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Zürcher Gymnasien und Berufsschulen nehmen reduzierten Präsenzunterricht wieder auf – Bildungsdirektorin Steiner kritisiert Vorgaben des Bundesrats

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 29.05.2020 Linda Koponen

Nach der Primar- und der Sekundarstufe öffnen auch die Gymnasien und Berufsschulen wieder ihre Türen. Die Vorgaben sind jedoch streng. Das kommt im Kanton Zürich nicht gut an.

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner fordert schnelle Lockerungen auch für die Schulen. Simon Tanner / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner fordert schnelle Lockerungen auch für die Schulen. Simon Tanner / NZZ

Am 8. Juni startet an den Zürcher Schulen die Phase zwei der Corona-Lockerungen: Primar- und Sekundarstufe nehmen dann den Vollbetrieb wieder auf, der bisherige Halbklassenunterricht wird aufgehoben. Und auch an den Gymnasien und Berufsschulen findet ab übernächster Woche wieder Präsenzunterricht statt – wenn auch nur reduziert.

Die Vorgaben des Bundes sind einschneidend. Die Jugendlichen und Lehrpersonen der nachobligatorischen Schulen müssen untereinander zwei Meter Abstand halten. Zudem gilt ein Richtwert von vier Quadratmetern pro Person in den Unterrichtsräumen. Eingehalten werden können die Schutzmassnahmen laut der Bildungsdirektion faktisch nur dann, wenn in Halbklassen unterrichtet wird.

Die Zürcher Bildungsdirektorin und Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) Silvia Steiner (cvp.) äusserte sich an einer Pressekonferenz am Freitagmorgen kritisch zu den Vorgaben des Bundesrates. Zwar seien die Kantone in die Diskussion um die Sekundarstufe II einbezogen worden. «Die Ereignisse haben sich dann jedoch überschlagen, und der Bundesrat hat in anderen Bereichen Lockerungen vorgenommen, die nicht mehr im Gleichklang mit denjenigen in den Schulen sind.» Das Grundrecht der Schülerinnen und Schüler auf Bildung werde eingeschränkt, während man im Freizeitbereich wieder sehr grosse Freiheiten gewähre. «Die EDK fordert deshalb, dass es auch hier eine Anpassung gibt, und zwar möglichst zeitnah.»

Die strenge Linie des Bundesrats scheint zumindest erklärungsbedürftig. In einem Interview mit dem SRF am Donnerstag sagte der ehemalige Covid-Delegierte des Bundes, Daniel Koch, dass man die Schulen aus epidemiologischer Sicht gar nicht hätte schliessen müssen.

An der Pressekonferenz nicht thematisiert wurde die Weiterbildung. Die Vorgaben des Bundes gelten jedoch auch für private Anbieter. Der Dachverband der Anbieter von Weiterbildung im Kanton Zürich (ZKW), zu dem unter anderem die Klubschule Migros und KV Zürich gehören, schreibt in einem Communiqué von massiven wirtschaftlichen Konsequenzen. «Wie Regierungsrätin Silvia Steiner ist die ZKW der Meinung, dass der Bildungsbereich vom Bundesrat viel härter angefasst wird als Tourismus und Gastronomie. Dabei ist die Rückverfolgbarkeit nirgends so einfach wie in Schulen, wo Präsenzlisten an der Tagesordnung sind», lässt sich Präsident Romeo Regenass zitieren.

Halbklassenunterricht am Gymnasium

An den Mittel- und Berufsschulen sind nun erst einmal schulspezifische Schutzkonzepte gefragt. An den Untergymnasien wird der Unterricht ab dem 8. Juni wieder im Normalbetrieb stattfinden, weil das Ansteckungsrisiko bei Kindern und Jugendlichen bis 16 Jahre laut dem Bundesamt für Gesundheit geringer ist. Die älteren Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien werden gemäss regulärem Stundenplan tageweise alternierend in Halbklassen unterrichtet. Das bedeutet, dass sie jeden zweiten Tag den Präsenzunterricht besuchen und dazwischen weiterhin selbstorganisiert zu Hause lernen sollen. Niklaus Schatzmann, Chef des Mittel- und Berufsbildungsamts, zeigte sich zufrieden mit der Lösung: «Für die Lehrpersonen ist das Modell einfach umsetzbar, und die Betreuung der Schüler ist eng, das hilft, Bildungslücken zu füllen.»

Für die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen gebe es in den nächsten Wochen die Möglichkeit, fachliche Kompetenzen in Bezug auf das gewählte Hochschulstudium zu festigen und als Tutoren jüngere Schüler zu betreuen. Schatzmann sprach von einer Win-win-Situation: «Die Älteren können den Jüngeren ihr Wissen, das sie an den Maturitätsprüfungen nicht zeigen konnten, weitergeben und haben eine schöne Abschlusszeit an der Schule, während die unteren Klassen willkommene Unterstützung erhalten.»

Auch Abschlussveranstaltungen schloss Schatzmann nicht aus. «Mit den Beschlüssen des Bundesrates vom Mittwoch scheint mehr als nur ein Abschied im Klassenverband möglich zu sein, aber es besteht noch ein gewisser Klärungsbedarf.» Schulreisen, Klassenlager und externe Projektwochen werde es aber bis zu den Sommerferien nicht geben.

Vor einer besonderen Herausforderung standen in den letzten Monaten viele Berufsschüler. Lernende in Gesundheitsberufen oder in der Logistik etwa hätten teilweise nur eingeschränkt am Fernunterricht teilnehmen können, weil sie in ihren Betrieben Mehrarbeit hätten leisten müssen, sagte Kurt Eisenbart, der Rektor der Berufsschule Rüti und Präsident der Konferenz der Rektorinnen und Rektoren der Berufsfachschulen. Andere seien während des Lockdowns freigestellt worden.

Wie der Unterricht an den Berufsschulen konkret gestaltet wird, ist noch weitgehend offen. Fest steht einzig, dass rund die Hälfte des Unterrichts wieder an den Schulen stattfinden soll. Der Koordinationsbedarf ist hier im Vergleich mit den Gymnasien grösser, da die Lehrbetriebe mit einbezogen werden müssen und sich auch die Räumlichkeiten je nach Berufsrichtung unterscheiden.

Keine Lager und Exkursionen

Die Volksschulen sind indessen bereits einen Schritt weiter. Seit Anfang Mai findet der Präsenzunterricht in Halbklassen statt. Damit hat der Kanton Zürich im Gegensatz zu den meisten anderen Kantonen, die sofort zum Vollbetrieb übergingen, einen Sonderweg gewählt. Dieser wurde von SP, SVP, FDP, GLP und AL im Kantonsrat harsch kritisiert. Marion Völger, die Chefin des Volksschulamts, zog jedoch eine positive Bilanz der letzten Wochen. Man habe sich aus pädagogischen Überlegungen für diesen Weg entschieden, und die langsame Wiedereröffnung in Halbklassen habe sich bewährt. Die beschränkte Gruppengrösse habe es den Lehrpersonen erlaubt, sich den Schülern mit der nötigen Aufmerksamkeit zu widmen. Das Contact-Tracing sei von den schulärztlichen Diensten aufgenommen worden, die Zahl der Fälle an den Schulen sei jedoch verschwindend klein.

Laut Völger sind die Schulen für den Vollbetrieb gut gerüstet. Mit der Aufhebung des Halbklassenunterrichts wird auch das Betreuungsangebot wieder in vollem Umfang zur Verfügung stehen. Die Abstands- und Hygieneregeln müssen jedoch weiter eingehalten werden. Lehrpersonen, die zu einer Risikogruppe gehören, sind nach wie vor vom Präsenzunterricht ausgenommen. Betroffen sind im Kanton Zürich 250 Lehrerinnen und Lehrer, was 1,5 Prozent der kantonal angestellten Lehrpersonen entspricht. Auch an der Volksschule finden weiterhin keine Lager oder Exkursionen statt.

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