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Zürcher Universitätsspital hat Whistleblower entlassen – nun schaltet sich Gesundheitsdirektorin Rickli ein

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 01.06.2020 Jan Hudec

Ein Arzt hat die Untersuchung gegen den Klinikdirektor der Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich ins Rollen gebracht. Nun darf er nicht mehr am Krankenhaus arbeiten. Zu den Gründen schweigt sich das Spital aus.

Das Zürcher Universitätsspital kommt zurzeit nicht zur Ruhe. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Das Zürcher Universitätsspital kommt zurzeit nicht zur Ruhe. Karin Hofer / NZZ

Die Querelen um das Zürcher Universitätsspital sind um eine Volte reicher. Wie der «Tages-Anzeiger» am Samstag berichtete, hat das Spital just den Whistleblower entlassen, der die externe Untersuchung gegen den Direktor der Klinik für Herzchirurgie, Francesco Maisano, ins Rollen gebracht hatte. Ein vergangene Woche publizierter Untersuchungsbericht zeigte unter anderem auf, dass Maisano wissenschaftliche Publikationen geschönt und Interessenkonflikte verschwiegen hatte.

Während Maisano, der zurzeit beurlaubt ist, zumindest bis auf weiteres am Universitätsspital beschäftigt wird, ist der Hinweisgeber seine Stelle los. Das Vorgehen der Spitalleitung überrascht besonders nach den jüngsten Äusserungen des Spitalratspräsidenten Martin Waser. In einem Interview mit der NZZ gestand er ein, dass das USZ ein Problem mit der internen Fehlerkultur habe. Meldungen zu Missständen seien in der Vergangenheit zum Teil nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit behandelt worden. Als Spitalrat seien sie aber daran interessiert, rasch über Mängel und Fehler informiert zu werden, sagte Waser. «Und wir sind auch bereit, zu handeln und die Leute zu schützen, die solche Probleme kommunizieren.»

Warum dies für den Whistleblower im Fall Maisano nicht galt, ist unklar. Martin Waser wollte auf Anfrage nicht Stellung nehmen. Die Medienstelle des USZ hat auf eine ganze Reihe von Fragen lediglich mit wenigen Sätzen geantwortet. Darin bestätigt das Spital zwar, dass es sich beim Entlassenen tatsächlich um den Hinweisgeber handelt, begründet die Kündigung aber nicht weiter. «Falls der Hinweisgeber gegen seine ordentliche Kündigung und Freistellung, die durch die Spitaldirektion erfolgt ist, Rechtsmittel ergreifen wird, ist der Spitalrat erste Rekursinstanz», heisst es in der Antwort des Spitals.

Kündigungsgrund bleibt offen

Was konkret zur Kündigung geführt hat, bleibt im Dunkeln. In der Darstellung des «Tages-Anzeigers» handelte es sich beim Whistleblower um einen Arzt, der am USZ einen tadellosen Ruf genoss. Erst nachdem die Untersuchung gegen den Klinikdirektor eingeleitet worden sei, sei aus dessen Reihen fachliche Kritik am Whistleblower laut geworden. Ob dies so zutrifft, lässt sich kaum verifizieren, zumal der Arzt im Artikel anonym bleibt. Auch im «Tages-Anzeiger» begründet das Spital die Entlassung nicht, eine Mediensprecherin lässt sich aber wie folgt zitieren: «Richtig ist, dass sich zwischen einem Mitarbeiter und diversen Mitgliedern des Teams inklusive des Chefarztes über längere Zeit ein zwischenmenschlicher Konflikt aufgebaut hatte, der in schwere Vorwürfe gegen den Chefarzt einmündete.»

Wie dem Untersuchungsbericht zum Fall des Klinikdirektors zu entnehmen ist, hat der Whistleblower die Vorwürfe sehr aktiv nach aussen getragen. So habe er diese noch vor Abschluss der Untersuchung bei diversen Drittpersonen deponiert, unter anderem auch bei Bundesrat und Gesundheitsminister Alain Berset. Einige seiner schweren Vorwürfe konnten zudem durch die Untersuchung entkräftet werden, darunter auch die Behauptung, Maisano habe Patienten Produkte implantiert, die «nicht bzw. nicht ausschliesslich dem gesundheitlichen Interesse des jeweiligen Patienten dienten», wie es im Bericht heisst.

Gleichwohl bestätigte der Bericht auch diverse gewichtige Vorwürfe des Whistleblowers. So etwa den Umstand, dass Maisano in wissenschaftlichen Publikationen Probleme bei Eingriffen mit den von ihm entwickelten Implantaten unterschlagen hatte. Um einen reinen Querulanten handelt es sich bei diesem Hinweisgeber also offensichtlich nicht. Warum er das Spital nun verlassen musste, bleibt nebulös. Allenfalls wird ein möglicher Rekurs gegen die Kündigung mehr Licht in die Sache bringen. Das USZ will vorerst «zu diesen Themengebieten keine weiteren Auskünfte» erteilen, wie es auf Anfrage heisst.

Scharfe Kritik von Gesundheitsdirektorin Rickli

Inzwischen hat sich aber auch die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli in die Sache eingeschaltet. Wie sie zur «Sonntagszeitung» sagte, werde sie den Spitalrat aufsichtsrechtlich verpflichten, die Angelegenheit abzuklären. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» kritisierte Rickli zudem den Spitalrat unter der Führung von Martin Waser scharf. Er habe seine «Verantwortung offensichtlich nicht genügend wahrgenommen», sagte Rickli. Risiken seien zu spät erkannt worden und auch die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit und der Gesundheitsdirektion seien nicht optimal gewesen.

Dabei zielte Ricklis Kritik nicht nur auf den Fall Maisano, denn in den letzten Tagen waren auch zwei weitere Klinikdirektoren des Universitätsspitals unter Beschuss gekommen. Es handle sich hier nicht mehr um Einzelfälle, sagte Rickli, es seien Zusammenhänge erkennbar. Die Gesundheitsdirektorin will deshalb ein Gutachten in Auftrag geben, das untersucht, wie gut die Aufsicht des Spitalrats, der Spitaldirektion und der Gesundheitsdirektion funktioniert und allenfalls verbessert werden kann.

Zudem kündigte sie an, eine Revision des Zusatzhonorargesetzes anzustossen. Das Gesetz schaffe Fehlanreize und führe zu Vorkommnissen, wie wir sie nun gesehen hätten. «Dass die Klinikdirektoren in die eigene Tasche arbeiten können, ist ein Missstand, den man beheben muss», sagte Rickli. Eine Revision des Gesetzes war vor knapp drei Jahren noch vom Kantonsrat abgelehnt worden. Mittlerweile habe der politische Wind aber gedreht, meint Rickli. Darum werde sie dem Regierungsrat eine Überarbeitung des Gesetzes vorschlagen.

Die Zukunft von Klinikdirektor Maisano bleibt derweil ungewiss. Vom Universitätsspital wurde er für drei Wochen beurlaubt, um zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung nehmen zu können. Die Universität Zürich, wo Maisano als Professor angestellt ist, hat am Dienstag eine Untersuchung wegen Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten eingeleitet. Spital und Universität stünden in der Sache in engem Kontakt, hiess es vonseiten des USZ. Sollte Maisano seine Stelle an der Universität verlieren, wäre er wohl auch für das Spital nicht mehr tragbar.

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