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Junge Wähler und die FDP: "Für viele junge Wählende ist finanzieller Wohlstand wichtig"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 28.09.2021 Laura Dahmer

Die FDP ist bei den Erstwähler:innen stärkste Kraft geworden. Ein Jugendforscher erklärt, was das Ergebnis mit der Corona-Politik und Tesla-Chef Elon Musk zu tun hat.

Warum ist die FDP unter Erstwähler:innen so erfolgreich? © Maskot/​plainpicture Warum ist die FDP unter Erstwähler:innen so erfolgreich?

Diese Bundestagswahl ist eine Klimawahl, hieß es die vergangenen Wochen und Monate. Junge Aktivist:innen baten Ältere, für ihre Zukunft zu stimmen. Zwei Tage vor der Bundestagswahl streikten laut Fridays for Future deutschlandweit mehr als 600.000 Menschen fürs Klima. Unter den Erstwähler:innen hat aber nun nicht Bündnis 90/Die Grünen, sondern die FDP die Wahl knapp gewonnen. Jugendforscher Simon Schnetzer erklärt, woran das liegen könnte.

ze.tt: Herr Schnetzer, die FDP ist bei den Erstwähler:innen stärkste Kraft geworden. War diese Bundestagswahl bei jungen Wähler:innen doch keine Klimawahl?

Simon Schnetzer: Für die einen war und ist das Klima das wichtigste Thema. Anderen aber ist etwas anderes mindestens genauso wichtig: finanzieller Wohlstand. Viele junge Menschen in Deutschland hatten lange das Gefühl, ihr zukünftiges Leben wird ein Leben in Wohlstand sein. Dann kamen die Klimakrise, die Corona-Krise und die junge Generation hat gemerkt: Was politisch passiert, hat einen starken Einfluss darauf, wie es ihnen in den nächsten Jahren gehen wird. Die aktuelle Wahl war deshalb für viele eine Art Schicksalswahl – eine Möglichkeit, eine Kehrtwende zu machen.

ze.tt: Und die kann aus Sicht einiger Junger mit der FDP gelingen?

Schnetzer: Viele glauben nicht daran, dass sie genügend Rente bekommen, zumindest nicht über die bisher gängigen Rentenmodelle, den Bausparvertrag, das Sparkonto. Sie wissen: Es braucht eine Veränderung, damit sie in Zukunft in Wohlstand leben. Dafür steht aus ihrer Sicht die FDP. Viele 18- und 19-jährige Studierende, mit denen ich spreche, schauen mittlerweile ganz selbstverständlich auf ETFs, investieren oder wollen investieren, sobald sie etwas Geld übrig haben. Wenn ich dabei zum Beispiel in Immobilien investieren möchte, dann ist grüne Politik vielleicht gar nicht so cool. Stichwort Mietpreisdeckel oder die Möglichkeit von Enteignungen.

ze.tt: Sie veröffentlichen seit 2010 die Studie Junge Deutsche zur Lebens- und Arbeitswelt der Generation Y und Z: Welche Themen neben Klima und Wohlstand waren jungen Menschen bei dieser Wahl noch wichtig?

Schnetzer: Das Megathema für die nächste Legislaturperiode ist für sie, Mitsprache zu bekommen und sich beteiligen zu können. Schon bei der Klimakrise haben junge Menschen das Gefühl, dass die vor allem sie betreffen wird – und die Politik sich nicht darum kümmert. Ganz ähnlich war es jetzt in der Pandemie: Schüler:innen, Studierende, Auszubildende hatten den Eindruck, ihre Interessen zählen überhaupt nicht. Während das Arbeitsleben aufrechterhalten wurde, wurden Bildungseinrichtungen und Sportvereine geschlossen, das Hobby verboten. Die FDP hat da Vertrauen geschaffen: Sie wollte Lockerungen und auf Eigenverantwortung setzen, nach dem Motto: "Lasst uns wieder eine Normalität schaffen, in der ihr auch Teil der Lösung seid." Hinzu kommen die Themen Digitalisierung und Bildung. Während der Pandemie wurde sehr deutlich, wie weit Deutschland hinterherhinkt, was den Ausbau digitaler Infrastruktur im ländlichen Raum oder im Bildungssystem angeht.

»Im Wahlkampf konnte die FDP die junge Generation aus ihrer eigenen Informationsblase heraus erreichen: den sozialen Medien.«

Simon Schnetzer

ze.tt: Und warum konnte in diesen Punkten vor allem die FDP überzeugen?

Schnetzer: Weil sie für junge Menschen in diesen Fragen authentisch war. Die Jungen lassen sich Dinge lieber von anderen Jungen erklären als von alten weißen Männern. Seit ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 hat die FDP viele ihrer alten Riege verloren und sich neu aufgebaut. Die Partei vermittelt den Eindruck, jung und modern zu sein und vor allem auch junge Menschen früh in Entscheidungspositionen zu heben. Im Wahlkampf konnte sie zudem die junge Generation aus ihrer eigenen Informationsblase heraus erreichen: den sozialen Medien. Dadurch sind sie für viele junge Wähler:innen glaubwürdiger als Parteien, die Wahlkampf eher über klassische Medien oder per Post machen.

ze.tt: Sie sagen, die FDP sei jung und modern geworden. Mit Blick auf zum Beispiel den niedrigen Frauenanteil in der Partei: Ist sie das wirklich?

Schnetzer: Es stimmt, dass die FDP ein sehr männlich dominiertes Bild abgibt. Meine Studie hat gezeigt, dass die Themen Karriere, Geld und Einkommen junge Männer deutlich mehr anspricht als junge Frauen. Letzteren ist Ökologie wichtiger, aber auch soziale Themen. Wo sich beide Gruppen treffen, ist die Bildung. Das ist ein Thema, dass sowohl FDP als auch Grüne aufgreifen. Die einen erreichen damit eher eine männliche Klientel, die anderen eher eine weibliche.

»Christian Lindner verkörpert eine charismatische Führung mit Vision, ein bisschen á la Elon Musk.«

Simon Schnetzer

ze.tt: Welche Rolle spielt Christian Lindner als Gesicht der FDP?

Schnetzer: Christian Lindner ist zwar nicht mehr ganz so jung, kommt aber so rüber. Und er verkörpert eine charismatische Führung mit Vision, ein bisschen á la Elon Musk. In der Start-up- und Gründerszene ist der Tesla-Chef für viele ein großes Vorbild. Diese Inszenierung, die junge Frauen vielleicht eher abschreckt, finden viele junge Männer cool. Ein junger Mann aus der Gründerszene hat dadurch womöglich das Gefühl, in der FDP ganz gut aufgehoben zu sein.

ze.tt: Würden Sie sagen, wer FDP wählt, hat einen bestimmten sozialökonomischen Hintergrund?

Schnetzer: Ja und nein. Ich glaube, die Pandemie hat zum einen den Fokus verschärft, der aus dem prägenden Elternhaus kommt. Erstwähler:innen leben entweder noch zu Hause oder sind gerade ausgezogen, noch in der Ausbildung oder gerade fertig. Sie sind also in vielen Fällen noch von den Eltern abhängig. Und die waren von der Pandemie ganz unterschiedlich betroffen, je nachdem ob sie angestellt, selbstständig oder verbeamtet sind. Sind die Eltern selbstständig, haben sie möglicherweise große Einbußen eingefahren und würden jetzt von Steuersenkungen profitieren. Für diese Interessen hat sich die FDP stark gemacht. Zum anderen steht die Partei in den Augen vieler für das Versprechen "Engagement lohnt sich", das junge Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten abholen soll. Viele Junge haben heute den Traum, beruflich ihr eigenes Ding zu machen – ob als Unternehmensgründer:in oder als Influencer:in – und nicht im klassischen Angestelltenverhältnis zu landen.

ze.tt: Würden Sie sagen, dass die Corona-Krise die Klimakrise bei einigen jungen Wähler:innen überlagert hat?

Schnetzer: Die Jugend ist spätestens seit der Fridays-for-Future-Bewegung sensibilisiert, was die Klimakrise angeht. In der Pandemie ist das bei manchen in den Hintergrund geraten, eben durch eine Angst, den Lebensstandard zu verlieren. Das gilt nicht nur für junge Menschen, die die FDP gewählt haben: Wenn du Schüler:in bist und dich nicht um deine Finanzen sorgen musst, kannst du dich leichter aufs Klima konzentrieren, als wenn du gern ausziehen möchtest, deine Familie sich das aber durch die Pandemie nicht mehr leisten kann, weil deine Eltern lange in Kurzarbeit waren oder ihren Job verloren haben. Dann ist das Klima in dem Moment vermutlich zweitrangig.

ze.tt: Warum konnten die großen Parteien CDU/CSU und SPD an dieser Stelle nicht punkten?

Schnetzer: Aus meiner Sicht hat unter anderem der YouTuber Rezo einen großen Anteil daran, der sich eben diese beiden Parteien vorgeknöpft hat, weil sie zu dem Zeitpunkt regiert haben. Die Volksparteien hatten in den letzten Jahren die Möglichkeit, zu überzeugen und Visionen umzusetzen. Sie haben es nicht getan und sich durch Fehltritte das Vertrauen verspielt. So wie Rezo das recherchiert und vorgetragen hat, hat er es geschafft, junge Menschen zu erreichen. Er hat hohe Reichweite und war im Internet vormals für anderes bekannt: Musik, unpolitische Unterhaltung. Dadurch ist er authentisch, glaubwürdig und unparteiisch. Außerdem hat er transparent gearbeitet und seine Quellen stets offengelegt. Seine Videos haben für viele sicherlich zur Abkehr von SPD und Union beigetragen. Junge Menschen wollen jetzt eine Veränderung mit Vision. Dafür stehen diese Parteien aktuell nicht.

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