Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Wir sind gut gerüstet für die zweite Welle»

Handelszeitung-Logo Handelszeitung 15.10.2020 Melanie Loos
Gastronomie: Gilt die Maskenpflicht bald auch für Restaurants? © Getty Images Gastronomie: Gilt die Maskenpflicht bald auch für Restaurants?

Die Schweizer Gastronomie zittert vor einer zweiten Corona-Welle. Der Chef des Zürcher Unternehmens Rudi Bindella ist verhalten optimistisch.

Die Infektionszahlen steigen derzeit wieder an. Befürchten Sie einen zweiten Lockdown?

Rudi Bindella Jr*: Ich hoffe nicht! Für uns wäre das sehr schwierig zu bewältigen. Von einem erneuten nationalen Lockdown gehe ich nicht aus. Kantonale Einschränkungen sind da meiner Meinung nach wahrscheinlicher. Wir bereiten uns auf verschiedene Szenarien vor und haben entsprechende Vorkehrungen getroffen. Durch die Erfahrungen, die wir in den vergangenen Monaten gemacht haben, sind wir gut gerüstet. 

Inwiefern?

Als der Bundesrat im Frühling die Wiedereröffnung der Gastrobetriebe ankündigte, haben wir schnell reagiert und Schutzmassnahmen vorbereitet. Etwa Trennwände im Gastraum und Desinfektionsständer, die grosszügig in unseren Ristoranti verteilt sind. Seit gut einem Monat tragen alle unsere Mitarbeitenden zudem Schutzmasken.

Was würde ein zweiter Lockdown für Ihr Unternehmen bedeuten?

Das ist schwierig abzuschätzen, es kommt darauf an, wie lange ein solcher andauern würde. Der Lockdown im Frühling dauerte 55 Tage, das war sehr lange. Sie müssen wissen: Wenn wir die Gastronomie vollständig schliessen, verlieren wir pro Monat zehn bis 15 Millionen Franken an Umsatz.

Die Corona-Regelungen von Kanton zu Kanton gleichen einem Flickenteppich. Sie haben Restaurants über die Schweiz verteilt. Wie gehen Sie damit um? 

Die Hälfte unserer Ristoranti ist in Zürich, das macht es etwas einfacher. Wir sind personell gut aufgestellt und haben in jeder Region einen operativen Leiter für die jeweiligen Betriebe. Dieser kennt die lokalen Vorschriften gut und steht in stetem Austausch mit unseren Geschäftsführern der Betriebe.

Mussten Sie Ihr Schutzkonzept anpassen in letzter Zeit aufgrund neuer Vorgaben?

Die Schutzmasken, welche die Mitarbeiter in unseren Restaurants tragen, ist die grösste Veränderung. Damit waren wir vergleichsweise früh. Viele tun sich nach wie vor schwer mit diesem Thema, wie ich beobachte.

Sie haben das als Unternehmen freiwillig entschieden?

Ja, wir haben gesehen, dass grosse Unsicherheit herrscht, sowohl unter unseren Mitarbeitenden als auch bei unseren Gästen. Wir wollen beide schützen und auch ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Wir wollen uns nicht nur strikt an die Regeln halten, sondern eben noch mehr tun.

Haben Sie denn bereits weniger Gäste seit die Lage wieder angespannter ist?

Das ist schwer zu sagen, denn derzeit sind auch Herbstferien – da spüren wir jedes Jahr eine Delle im Umsatz. Aber ja, es ist etwas ruhiger geworden in unseren Betrieben. Womöglich hängt das tatsächlich auch mit der erhöhten Vorsicht der Bevölkerung zusammen.

Was raten Sie jemandem, der derzeit keine Lust hat, ins Restaurant essen zu gehen?

Ich kann nur betonen, dass wir die Vorgaben des BAG nach bestem Wissen und Gewissen umsetzen. Natürlich verstehe ich die Zurückhaltung der Menschen. Als Privatperson mache ich mir die gleichen Gedanken. Aber ich bin auch Unternehmer, Bindella ist Arbeitgeber von 1300 Mitarbeitenden. Unsere Ristoranti müssen laufen, sonst stockt der Motor. Deshalb hoffe ich sehr, dass wieder mehr Menschen den Weg aus dem Homeoffice zurück ins Büro finden. Und die meisten Firmen ihre Weihnachtsessen mit Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartner auch dieses Jahr durchführen.

Bund und Kantone erarbeiten gerade eine sogenannte Winterstrategie. Womit rechnen sie, Sperrstunden zum Beispiel wie in anderen Ländern?

Das hatten wir bereits im Frühling, als wir teilweise um Mitternacht schliessen mussten. Das war einschneidend. Was genau der Bundesrat für die Wintersaison plant, ist mir derzeit nicht bekannt. Eins ist aber klar: Ähnlich strikte Massnahmen wie nach dem ersten Lockdown würden uns schwer treffen.

Geri Born / © Bereitgestellt von Handelszeitung Geri Born /

Was halten Sie von einer Maskenpflicht für Gäste?

Ich fände das sinnvoll. Die Beispiele im Ausland zeigen, dass diese Massnahme gut akzeptiert wird. Die Gäste tragen eine Maske solange sie nicht am Tisch sitzen. Für die Gastronomen wäre das eine tragbare Massnahmen – und für die Gäste wahrscheinlich auch.

Wie läuft Ihr Geschäft seit Ende des ersten Lockdowns?

Jeden Monat etwas besser – zum Glück! Zu Beginn war es zugegeben harzig. Wir haben generell nur wenige Sitzplätze im Freien, deshalb freuen wir uns jetzt auf die kältere Jahreszeit. Nach wie vor fehlen uns rund 30 Prozent Umsatz gegenüber dem Vorjahr.

Sie haben Kredite des Bundes in Anspruch genommen. Mussten Sie auch Personal entlassen oder Betriebe schliessen?

Betriebe haben wir keine geschlossen. Dank Kurzarbeit konnten wir viele Stellen bisher aufrechterhalten. Wir hoffen, dass diese Unterstützung noch eine Weile bestehen bleibt, sie ist für uns matchentscheidend.

Wie halten Sie es mit der Quarantänepflicht? Ihre Mitarbeitenden kommen tagtäglich mit sehr vielen Menschen in Kontakt.

Es gab vereinzelt Mitarbeiter, die in Quarantäne mussten. Dies aus verschiedenen Gründen, etwa weil es Kontakte mit infizierten Personen gab oder sie aus dem Ausland zurückkamen. Die Quarantäne wurde strikt eingehalten und war unproblematisch für unsere Gastronomie.

Was bedeutet Quarantäne für die Wirtschaft? Mehr hier

Haben Sie Sorgen vor der kalten Jahreszeit – auch wegen möglicher Erkrankungen des Personals?

Unsere Maskenpflicht trägt zum Schutz der Mitarbeiter bei. Wenn sich ein Servicemitarbeiter gesundheitlich nicht wohl fühlt, kann er nach Hause gehen und wir suchen kurzfristig Ersatz. Diese Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitenden und unseren Gästen nehmen wir sehr ernst. 

Wie geht es weiter in der Gastro-Branche in den kommenden Monate?

Von Natur aus bin ich Optimist. Im Moment bin ich allerdings verhalten positiv. November und Dezember waren für uns immer wichtige Monate. Viele Firmen verzichten wohl dieses Jahr auf das traditionelle Weihnachtsessen, leider. Das werden viele Gastronomen spüren – nicht nur wir! Doch auch die Hotellerie, insbesondere in den Städten, leidet stark.

Und im eigenen Unternehmen?

Wir alle ziehen am gleichen Strang. Das macht mich sehr stolz und zuversichtlich, bald wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. «La vita è bella» ist seit vielen Jahren unser Leitsatz. Die italienische Lebensfreude tragen wir tief in unserem Herzen – auch in nicht ganz einfachen Zeiten wie diesen.

| Anzeige
| Anzeige

mehr von Handelszeitung

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon