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Corleone – oder die vergebliche Suche nach dem Bösen in der Mafia-Hauptstadt

watson.ch-Logo watson.ch 28.12.2019 Klaus Zaugg
Gibt es das Böse, gibt es die Mafia? Eine Reise ins Herz der Finsternis. Ein Augenschein in Corleone auf Sizilien, der Welthauptstadt der Mafia.

Was wissen wir eigentlich? Kann ein einfacher Chronist die Wahrheit finden, wenn er durch die Welt reist? Oder ist alles nur ein Film?

Noch immer ist «Der Pate» («The Godfather») einer der besten Filme aller Zeiten. Das Meisterwerk aus dem Jahr 1972 von Francis Ford Coppala mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen basiert auf dem Roman von Mario Puzo.

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Es ist die Geschichte eines amerikanischen Mafiabosses, der seinen Nachnamen nach seiner sizilianischen Heimatstadt wählt und als «Don Vito Corleone» das organisierte Verbrechen von New York beherrscht.

Corleone ist seither der berüchtigtste und berühmteste Mafia-Ort der Welt. In unserer Vorstellung, wenn wir so wollen, eine Welthauptstadt des Bösen.

Mafia. Dazu erst einmal ein paar Ausführungen. Wer mit der Mafia vertraut oder vielleicht sogar Mitglied ist, kann ja die nächsten paar Abschnitte überspringen.

Das Wort Mafia beflügelt die Fantasie und die Faszination des Bösen nimmt uns gefangen: weltweite Geschäftsbeziehungen in ganz legalen Bereichen, aber auch Gelder, die aus illegalen Geschäften wie Drogenhandel, Glücksspielen, Prostitution und Schutzgelderpressung kommen, Kontrolle über staatliche Bauaufträge in Italien. Und natürlich zahllose Tote. Durch Attentate und Bandenkriege. Alles sehen wir im Kopfkino. Nichts scheint böse genug.

Die Wurzeln der Mafia reichen wahrscheinlich bis ins 17. Jahrhundert zurück und sie entwickelt sich aus einer Art Geheimgesellschaft.

Aber erst durch die Einigung und Demokratisierung Italiens («Risorgimento») in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt die Mafia ihre heutige Form. Die Gesellschaftsordnung, die über Jahrhunderte hinweg Bestand hatte, gerät ins Wanken. Auf der einen Seite die Feudalherren, die Barone und die Kirche, auf der anderen Seite die Klasse der Bauern, Handwerker und Händler, der sämtliche Steuern aufgebürdet werden.

Um die Arbeiter einzuschüchtern und den Pachtzins und sonstige Abgaben auch nach einer Öffnung der Gesellschaft einzutreiben, bedienen sich die bedrängten Grundbesitzer bösen Schlägertpyen – und werden die Geister nicht mehr los, die sie gerufen haben. Denn nach und nach machen sich diese rauen Geldeintreiber selbständig, organisierten sich und beginnen nun ihre einstigen Auftraggeber einzuschüchtern und zu bedrohen und bekommen erst einmal die Kontrolle über den lukrativen Zitrusfrüchte-Handel.

Durch brutale Gewalt scharren die Mafiabosse einerseits eine bedingungslos treu ergebene Gefolgschaft um sich, andererseits nützen sie die Demokratisierung, um ihre Interessen auch auf der Ebene der Politik durchzusetzen. Sie durchdringen alle Schichten der Gesellschaft. Sie gehen den Weg durch die Institutionen.

Beste Beziehungen zur Politik öffnen den Weg zu riesigen Gewinnen bei der Bodenspekulation, aber auch im internationalen Drogen- und Waffenhandel. Der Begriff Mafia taucht bereits in den 1870er Jahren in vielen europäischen Gesellschaften auf.

Aus den einstigen Schlägertrupps ist inzwischen eine international operierende Organisation geworden, die zwar nach wie vor Geld mit illegalen Geschäften (Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution, Glücksspiel) verdient. Aber längst investiert die Mafia erfolgreich in legale Geschäfte. Besitzt Hotelketten, Baufirmen und Anteile an allen möglichen Firmen.

«Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.» //Sizilianisches Sprichwort

Durch die Auswanderung in die USA fasst die Mafia in Nordamerika Fuss. Von 1919 bis 1933 wird der Alkoholkonsum in den USA generell verboten und diese sogenannte «Prohibition» beschert der Mafia so gewaltige Gewinne, dass es möglich wird, sich in die legale Wirtschaft einzukaufen.

Heute prägen nicht mehr Gangster das Bild der Mafia. Sondern smarte Geschäftemacher. Doch nach wie vor sind die Mitglieder der Mafia an strenge Verhaltensregeln gebunden.

Über allem steht die «Omerta». Die Schweigepflicht gegenüber Aussenstehenden (Polizei, Staatsanwälten, Richtern), die zum Ehrenkodex der Mafia gehört. Ein Sizilianisches Sprichwort lauter daher:

«Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’ anni ’mpaci»

«Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.»

Bis heute hat die Polizei grösste Schwierigkeiten bei der Bekämpfung der Mafia. In den USA sind die meisten Mafiabosse nicht wegen aufgeklärten Untaten (Mord etc.) verurteilt worden. Sondern wegen Steuerhinterziehung.

Aber auch andere Tugenden werden weiterhin gepflegt. Die Ehre, der unbedingte Gehorsam, der Vorrang der «Familie» vor dem Staat, das Recht auf Selbstjustiz und das katholische Patriarchat. So «darf» ein echter sizilianischer Mafiosi zwar morden, aber niemals seine Ehefrau betrügen.

Die Mafia profitiert bei der Rekrutierung nicht nur von den nach wie vor grossen wirtschaftlichen Problemen und sozialen Ungerechtigkeiten auf Sizilien.

Sie stillt in unseren unruhigen Zeiten auch ein Bedürfnis nach Identität und Orientierung durch die Zugehörigkeit zu einer auserwählten Gesellschaft mit klaren Regeln. Der Einfluss der Mafia durchdringt auf Sizilien die ganze Gesellschaft bis hinauf in die höchsten Kreise. Jeder beruft sich auf persönliche Beziehungen und Empfehlungen, erwidert bereitwillig einen Gefallen, weil man weiss, dass auf diesem System von Geben und Nehmen letztlich die ganze sizilianische Gesellschaft beruht. Jemandem einen Gefallen zu verweigern, kann tödlich sein.

Ich habe «Der Pate» gesehen und die Literatur über die Mafia verschlungen. Daher ist mir bekannt, dass Corleone die unumstrittene «Hauptstadt» der Mafia, des Bösen ist.

Berühmte Mafiosi wie Luciano Liggio, Salvatore Riina oder Bernardo Provenzano stammen aus dem Ort. So richtig berühmt geworden ist Corleone aber durch den verfilmten Roman von Mario Puzo (Der Pate).

Aber wie ist es dort, wo die Mafia herkommt? In Corleone auf Sizilien? Sozusagen im dunklen Herzen der Finsternis? Im Zentrum des Bösen, das sich angeblich von hier aus über die ganze Welt ausgebreitet hat?

Die Reise nach Sizilien beginnt mit einem Flug nach Palermo und der Mietwagenübernahme auf dem Flughafen. Corleone liegt nur ungefähr 50 Kilometer südlich von Palermo.

Die Stadt ist mit knapp 12'000 Einwohnern kleiner als Kloten und mit der ländlichen Struktur eher mit Langnau vergleichbar.

Die Ortsbezeichnung setzt sich aus den italienischen Wörtern «Cuore» (Herz) und Leone (Löwe) zusammen und bedeutet «Löwenherz».

Ein Besucher sollte immer unvoreingenommen sein. Nehmen wir also an, ich wüsste nichts über Corleone. Was würde ich dann nach einem Besuch berichten? Ich würde behaupten, dass es die Mafia wahrscheinlich gar nicht gibt. Und Corleone eine gottesfürchtige, fromme und friedliche Stadt ist.

Es mag wie eine bittere Ironie der Geschichte klingen, dass Corleone auch als «Stadt der hundert Kirchen» bezeichnet wird.

Aber im Kampf um die Macht sind in der Stadt seit dem 2. Weltkrieg um die 300 Mafia-Morde begangen worden. Und als am 11. April 2006 mit Bernardo Provenzano der Boss der Bosse der sizilianischen Mafia nach über 40 Jahren auf der Flucht in der Nähe Corleones festgenommen wird, erklärt die Stadt den 11. April zum Gemeindefeiertag und benannte eine Strasse um in Via 11 Aprile (Strasse des 11. April).

Bernardo Provenzao bei seiner Festnahme 2006. © AP/AP Bernardo Provenzao bei seiner Festnahme 2006.

Wir wählen als Weg nicht die Strasse direkt von Palermo über die Berge, sondern den Zugang von Süden her. Die Stadt duckt sich am Ende eines sich weit hinziehenden, leicht aufsteigenden Tals am Fusse von Felsen. Eine sanfte Melancholie liegt im winterlichen Licht des Südens über der Landschaft.

Die Zeit scheint hier stillgestanden zu sein. Es gibt praktisch keine Industriebetriebe und fast nur Landwirtschaft.

Die Strasse hinauf nach Corleone ist zwar asphaltiert. Aber so wellig, dass die Benzinkutsche durchgeschüttelt wird, und viele Bodenwellen werden erst im letzten Moment sichtbar. Schliesslich passieren wir die Ortstafel. Aber auf der naiven, arglosen Suche nach dem Bösen, der Mafia, dem Schrecken, werden wir nicht fündig.

Zwar gibt es hier tatsächlich das Mafia-Museum mit dem sperrigen Namen «Centro Internazionale di Documentazione sulla Mafia e del Movimento Antimafia». Es ist mit viel Pomp 2011 eröffnet worden. In Anwesenheit des UNO-Generalsekretärs. Eine grosse Sache also.

Aber wir werden enttäuscht. Das Museum ist nicht einfach zu finden. Und als wir vor der Türe stehen, sagt ein Schild, das Besichtigungen nur mit Führung und gegen Voranmeldung möglich sind. Dieses unauffällige Museum mahnt eher an die beschaulichen Heimatmuseen, die wir bei uns gelegentlich auf dem Land finden und von pensionierten Lehrern oder Beamten gemanagt werden.

Beinahe haben wir auch eine kleine Gedenkstätte am Strassenrand übersehen und es gibt auch eine Mafia-Graffiti an einer Mauer. Aber nur weil wir gezielt Ausschau nach Mafia-Hinweisen Ausschau halten, entdecken wir beides.

Also fragen. Beispielsweise in den Kaffee-Bars. Die Menschen in Corleone sind herzlich, liebenswürdig und sie haben sich wohl daran gewöhnt, dass vorwitzige, unsensible Besucher gedankenlos nach der Mafia fragen.

Die Mafia, so wird uns gesagt, ja, die müsse es geben. Man lese ja davon in den Zeitungen. Das Fernsehen bringe Sendungen über die Mafia. Man könne Bücher von berühmten Dichtern über die Mafia lesen und das sei grossartige Literatur.

Ja, natürlich, man kenne Leute, die sagen, sie hätten einmal einen Mafiosi gesehen oder sogar mit einem gesprochen. Aber wo, wisse man nicht.

Einer hat eine wunderbare Erklärung: «Mein Herr, haben wir nicht alle schon von Atlantis gehört? Darüber in der Zeitung gelesen? Und Sendungen über Atlantis im Fernsehen geschaut? Die Bücher über Atlantis füllen doch ganze Bibliotheken, nicht wahr? Aber bedeutet das, dass es Atlantis gibt? Waren Sie schon mal in Atlantis? Nein, denn niemand weiss, wo Atlantis liegt und ob es Atlantis überhaupt je gegeben hat. Verstehen Sie?»

Wir beginnen zu verstehen. Nach allem, was wir von den Menschen hier in Corleone erfahren und auf einem Spaziergang durch die Stadt sehen, sind wir sicher: die Mafia existiert nur noch im Museum, in der Literatur und im Film. Die Mafia gibt es nicht mehr, die Mafia hat es möglicherweise zumindest hier in Corleone gar nicht gegeben. Corleone ist einfach eine etwas ärmlich wirkende, verschlafene typische sizilianische Stadt mit einem leisen Hauch von Traurigkeit.

Der geneigte Leser mag daran erkennen, wie schwierig es für einen rechtschaffenen Chronisten sein kann, eine Wahrheit zu finden. Wie wir an diesem Beispiel sehen, hilft es nicht einmal, zu schreiben, was ist und einfach wiedergeben, was die Menschen vor Ort erzählen. Und ich kenne ja die italienische Seele nicht so gut und kann nicht so wunderbar darüber schreiben wie Umberto Eco, der Gotthelf der Italiener.

Wir verlassen die Stadt im Licht der tiefstehenden Abendsonne. Es ist dieses wunderbare Licht des Südens, das die Landschaft verzaubert. Es ist ein Bild des tiefsten Friedens.

Wie heisst doch die Pflicht, die über allem steht. Richtig: «Omerta». Erst jetzt, nach einer Reise nach Corleone verstehe ich, was Schweigen tatsächlich bedeutet.

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