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Die (fast) einzige Schweizerin auf Palau: «Wenn es an etwas nicht fehlt, dann an Autos»

watson.ch-Logo watson.ch 30.06.2020 Reto Fehr
Vanessa Jaiteh ist Bernerin, Haiforscherin und lebt seit 2015 im pazifischen Südseeparadies Palau. Hört sich nach dem grossen Traum an? Ist es aber nur bedingt. Ein Gespräch mit der (fast) einzigen Auslandschweizerin auf Palau.

Auf Meeresbiologen wartet die Welt nicht. Als Vanessa Jaiteh ihr Studium in Australien begann, erklärte ihr dies ein Dozent gleich am Anfang: «Viele von euch werden das Studium nicht beenden, die anderen vermutlich nie auf dem Beruf arbeiten können.» Aber das «Meitschi» aus dem Kanton Bern liess sich nicht beirren. Sie ging ihren Weg, erforschte für ihre Doktorarbeit Haie und lebt heute auf der Pazifikinsel Palau.

Mittlerweile arbeitet sie dort für die Regierung, war am Sonnencrèmeverbot des Landes beteiligt (das weltweit Schlagzeilen machte), freut sich über den Avocadobaum vor ihrem Haus, wartet sehnsüchtig, bis wieder «Anke» geliefert wird und erzählt, bei welcher Eigenschaft der Einheimischen es sie noch immer «fasch chehrt».

Bild © watson (lea) Bild

Vanessa, wann warst du zum ersten Mal am Meer?

Vanessa Jaiteh: In den Ferien in Spanien, da war ich neun Jahre alt. Eigentlich habe ich wenig gute Erinnerungen daran. Wir wohnten nicht direkt am Meer und mussten jeweils mit dem Bus ziemlich weit an den Strand fahren. Auf der Fahrt wurde mir regelmässig schlecht. Kaum war ich zum ersten Mal im Meer, kam die erste Riesenwelle, drückte mich in den Sand und ich schluckte viel Salzwasser.

Das hört sich nicht nach Liebe auf den ersten Blick an, trotzdem bist du Meeresbiologin geworden.

Irgendetwas faszinierte mich. Früher wollte ich Floristin werden. Aber irgendwann «schneite» es mir Meeresbiologin in den Kopf. Ich war 10 oder 11 und sagte meiner Mutter: «Ich will Biologie der Meere studieren.»

Es hat dich nicht mehr losgelassen.

Nein, das blieb. Mit 15, als dann die Berufsberatung in der Schule anfing, haben sie mich belächelt und gesagt, ich könne dann Free Willy im Thunersee suchen.

Was bedeutet dir das Meer?

Grenzenlosigkeit, Freiheit, Wunder. Es ist die Wiege des Lebens und doch ist es nicht wirklich greifbar. Niemand wird es je in seiner Gesamtheit kennen, es bleibt ein ewiges Mysterium.

Statt Free Willy im Thunersee untersuchst du heute Haie im pazifischen Meer vor Palau. Hast du immer gewusst, dass du da hin willst?

Nein, im Gegenteil! Ich dachte immer: Da gehe ich sicher nie hin (lacht). Um Palau gab es damals einen grossen Hype unter den Haiforschern. Ich war aber nie die, die in den angesagtesten Klub musste. Ich wollte eigentlich immer in ein weniger bekanntes Gebiet.

Warum bist du trotzdem auf Palau gelandet?

Wir lebten in Indonesien, als mein Freund – ebenfalls ein Meeresbiologe – ein Jobangebot auf Palau erhielt. Ich dachte erst: Nein! Das war damals wie gesagt so ein In-Ort und es fühlte sich für mich an, wie wenn ich das neuste iPhone sofort hätte kaufen müssen. Dabei habe ich noch heute das iPhone 5 (lacht).

Die Liebe also ... Erzähl!

Ich war mit 17 für ein Austauschjahr in Australien – allerdings tief im Landesinneren und ich sah das Meer fast nie. Ich wusste damals schon, dass ich Down Under Meeresbiologie studieren wollte. Auf einem Ausflug besuchte ich dann Townsville, sah den Strand und dachte: Das ist es. Zum Glück ist die Uni dort auch bekannt für Meeresbiologie. Ich kehrte in die Schweiz zurück, absolvierte die letzten beiden Jahre am Gymnasium und wollte dann für drei Jahre nach Australien. Mittlerweile bin ich 15 Jahre weg.

Deinen Partner hast du dort kennengelernt?

Nein, das war später. Ich machte meine Doktorarbeit in Perth. Eine Woche vor meiner Feldarbeit in Indonesien hörte er mich zu einer Kollegin sagen, dass ich Probleme mit der Unterwasserkamera habe. Er schaltete sich ins Gespräch ein, weil er sich mit Unterwasserkameras auskannte und vor allem, weil er dachte: Die spinnt ja. Nach Indonesien zu gehen, um Haie zu studieren. Wenn das so einfach wäre, würden das viele machen (lacht).

Wir sahen uns danach ein Jahr lang nur selten, blieben aber in Kontakt. Als ich ihm sagte, dass ich nicht nach Perth zurückkehren wolle, meinte er, es ziehe ihn auch weg. Wir entschieden, zusammen nach Bali zu gehen. Er machte den PhD, ich forschte weiter mit Haien.

Und dann kam das Angebot von Palau.

Genau. Mein Freund zog im Januar 2015 nach Palau, ich folgte zwei Monate später. Sein Job war eigentlich auf ein Jahr beschränkt, ich arbeitete an meinem Doktortitel. Dann wurde ich schwanger und wir dachten, wir gehen wieder weg. Ich war schon in der 35. Woche (ab der 36. darf man nicht mehr problemlos fliegen), als uns die kleine Umweltschutzorganisation Coral Reef Research Foundation Jobs anbot. Wir mussten entscheiden: Palau, Australien, die Schweiz oder sonst irgendwohin? Wir blieben.

Arbeitest du noch da?

Nein, ich arbeite heute für den Umweltminister. Das entstand zufällig. Er suchte jemanden, der ihm einen Bericht zusammenfassen konnte. Anscheinend machte ich das gut. Er bot mir danach den Job als «Fisheries Scientist» (Fischerei-Wissenschaftler) an. Da bin ich jetzt seit zwei Jahren.

Was macht man als Fischerei-Wissenschaftlerin auf Palau?

Meinen Jobbeschrieb erhielt ich mal auf einem Blatt Papier, aber das, was da stand, wurde es dann nie (lacht). Das Portfolio ist extrem breit. Eigentlich bin ich die Beraterin des Umweltministers. Aber in Palau mangelt es in vielen Bereichen an Kapazität, Finanzierung und schlichtweg an Arbeitskräften. Es hat ja auch nicht so eine grosse Auswahl an Leuten.

Auf jeden Fall schreibe ich auch Briefe oder Reden für den Minister und bin Ansprechperson für Organisationen. Die Haie sind in den Hintergrund gerückt. Wir erarbeiten aber gerade Gesetzesvorlagen für das «Palau National Marine Sanctuary», da hilft mir die Ausbildung sehr. Das Gleiche gilt beim Erstellen von Managementplänen, beispielsweise für die Hochseefischerei Palaus, an dem ich zurzeit arbeite, sowie der Zusammenarbeit mit Fischergemeinden.

In Palau ist vieles auf das wirtschaftliche Zentrum Koror konzentriert. Lebst du auch dort?

Wir wohnen im Vorort Ngermid auf der gleichen Insel. Aber das ist alles nah und gut erschlossen.

Wie bewegt man sich auf der Insel fort?

Mit dem Auto! Ich glaube, Palau hat einen der höchsten CO2-Ausstösse pro Einwohner. Wenn es hier an etwas nicht fehlt, dann an Autos (lacht). Es ist eigentlich tragisch: Die sitzen auch dann in ihren Wagen, wenn es länger dauert, diesen umzuparken, als einfach zu Fuss hinzulaufen. Das ist schon heftig, zu sehen. Zu Fuss kann man sich kaum bewegen. Am Tag ist es eh oft zu heiss. Wenn ich in der Schweiz bin, sage ich darum immer: Egal, was wir machen, ich will zu Fuss gehen.

Gibt es keinen öffentlichen Verkehr?

Nein, der existiert nicht. Dabei wären die Voraussetzungen ideal: Es gibt praktisch nur eine Strasse, an der alles liegt. Ich fragte mal an einem Anlass zum Klimawandel, warum das so sei. Da wurde mir erklärt, dass der Widerstand zu gross sei. Für die Leute hier ist das Auto ein wichtiges Statussymbol. Die Wohnung kann ein Wellblechdach haben, aber davor steht ein blitzblanker Wagen. Wir können die Autos auch billig aus Japan einführen.

Velofahren ist keine Option?

Es gibt einige wenige, die es versuchen (lacht). Aber es ist ziemlich riskant. Die Autofahrer sind sich Velofahrer nicht gewohnt, nehmen keine Rücksicht und es hat Schlaglöcher. Ich lief kürzlich mit meinem Sohn der Strasse entlang, er war auf einem kleinen Velo unterwegs. Diverse Autos hupten uns an im Stil von: Was macht ihr da?!​

Das hätte ich so nicht erwartet. Ich dachte immer, die Menschen im Pazifik leben umweltbewusst.

Ich kann nicht für alle reden, aber auf Palau ist das nicht immer der Fall. Die Leute geben sich zwar zum Teil wirklich Mühe und es gibt inzwischen mehrere Gesetze, die zum Beispiel dem Plastikverbrauch, der chemischen Verschmutzung der Korallenriffe und der unkontrollierten Ausbeutung von Meeresressourcen entgegensteuern. Aber die Umsetzung hinkt den guten Vorsätzen oft nach. Nicht zuletzt wegen der mangelnden Kapazität, die ich schon erwähnt habe.

Andererseits ist Palaus niedrige Einwohnerzahl von 20'000 wohl auch gerade sein Glück: Dass hier immer noch eine so hohe Biodiversität erhalten bleibt, ist sicher nicht zuletzt auch dem Fakt zu verdanken, dass wir so wenige sind. Ich weiss nicht, wie es aussehen würde, wenn hier 20 Millionen Leute leben würden und alle anderen Faktoren gleich blieben. Auf jeden Fall würde ich nicht sagen, dass die Leute hier viel umweltbewusster sind als beispielsweise die Schweizer.

Merkt man den Klimawandel denn nicht?

Im täglichen Leben nicht. Ich arbeite ja auch in dem Bereich. Klar hatten wir Dürren oder das Bleichen von Korallen, aber nicht so schlimm wie an anderen Orten. Es ändert sich langsam. Ein Beispiel: Palau liegt eigentlich ausserhalb der Taifunzone, aber gerade kürzlich raste ein Supertaifun an der Insel vorbei. Mit zunehmendem Klimawandel steigt die Temperatur der Meeresoberfläche, Meeresströmungen und Windmuster ändern sich, was sich unter anderem auf die Pfade und Häufigkeit von Taifunen auswirkt.

Ich habe gelesen, dass die Regierung Einwohner unterstützt, die in höhere Lagen ziehen wollen?

Das hörte ich auch. Ich weiss aber nicht, ob davon schon jemand Gebrauch gemacht hat. Überschwemmungen sind hier bisher nicht das Problem.

Das Energieziel von Palau lautet, dass im Jahr 2025 45 Prozent nachhaltiger Strom produziert wird ...

Ja, das habe ich auch gehört. Aber dann bauten sie kürzlich ein neues Gefängnis auf einem nicht bewaldeten Hügel, von denen es sehr wenige gibt. Das wäre der ideale Standort für Sonnenenergie gewesen, aber angeblich wird das Gefängnis mit Dieselstrom betrieben.

Eine andere Geschichte ging um die Welt: Sonnencrème mit gewissen schädlichen Substanzen soll ab Januar 2020 verboten werden. Damit wäre Palau das erste Land, welches so ein Gesetz einführt.

Ja, das stimmt. Und ich bin da nicht ganz unschuldig (lacht). Wir waren auf einer Bootstour und ich cremte meine Tochter gerade mit einer Sonnencrème mit einem «Reef Safe»-Label aus der Schweiz ein. Der neue Umweltanwalt Palaus war auch dabei und begeistert von der korallenfreundlichen Creme. Er fragte, ob ich glaube, dass wir so etwas in Palau einführen könnten. Ich unterstützte und vernetzte ihn dann mit einigen Leuten. Es lief zu der Zeit auch grad noch der «Responsible Tourism Act» und so ergänzte er den Gesetzesentwurf mit einer Vorschrift, die gewisse Substanzen in Sonnencrèmes ab dem 1. Januar 2020 verbietet.

Übrigens: Die Regierung hängte das Sonnencrème-Verbot nicht an die grosse Glocke. Erst nachdem ein Forscher aus den USA, der beim Sonnencrèmeverbot auf Hawaii eine wichtige Rolle gespielt hatte, eine Pressemitteilung ausgesandt hatte, ging die Meldung um die Welt (auch watson berichtete).

Palau ist sonst eher selten in den Schlagzeilen. Wie funktioniert das Leben auf der Insel?

Wir sind seit kurzem kein Entwicklungsland mehr. Alles ist ziemlich modern. Mit Ausnahme der Einwohner der Southwest Islands (die Staaten Sonsorol und Hatohobei) wohnen die Leute auch nicht mehr völlig abgeschieden. Aber die traditionellen Bräuche und Chiefs sind immer noch von grosser Bedeutung.

Was wäre so ein traditionelles Gesetz?

Es gibt drei grosse Feste: die erste Geburt einer Frau, die Hochzeit und der Tod. Gerade Beerdigungen sind vor allem sehr teuer. Da wird von der Familie oft Geld erwartet und an der Beerdigung wird dann veröffentlicht, wer wie viel bezahlt hat. Das ist ein enormer Druck für junge Leute, besonders Frauen. Wir reden da zum Beispiel von Kosten von insgesamt 30'000 bis 200'000 Dollar pro Beerdigung.

Spielt Geld allgemein eine grosse Rolle?

Ich denke, nicht mehr als anderswo. Aber aussergewöhnlich ist: Das Geld folgt der mütterlichen Linie. Das bedeutet vor allem sehr grosse Verantwortung für die Frauen, speziell diejenigen, die einen Clan-Titel tragen. Darum haben Palauer gerne Mädchen. Sie sagen dann: Söhne sollen eine Frau aus den USA heiraten, Töchter einen Palauer (lacht).

Wie meinen sie das mit Töchtern, die Palauer und Söhnen, die Amerikanerinnen heiraten sollen?

Der Respekt für die Frau widerspiegelt sich in Bräuchen für die Hochzeit, Ehe und Geburt. Zum Beispiel ist es in Palau auch nach der Eheschliessung so, dass der Mann die Frau nur von ihrem Clan ausleiht, und er bezahlt während der Dauer der Ehe kontinuierlich für dieses Privileg. Deshalb bringen Mädchen Geld in den Clan, während Jungs nur welches kosten. Heiraten Söhne aber eine Frau ausserhalb Palaus, fällt das weg (lacht).

Ist Palau eigentlich noch ein Matriarchat?

Ja, das ist es noch immer. Einige bevorzugen es, vom «matrilinealen Patriarchat» zu sprechen, denn die Frauen – genau genommen die Titelträgerinnen der Clans – wählen die (männlichen) traditionellen Chiefs, die auch heute noch eine wichtige Rolle in der Staatsverwaltung haben und den Präsidenten in der Anwendung und Interpretation der traditionellen Bräuche und Gesetze beraten. Auf eine subtile Weise wird also die männliche und weibliche Machtverteilung so ausbalanciert.

Wie fühlen sich die Frauen dabei?

Die Palauerinnen, mit denen ich darüber gesprochen habe, empfinden es vor allem als grosse Verantwortung. Es gibt nicht wenige Frauen, die deshalb einen Clantitel ablehnen oder es zumindest versuchen.

Wie äussert sich die Stellung der Frau im Alltag?

Meine Erfahrung ist, dass Männer hier den Frauen tendenziell mehr Respekt entgegenbringen, ihnen besser zuhören und ihre Meinung mehr in Betracht ziehen, als das vielleicht anderswo der Fall ist. Natürlich hängt das auch nicht selten von der Situation, dem Rang oder Bildungsstand der Frau ab. Aber der Punkt ist, dass es hier nicht aus politischer Korrektheit oder Gleichstellungsdruck passiert; es hat etwas Natürliches, Selbstverständliches an sich, das sich schwer in Worte fassen lässt. Trotz Matriarchat ist aber noch lange nicht alles rosarot: Weltweite Gesellschaftsprobleme, wie häusliche Gewalt an Frauen, haben auch vor den Türen Palaus nicht Halt gemacht.

Du hast das Fest bei der ersten Geburt erwähnt. Wie läuft das ab?

Die erste Geburt wird mit der Zeremonie «Omesurech» gefeiert. Dieses ist auch als «heisses Bad» bekannt. Eine Medizinfrau sammelt verschiedene Heilpflanzen, die in einem grossen Kessel immer wieder aufgekocht werden. Die junge Mutter verbringt die Zeit des Rituals – drei bis zehn Tage, je nach Status ihres Clans – in einer eigens dafür errichteten Schwitzhütte. Dort wird sie mehrmals täglich mit heissem Wasser bespritzt, zum Schutz der Haut wird diese mit Kurkumawurzel und Kokosöl eingerieben. Es ist also eine nicht sehr angenehme Prozedur.

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Während der «Ngasech»-Zeremonie, die das Ritual abschliesst, macht der Clan des Mannes eine Zahlung an den Clan der neuen Mutter. Diese Bezahlung ist sowohl für das Baby wie auch «Schmerzgeld» für die körperlichen Schäden, welche die Mutter durch die Geburt erlitt. Das ist doch mal eine ganzheitliche Ansichtsweise!

Wie wichtig ist die Familie für Palauer?

Die Gemeinschaft und die Familie stehen über dem Materiellen. Allerdings ist das auch der Grund, warum kleinere Betriebe oft scheitern. Du musst immer zuerst auf die Familie schauen. Ein Fischer, der mit einem Hotel einen Vertrag abschliesst, teilt seinen Fang beispielsweise trotzdem zuerst mit der Familie, bevor er seiner «Pflicht» nachkommt.

In St-Pierre und Miquelon – das ähnlich klein ist – kommt einmal die Woche das Versorgungsschiff und liefert alles. Wie läuft die Versorgung bei euch?

Genau so. Das Schiff kommt am Dienstag oder Mittwoch. Wir haben zwei Lebensmittelläden. Die Parkplätze sind dann voll. Es gibt Leute mit ausgeklügelten Strategien, damit sie immer als Erste im Laden sind. Einige freunden sich auch mit Mitarbeitern an, damit diese sie dann per SMS oder Anruf informieren.

Habt ihr auch so einen «Freund»?

Das nicht. Aber wir haben von unseren Arbeitsplätzen den Hafen im Blick und sehen das Schiff kommen. Allerdings kann es auch mal zwei Wochen nicht anlegen, weil die Mitarbeiter streiken oder das Wetter nicht mitspielt. Als ich 2015 hierherkam, hatten wir acht Wochen keine Lieferung. Ich dachte, hier kann ich nicht leben (lacht). Und bei meinem letzten Heimaturlaub im August erhielt ich von meinem Mami eine Konfi. Aber seither wurde kein «Anke» mehr geliefert. Deshalb muss ich mich weiter gedulden.

Aber normalerweise bekommt ihr alles?

Ja, das schon. Die Frage ist aber immer, zu welcher Qualität. In der Schweiz kauften wir oft auf dem Bauernhof ein und Gurken aus dem Treibhaus in Spanien zu kaufen, kam nicht in Frage. Der Wechsel ist dann schon krass: Hier kommt alles aus den USA oder Mexiko. Oft ist die Ware schon faul oder vergammelt. Wenn ich in der Schweiz in einem Laden stehe, muss ich jeweils bei den Früchten und dem Gemüse hinstehen und tief einatmen. Ich kann es jeweils kaum glauben, wie perfekt die Früchte und das Gemüse in Schweizer Läden aussehen.

Hast du einen eigenen Garten?

Wir versuchen es. Aber es wächst nicht viel, das in Schweizer Gärten gedeiht. Dieses Jahr sind die Cherrytomaten immerhin mal grün. Wir haben hier aber fiese Fruchtfliegen, die auf Tomaten, Peperoni und so losgehen. Landwirtschaft gibt es hier nur im Kleinen.

Aber wir haben auch extremes Glück: Vor unserem Haus steht ein riesiger Avocadobaum, der hat drei Monate lang Früchte. Dann essen wir praktisch nur mexikanisch (lacht). Auch Papayas, Bananen, Kokosnüsse und Ananas wachsen gut. Aber Salat beispielsweise ginge nur mit grossem Aufwand.

Wie gesundheitsbewusst sind die Palauer?

Wenig. Viele sind übergewichtig und Krankheiten, die mit schlechter Ernährung und wenig Bewegung zusammenhängen, sind verbreitet. Das hat oft auch mit dem Geld zu tun. Eine Dose Thunfisch mit Reis ist viel billiger als Gemüse.

Was vermisst du neben frischem Gemüse und Früchten noch aus der Schweiz?

Zopf, frische Beeren oder eben frische Früchte. Und den Luxus, dass dir in irgendeiner Art geholfen wird, wenn du etwa Fragen im Beruf hast.

In der Schweiz kannst du am Morgen einen Plan machen und wenn kein riesiges Unglück geschieht, kannst du das durchziehen. Hier weisst du nie, was passiert. Vielleicht würde mich das in der Schweiz mit der Zeit auch langweilen und ich brauche etwas Chaos. Aber mit zwei kleinen Kindern und einem Job will man auch mal, dass etwas einfach funktioniert.

Ist es dir auf der Insel manchmal auch «zu eng»?

Das ist vielleicht sogar, was ich am meisten vermisse: dass du dich einfach in der Natur bewegen kannst und dies nichts kostet. Klar kannst du hier auch im Meer schwimmen oder auf die Hügel wandern. Aber meist bezahlst du irgendwas oder die Orte sind schwer zugänglich. Ein kleiner Betonsteig, der ins Meer führt: 10 Dollar Eintritt. Es hat hier in Koror zwar einen Gratisstrand. Aber da lassen sie daneben das Abwasser ins Meer.

Ich dachte bei Palau eher an ein Leben wie im Südseeparadies mit schönen Stränden an jeder Ecke.

Die Leute glauben uns jeweils kaum, dass wir zwar eigentlich im Paradies leben, aber oft kommt man nicht einfach so an die schönen Plätze ran. Du kannst nicht am Morgen aufstehen und spontan sagen: Heute gehen wir tauchen. Du musst das alles im Voraus organisieren.

Was müsste die Schweiz haben, was ihr in Palau habt?

Das Meer und das Korallenriff! Aber im Ernst: Etwas palauische Mentalität täte vielen Schweizern gut. Die Leute hier haben Zeit füreinander, sind warmherziger und die Familie kommt bei fast allem zuerst. Ich finde, das sind wichtige Säulen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Bringt es dir eigentlich etwas, Schweizerin zu sein?

Die meisten denken, ich sei Schwedin oder die Schweiz sei in Skandinavien. Und auf den Impfpässen meiner Kinder steht noch immer, dass sie Amerikaner seien. Obwohl ich es schon einige Male zu ändern versuchte (lacht). Aber als Schweizerin werde ich nicht wahrgenommen. Obwohl wir schon fünf Jahre hier sind, bin ich der Expat.

Es gibt hier ziemlich krasse Abstufungen. Zuoberst sind die Palauer, die etwa drei Viertel der Bevölkerung ausmachen und hier meist in Regierungs- oder Bürojobs arbeiten. Das finde ich schon richtig, sie sind ja die Ureinwohner und ihr Status ist auch in der Landesverfassung festgelegt, wo steht: «In exercising our inherent sovereignty, We, the people of Palau proclaim and reaffirm our immemorial right to be supreme in these islands of Palau, our homeland.»

Dann kommen die weissen Expats, danach die Filipinos, welche die Wirtschaft hier im Gastgewerbe schmeissen. Und ganz unten sind die Bangladescher, welche die «billigen Jobs» erledigen.

Ist es für Ausländer schwierig, Freunde zu finden?

Ja, das ist nicht so leicht. Die Expats sind meist bald wieder weg. Und bei den Einheimischen ist es auch nicht immer einfach. Wir haben schon einheimische Freunde, aber so richtig nahe – wie wir das in der Schweiz wohl definieren würden – kamen wir in den fünf Jahren nur wenigen Palauern. Es ist schwierig, in ihre Kultur hineinzusehen, sie sind ein ziemlich privates Völkchen. Ich verstehe das auch irgendwie: Sie sind wenige und wollen ihre Kultur schützen.

Palauer können sich problemlos in den USA niederlassen. Gibt es eigentlich das Problem, dass die Jungen abwandern?

Ja, das ist definitiv ein Thema. Für gute Bildung müssen sie ins Ausland. Wenn du dann mit 18 oder 19 Jahren dort bist, meinst du vielleicht, du kehrst zurück. Aber dann verliebst du dich oder gewöhnst dich an das andere Leben und bleibst. Es gibt mehr Palauer im Ausland als hier. Das schürt natürlich auch Verlustängste und hat Auswirkungen auf die nationale Identität.

Aktuell läuft wieder die Diskussion, ob Palauer, die lange Zeit im Ausland leben, hier noch das Wahlrecht behalten sollen. Wenn diese Petition durchgeht, wären nur diejenigen Palauer, die wegen dem Studium, dem Militär oder aus gesundheitlichen Gründen im Ausland leben, wahlberechtigt.

Wie erreicht man Palau eigentlich am einfachsten?

Von der Schweiz aus finde ich es über Wien, Taipeh und dann Palau am besten. Im Flughafen von Taipeh sind acht Stunden Wartezeit einigermassen überbrückbar und du landest hier zu einer guten Zeit.

Und welche Jahreszeit empfiehlst du?

Das Wetter ist immer ähnlich. Über Weihnachten sowie im Januar und Februar haben wir die meisten Touristen, allerdings auf tiefem Niveau. Ich würde so Juli bis November empfehlen.

Was kann ich denn überhaupt machen?

Wenn du tauchen kannst, ist es hier fast nicht zu toppen. Die Unterwasserwelt ist grossartig. Du kannst auch kleinere Wanderungen machen, aber wenn du nicht gerne im Wasser bist, dann ist Palau nicht deine Destination.

Ich habe vom Jellyfish Lake gelesen, der sehr speziell sein soll.

Genau. Dort lebt eine Unterart von Quallen, die nach Ex-Präsident Etpison von Palau benannt ist: Mastigias papua etpisoni. Man kann dort mit Millionen von ihnen schwimmen.

Die Rock Islands sehen auch spektakulär aus.

Das sind sie definitiv. Es ist wunderschön – über sowie unter Wasser. Die Rock Islands sind für Palau, was die Alpen für die Schweiz sind.

Hast du noch eine gute Anekdote aus dem täglichen Leben?

Viele Palauer kauen hier Betelnüsse. Das gibt einen rötlichen Saft, den sie dann jeweils ausspucken müssen. Es sieht sehr unappetitlich aus. Meist tragen sie eine alte Getränkedose mit sich herum, in die sie reinspucken. Aber einige haben auch durchsichtige Behälter im Auto oder Büro. «Da chehrts mi, je nach Magestimmig, aube scho fasch.»

Es kann auch vorkommen, dass der Autofahrer vor dir während der Fahrt die Türe öffnet und du erst denkst: ‹Jesses Gott, der fällt raus!› – und dann siehst du eine lange, rote Sauce, die er ausspuckt. Das ist wirklich übel und erschreckt auch mal den einen oder anderen Touristen.

Du bist seit 15 Jahren weg von der Schweiz – kannst du dir eine Rückkehr noch vorstellen?

Ich träume schon davon, in die Schweiz zurückzukehren. Aber wie sollen wir das machen? Wir sind zwei Meeresbiologen und mein Partner spricht keine Landessprache. Zudem findet er auch: Die Schweizer sind immer so gestresst. Ich sage ihm dann jeweils, das ist kein Stress, das ist einfach ein anderes Tempo (lacht). Aber so wirklich konkret haben wir noch nie über eine Zukunft in der Schweiz gesprochen. Klar ist einzig: Auf Palau werden wir nicht ewig bleiben.

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