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Sie gehörte zu den gefürchtetsten Frauen der Welt und ging nie ohne Bodyguards aus dem Haus – nun kämpft Carla Del Ponte nur noch gegen sich selbst

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 6 Tagen Antonio Fumagalli, Ascona

Als Bundesanwältin, Chefanklägerin und Sonderermittlerin war Carla Del Ponte dauernd auf Achse. Über sich selbst sagt sie, eine schlechte Mutter gewesen zu sein. Jetzt nimmt sie es ruhiger – und kümmert sich nicht weniger ehrgeizig um die angenehmen Dinge des Lebens.

«Was macht eigentlich . . .?» Carla Del Ponte – ehemalige Uno-Chefanklägerin – fotografiert auf dem Golfplatz Ascona. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ) © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG «Was macht eigentlich . . .?» Carla Del Ponte – ehemalige Uno-Chefanklägerin – fotografiert auf dem Golfplatz Ascona. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Der Ehrgeiz. Er hat Carla Del Ponte zeit ihres Berufslebens ausgezeichnet – und sie neben ihren fachlichen Qualitäten und der Führungsstärke in jene internationalen Sphären gebracht, in die nur wenige Schweizer je vorstossen. Sie hat mit US-Präsident George Bush verhandelt, von Frankreichs Präsident Jacques Chirac Küsschen erhalten, sie hat Kriegsverbrecher vor Gericht gebracht und Mafiosi den Tarif durchgegeben. Carla Del Ponte war einst eine der in einschlägigen Kreisen gefürchtetsten Frauen der Welt und zeitweise die meistgesuchte Schweizerin auf Google, noch vor dem TV-Star Michelle Hunziker.

Nun nimmt es die mittlerweile 72-jährige Pensionärin ruhiger. Aber der Ehrgeiz, der bleibt. Nur richtet er sich auf andere Lebensbereiche. «Ein Schlag hat mir beim Turnier von letzter Woche gefehlt, ein einziger Schlag! Mamma mia!», sagt sie und schlägt lachend mit der Faust auf den Tisch. Ihr Golf-Handicap verbleibt bei 21, aber bis Ende Jahr sei es unter 20, versichert sie. Und auch beim Kartenspiel Bridge, einer wiederentdeckten Leidenschaft, geht es bei ihr nicht allein um Ruhm und Ehre. Wer von der Gruppe verliert, bezahlt in ein Kässeli ein, und alle paar Monate gönnt man sich ein gutes Mittagessen. «Ich hatte immer schon eine kompetitive Ader. Nur wenn man Ziele hat im Leben, kann man diese auch erreichen», sagt sie. 

Nur knapp dem Tod entkommen

Erreicht hat sie so einiges, die Tessinerin, die als Tochter von Hotelbesitzern im malerischen Maggiatal aufgewachsen ist. Früh wird die ausgebildete Juristin Staatsanwältin und entkommt 1989 an der Seite des später ermordeten Mafiajägers Giovanni Falcone nur knapp einem Sprengstoffanschlag. 1992 wird sie zur Bundesanwältin berufen, 1999 zur Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für Ex-Jugoslawien und zeitweise auch des Strafgerichtshofs für Rwanda.

Es ist die öffentlichkeitswirksamste, aber auch die gefährlichste Zeit ihres Lebens. Ohne Bodyguards kann sie keinen Schritt tun, und als sie nach Belgrad reist, steht auf Plakaten an der Autobahn «Karla, die Hure». Macht sie sonntags in Den Haag einen Ausflug mit dem Velo, fahren Leibwächter hinterher (und provozieren auf diese Weise gar einmal einen Unfall). Ein ganzer Stab von Mitarbeitern kümmert sich um die verschiedensten Belange – und als sie später wieder auf sich allein gestellt ist, kommt sie manchmal wie neu auf die Welt. «Bei der Post ging ich direkt zum Schalter. Ich wusste nicht, dass man mittlerweile ein Nümmerchen ziehen und warten musste», erzählt sie. Ohne eigenes Sicherheitspersonal leben zu können, das sei hingegen «eine grosse Befreiung» gewesen. 

Mafioso versuchte es mit Charme

Was in der Öffentlichkeit weniger bekannt ist: Del Ponte legt nicht nur eine steile Karriere hin, sie zieht auch einen Sohn gross. Besser gesagt, sie lässt ihn grossziehen. «Ich war eine schlechte Mutter», sagt sie heute ohne Zögern. Dass das Familienleben intakt geblieben sei, habe sie vor allem ihrer eigenen Mutter zu verdanken, die stets für ihren Enkel da gewesen sei. Del Ponte ist überzeugt, dass man sich entscheiden müsse – Karriere oder Kinder.

«Beides zusammen ist fast nicht möglich», sagt sie. Entsprechend sieht sie sich selber auch nicht als Vorkämpferin für Frauenrechte. Sie stehe der neu aufgeflammten Bewegung durchaus wohlwollend gegenüber, in ihrer eigenen Berufslaufbahn sei sie aber nie diskriminiert worden aufgrund ihres Geschlechts. Im Gegenteil: «Es gab italienische Mafiosi, die mich zu bezirzen versuchten, um besser wegzukommen. Denen habe ich aber schnell klargemacht, dass bei mir diese Tour nicht zieht», erzählt sie.

Ihr Sohn hat nunmehr selbst zwei Kinder, und um diese versucht sie sich so oft als möglich zu kümmern. Zusammen mit einem neuen Partner? «Wo denken Sie hin! Ich brauche zu Hause niemanden, der mir auf den Wecker geht», sagt sie. Sie sei schon von früher damit vertraut, allein zu wohnen, und fühle sich alles andere als einsam. Sie habe zahlreiche Freunde, lese viel, versuche mehrmals die Woche Golf und Bridge zu spielen – und erhalte noch immer mehr als genug Anfragen für allerlei Veranstaltungen.

«Alle haben meine Nummer», sagt sie fast vorwurfsvoll. Vieles sage sie aber auch ab, längere Reisen unternehme sie nach all den Jahren zwischen Flughafen, Meetingräumen und Hotels kaum mehr. Eher noch fährt sie von ihrem Wohnort Ascona ins nicht minder pittoreske Engadin, wo sie eine Ferienwohnung besitzt. Golfen kann man schliesslich auch dort.

Dreifuss die Leviten gelesen

Villengemeinde hier, Villengemeinde da, Golfplatz hier, Golfplatz da. Schnell entsteht der Eindruck, dass die fünfsprachige Del Ponte ein Rentnerleben in Saus und Braus führt. Dem sei allerdings nicht so, versichert sie. Finanzielle Sorgen habe sie gewiss nicht, aber reich sei sie auch nicht. «Meine AHV beträgt gerade einmal 1700 Franken im Monat», sagt sie. Der Betrag sei deshalb nicht höher, weil die Schweiz während ihrer Zeit bei der Uno die Beiträge nicht übernommen habe – was Del Ponte der damaligen Innenministerin Ruth Dreifuss anlastet. Als sie ihr Jahre später am Filmfestival von Locarno über den Weg gelaufen sei, habe sie ihr, halb im Scherz, halb ernst, die Leviten gelesen, sagt sie und lacht.

So geniesst die Frau, die über sich sagt, sie bereue nichts und habe keine schwerwiegenden Fehler gemacht, ihre zäh erarbeitete Pension. Das wollte sie schon einmal, 2011, nach den letzten drei Berufsjahren als Botschafterin in Argentinien. Dann meldete sich die Uno und bat sie in die Sonderkommission für Syrien. Del Ponte konnte nicht Nein sagen, schliesslich habe niemand so viel Erfahrung in der internationalen Strafverfolgung vorweisen können wie sie.

Über den Misserfolg der Kommission wurde viel berichtet, über Del Pontes Bestsellerbuch «Im Namen der Opfer» – eine veritable Abrechnung – ebenfalls. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagte sie damals: «Ende Jahr werde ich verschwinden. Das war’s, auch wenn es niemand glaubt.» Warum hat sie jetzt also, nur ein halbes Jahr später, doch fürs Gespräch zugesagt? Del Ponte kontert mit der ihr eigenen Mischung aus Strenge und Charme. «Sie haben mich ja angefragt. Und eben, ich kann schlecht Nein sagen.»

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