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Die Impfkampagne wird zur Zitterpartie: Viele Kantone haben keine Ahnung, ob sie ihr Ziel erreichen

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 4 Tagen Daniel Gerny, Barnaby Skinner, Simon Hehli, Antonio Fumagalli, Andri Rostetter

Wie gut die Schweiz aus der Corona-Krise kommt, entscheidet sich bei der Impfung: je höher die Quote, desto besser. Nach dem Ansturm der letzten Monate geraten nun die Zögerer in den Fokus.

Eine ;Impfkabine in der Bernexpo, wo bis zu 4000 Impfungen pro Tag möglich sind. Den Durchblick, wie sich die Impfanmeldungen tatsächlich entwickeln, haben die meisten Kantone nicht. Peter Klaunzer / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Eine ;Impfkabine in der Bernexpo, wo bis zu 4000 Impfungen pro Tag möglich sind. Den Durchblick, wie sich die Impfanmeldungen tatsächlich entwickeln, haben die meisten Kantone nicht. Peter Klaunzer / Keystone

Die Restaurants sind offen, das Kulturleben pulsiert, und die Ferienpläne werden konkreter: Dank der Corona-Impfung kommt das Leben endlich wieder in Schwung. Seit Bund und Kantone eine forsche Impfkampagne gestartet haben, sinken die Fallzahlen, und die Spitaleintritte nehmen ab – und dies selbst nachdem der Bundesrat weitgehende Öffnungsschritte beschlossen hat. Inzwischen sind bei der Kategorie der über 70-Jährigen im schweizweiten Durchschnitt über 150 Dosen pro 100 Personen verimpft worden. Das entspricht je nach Kanton einer Impfquote zwischen 70 und 80 Prozent – ein grosser Erfolg.

Doch wie sieht die Impfbereitschaft über alle Altersgruppen hinweg aus? Gemäss verschiedenen Umfragen sind über 70 Prozent der Bevölkerung bereits geimpft oder entschlossen, dies zu tun. Solche Zahlen sind allerdings nicht sehr zuverlässig, da sie teilweise bloss Absichten widerspiegeln. Auch die gegenwärtigen Impffortschritte sagen noch nicht allzu viel aus: Zwar wird unter Hochdruck gestochen – doch erst wenige Kantone waren bisher in der Lage, mehr als 40 Prozent der Bevölkerung mit der ersten Impfung zu versorgen.

Die NZZ wollte deshalb von verschiedenen Kantonen wissen, wie viele Personen sich bisher konkret zu einer Impfung angemeldet haben. Die Antworten sowie die Auswertung weiterer Zahlen deuten zwar darauf hin, dass die erwünschte Impfquote von 60 bis 70 Prozent mancherorts erreicht werden dürfte. So haben sich beispielsweise in den Kantonen Zürich oder Bern bereits 70 Prozent oder mehr Leute impfen lassen oder sich zumindest für die Impfung angemeldet.

Die Zürcherinnen und Zürcher zeigen sich besonders impfwillig; obwohl die 70-Prozent-Marke längst überschritten werden konnte, gibt es immer noch viele Neuanmeldungen. Im Kanton Freiburg decken die Impftermine mittlerweile 68 Prozent der impffähigen Bevölkerung ab.

Doch es ist schwierig, die Zahlen aus den einzelnen Kantonen zu interpretieren und zu vergleichen. Einerseits ist die Datenlage in vielen Kantonen ungenügend. Der Überblick, wer sich wo registriert hat, fehlt. Exemplarisch dafür ist die Antwort des Kantons Obwalden auf die Anfrage der NZZ: Der kumulierte Stand der Anmeldungen ändere sich laufend aufgrund von Mehrfachanmeldungen und Abmeldungen oder weil Personen sich in Arztpraxen oder Heimen impfen liessen, heisst es. Mit anderen Worten: Viele Kantone befinden sich im Blindflug.

Denn anders als etwa in Zürich werden die Anmeldungen zur Impfung in den meisten Kantonen nicht zentral erfasst. Nidwalden beispielsweise registrierte bis zum 24. Mai nur 11 000 Anmeldungen via Online-Portal des Impfzentrums. Das ist nicht einmal jeder dritte Einwohner über 16 Jahre. Doch die Mehrheit lässt sich in diesem Kanton gar nicht in einem Zentrum, sondern in einer Arztpraxis impfen. Berücksichtigt man dies, so dürfte die tatsächliche Impfbereitschaft auch in Nidwalden bei rund 60 Prozent liegen.

Zahl der Anmeldungen ist rückläufig

Die Zahl der Anmeldungen geht indessen in manchen Impfzentren bereits zurück. Im Kanton Graubünden beispielsweise haben sich bisher lediglich 48 Prozent aller über 16-Jährigen über den zentralen Kanal angemeldet. Doch während sich im April pro Woche fast 10 000 Personen eingeschrieben haben, sind es inzwischen unter 2000 Anmeldungen. Allerdings sei die Nachfrage noch immer grösser als das Angebot an Impfdosen, erklärt der Kanton auf Nachfrage. Rückläufig ist die Zahl der Anmeldungen auch in den beiden Basel oder in den Kantonen Jura und Thurgau. Im waadtländischen Montreux kann man sich seit letzter Woche sogar bereits ohne vorgängige Anmeldung impfen lassen.

Die Angaben aus den Kantonen lassen keine belastbaren Schlüsse darüber zu, ob eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent flächendeckend erreicht wird. Klar scheint aufgrund früherer Erfahrungen, dass es regionale Unterschiede geben wird. So zeigen ältere Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zum Auftreten von Masern, dass in Gegenden mit vielen Impfgegnern besonders viele Erkrankungen auftreten. Der Zusammenhang mit einer mangelnden Impfbereitschaft ist offensichtlich. Umso erstaunlicher ist es, dass viele Kantone in der derzeitigen Krise kaum wissen, wie hoch die tatsächliche Bereitschaft in ihrem Gebiet ist – und wo Handlungsbedarf besteht.

So gehörte der Kanton Luzern zunächst zu den Impfpionieren. Doch nun hat offenbar niemand die Übersicht über den Fortschritt der Kampagne. In den beiden Impfzentren in Willisau und Luzern haben sich nach Auskunft von David Dürr, dem Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport, bis Anfang Juni erst 152 504 Personen angemeldet. Das entspricht 44,1 Prozent der im Kanton wohnhaften Personen über 16 Jahren. Angaben verschiedener Luzerner Leistungserbringer deuten allerdings darauf hin, dass sich bisher tatsächlich rund 65 Prozent geimpft oder zur Impfung angemeldet haben.

Regionale Unterschiede zeichnen sich ab

In anderen Kantonen sieht es ähnlich aus: In den Impfzentren haben sich vielerorts weit unter 50 Prozent aller impffähigen Personen angemeldet. Über die Anmeldungen via Arztpraxen, Heime und andere Anbieter wissen die Gesundheitsämter kaum Bescheid. So bezeichnet das Gesundheitsdepartement des Kantons Aargau es derzeit als unmöglich, die Daten aufzubereiten. In einer Annäherung kommt die Behörde zu dem Schluss, dass nur rund 46 Prozent der Bevölkerung angemeldet oder geimpft sind. Zurzeit kommen täglich etwa 1000 bis 1500 neue Registrierungen hinzu – pro Woche entspricht dies rund 1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

Auch in anderen Kantonen zögern die Bewohnerinnen und Bewohner. So zum Beispiel im Jura, wo sich bis Ende Mai erst gut die Hälfte der Bevölkerung über 16 Jahre angemeldet hat und wo ausserhalb der Impfzentren kaum geimpft wird. Im Kanton Schwyz macht die Zahl der geimpften oder angemeldeten Personen ebenfalls erst rund die Hälfte der über 16-Jährigen aus. Laut «Luzerner Zeitung» sind dort bis Ende Juli Tausende von Terminen frei. Auch im Kanton Solothurn lassen die Angaben auf eine geringere Impflust schliessen. Der Kanton Thurgau informierte die Bevölkerung vor wenigen Tagen gar offiziell über Überkapazitäten in einem Impfzentrum.

So zeichne sich zumindest teilweise eine Sättigung ab, wie die Berner Kantonsärztin Linda Nartey diese Woche vor den Medien in Bern sagte. Gewisse Termine blieben «länger oder einmal ganz offen». Christoph Berger, der Präsident der Eidgenössischen Impfkommission (EKIF), geht derzeit davon aus, dass irgendwann im Juli der Kipppunkt erreicht ist: der Moment, an dem es mehr Impfstoff gibt als registrierte Impfwillige. «Dann wird es entscheidend sein, jene Personen abzuholen, die sich der Impfung nicht grundsätzlich verweigern, aber noch zögern – aus welchen Gründen auch immer», sagt Berger.

Bund und Kantone gehen deshalb sukzessive dazu über, bestimmte Personengruppen gezielt anzusprechen. Mehrere Kantone bereiten Informationen in neun und mehr Sprachen auf, um Personen mit Migrationshintergrund zu erreichen.

Mit #jemevaccine sollen Zögerer angesprochen werden

Der Kanton Waadt setzt auf eine Social-Media-Kampagne, für die von der Impfung überzeugte Personen mit Selfies unter dem Hashtag #jemevaccine als eine Art publikumsnahe Botschafter auftreten. So sollen Hemmungen und Skepsis abseits von direkten Behördeninformationen abgebaut werden.

Entscheidend ist laut dem Impfkommissionschef Berger, dass die Angebote möglichst niederschwellig sind. So wälzen einige Kantone Pläne, an stark frequentierten Orten Busse hinzustellen, in denen man sich ohne Anmeldung impfen lassen kann. Die Migros bestätigt, dass sie mit den Aargauer Behörden im Austausch steht, um für solche Aktionen Parkplätze vor grossen Einkaufszentren zur Verfügung zu stellen.

Viele, vor allem kleinere Kantone stehen derzeit allerdings noch unter dem Eindruck des Ansturms der vergangenen Monate. Sie verweisen auf den grossen Bekanntheitsgrad der Impfung und verzichten auf eine zielgruppenspezifische Kommunikation.

Doch die nächste Herausforderung wartet bereits auf die Kantone: Seit Freitag ist der Biontech-Impfstoff für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren zugelassen. Rund 350 000 Personen dieser Altersgruppe leben in der Schweiz. Weil Covid-19 bei Jugendlichen nur in seltenen Fällen zu schweren Verläufen führt, dürfte es erst recht schwierig werden, in dieser Altersgruppe auf die anvisierte Impfquote von über 70 Prozent zu kommen.

Das Ziel einer Herdenimmunität – so viele Menschen gegen Sars-Cov-2 zu immunisieren, damit sich das Virus nicht mehr weiterverbreiten kann – ist so in der Schweiz nicht zu erreichen. «Aber mit jedem zusätzlichen Prozent von Geimpften kann das Virus schlechter zirkulieren», sagt Christoph Berger.

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