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Der Tourismus in Zeiten von Sars-CoV-2 könnte ein Risiko für gefährdete Menschenaffen darstellen

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.04.2020 Kurt de Swaaf

Experten weisen warnend darauf hin, dass gefährdete Gorillas und andere Menschenaffen sich ebenfalls mit dem neuen Coronavirus anstecken könnten. Für Artenschutz und Naturtourismus wäre das eine Katastrophe.

Die Berggorillas im «Bwindi Impenetrable Forest» sind eine wichtige Touristenattraktion für die Region. ; Baz Ratner / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Berggorillas im «Bwindi Impenetrable Forest» sind eine wichtige Touristenattraktion für die Region. ; Baz Ratner / Reuters

Auf Satellitenaufnahmen ist der «Bwindi Impenetrable Forest»-Nationalpark leicht zu finden: eine tiefgrüne Fläche im Südwesten Ugandas, komplett umgeben von Höfen und klein parzellierten Feldern. Das Reservat umfasst 321 Quadratkilometer Bergland und ist in seiner grössten Ausdehnung rund 30 Kilometer lang. Die Vegetation besteht aus geschlossenem Primärwald, weitgehend unberührtem Dschungel also, und ist dank den unterschiedlichen Höhenstufen überaus artenreich. Das spiegelt sich auch in der Fauna. Alleine an Säugetieren haben Fachleute über 100 verschiedene Spezies gezählt. Die grösste Besonderheit sind allerdings die Berggorillas, zoologisch Gorilla beringei beringei. Rund 450 dieser seltenen Menschenaffen leben im Park. Es ist eines ihrer letzten Refugien.

Die Unterart wurde erst 1902 entdeckt, wie die Biologin Nancy Stevens von der Ohio University in Athens, USA, erläutert. Heute seien Berggorillas stark gefährdet: «Zwei Populationen verbleiben.» Eine im Bwindi Impenetrable Forest, die andere im berühmten Virunga-Nationalpark jenseits der Grenze in Kongo-Kinshasa. Laut aktuellen Zählungen sind es insgesamt 1063 Exemplare. «Wichtig aber ist, dass es vor 30 Jahren sogar noch weniger waren, ungefähr 620», sagt Stevens. Lebensraumzerstörung, Krieg und Wilderei hatten die Tiere an den Rand der Ausrottung gebracht. Ihre Rettung verdanken sie zu einem guten Teil dem Tourismus. Tierfans aus aller Welt reisen nach Bwindi, oft nur, um die Berggorillas zu sehen. Das stimuliert die Wirtschaft in der sonst bitterarmen Region. Auch die medizinische Versorgung und der Bildungssektor profitieren, berichtet Stevens.

Die Wissenschafterin ist dennoch in Sorge. Zusammen mit US-amerikanischen und ugandischen Kollegen untersucht sie die Entwicklung des Gorilla-Tourismus mitsamt seinen Auswirkungen. Der Fokus liegt dabei auf der Gesundheit. «Berggorillas und Menschen sind sich genetisch ähnlich, deshalb sind wir oft auch anfällig für dieselben Krankheiten.» Die Affen können zudem ihren menschlichen Verwandten nicht mehr ausweichen – inklusive deren Keimen. 

Im Bwindi-Gebiet steckten sich Gorillas mit der Krätze an, einer parasitären Hautkrankheit, als sie auf Feldern verschmutzte Kleidungsreste auflasen. Ein Jungtier starb. Ein Ausbruch des Humanen Metapneumovirus (HMPV) im Osten Kongos war für den Tod eines Gorillaweibchens und seines Babys im Virunga-Nationalpark verantwortlich.

Ebola-Epidemien dürften bereits Tausende Menschenaffen auf dem Gewissen haben. Laut Angaben der Naturschutzorganisation WWF raffte das Virus 2002/03 im nordkongolesischen Odzala-Nationalpark bis zu 90 Prozent der dort lebenden Flachlandgorillas dahin. Ähnliche Sterblichkeitsraten scheint es zuvor in Gabun gegeben zu haben. Die Schimpansen-Populationen der betroffenen Regionen wurden ebenfalls stark dezimiert. Ein Massensterben.

Jetzt steht mit Sars-CoV-2 die nächste Bedrohung ins Haus. Diese Pandemie ist auch für Menschenaffen ein ernstes Gesundheitsproblem, meint Stevens. Der Krankheitserreger sei bereits in mehreren anderen Tierarten nachgewiesen worden. «Es gibt keinen Grund zu glauben, dieses Coronavirus würde bei Menschenaffen nicht genauso verheerend wirken wie in der menschlichen Bevölkerung.» Und im Urwald gibt es weder Intensivstationen noch Beatmungsgeräte.

Stevens’ Befürchtungen haben leider einen sehr konkreten Grund. Jedes Jahr pilgern weit über 15 000 Touristen zum Bwindi Impenetrable Forest und seinen Gorillas. 17 der insgesamt 50 Familienverbände wurden an regelmässigen Kontakt zu Menschen gewöhnt. Die Besucher kommen in Gruppen von maximal acht Personen plus Bergführer, mehr sind laut den Vorschriften nicht erlaubt. Dennoch dürften diese Gorillas pro Jahr mehr Personen empfangen als jeder von uns über das ganze Leben hin im eigenen Haus. Das Ansteckungspotenzial ist somit enorm. Abgesehen davon könnten Viren natürlich auch den umgekehrten Weg gehen und auf Menschen überspringen.

Die ugandische Wildtierbehörde hat die Gefahr längst erkannt. Keiner darf sich den Affen auf weniger als sieben Meter nähern. Die Mindestdistanz soll Krankheitsübertragungen verhindern. Grundsätzlich würde diese Massnahme ausreichen, da Tröpfcheninfektionen normalerweise nicht über solche Entfernungen stattfinden – wenn sie eingehalten würde. Stevens und ihre Kolleginnen Annalisa Weber und Gladys Kalema-Zikusoka haben das untersucht. Sie begleiteten 53 Gruppenführungen in den Wald, studierten aber statt der Gorillas das Verhalten ihrer eigenen Spezies. Über die Resultate kann man nur den Kopf schütteln.

Bis auf eine verstiessen alle Gruppen gegen das Distanzgebot. In rund 14 Prozent der Begegnungen kamen die Menschen sogar auf weniger als drei Meter an die Affen heran. Auch die maximale Besuchsdauer von 60 Minuten wurde häufig überschritten. Dabei waren die allermeisten Touristen über die Regeln informiert. Vor den Touren bekommt jede Gruppe eine entsprechende Einweisung. Die Forscherinnen führten im Anschluss ihrer Beobachtungen eine Reihe von Befragungen durch. Demnach wusste die Mehrheit der Besucher um ihre Regelverstösse. Die Menschen seien oft einfach zu aufgeregt, wenn sie die Gorillas aus der Nähe sähen, erklärt Stevens. «Oder sie wollen in der dichten Vegetation eine bessere Sicht für ein Foto bekommen.»

«Wir wussten, dass der Tourismus ein Gesundheitsrisiko ist», sagt Stevens, «aber nicht, wie häufig diese nahen Kontakte sind.» Am wichtigsten sei es jetzt, die Einhaltung der Sieben-Meter-Regel konsequent durchzusetzen. Die Bergführer und die Parkverwaltung wissen: Ohne Gorillas geht die wichtigste Einkommensquelle der Region verloren. Eine weitere Perspektive wäre eine Maskenpflicht für alle Besucher, so wie es bereits in den Nationalparks von Kongo-Kinshasa üblich ist. Laut der Umfrage würde knapp drei Viertel der Touristen eine solche Massnahme unterstützen. Verhaltensänderungen seien unabdingbar, betont Stevens. Wir dürften uns selbst und unsere nächste Verwandten nicht länger in Gefahr bringen.

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