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Wirklich jeder kann zum Superspreader werden

20 Minuten-Logo 20 Minuten 30.06.2020

Zwei Corona-Ausbrüche in der Schweiz sind auf einen Superspreader zurückzuführen. Doch wann wird man zur menschlichen Virenschleuder?

Was ist ein Superspreader?

Superspreader sind nichts anderes als Virenschleudern. So bezeichnen Epidemiologen Menschen, die infiziert sind und besonders viele Menschen anstecken – so wie dies im Juni 2020 in Zürich und Spreitenbach geschehen ist (siehe Bildstrecke). Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass Superspreader eine möglicherweise entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen. Dem «Wall Street Journal» sagte Hendrik Streeck, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, die meisten Fälle weltweit, speziell die meisten Toten, seien auf Superspreader zurückzuführen.

Sind Superspreader ein neues Phänomen?

Nein. Dass einzelne Personen zu Brandbeschleunigern bei Epidemien werden, ist nicht neu; ähnliche Ereignisse gab es in der Geschichte bei vielen Seuchen, unter anderem auch bei den Coronaviren-Epidemien durch und .

Wer kann Superspreader werden?

Jeder Infizierte kann zum Superspreader werden. In den meisten Fällen liegt es nicht an den Menschen selbst, sondern an den Umständen – weil er im falschen Moment mit vielen Menschen Kontakt hatte. Zu vielen Ansteckungen kommt es bei sogenannten Superspreading-Events.

Welche Umstände machen einen Infizierten zum Superspreader?

Die Auflistung bisheriger Superspreading-Events zeigt: Den einen Umstand gibt es nicht. Es greifen offenbar mehrere Faktoren ineinander. Welche dabei die entscheidenden sind, ist derzeit noch offen. Sicher ist aber, dass jede Menschenansammlung ein Risiko darstellt: «Mit jeder Person, die zu einer Menschenansammlung hinzukommt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Superspreading-Event entstehen kann», sagt Infektionsepidemiologe May gegenüber Quarks.de. Die Gefahr ist umso grösser, wenn sich Menschen in Innenräumen begegnen.

«Mit jeder Person erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Superspreading-Event entstehen kann.»

Wieso sind Superspreader vor allem in Innenräumen aktiv?

Das liegt einerseits daran, dass die Platzverhältnisse beengter sind und man weniger gut auf Abstand gehen kann. Andererseits, weil – darauf deuten immer mehr Studien und Ereignisse hin – Aerosole eine zentrale Rolle bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 spielen. Das sind wenige Mikrometer grosse Tröpfchen, die wir schon beim Atmen und Sprechen ausstossen. Grössere Tröpfchen dagegen werden erst beim Niesen oder Husten ausgestossen. In diesen können Viren über längere Zeit – – in der Luft schweben und andere Menschen infizieren.

Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass sei. Möglicherweise kann das in ihnen gebundene Virus auch dann übertragen werden, wenn der Mindestabstand eingehalten wird. Darauf deutet unter anderem ein Superspreader-Event bei einer Chorprobe in den USA hin. Von 61 Teilnehmern erkrankten 53 Personen, zwei verstarben an den Folgen von Covid-19.

Die hohe Infektionsrate könnte laut einer Veröffentlichung im Fachjournal «Science» aber auch darauf zurückzuführen sein, dass Sänger besonders stark und tief atmen – etwas, das auch Clubgänger und Barbesucher tun, wenn sie mitsingen und tanzen oder wenn sie gegen die laute Musik ansprechen. Das – und dass Menschen den Abstand nicht wahren – macht Bars und Clubs zu absoluten Hochrisikozonen, wie die Aargauer Kantonsärztin Yvonne Hummel .

Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera zeigten US-Forscher im Jahr 2014, wie sich beim Niesen ausgestossene Tröpfchen im Raum verteilen. © Foto: MIT Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera zeigten US-Forscher im Jahr 2014, wie sich beim Niesen ausgestossene Tröpfchen im Raum verteilen.

Welche Rolle spielen Klimaanlagen?

Zwar können professionell installierte und gewartete Lüftungs- und Klimaanlagen dafür sorgen, «dass alle vorliegenden Belastungen in der Raumluft verdünnt werden» wodurch «die Gefahr einer möglichen Übertragung von Viren durch Aerosole gemindert» wird, zitiert Quarks.de Dirk Müller, Professor für Gebäude und Raumklimatechnik an der RWTH Aachen. Ein Abschalten der Anlagen könne allerdings zu einer Erhöhung der Konzentration von Viren in der Atemluft führen.

Martin Exner vom Bonner Hygiene-Institut bezeichnet Klimaanlagen gegenüber Tagesschau.de gar als einen weiteren, bislang übersehenen Risikofaktor. Er hatte im Auftrag des Kreises Gütersloh untersucht, wie sich innerhalb kürzester Zeit mehr als 1500 Mitarbeiter im Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit Sars-CoV-2 infizieren konnten. Eine wichtige Rolle hätte dabei das vorgefundene Belüftungssystem gespielt, so sein Fazit: In diesem habe die Luft, ohne aufbereitet und ohne mit ausreichend Frischluft angereichert zu werden, zirkuliert.

Bestätigt wird das durch : Dort hatte in einem Restaurant in der Stadt Guangzhou eine einzelne infizierte Person gleich mehrere andere Personen angesteckt – sogar an den Nachbartischen. Dies, weil die Klimaanlage einen starken, kreisförmigen Luftstrom erzeugt hatte, der kleine Tröpfchen mit Coronaviren von Tisch zu Tisch transportieren konnte.

Weiteres Problem bei Klimaanlagen: Bei kühleren Temperaturen breiten sich Viren grundsätzlich schneller aus. Da ist auch ein Grund, warum Experten befürchten, dass die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Besser wäre regelmässiges Lüften, um die Aerosole zu verdünnen. Aber das ist nicht überall möglich.

Spielt der Faktor Mensch überhaupt keine Rolle?

Doch. Allerdings ist diese wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist aber: Bestimmte Menschen verbreiten mehr und länger Viren als andere. Möglicherweise hängt dies mit ihrem Immunsystem oder auch mit der Verteilung von Virusrezeptoren in ihrem Körper zusammen. Es könnte aber auch daran liegen, dass sie eine höhere Viruslast haben und entsprechend mehr weitergeben können. Wahrscheinlicher ist aber, dass ihr Verhalten sie zu Superspreadern macht – etwa durch Zu-wenig-Abstand-Halten, lautes Sprechen und Lachen. Auch der Konsum von Alkohol dürfte eine Rolle spielen. Laut verschiedenen Berichten verstossen Menschen leichter gegen die Corona-Schutznassnahmen, wenn sie unter Alkoholeinfluss stehen.

Verhindere ich, zum Superspreader zu werden, wenn ich bei Unwohlsein zu Hause bleibe?

Nein! Ein Infizierter ist schon dann , wie Forscher aus China im Fachjournal «Nature Medicine» berichten. In dieser Phase scheint die Virenlast im Rachen besonders hoch zu sein. Allerdings haben viele Infizierte keine oder kaum Symptome und merken deshalb gar nicht, dass sie sich angesteckt haben und selber ansteckend sind.

Die harte Realität ist, dass dies noch nicht einmal annähernd vorbei ist.

Wie lassen sich Superspreading-Events verhindern?

Aufgrund der noch vielen Unbekannten gar nicht. Aber man kann das Risiko deutlich reduzieren – indem man sich so viel wie möglich draussen aufhält, wo die Infektionsgefahr geringer ist. Weiterhin sollte man eine gute Handhygiene praktizieren, ausreichend Abstand halten und – sofern das nicht möglich ist – eine Maske tragen, auch wenn man sich gesund fühlt. «Dieses Bündel an Massnahmen», erklärte Heinz H. Hirsch vom Universitätsspital Basel , «hat zu einer beeindruckenden Abnahme der Neuinfektionen geführt.» Zusätzlich spielt auch regelmässiges und gutes Lüften eine wichtige Rolle.

Auch wenn es je länger, umso schwerer fällt, sei das wichtig, so WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag: «Wir alle wollen, dass es vorbei ist. Wir alle wollen mit unserem Leben weitermachen. Aber die harte Realität ist, dass es noch nicht einmal annähernd vorbei ist.» Denn: «Obwohl viele Länder einige Fortschritte gemacht haben, beschleunigt sich die Pandemie weltweit sogar noch.»

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