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«Wir wussten nicht einmal, wie Eier aussehen»

Der Bund-Logo Der Bund 11.04.2020

Der letzte grosse Trainer des sowjetrussischen Eishockeys spricht über seine Kindheit, einen Transfertrick und das Leben im schönsten Gefängnis.

Der letzte grosse Trainer des sowjetrussischen Eishockeys spricht über seine Kindheit, einen Transfertrick und das Leben im schönsten Gefängnis.

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Alexei Jaschin, ehemaliger NHL-Spieler, sagt Auf Wiedersehen. Als Nächster grinst Nino Niederreiter, der Churer bei Carolina, aus Raleigh in die Kamera: «Lieber Wladimir, alles Gute zu deinem 80. Geburtstag, ich freue mich darauf, dich im Sommertraining in Romanshorn wiederzusehen.» Auch Kari Jalonen, beim SCB nicht mehr erwünschter Trainer, gehört zu den Gratulanten, die ihre Videobotschaft nach Moskau übermitteln.

Dort wird Wladimir Jursinows runder Geburtstag gefeiert. Am ersten Tag beim Spiel Spartak gegen Dynamo. Das Banner mit Jursinows Namen wird unters Dach gehisst, 12’000 Zuschauer stehen auf. Am zweiten Tag würdigt der russische Verband den letzten grosesn Trainer des sowjetrussischen Eishockeys. Als Trainer und Berater war Jursinow bei vier Olympiasiegen und bei acht WM-Titeln aktiv, als Spieler holte er zweimal WM-Gold. Dazu gab es noch einige andere Medaillen – und mehrere Titel auf Clubebene. «Das Coronavirus hat gewartet, bis mein Fest vorbei war», sagt Jursinow. Als er nach Kloten zurückkehrt, sind die Hallen leer, alle Spiele abgesagt. Das von Niederreiter angesprochene Sommertraining in Romanshorn findet kaum statt.

Kloten ist seit Herbst 1998, als der EHC ihn engagierte, Jursinows Lebensmittelpunkt. Tomas Brolin, der exzentrische schwedische Fussballer, war während seines kurzen Gastspiels beim FC Zürich (1996) ein Vorgänger in der Wohnung, in der er und seine Frau Walentina zu Hause sind. Jursinow besitzt zwar in Moskau ein Appartement und in Turku (Finnland) ein kleines Reihenhaus. Doch auch er kann wegen der Krise nicht fliegen. «Ich bin gefangen», sagt er. «Aber im schönsten Gefängnis, das es für mich gibt.»

Die Zeit in der Schweiz:

«Ben Hur» in Lausanne, Jodeln in den Bergen

Beinahe jeden Morgen macht er sich in Kloten auf zu einem Spaziergang durch den nahen Wald. «Die Natur ist so schön hier, der Geruch des Holzes, die freundlichen Leute.» Und dann joggt er eine Strecke. «Acht» ist seine Masseinheit, «Acht» kann lange oder kurz sein, je nach «Jursis» Gusto. Das «Grüezi» unterwegs schätzt er enorm. «Würde ich in Moskau jemanden grüssen, der mir beim Spazieren am Fluss entgegenkommt, der würde mich entgeistert anstarren oder wegschauen.» Die Schweizer Kultur beeindruckt ihn. Besonders angetan ist er vom Jodeln.

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Zum ersten Mal in der Schweiz war Jursinow 1961, als er als Mittelstürmer von Dynamo Moskau zu seiner WM-Premiere für die Sowjetunion kam. «Wir begannen auf der offenen Eisbahn in Lausanne. Wir wohnten im Hotel de la Paix, und ich erinnere mich, dass wir eines Tages im Kino ‹Ben Hur› sahen.» Teil 2 der WM in der damals ganz neuen Halle in Genf gelang nicht optimal. Nach Niederlagen gegen die CSSR und die Trail Smoke Eaters aus Kanada blieb nur der dritte Platz.

Für die WM 2020 in Zürich und Lausanne war Jursinow als Berater von Nationaltrainer Alexei Kudaschow vorgesehen. Kudaschow ist einer von vielen ehemaligen Spielern Jursinows, die nun Trainer sind. «Die WM wäre ein guter Abschluss gewesen, es hätte sich ein Kreis schliessen können», bedauert «Jursi». Aber er gibt die Hoffnung nicht auf. «Ich bin auch im nächsten Jahr bereit.»

Der Start als Trainer:

Der falsche Sowjetrusse in Tampere

Jursinows enormer Durchaltewille zeigte sich früh. Während des Zweiten Weltkriegs wurden alle Familien aus Moskau in eine andere Stadt verschoben. Die Jursinows kamen nach Molotow, das heute Perm heisst. Die Winter dort sind zwischen minus 15 und minus 20 Grad kalt. Der Sohn holte sich vier Lungenentzündungen. Er überlebte, auch dank seiner Mutter, die ihn trotz aller Verbote beim vierten Vorfall nach Moskau zurückbrachte. «Wir hatten Hunger», erinnert sich Jursinow. Den Brauch mit den Eiern an Ostern lernte er erst viel, viel später kennen. «Wir wussten als Kinder nicht einmal, wie Eier aussehen.»

Draussen spielen lenkte vom Hunger ab. Die Jursinows wohnten in der Nähe des Dynamo-Stadions, der Vater war Trainer, der Sohn machte mit. Ein Freund aus der Nachbarschaft war der heute 81-jährige Witali Dawidow. Als sich 1972 KooVee aus Tampere für einen Spieler aus dem Nachbarland interessierte, bot das sowjetrussische Sportministerium Verteidiger Dawidow an. Die Finnen verpflichteten ihn. Arkadi Tschernischow, damals Dynamo- und Nationaltrainer, legte aber sein Veto ein. KooVee bekam keinen Verteidiger, sondern einen Stürmer. An der Stelle von Dawidow reiste Jursinow mit Frau und Wladimir jr. nach Tampere.

Er war der erste Sowjetrusse in Finnlands höchster Liga und Spielertrainer – in der dritten Linie. «In Tampere begann meine Trainerlaufbahn. Ich arbeitete mit meinem Team und konnte dazu jeden Tag beobachten, wie die Coaches der Lokalrivalen Ilves und Tappara trainierten.» Sohn Wladimir war stets in der Eishalle und in der Garderobe dabei. Die Mütter der Nachbarskinder waren von den rasanten Fortschritten des Jünglings beim Finnischlernen beeindruckt. Gleichzeitig aber sorgten sie sich auch: Warum nur kannte der Bub des Trainers aus Moskau so viele finnische Fluchwörter und Verwünschungen aus der Welt der Erwachsenen?

Die Akademie in Turku:

Jursinows Schuld an den Niederlagen der Russen

In Tampere lernte Jursinow Auto fahren, als Lohn für seine zwei Jahre im Ausland konnte er einen Wolga kaufen. Boris Kulagin holte ihn als Assistenten ins Nationalteam. 1976 in Innsbruck gewann die Sowjetunion Olympiagold. Bei Olympia 1964 am gleichen Ort hatte Stürmer Jursinow gefehlt, eine Blinddarmoperation hatte ihn einen Tag vor der Abreise gestoppt.

Sein Engagement fürs Eishockey dagegen kann nichts und niemand stoppen. Noch immer kommt es vor, dass er im Traum eine Mannschaft trainiert. Nicht nur im Eishockey. «Vor kurzem war es ein lettisches Basketballteam.» Sagt es und lacht.

Sein zweites Engagement in Finnland war nachhaltig. Die «Jursinow-Akatemia» in Turku von 1992 bis 1998 ist legendär. Er hat Spieler wie Saku Koivu oder Jere Lehtinen, Petteri Nummelin oder Kimmo Rintanen zu Stars geformt, Finnland übernahm die Trainingslehren und -methoden. «Jursi ist schuld, dass wir heute gegen die Finnen so oft verlieren», klagen sie in Russland.

Der Wandel der Medien:

Heute schreiben sie über die Ehefrauen

«Jursi» ordnet in der Corona-Pause seine Aufzeichnungen. Dabei ist er auf eine Biografie über Wiktor Tichonow gestossen, seinen langjährigen «Chef» und dann Partner im Nationalteam. Tichonow starb 2014, mit dessen Frau Tatjana telefoniert Jursinow ab und zu. Sie ist weit über 80 und «gut in Form», sagt er. Mehr Sorgen macht er sich über den Gesundheitszustand des früheren Stürmers Alexander Malzew – obwohl der massgeblichen Anteil daran hatte, dass Jursinows erste Trainerzeit in Moskau 1979 endete. Malzew (71) wird seit zwei Monaten in einer Klinik in Deutschland behandelt.

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Dieser Tage hat «Jursi» auch mit Slawa Fetisow Kontakt. Das ehemalige Mitglied des «Superblocks» (Larionow, Makarow, Krutow, Kasatonow, Fetisow) ist in der russischen Duma. Er stammt aus Wladiwostok, die Eishockey-Arena dort trägt seinen Namen. Der Club soll, so hat die lokale Regierung entschieden, in der nächsten Saison nicht mehr Teil der KHL sein, es fehle wegen der Corona-Krise das Geld. «Fetisow muss doch etwas dagegen unternehmen», fordert Jursinow.

Es ärgert ihn, dass es in der KHL nur ums Business geht. «Wir müssen doch unser russisches Eishockey pflegen. Statt einheimischer arbeiten ausländische Trainer in den Clubs.» Früher hätten die Zeitungen noch darüber berichtet, wie gespielt und trainiert wurde. «Heute schreiben sie über die Ehefrauen von Jewgeni Malkin und Alexander Owetschkin oder die Freundin von Artemi Panarin, von ihren Ferien auf den Malediven.» Jursinow hat am Institut für Körperkultur nicht nur Sport, sondern auch Journalistik studiert.

Er sitzt noch immer im Vorstand der russischen Junioren- und der Studentenliga. «Etwas an die Jungen weitergeben, mit jungen Leuten arbeiten», das ist weiterhin sein Anliegen. Er ist auf jeden seiner ehemaligen Spieler stolz, der heute Trainer ist.

«Charlie Chaplin hat einst gesagt: ‹Leben ist arbeiten›.» Jursinow fügt dem Chaplin-Satz an: «Ich will leben.»

© Bereitgestellt von Tages-Anzeiger

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