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Wo die Natur die Kunst inspiriert

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 16.06.2020

Zwei alte Damen, ein schräger Vogel, ein legendärer Künstler und eine hölzerne Rotunde machen Maloja zum kulturellen Hotspot im Oberengadin.

Es ist ein besonderer Ort, für viele gar das gefühlte Ende der Welt: Ganz oben fällt die Hochebene jäh tausend Meter tief ins Bergell ab. Locker verstreut zwischen dem Seeufer und der Passhöhe: ein paar Dutzend Häuser – Maloja.

Die Gemeinde gehört geografisch noch zum Engadin, wird politisch aber vom Bergell aus verwaltet: Maloja aus der Luft. © Foto: Nicola Pitaro Die Gemeinde gehört geografisch noch zum Engadin, wird politisch aber vom Bergell aus verwaltet: Maloja aus der Luft.

Ein hölzerner Rundbau prägt das Dorfzentrum: Es ist das zehnfach verkleinerte Modell einer kolossalen Rotunde, die der legendäre Landschaftsmaler Giovanni Segantini als Schweizer Beitrag zur Weltausstellung 1900 in Paris konzipiert hatte. Er wollte ein Alpenpanorama als Rundumgemälde realisieren; doch das Projekt scheiterte an der Finanzierung.

Malojas kultureller Hotspot: Das Atelier Segantini. © Foto: Nicola Pitaro Malojas kultureller Hotspot: Das Atelier Segantini.

Die Miniaturversion hingegen ist erhalten geblieben: Segantini hat sie an der Fassade seines Holzhauses anbauen lassen; seither ist das Atelier Segantini der kulturelle Hotspot im Dorf. «Dabei hat der Künstler den Raum nie als Werkstatt benutzt», führt Dora Lardelli aus. Die ältere Dame, lange, rot gelockte Haare, dazu passend ein ockerfarbener wallender Rock, ist als Kunsthistorikerin die Autorität im Tal. In St. Moritz hat sie, noch vor Abschluss ihres Studiums an der Uni Basel, das Segantini-Museum kuratiert, in Samedan gründete sie vor gut 30 Jahren das Kulturarchiv Oberengadin, dessen Trägerverein sie bis heute präsidiert. Und vor 5 Jahren wurde sie mit dem Bündner Kulturpreis «Terra Grischuna» ausgezeichnet.

Segantini habe hier seine Bibliothek eingerichtet, fährt sie fort. «Sein Atelier jedoch war die Welt der Berge, das hochalpine Licht, das hier einen besonderen Zauber ausstrahlt.»

Mit seinen Bildern hat sich Segantini zum Pantheismus bekannt. Will heissen: In der Natur hat er Gott erkannt. Und in der Natur wird er ihm auch begegnet sein: Im September 1899 erlag der 41 Jahre junge Künstler in einer Berghütte den Folgen einer Bauchfellentzündung.

Fassdauben und ein Schafschädel

120 Jahre später und 200 Meter vom Segantini-Atelier entfernt macht sich Marco Zuffellato an einem Pferdeschweif zu schaffen, den er mit dem Haken eines Krans verbindet, sodass der Eindruck entsteht, das gebogene Eisen sprühe haarsträubende Funken. «Ich bilde mir nicht ein, wie ein Segantini die Natur kunstvoll abbilden zu können», sagt der Objektkünstler betont bescheiden. «Aber ich erlaube mir, die Natur für meine Geschöpfe zu verwenden.»

Marco Zuffellato in seinem Atelier: Die «Totempfähle» weisen auf seine Verbundenheit mit den nordamerikanischen Ureinwohnern hin. © Foto: Nicola Pitaro Marco Zuffellato in seinem Atelier: Die «Totempfähle» weisen auf seine Verbundenheit mit den nordamerikanischen Ureinwohnern hin.

Marco, den sie hier nur Zuffi nennen, nimmt dankbar an, was die Natur ihm offeriert: Schwemmholz, das er am Flussufer findet. Den Flügel eines Raubvogels, dessen Kadaver auf dem Pannenstreifen verwest. Den Schädel eines Schafs, den er sich im Schlachthof hat reservieren lassen. Fassdauben, die seit Jahren im Keller eines Hotels lagern. Manchmal sucht er gezielt, öfter aber verlässt sich Zuffellato auf den Zufall, «der mich immer wieder überrascht».

Die Schätze der Natur schleppt er aus allen Himmelsrichtungen herbei und verstaut sie in seinem Fundus. «Und wenn mich eine Eingebung überkommt, such ich mir ein Objekt heraus, drehe und wende es so lange, bis es mir sagt, wie und womit es zusammengemacht werden soll.» So entstehen Werke, die oft auch einen Bezug zu seiner Biografie haben.

Bald nach seiner Geburt trennen sich die Eltern; beide zeigen wenig Interesse, erzieherische Verantwortung zu tragen. So wächst Marco bei den Grosseltern auf – und jedes Mal, wenn er den Vater besucht, bekommt er zu hören: «Aus dir wird nie was Rechtes.» Er hätte gerne Jus studiert – ein frommer Wunsch: Uni kostet Geld, aber Geld ist keins da ... «Dann lernst halt Dekorateur», meint der Vater. «Oder Koch.»

Verlobung bei den Pownee-Indianern

Dass er ausgerechnet «Schreiner» wird, verdankt er seiner ersten Liebe: Tatjana stammt einerseits aus dem St. Galler Geldadel, andererseits fliesst aber auch Blut vom Stamm der Pownee in ihren Adern. Die beiden reisen nach Oklahama, feiern am grossen Pow-How-Familientreff im Reservat der nordamerikanischen Ureinwohner Verlobung. Es wird getrommelt, getanzt, gelacht – «und dann haben sie mich im Stamm aufgenommen und mich Capeta getauft, das bedeutet Carpenter: Schreiner – oder einfach: Kunsthandwerker.»

Zwar hat die Liebe die Verlobungsfrist nicht überlebt; dafür stehen heute in Zuffis Werkstatt raffiniert geschnitzte, mit Federn verzierte Hölzer, die frappant an Totempfähle erinnern. An der Wand hängt ein aus Tausenden von kleinen Weissblechpailetten zusammengeschweisster geflügelter Torso, der zwar einen männlichen Namen trägt – «Ich nenne ihn Ikarus!» –, aber eindeutig weibliche Rundungen aufweist. «Kunststück: Gabriella hat Modell gestanden!»

Marco Zuffellato arbeitet an einer geflügelten Metallskulptur. © Foto: Nicola Pitaro Marco Zuffellato arbeitet an einer geflügelten Metallskulptur.

Er hat die Skilehrerin beim Après-Ski kennen gelernt, mit kultigen Figuren beeindruckt, die er damals in einem St. Moritzer Fashion-Schaufenster ausstellte und mit einem formvollendeten Ossobuco so nachhaltig erobert, dass sie heute seine Ehefrau und die Mutter des Sohnes Zino ist.

Trotz väterlicher Bedenken hat Zuffellato vieles richtig gemacht im Leben. Sein Name gilt etwas in der Kulturszene, auch wenn die Kunsthistorikerin das etwas anders sieht.

Sie bewahren Giovanni Segantinis künstlerisches Erbe: Ragnhild Segantini (links) und die Kunstthistorikerin Dora Lardelli (rechts) im Atelier Segantini. © Nicola Pitaro Sie bewahren Giovanni Segantinis künstlerisches Erbe: Ragnhild Segantini (links) und die Kunstthistorikerin Dora Lardelli (rechts) im Atelier Segantini.

Dora Lardelli zwängt sich im Atelier Segantini durch eine schmale Öffnung in der Wand. Auf der anderen Seite lebt Ragnhild Segantini in einer Zeit, die seit 100 Jahren still steht: Der wuchtige Tisch, die geschnitzten Stühle, das Porzellan in den Schränken und die Jagdtrophäen an den Wänden – alles ist so, wie es war, als Giovanni Segantini hier mit seiner Frau Bice und den vier Kindern lebte. Der älteste Sohn wurde im Jahr der Tunneleröffnung geboren, weshalb er den Namen Gottardo bekam. Dessen Sohn war der Arzt Pietro – und dieser heiratete die norwegische Kunsthistorikerin und Dolmetscherin, die jetzt ihre Freundin mit einem Boccalino voll Chiavenna-Wasser begrüsst. Die Freundschaft der älteren Damen, die gemeinsam das künstlerische Erbe des grossen Ahnen bewahren, geht so weit, dass beide ihre Töchter auf den Namen der römischen Jagdgöttin tauften: Diana.

Das ganze Jahr ins kalte Wasser

Leider habe sie heute nicht viel Zeit, sagt Dora. Sie muss noch hinunter zum See. Seit sie sich erinnern kann, nimmt Dora Lardelli ihr Ritualbad, zweimal pro Woche, jahrein und jahraus, besonders gern in einem jener Bergseen, die Segantini so naturnah auf die Leinwand gebracht hat, am liebsten in der kalten Jahreszeit, wenn sie neben dem Badkleid auch die Schlittschuhe und den Pickel einpacken muss, um das Schwarzeis aufzuhacken. «Dann brauch ich nur noch einzutauchen», sagt sie. «Und bleibe jung!»

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wird. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung.

© Bereitgestellt von Tages-Anzeiger

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

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