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Was das Königreich zusammenhält

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 17.04.2020 Markus M. Haefliger, London

Der Brexit verstärkt die Spannungen, denen der britische Vielvölkerstaat ausgesetzt ist. Mit welchen Folgen, weiss niemand zu sagen. Halten die Säume, oder reissen sie? Eine Wanderung entlang der schottisch-englischen Grenze.

Ein Leuchtturm am äussersten Ende eines Piers in Berwick-upon-Tweed, der ;Küstenstadt knapp an der Grenzlinie zu Schottland, die 1707 nach Grenzhändeln England zugesprochen wurde. Melanie Stetson Freeman / Christian Science Monitor / Getty ; © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Ein Leuchtturm am äussersten Ende eines Piers in Berwick-upon-Tweed, der ;Küstenstadt knapp an der Grenzlinie zu Schottland, die 1707 nach Grenzhändeln England zugesprochen wurde. Melanie Stetson Freeman / Christian Science Monitor / Getty ;

Die Grenze im Norden Englands wird weniger mit Steinen und Linien markiert als durch Geschichte und Geschichten wie derjenigen von John Fane und seiner Geliebten Sarah Anne Child, die sich im Jahr 1782 zutrug. Fane, der junge und mittellose Graf von Westmoreland, hatte sich in die 17-jährige Tochter und Alleinerbin eines reichen Banquiers verliebt. Er wusste, dass der Vater einer Heirat nicht zustimmen würde. Aber das Gesetz, welches das Einverständnis der Eltern verlangte, wenn die Braut oder der Bräutigam minderjährig war, galt nur in England und Wales – nicht in Schottland.

Gretna Green, Fluchtort von Liebespaaren

In einer Nacht im Mai brach das Liebespaar in London auf und floh nach Norden. Robert Child, der Banquier, nahm die Verfolgung auf. Er stellte die Flüchtigen vor der schottischen Grenze und tötete ein Pferd im Gespann Westmorelands, aber dieser entkam mit seiner Freundin zu Fuss und erreichte Gretna am Nordufer der Bucht von Solway, der Grenze zu Schottland. Beim ehemaligen Zollposten ging ein Hufschmied einer lukrativen Nebenbeschäftigung nach. Er vermählte rebellische englische Paare über seinem Amboss. Westmoreland, dessen Flucht damals viel Stoff für Klatsch hergab, ehelichte die Geliebte. Er wurde später durch eigenen Fleiss und Ehrgeiz reich.

Der Fall war einer von vielen. In Gretna Green, einer Allmend bei dem Grenzort, hatte sich im 18. Jahrhundert ein eigentliches Kleingewerbe gebildet. Im Jahr 1707 hatten sich England und Schottland politisch vereinigt, aber die Union enthielt – und enthält bis heute – drei Ausnahmen: Schottland durfte das eigene Schulwesen und eine separate Staatskirche behalten und verfügte über eigene Gesetze und Gerichte. Ein Jahrhundert nach den Westmorelands erleichterte die Eisenbahn jungen Ausreissern, den strengen viktorianischen Sitten zu entfliehen und in Gretna Green ihr Glück zu schmieden. Als nochmals hundert Jahre später der gesellschaftliche Wandel den wilden Hochzeiten die Grundlage entzog, hatte sich der Ort als romantisches Ausflugsziel etabliert. Die Wallfahrten gehen weiter. Hotels machen jungen Paaren Sonderangebote, ein Museum und Souvenirläden kommerzialisieren das Ideal der Liebesheirat.

In Gretna setzt auch jede Wanderung entlang der englisch-schottischen Grenze an. Diese beginnt an der Mündung des Esk, verschwindet aber zwei Mal täglich in der Flut, die von der Irischen See hereinkommt. Dann liegt das Wasser zwei Meilen weit zwischen den Ufern. Das Brackwasser und die Sandbänke waren früher die Domäne von Schmugglern. Auf der gegenüberliegenden englischen Seite geht der Meerbusen an diesem kalten Morgen in Nebelschwaden über. Wir suchen den Stein von Lochmaben, der zu einem keltischen Steinkreis gehörte und nie weggeräumt wurde. Laut der Überlieferung legten schottische und englische Kriegsparteien hier ihre Grenzkonflikte bei.

Rosemary, die Landwirtin beim nächsten Bauernhof, sagt, das Ziel sei in einem Feld zu finden. «Du musst zwei Stacheldrahtzäune überqueren, tut mir leid.» Der mit Grasbuckeln durchsetzte Ufergrund ist gefroren, was das Vorwärtskommen erleichtert. Rinder schauen über eine Hecke, zwei Taubenmännchen balgen im Geäst einer Eiche. Von der Autobahn, die nach Glasgow führt, ist das dumpfe Rauschen der Räder auf dem Asphalt zu hören. Der mythische Stein zeigt sich plötzlich in der Morgensonne. Zehn Tonnen schwer, steht er seit vier Jahrtausenden an der Stelle, und wird wohl bleiben, bis er dereinst im Meer versinkt.

Von Gretna verläuft die Grenze nordwärts entlang der Sark, die, von Viehweiden umgeben, durch die Landschaft mäandert. Der Uferweg liegt in Schottland, was vorteilhaft ist, wenn man abkürzen will. Das schottische Wegrecht ist Wanderern gegenüber grosszügiger. Sie dürfen überall durch, solange sie keinen Schaden anrichten. In England hat man sich an die Fusswege zu halten. Bei der Unterführung unter der Autobahn hindurch treffen wir einen Armeeoffizier im Ruhestand, der seinen Hund spazieren führt. Er sei Engländer aus Yorkshire, sagt er, lebe aber seit vielen Jahren in Gretna. «Das hier ist nicht mein Land, gleich dort über die Brücke, da bin ich zu Hause.»

Paradox der Unabhängigkeitsforderung

Schotten und Engländer leben im Grenzgebiet durchmischt. Die Hälfte der 3000 Einwohner Gretnas stammt aus England, viele pendeln zur Arbeit in die nordenglische Stadt Carlisle. Drei Jahrhunderte lang zerbrach sich niemand den Kopf darüber, wo die Heimat liege. Brite war man so oder so. Nun wirft der Brexit seine Schatten voraus. Die schottischen Stimmbürger hatten beim Referendum vor vier Jahren mehrheitlich gegen den EU-Austritt votiert, aber sie wurden überstimmt. Möglicherweise entscheiden sie bald über eine Trennung vom britischen Staat. Der Vorschlag war 2014 schon einmal abgelehnt worden, aber die Scottish National Party (SNP), die das teilautonome Schottland regiert, bläst erneut ins separatistische Horn. Die Partei begründet die Forderung nach einer Wiederholung des Plebiszits damit, dass Boris Johnsons harter Brexit neue Tatsachen schaffe. Nach der gleichen Logik müssen die Nationalisten, die der Europäischen Union wieder beitreten möchten, freilich auch mit einer EU-Aussengrenze an den Übergängen nach England rechnen. Darüber spricht die SNP weniger gern.

Vor dem Aufbruch zur Grenzwanderung hatten wir in Glasgow John Curtice von der Strathclyde University getroffen. Der beliebte Fernsehanalytiker in britischen Wahlnächten weist auf Meinungsumfragen hin, die erstmals eine knappe Bevölkerungsmehrheit der Schotten für die Unabhängigkeit zeigen. Anfang Jahr stiegen die entsprechenden Werte von 47 bis 48 Prozent auf 50 bis 52 Prozent. Mehrere Umfragen würden dies unabhängig voneinander bestätigen, sagt Curtice. Für den Meinungsumschwung sind schottische Brexit-Gegner verantwortlich. Sie hatten zwei Mal für den Status quo gestimmt – 2014 gegen die schottische Unabhängigkeit und 2016 für den Verbleib in der EU. Sie fühlen sich durch Johnsons Brexit-Kurs übergangen.

Unklar ist, ob sie die Drohung wahr machen. «Der Brexit selber wird die Debatte verändern», glaubt Curtice, «nicht zuletzt wegen der Grenze.» Die Separatisten seien in Erklärungsnot. Aber auch die unionistische Seite verstrickt sich in den eigenen Behauptungen. Die Tories hatten 2014 die Unabhängigkeit mit der Losung bekämpft, nur im britischen Verbund könnten die proeuropäischen Schotten sicher sein, EU-Mitglied zu bleiben. Der Brexit straft das Argument Lügen.

Vom Uferweg an der Sark sind landeinwärts Windturbinen zu sehen. Sie stehen auf dem Areal einer ehemaligen Munitionsfabrik, die im Ersten Weltkrieg den Sprengstoff für die Artillerie der Armee und der Royal Navy produzierte. Auf dem zehn Meilen langen Gelände waren bei Kriegsende 30 000 Munitionsarbeiterinnen beschäftigt. Anwohner sagen, in einem Teil der Anlagen werde noch immer Munition gebunkert, Militärlastwagen mit Begleitschutz verkehrten öfters in dem Ort. Auf einer schmalen, von frisch gestutzten Hecken gesäumten Landstrasse suchen einige verirrte Schafe den Weg zurück auf die Weide. Sie sind scheu und stieben erst in der Gegenrichtung davon, als sich der Wanderer in die Hecke drückt. Eine Spaziergängerin hat uns aus der Ferne beobachtet. Lois Young stammt aus Glasgow, zog aber nach Südschottland. Sie mag es, dass Engländer und Schotten in der Region eng miteinander leben. «Anderswo sehen sie nicht über den Tellerrand hinaus», sagt sie. «Eine Folge davon ist der Brexit.»

Lois erzählt, sie habe in den 1970er Jahren ein Jugendjahr in Thalwil am Zürichsee verbracht. Später erlernte sie im Alter von 40 Jahren den Pflegeberuf und schätzte den Austausch mit Studenten des europäischen Erasmus-Programms. Sie ist pensioniert, bereitet sich aber darauf vor, wegen Covid-19 zum Gesundheitsdienst eingezogen zu werden. «Ich weiss gar nicht mehr, wie das geht», sagt sie, «es hat sich so viel verändert.» Sie werde sich wohl dazu melden, Krankenbetten zu reinigen.*

Nördlich von Sark Hall, wo sich mehrere schmale Landstrassen kreuzen, verlässt die Grenze den Flusslauf abrupt und verläuft quer nach Osten. Auf der Landkarte sieht die Demarkation aus, als sei sie mit dem Lineal gezogen worden, wie eine afrikanische Landesgrenze. Dazu war es gekommen, als im Jahr 1552 die Statthalter von Edward VI. und von Mary Stuart, der schottischen Monarchin, Frieden stiften wollten. Sie betrauten den französischen Gesandten in Schottland, Henri Cleutel, mit der Grenzziehung. Zuvor war es während drei Jahrhunderten immer wieder zu gegenseitigen Überfällen gekommen, man nannte das Gebiet «debatable lands», Niemandsland, in dem Banditen hausten. Cleutel zog eine schnurgerade, drei Meilen lange Linie zwischen zwei quer dazu liegenden Flussläufen und empfahl, beidseits davon Gräben auszuheben und in der Mitte einen Wall aufzuschütten.

Im Grenzgebiet hausten früher Banditen

Der sogenannte Scots’ Dyke ist erodiert, aber als Waldstreifen noch immer gut erkennbar. In der Mitte verläuft ein Fussweg. Er ist von Hindernissen durchsetzt – Stacheldrahtzäune von Viehzüchtern, umgestürzte Bäume, Fuchsbaue, Entwässerungsgräben. Während die schottische Forstverwaltung Kiefern angepflanzt hat, wächst auf der englischen Seite Mischwald. Eine vergessene Buchenhecke ist zu knorrigen Bäumen ausgewachsen, die ein frisch gesätes Rapsfeld begrenzen. Eine Bäuerin sitzt in der Kabine ihres Traktors und telefoniert. Sie hat uns den Rücken zugekehrt und hört das Räuspern nicht, das sie vor einem Schreck bewahren soll. «Hoppla, ein Mann läuft gerade an mir vorbei», meldet sie ins Handy. Zurück auf dem Weg, flattern Rebhühner auf, und eine Herde Rehkühe flüchtet nach Schottland. Plötzlich stehen wir vor einem mit Moos überwachsenen Grenzstein mit unleserlichen Einkerbungen. Der Autor Ian Crofton («Walking the Border», 2014) glaubt, sie würden die Jahreszahl 1701 angeben. Die Markierung wäre demnach aufgestellt worden, kurz bevor sie durch die Union beider Länder hinfällig wurde. Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden.

Neben dem Waldstreifen liegt auf schottischer Seite Glenzierfoot, ein Bauernhof. Gillian Elliot, die erwachsene Bauerntochter, sagt, hier gebe es keine Engländer oder Schotten. «Wir sind alle Reivers», meint sie lachend. Mit dem Wort sind die marodierenden Banden im Spätmittelalter gemeint. In ihren Clans haben laut dem Autor George MacDonald Fraser «Adlige und Pächter, Strassenräuber und Gerichtsvollzieher, Kriegsknechte und Bauern» mitgemacht («The Steel Bonnets: The Story of the Anglo-Scottish Border Reivers», 1971). Die Reivers spannten manchmal zusammen, dann wieder bekämpften sie sich. Es galt die Blutrache, aber paradoxerweise kam es auch zu Mischehen zwischen verfeindeten Clans.

Gillians Mutter, Catherine Carruther, eine resolute Farmerin, schaut auf eine englische Ahnenreihe zurück, wie sie sagt. Man denkt an Yorkshire, vielleicht Südengland. «Nein, nein», sagt sie, «siehst du die Windturbinen dort? Da kommt meine Familie her.» Sie entstamme dem Clan der Grahams. «Wir haben das Wort ‹blackmail› [Erpressung] erfunden.» Nach der Überlieferung raubten sich Reivers im 16. Jahrhundert gegenseitig Kinder und verlangten Lösegeld, wie Dinka-Stämme im heutigen Südsudan.

Laut Catherine haben Bauern mit der Grenze nichts als Probleme. Früher hätten viele Farmer beidseits davon Felder besessen. «Jetzt nicht mehr.» Im Zuge der 1999 eingeführten schottischen Teilautonomie waren die agrarpolitischen Befugnisse dezentralisiert worden. Das bedeutet, dass Subventionen über unterschiedliche Kassen ausgezahlt werden, auch tierärztliche Tests werden uneinheitlich gehandhabt. Sie habe für den Brexit gestimmt, sagt die Bäuerin. «Nicht aus Prinzip. Ich entscheide von Fall zu Fall.» Bei den letzten schottischen Wahlen gab sie die Stimme den Nationalisten, weil diese ein Erstkaufrecht für Pächter versprochen hatten. Glenzierfoot gehört Richard Scott, dem Herzog von Buccleuch, mit einer Landfläche von über 1100 Hektaren einer der grössten Landbesitzer Schottlands. «Er hält uns für Rebellen», sagt Catherine, ohne den Grund für den Pachtstreit zu nennen.

Als wir die Episode ein paar Tage später in Edinburg Jim Cuthbert erzählen, dem Doyen der schottischen Wirtschaftswissenschafter, schlägt er einen Bogen zur Unterentwicklung der ländlichen Gebiete in Südschottland. Buccleuchs Vorfahren und andere Grundbesitzer hätten die Landbevölkerung in Abhängigkeit gehalten, als in England die Bauern zu Wohlstand gekommen seien. «Ganze Landstriche entleerten sich», sagt Cuthbert. Freikirchen ermunterten im 19. Jahrhundert die Gläubigen, nach Amerika auszuwandern, weil sie in der Heimat keine Zukunft hätten.

George Taylor (1803 bis 1891) beschreibt in seinen erst vor wenigen Jahren veröffentlichten Memoiren («From Kelso to Kalamazoo») die halbfeudalen Zustände im südschottischen Kelso zur damaligen Zeit. Pächter waren verpflichtet, ein Familienmitglied zum Arbeitsdienst auf dem Hof des Grundbesitzers abzustellen, und konnten von einem Tag auf den anderen vom Land vertrieben werden. Taylor nutzte seine Aufgabe als Hirte, um Fallen aufzustellen und bei seinen Rundgängen die Beute in den tiefen Taschen eines Mantels verschwinden zu lassen. Unter erheblichem Risiko verkaufte er die gewilderten Hasen, Kaninchen und Fasane auf dem Markt von Kelso, um Geld für die Schiffskarte nach Übersee auf die Seite zu legen. Wenn man es recht bedenke, habe sich wenig verändert, meint Cuthbert. Er hält nichts von der demografischen Durchmischung an der Grenze. Die Zugezogenen stammten meist aus dem reichen Südostengland und bevorzugten einen Ruhestand auf dem Land. «Das ist keine Entwicklung.»

Gefühl der Vernachlässigung sitzt tief

Das Gefühl der Vernachlässigung ist vielen Schotten tief in die Seele gebrannt. Die Delegation schottischer Unterhausabgeordneter war nie gross genug, um schottischen Anliegen Gehör zu verschaffen. Ab und zu erliess das Parlament ein Gesetz, das Schottland betraf, aber die betroffene Bevölkerung wurde nicht nach ihrer Meinung gefragt. Ein Beispiel ist die Schliessung von Eisenbahnlinien in den 1960er Jahren unter Richard Beeching, dem damaligen Chef von British Rail. Ungeachtet der langen Distanzen und abgelegenen Siedlungen, fielen der Massnahme in Schottland 650 Meilen an Schienensträngen zum Opfer. Zwei Jahrzehnte später waren es die Reformen Margaret Thatchers, die im Gürtel zwischen Glasgow und Edinburg, wo drei Viertel der schottischen Bevölkerung leben, viele Arbeitsplätze zerstörten. Gleichzeitig flossen die Einnahmen vom Erdöl der Nordsee in den öffentlichen und den privaten Konsum ab. «Uns sollte es so gut gehen wie Norwegen», sagt Cuthbert, «aber die Öleinnahmen wurden verschwendet.» Spätestens seit Thatcher sind die Tories für viele Schotten ein rotes Tuch. Der Brexit-Kurs der gegenwärtigen Regierung bestätigt die gemachten Urteile.

Eine der von Beeching stillgelegten Eisenbahnstrecken ist die Waverley-Linie, die Carlisle mit Edinburg verband. Das Trassee führt teilweise der Grenze entlang und schmückt mit efeubewachsenen Brücken und Viadukten aus roten Ziegeln die Hügellandschaft. Es ist verwildert und wird manchenorts als Jagdrevier genutzt. «No public right of way», heisst es an einem Gatter. Da der Bahndamm auf der englischen Seite verläuft, sollte man sich daran halten, aber Stiefelabdrücke zeigen, dass die Frevler zahlreich sind. Der Weg führt durch einen Buchenwald, in dem Finken, Rotkehlchen und Singdrosseln zwitschern.

Bei Kershopefoot verlässt der Bahndamm die Grenze, welche zu den Cheviot-Hügeln ansteigt. Auf der englischen Seite löst Northumberland Cumbria als Grafschaft an der Grenze ab. «Ich erkenne einen Schotten, wenn ich ihn höre», sagt John Riddell, der den Marktflecken Bellingham im Landrat des Verwaltungsbezirks vertritt. Riddell bewirtschaftet im Hauptberuf eine 520 Hektaren grosse Farm, die schon den Eltern gehörte. In die Politik ging er vor dreissig Jahren. Als die Tories bei den letzten Lokalwahlen die Kontrolle über die Bezirksregierung errangen, wurde Riddell das Ressort Planungsfragen zugeteilt. Die fünf Landkreise beidseits der Grenze kooperierten gut, sagt er. Vor sieben Jahren gründeten die Distrikte gemeinsam die Borderlands-Initiative, in der Bereiche wie Verkehr, Tourismus und Infrastruktur koordiniert werden. Die Vorhaben können jährliche Budgetmittel im Umfang von rund 30 Millionen Pfund anzapfen.

Riddells Küche wird von einem massiven Familientisch dominiert. Es herrscht eine gemütliche Unordnung von alten und modernen Utensilien. Zwei Labradorhunde liegen vor dem gusseisernen Ofen, ein fünftägiges Lamm wird aufgepäppelt, weil es draussen zu kalt ist. Riddell hat ein braungebranntes Gesicht, eine hohe Stirn und ein Grübchen im Kinn. Als Bauer plagen ihn manche Sorgen, etwa, wie sich die Klimaziele auf die Landwirtschaftspolitik auswirken. «Schafe oder Wald, das ist hier die Frage», sagt der 61-Jährige. Über die schottischen Separatisten zerbricht er sich nicht den Kopf. «Wenn sie unabhängig werden wollen, soll man sie ziehen lassen.» Die Traktoren lässt er im schottischen Jedburg warten, Bullen und Schafsböcke für die Zucht bezieht er von beidseits der Grenze. Riddell sagt, er sei ein ehemaliger «remainer», der sich mit dem Brexit abgefunden habe. «Ich habe den Bauern gesagt: Wenn ihr glaubt, der Papierkrieg nimmt mit dem Brexit ab, täuscht ihr euch.» Der Amtsschimmel wiehere in London lauter als in Brüssel. Als Beispiel nennt er das Verbot, tote Rinder auf dem eigenen Hof zu verscharren. «Die Schotten dürfen das», sagt Riddell, «nur wir müssen den Kadaver beim Tierarzt vernichten lassen.»

Brexiteers und Nationalisten im Gleichklang

Riddell sieht mehr Gemeinsamkeiten zwischen Engländern und Schotten als Unterschiede. Aber die Politik wird in Edinburg und London gemacht. Der Politologe Curtice sagt, es sei auffallend, wie sehr sich die Argumente von Brexit-Anhängern und schottischen Nationalisten glichen. David Frost, Johnsons Chefunterhändler bei den Brüsseler Gesprächen und ein überzeugter Brexiteer, hob im Februar in einem Vortrag hervor, Kleinstaaten funktionierten besser als grosse Staatswesen. «Sie wissen, dass sie in den Wellen schwimmen, die andere machen», sagte Frost, «deshalb sind ihre Entscheidungswege besser.» Die Begründung gleicht fast wörtlich einer Passage im Bericht der Wilson-Kommission aus dem Jahr 2018, mit dem die schottische Landesregierung die Unabhängigkeitsforderung wirtschaftlich rechtfertigt. Kleinere Länder regierten besser und würden einen höheren Lebensstandard erschaffen, weil sie flexibler auf globale Herausforderungen reagieren könnten, heisst es dort. «Ein klassisches Argument von Nationalisten», sagt Curtice.

Auch umgekehrt wird ein Schuh draus. Brexit-Anhänger blenden die Kosten des EU-Austritts aus, die SNP diejenigen des staatlichen Alleingangs. Alle fiskalischen Einnahmen und Ausgaben zusammengerechnet, weisen Schottlands Staatsfinanzen ein theoretisches Defizit von über 12 Milliarden Pfund aus, 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Ein Problem, auf das die SNP selber hinweist, liegt darin, dass kein Schotte für das Finanzloch geradestehen muss, das quasi automatisch durch den britischen Fiskus gestopft wird.

Der Kitt im Königreich ist nicht nur an der schottischen Grenze brüchig, sondern auch zwischen Nordirland und Irland. Wie Schottland hat seit 1998 auch Nordirland die Zusicherung Londons, die britische Union unter gewissen Bedingungen verlassen zu können. Aber nur in Schottland verfolgt eine Regierung das Ziel. Nicht zuletzt darum sind die Schotten das schwächere Glied im Länderverbund. Der schottische Publizist Alex Massie bedauerte kürzlich in einem Aufsatz für die «Times», dass die SNP die kleinen Unterschiede zelebriere und zur Grundlage einer identitären Politik mache. «Dabei hat Schottland mehr mit dem Rest des Königreichs gemeinsam als mit irgendeinem anderen Ort auf der Welt, selbst nach dem Brexit», schreibt Massie.

Im Nordosten verläuft die Grenze im Fluss Tweed, der mächtig zur Nordsee fliesst und das wichtigste Fanggebiet für wilden schottischen Lachs ist. Der Uferweg führt entlang von Mischwäldern, Schafweiden und Rapsfeldern. Er wurde für Sportfischer angelegt und verliert sich mitunter auf Flussinseln; dann muss man ein Stück weit zurückkehren. Ein Feld sieht von weitem aus, als sei es mit weissen Punkten durchsetzt. Man vermutet eine Schafherde, aber eine Gruppe von Schwänen hat sich die Wiese als Schlafplatz ausgewählt. Die Vögel stecken den Schnabel unter die Fittiche, vermutlich ist es ihnen am Ufer zu windig. Sie lassen sich auch durch die Gaskanonen nicht beeindrucken, die in unregelmässigen Abständen die Luft erschüttern und mit denen die Bauern Tauben verscheuchen, die sich an die Rapssaat machen.

Berwick-upon-Tweed – Stadt in zwei Ländern

Im «Mason’s Arms», einem fast 300 Jahre alten Pub im englischen Dorf Norham, sitzt am Nebentisch ein älteres Ehepaar beim Abendessen. Francis und Anne Seed besitzen auf der schottischen Seite zwei Bauernhöfe. Sie selber haben das Land gewechselt und sich in Norham zur Ruhe gesetzt. Francis gibt sich als schottischer Tory und leidenschaftlicher Unionist zu erkennen. Nicola Sturgeon, die nationalistische Chefministerin in Edinburg, sei eine Kommunistin, behauptet er. Das ist stark übertrieben, aber was stimmt, ist, dass die SNP abgesehen vom Separatismus eine linke Politik vertritt. Wohlhabende zahlen in Schottland höhere Steuern als in England, und die Regierung brüstet sich, einen grosszügigeren Wohlfahrtsstaat zu betreiben als den englischen. Laut Curtice bestätigen Umfragen, dass die Schotten mehr links eingestellt sind als Engländer. Aber der Unterschied sei gering. In beiden Ländern unterstütze die Mehrheit klassisch sozialdemokratische Anliegen, sagt Curtice.

Norham ist fast ein Vorort der Küstenstadt Berwick-upon-Tweed. Kurz davor bricht die Grenze rechtwinklig vom Fluss weg und führt nach Norden, bevor sie einen Bogen um die Stadt macht und im Meer endet. Berwick wäre schottisch, ginge es nach der Geografie. Aber die strategisch wichtigen Befestigungen wurden in einem der vielen Grenzhändel England zugesprochen, und die Union von 1707 schob den schottischen Ansprüchen einen Riegel. Immerhin, die Berwick Rangers, der örtliche Fussballklub, spielen in einer schottischen Liga, als einziger englischer Verein, wenn auch in einer unteren Spielklasse. Die Bewohner der Gegend seien verwirrt und wüssten nicht, zu welcher Seite sie gehörten, hatte uns in Norham der Wirt des «Mason’s Arms», ein gebürtiger Liverpooler, mit auf den Weg gegeben. Er wollte keinen Zustand beschreiben, aber einen Charakterzug der Einheimischen, einen liebenswerten, möchte man anfügen.

* Das Gespräch mit Lois Young – und die Grenzwanderung – fanden in der ersten Märzwoche statt. Die Covid-19-Epidemie stand in Grossbritannien erst am Anfang.

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