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Mehr Arbeit, weniger Leute: Die Feuerwehr kämpft mit Rekrutierungsproblemen und will nicht mehr Mädchen für alles sein

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 31.07.2019 Lukas Leuzinger

Zu seinem 150-Jahr-Jubiläum ist der Schweizerische Feuerwehrverband am 1. August auf dem Rütli zu Gast. Etwas Werbung in eigener Sache kann den Feuerwehren nicht schaden, leiden sie doch unter Nachwuchssorgen.

Einsatzübung der Milizfeuerwehr Zürich bei einem supponierten Brand in der Werft der Schifffahrtsgesellschaft in Wollishofen. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ) © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Einsatzübung der Milizfeuerwehr Zürich bei einem supponierten Brand in der Werft der Schifffahrtsgesellschaft in Wollishofen. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Niemand ist beliebter als die Feuerwehr. Das zeigen zumindest Umfragen. Werden Leute gefragt, welchen Berufsgruppen sie vertrauen, schwingen die Feuerwehrleute regelmässig obenaus. (Politiker und, ja, Journalisten landen ebenso regelmässig auf den hinteren Plätzen.) Der Popularität zum Trotz haben in der Praxis viele Feuerwehren in der Schweiz Mühe, Nachwuchs zu finden. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Feuerwehrleute von über 100 000 auf 84 000 gesunken.

Ein Teil des Rückgangs ist darauf zurückzuführen, dass es weniger Feuerwehrleute braucht: In der jüngeren Vergangenheit sind immer wieder kleinere Dorffeuerwehren verschwunden. Sie gingen in grösseren Organisationen auf, die ein grösseres Gebiet abdecken und weniger Einsatzkräfte benötigen. Diese kommen dafür zu mehr Einsätzen und Erfahrung und sind besser ausgerüstet. In Dörfern ohne eigene Feuerwehr wird oft ein Depot beibehalten, damit die Feuerwehr im Ernstfall schnell genug zur Stelle ist. Mancherorts setzt man auf eine Teilprofessionalisierung, indem beispielsweise eine oder mehrere Gemeinden einen Stabsoffizier finanzieren, der Vollzeit für die Feuerwehr tätig ist.

Breiteres Einsatzspektrum

Beunruhigender ist aus Sicht von Urs Bächtold, Direktor des Schweizerischen Feuerwehrverbands (SFV), eine andere Entwicklung: Das Interesse an der Tätigkeit in der Feuerwehr nehme ab. Er spricht von einem «Spannungsdreieck». 99 Prozent der Feuerwehrleute hierzulande sind Milizler. Die Anforderungen im Beruf nähmen zu, zudem müsse das Engagement in der Feuerwehr mit der Familie und einem immer grösseren Angebot an Freizeitaktivitäten vereinbart werden. Anders als in manchem Sportverein, wo man ein Training auch einmal ausfallen lassen kann, sind die Übungen für Feuerwehrleute grundsätzlich Pflicht. Zudem werde in der Feuerwehr mehr Verantwortung auf weniger Schultern verteilt. Gerade die Jungen seien aber vielfach nicht bereit, einen Sommerabend bei schönstem Wetter mit einer Feuerwehrübung zu verbringen, sagt Bächtold.

Jan Bauke, Ausbildungschef der Feuerwehr der Stadt Zürich, weist zudem auf die gestiegene Fluktuationsrate hin. Die Stadt Zürich hat eine Berufsfeuerwehr, die von Miliztätigen unterstützt wird. «Früher war es normal, dreissig Jahre oder länger in der Feuerwehr mitzumachen», sagt er. Das sei heute seltener. Gleichwohl ist die Zürcher Feuerwehr laut Bauke personell «in einer guten Lage», auch bei den Milizfeuerwehrleuten. Das habe paradoxerweise damit zu tun, dass man die Anforderungen erhöht habe. Seit einigen Jahren muss, wer in die freiwillige Feuerwehr will, einen Aufnahmetest absolvieren. «Das erhöht die Verbindlichkeit: Wer bereits einen gewissen Aufwand geleistet hat, um hineinzukommen, bleibt in der Regel auch länger.»

Die höheren Anforderungen rühren auch daher, dass die Tätigkeit in der Feuerwehr vielfältiger und anspruchsvoller geworden ist. Das Einsatzspektrum ist breiter. Die Brandbekämpfung gibt der Feuerwehr zwar ihren Namen; doch während die Gesamtzahl der Einsätze steigt, geht jene der Brandfälle tendenziell zurück. Stattdessen rückt die Feuerwehr öfter wegen Wasserschäden oder Verkehrsunfällen aus.

Frauen als Hoffnungsträgerinnen

Bei manchen, die eigentlich an der Feuerwehr Interesse hätten, fehlt die Bereitschaft des Arbeitgebers, seine Angestellten für Einsätze freizustellen. In grossen Unternehmen, die von ausländischen Führungskräften geleitet würden, fehle teilweise das Wissen über das Milizsystem oder das Verständnis dafür, so Bächtold. Die Tendenz, dass weniger Feuerwehrleute öfter ausrücken müssen, erhöht die Akzeptanz seitens der Arbeitgeber ebenfalls nicht.

Bächtold sieht allerdings auch die Gemeinden in der Pflicht. «Ich höre immer wieder von Unternehmern, die sagen: ‹Solange die Gemeinde ihre Mitarbeiter nicht an Feuerwehreinsätzen teilnehmen lässt, mag ich meine Angestellten nicht zur Verfügung stellen.›» Die Gemeinden, die für das Feuerwehrwesen zuständig seien, müssten auch hier mit gutem Beispiel vorangehen.

Beim Schweizerischen Gemeindeverband (SGV) rennt Bächtold offene Türen ein. «Wir sensibilisieren die Gemeinden für die Bedeutung der Feuerwehr und ermuntern sie, ihre Mitarbeiter dafür freizustellen», sagt Direktor Christoph Niederberger. Unter anderem geschieht dies im Rahmen des laufenden «Jahrs der Milizarbeit». Das Projekt tragen auch mehrere Wirtschaftsverbände mit. Der SGV könne die Gemeinden aber nicht verpflichten, so Niederberger.

Viel Hoffnung setzt Bächtold auf die Frauen. Deren Anteil in den Feuerwehrkorps hat sich seit 2007 fast verdoppelt; mit 10 Prozent gibt es aber immer noch viel Potenzial. Vielfach herrsche noch das falsche Bild vor, dass der Einsatz in der Feuerwehr vor allem Muskelmasse erfordere, so Bächtold. «Das ist bei den meisten Tätigkeiten aber nicht der Fall.»

Dumme Sprüche und Lärmklagen

Der Verbandsdirektor plädiert ausserdem für eine Fokussierung der Aufgaben. Oft werde die Feuerwehr wegen Problemen gerufen, die nicht in ihren Aufgabenbereich fielen, etwa kleinere Wasserschäden oder eine Katze, die auf einem Baum festsitze. Es sei an den Verantwortlichen bei den Gemeinden und den Feuerwehren selber, sich auf ihren Kernauftrag zu konzentrieren. «Wir müssen klarmachen, dass wir keine Putzequipen und kein Mädchen für alles sind.»

Obwohl die Feuerwehr öfter gerufen wird, stellt Bächtold zugleich bei immer mehr Leuten einen geringen bis fehlenden Respekt den Einsatzkräften gegenüber fest. Er erlebe das etwa, wenn die Feuerwehr eine Strasse sperre. «Oftmals wird Feuerwehrleuten, die einfach nur ihre Arbeit erledigen, kein Verständnis entgegengebracht – im Gegenteil: dumme Sprüche, freche Aussagen bis hin zum ausgestreckten Mittelfinger.»

Auch Jan Bauke von der Stadtzürcher Feuerwehr erzählt von teilweise wenig verständnisvollem Verhalten. «Zwar übt die Feuerwehr eine grosse Faszination auf die Menschen aus. Aber wenn die eigene Freiheit eingeschränkt wird, findet man es nicht mehr so toll.» So komme es immer wieder vor, dass sich bei einer Übung Anwohner über den Lärm beschwerten. «Ich versuche in solchen Fällen zu erklären, dass solche Übungen nicht dem Spass dienen, sondern für die Sicherheit der Bevölkerung erforderlich sind», sagt Bauke. Schlimmer sind Situationen, in denen es zu Aggression gegen Feuerwehrleute kommt, häufig bedingt durch übermässigen Alkoholkonsum. «Am Utoquai wurden wir auch schon daran gehindert, zu helfen.»

Vielleicht habe der gesunkene Respekt mit einer veränderten Haltung in der Gesellschaft zu tun, vermutet Bächtold. «Man erwartet, dass alles reibungslos funktioniert, und macht sich keine Gedanken darüber, was dahintersteht.»

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