gesetzt, aber sie sehen sich nicht die ganze Zeit der Gefahr von Haftungsklagen gegenüber.

Glencore steht nicht nur wegen der Konzernverantwortungsinitiative im Fokus, sondern ist auch einer der grössten Kohleproduzenten. Bei Umweltaktivisten bis hin zu nachhaltig agierenden Investoren steht Glencore in der Kritik. Erwägen Sie einen Verkauf oder eine Abspaltung der Sparte?

Eine wichtige Frage ist doch: Benötigt die Welt noch Kohle? Wenn Kohle noch gebraucht wird, stellt sich die Frage: Würden die Emissionen weltweit reduziert werden, wenn Glencore die Kohleminen an ein chinesisches Unternehmen oder an jemand anderes verkaufte? Wohl nicht. Deshalb behalten wir die Kohleminen und lassen sie auslaufen. Die Kohleproduktion ist begrenzt. Wenn wir die Minen verkaufen und ein anderes Unternehmen diese nutzt, dann retten wir damit nicht die Welt.

Die Welt möchte aber von fossilen Brennstoffen wegkommen.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Elektrofahrzeuge Autos mit Verbrennungsmotoren ersetzen werden. Das ist gut so. Gleichzeitig ist die Welt noch auf Kohle, Erdgas und Erdöl angewiesen, um Strom zu erzeugen. Kohle wird immer schlechtgeredet. Dabei ist Erdgas nicht viel besser als Kohle, weil Methangas-Emissionen zum Beispiel entlang der Pipelines anfallen.

Das Verbrennen von Gas setzt aber weniger Emissionen frei als Kohle.

Wie gesagt, das ist ein Trugschluss. Die wichtige Frage ist vielmehr, ob wir mehr erneuerbare Energie erzeugen können. Selbst wenn wir die Kapazität bis 2030 verdoppelten, würden nur 5% der weltweiten Energie mit erneuerbaren Energien abgedeckt werden. Kohle macht derzeit rund 25% der Stromproduktion aus. Das bedeutet, dass wir für einige Jahre Kohle benötigen werden. Entwicklungsländer wie Indien, Pakistan, Bangladesh, Malaysia oder Vietnam verlangen günstige Energie. Und Kohle ist die billigste Energieform. Glencore hat sich dazu verpflichtet, die absoluten Scope-3-Emissionen, die auch den Treibhausgasausstoss der Glencore-Rohstoffe bei den Kunden umfassen, bis zum Jahr 2035 um 30% zu senken.

Es ist einfach, für 2035 ein Ziel bekanntzugeben, dann werden wir alle nicht mehr aktiv sein.

Aber wir verpflichten uns als einzige Minengesellschaft, die Scope-3-Emissionen zu senken. Die Konkurrenz spricht nur von den direkten Emissionen in den Minen, das ist unbedeutend, vielleicht 5 bis 10% der gesamten Emissionen. Und wir erklären, wie wir es machen werden, wir fahren unsere Kohlereserven runter. Doch die Welt braucht Kohle. Wie sonst können die ärmeren Länder der Armut entfliehen? Sie brauchen Elektrizität, und wir ermöglichen das. Stand heute können erneuerbare Energien die Lücke, die die fossilen Energien bei der Stromproduktion hinterlassen, nicht füllen. Meine persönliche Meinung: Nur die Kernkraft könnte dies, doch das wird die Welt nicht akzeptieren.

An der Börse wird Glencore wegen der Abhängigkeit von fossilen Energien jedoch mit einer niedrigeren Bewertung bestraft.

Wir haben nur wenige Investoren wegen unseres Kohlegeschäfts verloren. Wir tauschen uns mit unseren Investoren zum Thema Kohle aus. Sie sind sich bewusst, dass Kohle Teil unseres Geschäfts ist und dass Kohle auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Energiemixes sein wird.

Aber vielleicht haben Sie deswegen auch keine neuen gewonnen?

Nein. Wir sind gleich wie unsere Wettbewerber bewertet, anhand der Spotpreise der Rohstoffe sogar leicht höher. Kohle macht zudem nur etwa 5% unseres Umsatzes und 10% unseres Gewinns aus. Vergessen Sie nicht, dass der Grossteil unserer Einnahmen von Mineralien kommt, die grüne Technologien antreiben. Kobalt braucht es für die Batterien der Elektrofahrzeuge. Glencore ist einer der grössten Kupfer- und Kobaltproduzenten. Wir sind auch einer der grössten Produzenten von Nickel. Nickel braucht es für Autobatterien und Energiespeicher für Wind- und Solarenergie.

Dennoch wird die Bewertung von Glencore an der Börse nicht mit einem grünen Aufschlag belohnt.

Wir haben die richtigen Mineralien für die Energiewende. Die Investoren warten ab, bis die Preise höher sind, erst dann stufen sie auch die Glencore-Aktien wieder höher ein.

Sie steuern die Produktion der Minen minuziös. Wenn die Preise niedrig sind, werden sie vorübergehend in Wartungsmodus versetzt oder ganz geschlossen. Für die lokalen Mitarbeiter und die betroffenen Ländern ist das bitter.

Wenn wir in Wartungsmodus gehen, achten wir darauf, dass wir das verantwortungsvoll machen. In Kolumbien und bei Mutanda in Kongo-Kinshasa zahlen wir weiterhin die Grundgehälter, obwohl die Minen vorübergehend stillstehen. Wir können doch keine unrentablen Minen betreiben. Wir sind kein Wohltätigkeitsverein. Ein Grossteil unserer Aktionäre sind Pensionskassen. Wir müssen Gewinne erwirtschaften, um Dividenden auszuschütten, die die Pensionskassen für die Finanzierung der Renten benötigen. Und die Rohstoffe gehen auch nicht verloren. Aber ich will sie nicht aus dem Boden nehmen, wenn ich dabei Geld verliere. Wenn die Zeit reif ist, fördern wir wieder.

Wird Glencore das Portfolio mit sogenannten grünen Mineralien vergrössern?

Sicher. Wir überprüfen, wie wir in Kongo-Kinshasa unser Geschäft ausbauen können. Derzeit herrscht bei Kobalt ein leichtes Überangebot. Unter den gegenwärtigen Marktbedingungen könnte unsere Mine Mutanda aus verschiedenen Gründen kein Geld verdienen. Deshalb haben wir sie Ende 2019 in einen Wartungsmodus versetzt. Prinzipiell streben wir jedoch immer danach, mehr grüne Mineralien zu fördern, denn die Elektromobilität ist die Zukunft. Die Chinesen sprechen davon, dass in China ab 2035 nur noch Elektrofahrzeuge verkauft werden.

Wegen der Pandemie hat der Erdölpreis stark geschwankt. Rohstoffhändler lieben Volatilität, weil sie damit gutes Geld verdienen. Reicht das aus, um das schwächere Geschäft mit Metallen wettzumachen?

China konsumiert die Hälfte der weltweiten Rohstoffe. Bei Erdöl sind es etwa 35%. Das Gute daran ist, dass China Covid-19 unter Kontrolle hat und weiterhin in die Infrastruktur investiert, um das Wachstum in Schwung zu halten. Anders als während der Finanzkrise 2009 ist China heute nicht mehr so stark von Exporten abhängig wie damals. Die Nachfrage nach unseren Mineralien hat in China um mindestens 10 bis 15% zugenommen, ungefähr gleich stark ging sie in den westlichen Ländern wegen der Pandemie zurück. Die Rohstoffpreise haben sich deshalb wenig verändert. Ein zweiter Lockdown würde im Erdölmarkt wieder viel Volatilität bedeuten, was im Handelsgeschäft generell von Vorteil ist.

Als Sie 2011 das Unternehmen an die Börse brachten, sagten Sie, die Schweiz könne stolz sein auf Glencore. Offenbar sehen das hier viele nach wie vor anders. Sind Sie von dieser Reaktion enttäuscht, oder lässt Sie das kalt?

Für mich ist es sehr wichtig, wie uns die Schweizer wahrnehmen. Ich bedaure, dass wir so schlecht wahrgenommen werden, schliesslich sind wir eines der besten Bergbauunternehmen der Welt. Wir sind offen und transparent. Aber wir waren vielleicht nicht proaktiv genug, wenn es darum ging zu erklären, weshalb es uns braucht. Unsere Aktivitäten sind nicht geheimnisvoll. Leider haben wir den Zugang zu den Schweizer Bürgern und Bürgerinnen noch nicht so gut gefunden, wie ich es mir gewünscht habe.

Ist denn die Geringschätzung der Bergbaufirmen ein universelles Phänomen?

Australien ist auf sein Bergbauunternehmen BHP sehr stolz. Grossbritannien betrachtet Rio Tinto als sein nationales Unternehmen, Südafrika hat Anglo American und Brasilien Vale, überall ist die Bevölkerung stolz auf «ihr» Bergbauunternehmen, nicht zuletzt, weil es zum Teil viele Arbeitsplätze in diesen Ländern garantiert. Glencore betreibt in der Schweiz zwar keine Minen, doch wir beschäftigen auch hier viele Leute. Wir leisten damit einen bedeutenden Beitrag zur Wirtschaft des Landes. Die Schweizer sollten stolz darauf sein, dass wir global so eine wichtige Rolle spielen – für die Energiewende, aber auch wenn es darum geht, das Leben der lokalen Bevölkerung zu verbessern.

Junge Menschen suchen heute in einem Job auch eine Zweckbestimmung. Können Sie das bei Glencore anbieten?

Natürlich. Wir investieren Milliarden von Dollar in Entwicklungsländern und helfen mit, das Leben der dort lebenden Personen zu verbessern. Wir zahlen den Staaten Milliarden an Steuern, damit sie Spitäler, Strassen und Schulen für die Bevölkerung bauen können. In Kongo-Kinshasa beispielsweise habe ich eine bedeutende Verbesserung der Infrastruktur bemerkt. Seit wir dort sind, ist das Bruttoinlandprodukt des Landes ständig gewachsen, wenn auch von einem niedrigen Niveau, weil das Land so arm ist.

Google, Facebook und Konsorten geniessen Anerkennung, das zeigt sich an ihrer enorm hohen Bewertung an der Börse.

Die gesamte Bergbauindustrie ist weniger wert als Facebook, Tesla oder Google. Wenn man Facebook morgen abstellen würde, wären viele zwar verärgert, doch die Welt würde sich weiterdrehen. Wenn die Bergbaufirmen aufhören, stoppt die Welt.

Sie haben angekündigt, bald als Konzernchef zurückzutreten. Gilt das auch für den Verwaltungsrat? Werden Sie Chairman, wenn der Verwaltungsratspräsident Anthony Hayward nächstes Jahr das Gremium verlässt?

Ich weiss, dass das bei Schweizer Firmen möglich ist. Doch Glencore ist eine in Grossbritannien kotierte Gesellschaft, und dort sind die Börsenregeln anders. Wenn ich Verwaltungsratspräsident werden würde, wäre ich nicht unabhängig, selbst wenn ich nicht Aktionär wäre. Es brauchte eine mehrjährige Karenzfrist. Ich möchte auch nicht länger im Verwaltungsrat sein, weil der nächste Konzernchef keinen Schatten über sich haben soll. Er braucht Freiheit und keinen Aufpasser; das ist die Aufgabe des gesamten Verwaltungsrats. Ich bin zuversichtlich, weil es ein interner Nachfolger sein wird, der viele Jahre unter mir gearbeitet hat. Dieser Person vertraue ich. Ich werde meine Aktien behalten – es gibt keinen Grund, sie zu veräussern, denn ich liebe die Firma und traue ihr wegen ihres Beitrags zur Energiewende eine tolle Zukunft zu. Als Aktionär mit einer Beteiligung von fast 10% habe ich ohnehin genug Gewicht, um falls nötig direkt mit dem neuen Chef zu sprechen. Dafür muss ich nicht im Verwaltungsrat sitzen.

Die drei potenziellen Nachfolger sind also gesetzt. Gab es nie den Gedanken, von aussen einen neuen Konzernchef zu holen?

Nein, nie. Es ist Teil unserer Firmenkultur, intern unsere Talente zu fördern. Ich bin mittlerweile 37 Jahre dabei. Eine meiner Aufgaben als Konzernchef war es, einen guten Nachfolger aufzubauen. Wer einen von aussen holen muss, der hat seinen Job nicht richtig gemacht.

Wann ist der ideale Augenblick für den Wechsel? Erst wenn die Resultate der verschiedenen laufenden Untersuchungen wegen des Verdachts auf Bestechung und Korruption in Kongo-Kinshasa, Nigeria und Venezuela vorliegen?

Nein, für den Wechsel spielt das keine Rolle. Ich will nicht bis 66 oder länger bleiben, ich weiss nicht, wie lange diese Untersuchungen dauern werden. Glencore sollte nicht von jemandem geführt werden, der älter als 65 ist. Der genaue Zeitpunkt hängt auch von der Entwicklung der Covid-19-Pandemie ab, weil ich meinen Nachfolger mit den Kunden zusammenbringen will. Dazu müssen wir aber wieder reisen können.

Seit dem Börsengang im Jahr 2011 müssen Sie sich vermehrt mit Medien, Analytikern und den Ansprüchen der Öffentlichkeit herumschlagen. Bereuen Sie im Rückblick diesen Entscheid? Beim Unternehmenswert ging es ja tendenziell nur nach unten.

Ohne den Börsengang wären wir nicht, wo wir heute sind. Wir hatten die Wahl, ein Rohstoffhändler mit kleineren Beteiligungen zu bleiben oder ein solides Bergbaukonglomerat zu werden, das die nächsten hundert Jahre Bestand hat. Als Privatfirma konnten wir keine langfristigen Investitionen in Minen tätigen, weil bei einem Weggang eines Partners auch seine Mittel das Unternehmen verlassen würden. Der Börsengang verhalf uns zu Eigenkapital, damit wir das Bergbauunternehmen Xstrata ganz übernehmen konnten. Wir gingen am Zenit einer Rohstoffhausse an die Börse. Das erlaubte es uns, günstig Eigenkapital zu beschaffen. Seither sind die Rohstoffpreise gefallen. Mir ist jedoch egal, was der Aktienkurs kurzfristig macht, ich glaube an die Firma und will keine Aktien verkaufen.

Der Erbe von Marc Rich

Ivan Glasenberg, Konzernchef Glencore

gvm. Obwohl der gebürtige Südafrikaner Ivan Glasenberg schon seit rund dreissig Jahren in der Schweiz lebt, bevorzugt es der 63-jährige Konzernchef von Glencore, sich auf Englisch zu unterhalten. Geblieben ist auch sein südafrikanisch gefärbter Akzent. Das Buchhaltungsdiplom erwarb er in seinem Geburtsland, bevor der Ausdauersportler nach Absolvierung des Militärdienstes 1983 den MBA an der University of Southern California in Los Angeles ablegte. Zunächst verdiente sich Glasenberg seine Sporen als Kohlehändler bei der Vorgängerfirma von Glencore, der Marc Rich + Co. Später führte Glasenberg den Kohlehandel von Australien aus. Er ist ebenfalls australischer Staatsbürger. Anfang 2002 wurde er Konzernchef des damals noch privaten Baarer Rohwarenhändlers. Er begleitete 2011 den Übergang von Glencore zu einer kotierten Gesellschaft. Bald will er das Amt als CEO einem internen Nachfolger übergeben. Glasenberg lebt in der Zürcher Seegemeinde Rüschlikon und ist Vater einer Tochter (31) und eines Sohns (26).

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