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Ein nervöser Putin, ein cooler Biden – was ihre Körpersprache verrät

WELT-Logo WELT 16.06.2021 Torsten Krauel
Russlands Präsident Putin (l.) beim ersten Treffen mit US-Präsident Biden Quelle: AFP © AFP Russlands Präsident Putin (l.) beim ersten Treffen mit US-Präsident Biden Quelle: AFP

Optisch begann das erste Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Joe Biden und Wladimir Putin kalt und abweisend. Der russische Präsident wirkte nervös; schon die Ankunft in der Genfer Villa war nicht gänzlich supermachtwürdig, zeigte aber den Wunsch, gut auszusehen. Putin streckte dem Schweizer Bundespräsidenten sofort nach dem Aussteigen die Hand hin, zweimal – und zweimal bedeutete ihm der Schweizer, der Handschlag geschehe besser nicht vor der Eingangstreppe in der Sonne, sondern auf der Treppe im Schatten des Vordachs.

Biden kam 15 Minuten später als Putin dort an, und das mit einer wesentlich längeren Fahrzeugkolonne. Putins Kolonne umfasste 17 Fahrzeuge, fast demonstrativ fehlte ein Krankenwagen, der Judoka und Hockeyspieler im Kreml ist eben fit; Bidens Kolonne war 38 Fahrzeuge lang, Krankenwagen inklusive. Biden ließ den Schweizer Präsidenten fast eine Minute warten, während er in der Limousine zu telefonieren schien, Amerika ist eben Supermacht. Dann aber akzeptierte der Schweizer einen kurzen Handschlag mit Biden in der Sonne ohne Zögern.

Das gemeinsame Foto mit Putin dann – nun, man hat schon fröhlichere Gesichter gesehen, und ohne einen Schweizer Streitschlichter zwischen beiden. Im November 1985 zum Beispiel, als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow sich ebenfalls in Genf erstmals in die Augen sahen. Damals war Reagan zuerst an der Villa angekommen – Gorbatschow hatte nicht wie Putin den Ruf, Gesprächspartner warten zu lassen, weshalb Biden darauf bestand, als Letzter vorzufahren und nicht als Erster.

Beim offiziellen Handschlag mit Biden streckte Putin den Arm wesentlich weiter aus als der US-Präsident, und in der Bibliothek initiierte Putin ein wenig Small Talk, spielte dabei aber anfangs mit den Fingern und rutschte mit den Füßen hin und her. Einmal lachte Putin auf und schob den Brustkorb hervor, das war während eines Gerangels der Presse um Zugang in den Raum; es schien, als sei er froh, einmal durchatmen zu dürfen.

Putin lacht auf – insgesamt wat der russische Präsident aber sichtlich angespannt Quelle: dpa © dpa Putin lacht auf – insgesamt wat der russische Präsident aber sichtlich angespannt Quelle: dpa

Insgesamt allerdings wirkte der russische Präsident in den ersten Minuten nicht entfernt so entspannt wie zum Beispiel beim ersten Treffen mit Donald Trump in einem Hamburger Hotel beim G-20-Gipfel 2018. Biden wiederum zwang sich ein Lächeln ab, mied aber ebenso wie Putin eher den Augenkontakt, als ihn zu suchen. Beide erweckten den Eindruck, als fühlten sie sich in der Gegenwart des anderen nicht wirklich wohl.

Doch das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Biden und Putin Gründe dafür haben – und beide einen Erfolg brauchen. Biden kennt die Empörung seiner Partei über Putins Wahlkampfeinmischungen, er will als neuer Sheriff auftreten, nicht als Softie. Putin wiederum muss Biden, der ihn als „Killer“ bezeichnete, so entgegentreten, dass er nicht den Respekt mancher Oligarchen und anderer Regimestützen gefährdet. Der russische Präsident will zudem Weltmachtstatus demonstrieren, bevor er demnächst Xi Jinping besucht. In China soll er nicht als Weichei gelten.

Biden ist bereits in Vorleistung gegangen, zum Beispiel zuletzt bei der Akzeptanz der umstrittenen Pipeline Nordstream 2. Vergangene Woche hatte er Putin nicht mehr als „Killer“, sondern als „ebenbürtigen Gegner“ bezeichnet, wahrscheinlich auf Anraten der Russlandexperten, die sich mit Biden in einer langen Sitzung getroffen hatten. Nichts ist Russland so wichtig wie die Anerkennung als ebenbürtige Weltmacht. Schon als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte Biden die Verlängerung des „New Start“-Vertrags von 2010 zur weiteren erheblichen Verringerung der Atomwaffenarsenale beider Seiten um fünf Jahre unterschrieben.

Putin und Biden möchten Chinas Atomwaffen, besonders Pekings Mittelstreckenwaffen, in einen neuen Vertrag einbinden. Der Verzicht darauf, den letzten noch bestehenden Abrüstungsvertrag zwischen beiden Staaten nicht auch noch aufzukündigen, ist mit Blick auf China wichtig. Peking hat stets damit argumentiert, es müsse sich gegen die Supermächte wappnen, die selber nicht abrüsteten, aber andere dazu zwingen wollten.

Putins Vorleistungen an Biden sind diskreter, aber ebenfalls erkennbar. So ließ er beispielsweise auf scharfen Druck aus den USA hin den Regimekritiker Alexej Nawalny bei dessen Hungerstreik in ein Krankenhaus verlegen und gab das durch seinen Sprecher bekannt. Es war das erste Mal, dass Putins Regierungsapparat den Namen Nawalny verwendete, und das mit offiziellem Briefkopf. Als solches war das ein Signal an Washington, dass Putin die Haltung Bidens nicht einfach ignoriert.

Die kürzliche Einstufung der Nawalny-Organisation als „terroristisch“ widerspricht dem nur scheinbar. Eine solche Einstufung ist aufhebbar. Moskau hat auch früher diskrete Signale gesendet, wenn es seine Position als gleichrangige Weltmacht in Washington bedroht sah. In den 70er-Jahren ließ der Kreml plötzlich russische Juden nach Israel auswandern, um Amerikas Ratifizierung der damaligen Rüstungsbegrenzungsverträge im US-Senat nicht zu gefährden.

Selbst wenn das erste Treffen Putins mit Biden mit derselben verkrampften Kälte endet, mit der es begonnen hat – beide Seiten haben viel zu große, sich teilweise überschneidende Interessen, als dass eine solche Stimmung von Dauer bliebe. China in Abrüstungsverträge einzubinden, bevor Peking die weltpolitischen Spielregeln diktieren kann, ist im Moment das wichtigste Ziel, in Moskau ebenso wie in Washington.

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