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Cannabis-Gummibären, THC-Inhalatoren, Coffee-Shops: Die Schweiz erprobt einen neuen Umgang mit Hanf

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 05.05.2021 Gioia da Silva

Unter dem Regime des Experimentierartikels werden Städte und Universitäten die Legalisierung von Cannabis erforschen. Erste Projekte starten im Sommer. Ein Augenschein bei einem künftigen Produzenten.

Hanfstecklinge schlagen in der Steinwolle Wurzeln. Nach zwei Wochen können sie in die Erde gepflanzt werden. Bilder aus dem Gewächshaus der Firma ;Biocan in Ossingen, aufgenommen im März 2017. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Hanfstecklinge schlagen in der Steinwolle Wurzeln. Nach zwei Wochen können sie in die Erde gepflanzt werden. Bilder aus dem Gewächshaus der Firma ;Biocan in Ossingen, aufgenommen im März 2017. Christian Beutler / Keystone

Frank Manschot klont Hanfpflanzen. Schon Hunderttausende Kopien hat er von einer einzelnen Pflanze hergestellt. Er braucht dafür kein Labor und keine Chemie, sondern eine Schere, Wolle, Wasser und Geduld.

Manschot, gebürtiger Niederländer, verantwortet die Hanfproduktion der Firma Biocan. Für seine Arbeit am Standort Ossingen (ZH) macht er sich eine Eigenschaft von Hanfpflanzen zunutze: Abgeschnittene Triebe schlagen frische Wurzeln. Er schneidet den Mutterpflanzen im Gewächshaus jene hellgrünen Triebe ab, die schon etwa 15 Zentimeter gewachsen sind. Dann zupft er ihnen die unteren Blätter ab und kappt die Spitzen der oberen Blätter mit einer Schere. Jetzt sehen die Triebe aus wie kleine Palmen.

Im Moment sind die Hanfpflanzen von Biocan noch harmlos. Die Kunden können sich damit nicht berauschen. Sie konsumieren die Hanfblüten, weil sie ihnen eine heilende Wirkung bei Angstzuständen, Alzheimer und Epilepsie zuschreiben. Dafür sorgt der Wirkstoff Cannabidiol, kurz CBD. Er untersteht in der Schweiz keinem Gesetz.

Anders ist dies beim Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, THC, dem Stoff, der high macht. Im Moment dürfen Hanfpflanzen maximal ein Prozent THC enthalten. Doch das dürfte sich bald ändern. Mitte Mai tritt der Experimentierartikel in Kraft: die gesetzliche Grundlage fürs Kiffen.

Eine Mitarbeiterin von Biocan ;arbeitet im Gewächshaus. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Eine Mitarbeiterin von Biocan ;arbeitet im Gewächshaus. Christian Beutler / Keystone Sie pflanzt Hanfstecklinge in die Erde. ; Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Sie pflanzt Hanfstecklinge in die Erde. ; Christian Beutler / Keystone

Manschot steckt die Hanfpalmen einzeln in nasse Steinwollewürfel. Jetzt heissen sie Stecklinge. 20 000 davon befinden sich bei 26 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit in einem Anbau des Gewächshauses. In rund zwei Wochen sollen sie Wurzeln geschlagen haben. Dann werden sie in die Erde gepflanzt, und etwa drei Monate später werden die Blüten geerntet.

Danach, hofft Biocan, können «potente» Pflanzen angebaut werden: Cannabis mit bis zu 20 Prozent THC. Der Stoff soll in Apotheken erhältlich sein und vielleicht auch in «Social Clubs» verkauft werden – also in einer Art Vereinslokal, wo Joints geraucht werden dürfen. Auf offener Strasse bleibt das verboten.

Kiffen im Namen der Wissenschaft

Das erinnert stark an die Coffee-Shops in den Niederlanden. Doch kichernde Touristen und apathische Einheimische wie in Amsterdam wird man in der Schweiz zumindest vorerst nicht sehen. Denn die Abgabe von THC-haltigem Cannabis wird unter der Regie des Experimentierartikels auf ein paar tausend Studienteilnehmer beschränkt. Für alle anderen bleibt der Konsum illegal.

Wer bei einer Studie mitmachen will, muss belegen, dass er oder sie schon bisher regelmässig gekifft hat. Maximal 5000 Teilnehmer können sich pro Projekt registrieren. Jedes Mal, wenn sie an den offiziellen Abgabestellen Cannabis kaufen, müssen sie sich identifizieren lassen. Über ihren Konsum wird Buch geführt. Was für alle anderen eine Straftat bleibt, wird bei ihnen akribisch vermessen.

In Zürich geht man davon aus, dass im Sommer die ersten Studienteilnehmer rekrutiert werden können. Auch Bern, Basel, Genf, Lausanne und St. Gallen planen Projekte. Wie die Abgabe genau organisiert ist und welche Daten erhoben werden, klären im Moment Universitäten, Stadtverwaltungen, Apotheken, Produzenten und das Bundesamt für Gesundheit. Ziel der grossangelegten Versuche: Die Schweiz will herausfinden, wie Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten mit der Droge umgehen, wenn sie nicht mehr verboten ist.

Die Hanfpflanzen, die Biocan heute anbaut, enthalten höchstens ein Prozent THC. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Hanfpflanzen, die Biocan heute anbaut, enthalten höchstens ein Prozent THC. Christian Beutler / Keystone Damit sie Blüten entwickeln, brauchen sie zwölf Stunden Licht pro Tag. ;Aufnahmen vom Biocan-Standort Bassersdorf, März 2017. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Damit sie Blüten entwickeln, brauchen sie zwölf Stunden Licht pro Tag. ;Aufnahmen vom Biocan-Standort Bassersdorf, März 2017. Christian Beutler / Keystone

Mehr Angebot als auf dem Schwarzmarkt

Während Manschot weitere Stecklinge herstellt, treffen sich die Firmenleiter von Biocan im Gewächshaus. Der eine erscheint in Trainerhosen, der andere etwa eine Stunde zu spät. Was ihre Firma dazu beisteuern wird, wenn die Schweiz ab Sommer die Zukunft ihrer Drogenpolitik erprobt, wissen sie noch nicht genau. Bis jetzt verkauft Biocan vor allem getrocknete Hanfblüten mit einem hohen CBD-Anteil zum Rauchen. Doch an den offiziellen Abgabestellen wollen die Behörden auch andere Produkte anbieten als nur THC-Hanf zum Kiffen.

Adrian Gschwend, Leiter der Sektion im Bundesamt für Gesundheit, der die Gesuche für die Forschungsvorhaben prüfen wird, sagt es so: «Stellen Sie sich vor, Sie wollen Alkohol einkaufen. Im Laden gibt es nur eine einzige Sorte Bier. Auf dem Schwarzmarkt finden Sie aber eine grosse Auswahl von verschiedenen Getränken. Wo kaufen Sie ein?»

Damit der Schwarzmarkt nicht attraktiver ist als die offiziellen Abgabestellen, soll es laut Gschwend sogar möglich werden, an den Abgabestellen Produkte zu erhalten, die auf dem Schwarzmarkt nicht erhältlich sind. THC-Inhalatoren, Cannabis-E-Zigaretten, Gummibären, die high machen: Gschwend zählt sie zwar selbst nicht auf, will aber nichts ausschliessen.

In Ossingen beginnt es derweil zu regnen. Bis anhin war die Luft im Gewächshaus schwül, jetzt wird sie stickig. Die Firmenleiter unterhalten sich über den Preis, für den sie THC-haltigen Cannabis künftig verkaufen könnten. Definitiv festgesetzt ist der Preis an den Abgabestellen zwar noch nicht, allerdings wird er sich an jenem auf dem Schwarzmarkt orientieren: Rund 10 Franken pro Gramm sei vermutlich realistisch, sagt der Verkaufsleiter.

Biocan verkaufte seinen harmlosen Hanf bisher für die Hälfte. Zwar wird THC-haltiger Cannabis in der Herstellung mehr kosten, schliesslich braucht die «potente» Pflanze etwas länger im Boden als die harmlose. Die Anbaufläche muss eingehegt und überwacht werden, das kostet. Trotzdem locken Margen von bis zu 50 Prozent.

Bisher verkaufte ;Biocan vor allem getrocknete Hanfblüten mit einem hohen CBD-Anteil zum Rauchen. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Bisher verkaufte ;Biocan vor allem getrocknete Hanfblüten mit einem hohen CBD-Anteil zum Rauchen. Christian Beutler / Keystone Legale Produkte müssen mit Warnhinweisen und Labels versehen werden. Ein CBD-haltiges Hanfprodukt von Biocan, fotografiert im März 2017. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Legale Produkte müssen mit Warnhinweisen und Labels versehen werden. Ein CBD-haltiges Hanfprodukt von Biocan, fotografiert im März 2017. Christian Beutler / Keystone

Prozentangaben wie beim Wein

Das Geld der Konsumenten fliesst bei der kontrollierten Abgabe an Unternehmen wie Biocan, die Arbeitsplätze schaffen und besteuert werden können, statt an Drogendealer. Morten Keller, Leiter der Städtischen Gesundheitsdienste, der die Studie in Zürich betreuen wird, nennt einen weiteren Vorteil für die Konsumenten: «Sie wissen, was sie kaufen.»

Wer Drogen auf dem Schwarzmarkt beschafft, muss den Dealern blind vertrauen. Konsumentinnen und Konsumenten wissen nie genau, welche Stoffe sie in welcher Konzentration zu sich nehmen. Oft wird legal hergestellter Hanf mit synthetischen Stoffen besprüht. Das führt mitunter zu Überdosierungen mit schlimmen Folgen: Psychosen, Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen.

Beim Cannabis müsse es langfristig in die gleiche Richtung gehen wie beim Alkohol, findet Keller. Es brauche eine Altersbeschränkung und einfach verständliche Produktinformationen. «Auf einer Weinflasche steht schliesslich auch, wie viel Volumenprozent Alkohol Sie konsumieren.»

Für die Firmenchefs von Biocan ist der Schritt zu einer progressiveren Drogenpolitik längst überfällig. Die Repression der vergangenen Jahrzehnte habe die Konsumenten nicht vom Joint abgehalten, aber den Stoff in den Taschen der Jungen unberechenbarer gemacht. Abgesehen von rosigen Gewinnaussichten wird sich in der Hanfproduktion vorerst aber wohl nicht viel ändern. Ob die Stecklinge von Manschot nun TCH enthalten oder nicht: Der Herstellungsprozess bleibt der gleiche.

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