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Russland: Alexej Nawalny veröffentlicht neuen Korruptionsfilm über Wladimir Putin

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 20.01.2021 Christian Esch

Kurz nachdem der Kreml Alexej Nawalny einsperren ließ, veröffentlichten dessen Mitstreiter neue Korruptionsvorwürfe gegen Russlands Präsidenten. Es geht um einen Palast am Schwarzen Meer – und Putins Familie.

© Sergei Bobylev / dpa

»Habt keine Angst«, das ist in diesen Tagen die wichtigste Botschaft Alexej Nawalnys an seine Unterstützer. Welch ungewöhnlichen Mut er selbst aufbringt, das hat der Oppositionspolitiker nun schon das zweite Mal in kurzer Folge bewiesen. Er ist nicht nur nach Russland zurückgekehrt, wo Wladimir Putins Justiz ihn sogleich festnehmen und einsperren ließ. Er hat, als wäre das nicht genug, am Dienstag auch noch einen neuen anklagenden Enthüllungsfilm über den Präsidenten und dessen Umfeld veröffentlichen lassen. »Ein Palast für Putin. Geschichte der größten Bestechung« heißt der fast zweistündige Film.

Er ist im Stil früherer Antikorruptions-Videos gehalten – mit Nawalny als Erzähler, mit schnellen Schnitten und lustigen Infografiken und exklusiven Bildern. Aber der Film ist noch angriffslustiger, respektloser, länger als die Vorgänger, und er macht auch nicht vor Putins Familie halt. Er ist gewissermaßen die Antwort von Nawalny und seinen Mitstreitern auf die Vergiftung des Kremlkritikers.

Diese offensichtlich schon lange vorbereitete Antwort ausgerechnet jetzt zu veröffentlichen, da Nawalny in Putins Gewalt ist – er sitzt im berüchtigten Untersuchungsgefängnis »Matrosenstille« im Moskauer Nordosten –, ist eine mutige, vielleicht aber auch eine verzweifelte Geste. Mit dem Film versucht Nawalnys Team, die Proteste zu befeuern, zu denen es am Wochenende in ganz Russland aufgerufen hat.

»Wir haben ausgemacht, dass wir diese Recherche erst veröffentlichen, wenn ich wieder in Moskau bin, damit ihr wichtigster Held nicht glaubt, wir haben Angst vor ihm«, so erzählt Nawalny gleich zu Beginn des Videos, auf einer Bank in Dresden sitzend – der Stadt, in der Putin einst als KGB-Offizier diente. Dies werde »ein psychologisches Porträt«, verkündet Nawalny: »Wir wollen verstehen, wie aus einem einfachen Sowjetoffizier ein Irrer wurde, der auf Geld und Luxus fixiert ist.«

Im Mittelpunkt des Films steht ein mysteriöses Anwesen bei Gelendschik an der russischen Schwarzmeerküste. Dass dort eine Art inoffizielle Residenz aus Korruptionsgeldern für Putin gebaut werde, davon ist schon länger die Rede. Ein Insider, ein damals an dem Bauvorhaben beteiligter Geschäftsmann, hatte erstmals 2010 über das Luxusanwesen für Putin berichtet, seinen Unmut in einem offenen Brief geäußert.

Aber Nawalny hat Neues zu berichten. Offenbar wird an dem Palast im italienischen Stil kräftig weitergebaut. Und obwohl die Baustelle vom Geheimdienst FSB abgesichert wird, konnten Nawalnys Leute vom Schlauchboot aus eine Drohne über das gewaltige Anwesen schicken sowie einen genauen Grundriss des 17.691 Quadratmeter großen Hauptgebäudes erhalten. Von einem Bauunternehmer, der »bestürzt und wütend« über den Luxus war, wie Nawalny sagt.

Selbst die darin eingezeichneten Möbel haben sie einzeln ermittelt und so ein virtuell begehbares Modell der Anlage erstellt, das Nawalny mit trockenem Humor kommentiert: Wasserpfeifenbar mit Poledance-Stange, großzügig bemessenes Theater, Spielcasino, Schwimmbecken, Aquadisco. Außerdem ein unterirdisches Eishockey-Feld, ein per Tunnel zu erreichender Degustationsraum mit Ausblick über die Meeresbrandung, Tunnel zum Strand, Austernfarmen, Weinberge, eine Extra-Datscha. Allein die Sofas in der Residenz kosten ihm zufolge zwischen eineinhalb und zwei Millionen Rubel pro Stück (etwa 22.000 Euro), das Team von Nawalny zählte 47 Sofas in dem Anwesen, der teuerste Tisch schlägt mit 4,1 Millionen Rubel zu Buche (etwa 45.000 Euro). Das Grundstück sei insgesamt 39 Mal so groß wie das Fürstentum Monaco.

»Die größte Bestechung«

Nawalnys Recherchen zufolge wird der Bau weiterhin von Nikolaj Schamalow beaufsichtigt, einem Geschäftsmann aus Putins Freundeskreis. Bisher war man davon ausgegangen, dass Schamalow das Anwesen nach dem Skandal von 2010 für 350 Millionen Dollar an den Geschäftsmann Alexander Ponomarenko verkauft hatte. Nawalny zufolge war der Verkauf fiktiv, nur ein Zehntel der Summe sei geflossen; doch eine von Schamalows Firmen verwaltete noch einige Zeit lang das Anwesen, bis eine neue übernahm, für die nach Recherchen von Nawalnys Team auch führende Beamte im Kreml und ihre Frauen zeichnen.

Finanziert werde die gesamte Anlage mit Zahlungen von Unternehmen, die mit Putins Freunden noch aus Sankt Petersburger Zeiten zusammenhängen, sagen die Autoren von Nawalnys Antikorruptionsstiftung – darunter auch die Staatsfirmen Rosneft und Transneft. Daraus schließt Nawalny: Dies sei »die größte Bestechung«. Er schätze ihren Gesamtwert auf 100 Milliarden Rubel, umgerechnet gut 1,1 Milliarden Euro, sprach von einem »Staat im Staat«. In diesem gebe es »einen einzigen und unersetzlichen Zaren – Putin«.

Im Geflecht der Transaktionen, die Nawalny beschreibt, tauchen auch Putins angebliche Geliebte sowie Putins Familie auf, der Oppositionspolitiker zeigt auch ein Kinderbild der beiden Töchter, die Putin mit seiner Ex-Frau Ljudmila hat, sowie Briefe, die diese mit einer damaligen Freundin in Deutschland über längere Zeit austauschte. Zudem blendet Nawalny auch Bilder einer jungen Frau ein, angeblich Putins uneheliche Tochter. Über sie hatte erstmals das Online-Magazin Projekt im November berichtet, allerdings ohne ihr Gesicht zu zeigen.

Damit verletzt der Nawalny ein weiteres Tabu, Berichte über Putins Privatleben gelten in Russland als unzulässige Grenzüberschreitung.

Allein in den ersten vier Stunden zählte das Nawalny-Team sechs Millionen Klicks – der Putin-Film führte die Trends im russischsprachigen YouTube an.

Der Kreml reagierte schnell auf die Veröffentlichung, wies sie als unwahr zurück. »Wir haben schon vor vielen Jahren erklärt, dass Putin keine Paläste hat«, sagte Sprecher Dmitrij Peskow dazu. Am Mittag hatte er bereits geäußert, man fürchte sich im Kreml nicht vor Protesten. Geprüft werden müsse aber, ob es sich bei Nawalnys Ankündigung nicht um einen Aufruf zu »etwas Ungesetzlichem« handele. 

Nawalny habe mit seinem neuen Enthüllungsfilm seinen Einsatz erhöht, sagte der Politologe Alexander Kynew. »Die Situation bewegt sich vorwärts, auf eine Art Höhepunkt zu, wie der ausfallen wird, können wir nicht sagen. Aber Nawalny hat keine Wahl und macht weiter.«

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