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Mythos Tell: Wie unser Freiheitsheld seit seiner Geburt instrumentalisiert wurde

watson.ch-Logo watson.ch 24.06.2020 Anna Rothenfluh
Mythen mögen erfundene Geschichten sein, mächtig sind sie trotzdem – und zwar so sehr, dass sie am Ende Wirklichkeit schaffen können. Ein Spaziergang mit Tell durch die Jahrhunderte der Schweizer Geschichte.

«Wilhelm bin ich der Telle,von Heldes Muot und Bluot.Mit mjinem Gschoss gar schnellehan ich die Freiheit guotdem Vaterland erworben,vertriben Tyranny.» //Aus dem Tellenlied von Hieronymus Muheim, um 1613

Wir alle kennen die Geschichte von Tells legendärem Apfelschuss und jenem anderen, tödlichen auf den Tyrannen Gessler. Auch die von Winkelried wurde uns erzählt, dem Mann, der sich in der Schlacht von Sempach so heldenmütig in die Spiesse seiner österreichischen Feinde warf. Morden und Sterben für ein freies, unabhängiges Vaterland.

Heute nennt man diese Geschichten Mythen, kaum einer glaubt mehr an ihre historische Wirklichkeit. Das heisst aber nicht, dass sie deshalb ihre Wirkungsmacht eingebüsst hätten, ganz im Gegenteil: Der Mythos ist eine einfache Erzählung, die uns einen bestimmten Sinn vermittelt, uns zum Handeln anleitet und so seine ganz eigene, für manche gar «tiefere» oder «höhere» Wahrheit entfaltet.

Die Schweizer fühlen sich ganz besonders verbunden mit ihren Mythen. Wie alle im 19. Jahrhundert erwachenden Nationen haben auch wir unsere Identität, unsere eigene Grösse – oder vielleicht besser Kleinheit – und Eigenheiten aus jenen mythischen Selbstbildern herausgesogen – und sie so Wirklichkeit werden lassen.

Es nützt also nicht allzu viel, einen Mythos als Mythos zu entlarven, ihn mit nackten Fakten zu bewerfen, um ihn so seiner Magie zu berauben. Besser, wir versuchen, seine Funktion zu verstehen. Ihn zu verfolgen, indem wir uns quer durch die Schweizer Geschichte wühlen und uns fragen, wo, wie und wann der Mythos genau erzählt wurde, welche politischen Ideen man damit zu propagieren versuchte und von wem er zu welchem Zweck instrumentalisiert wurde. 

«Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben. Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Falle: die Zeit.» //Deutscher Philosoph Hans Blumenberg

Und auf wundersame Weise sind sie immer schon da gewesen. Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss jedenfalls fand bei seinen Untersuchungen keinerlei Ursprung des Mythos – er scheint keine Urform zu haben, er wurde einfach schon immer erzählt.

Nur eben immer wieder etwas anders. Seine Sohlen wetzen sich beim Gang durch die Jahrhunderte allmählich ab, irgendwann zieht er sich neue Schuhe an, durchwandert in Sandalen fremde Länder, bekommt einen Bart, wird zu üppigen Gastmählern geladen, wird dicker, bis das Fett sich in Muskelmasse verwandelt, zu Stahl wird, um endlich in Bronze gegossen zu werden.

So steht er da, unser Nationalheld, von seinem Sohn bewundert, erhobenen Hauptes in eine freie Zukunft schauend, die Armbrust geschultert und in kurzen Hosen, aus denen Knie wie mächtige Bollwerke ragen.

«Erzæhlen wird man von dem Schützen Tell So lang die Berge steh'n auf ihrem Grunde.» //Inschrift hinter dem Telldenkmal von Altdorf

Seinen Spuren wollen wir nachgehen, seinen verschiedenen Auftritten und Verwandlungen beiwohnen, denn sie sind das eigentlich Historische an diesem helvetischen Helden.

Wie Tell aus einer Argumentationsnot heraus geboren wurde

«Nu was der Tall gar ein guter schütz er hat öuch hübsche kind die beschigt der herr zu jmm / und twang den Tallen mit sinen knechten / dass der Tall ein sim kind ein Öpfel ab dem höupt Müst schiessen / denn der herr leit dem kind den Öpfel vf das höupt / Nu sach der Tall das er beherret was / vnd nam ein pfyl und stagt jnn jn sin göller den andern pfyl nam er jn ein hand / vnd spien sin armbrest / vnd bat got dass er jm sins kind behuete / vnd schös dem kind / den Öpfel ab dem höupt / es geviel dem herren wol ...» //Tell-Legende im Weissen Buch von Sarnen, 1470er. 1854 wird es im Archiv des Kantons Obwalden von Gerold Meyer von Knonau entdeckt.

Das sind die ältesten Sätze, die über Tell, damals noch Tall genannt und ohne Vornamen, geschrieben wurden. Auf Seite 447, in einem in weisses Schweinsleder gebundenen Kanzleibuch, weigert sich Tall, die Hutstange des Landvogtes Gessler zu grüssen, und muss zur Strafe einen Apfel vom Kopfe seines Sohnes schiessen. Er trifft, wird verhaftet, flieht während des Sturmes auf dem Urnersee mit einem spektakulären Sprung auf die «Tellen blatten», lauert dem Vogt in der Hohlen Gasse auf und schiesst ihn aus dem Hinterhalt tot.

Entstanden ist das Weisse Buch von Sarnen unter den Fingern des Landschreibers Hans Schriber. Er arbeitete bereits seit 34 Jahren in der Kanzlei des Standes Unterwalden, als er mit dem Kopialbuch 1470 beginnt. Ein Jahr zuvor hatte nämlich Kaiser Friedrich III. die Reichsacht über die Eidgenossen verhängt. Mit diesem Bann verlieren sie ihre Ansprüche auf Lehen, Regalien, Gerichte, Rechte und alle Privilegien, wenn sie im nachfolgenden Verfahren keine stichhaltigen Beweise für ihre Belange vorweisen können. Sie würden zu Geächteten, gegen die jeder Untertan des Heiligen Römischen Reiches Krieg führen durfte.

Einen solchen hatte nun Herzog Sigmund von Habsburg im Sinne, als er die Fäden für die Reichsacht zog, um so die ehemals habsburgischen Besitzungen in Zug, Luzern, im Aargau und Thurgau wieder in die Hände zu bekommen. Jener Streit war ein alter und blutiger. 1386 hatte er Herzog Leopold in der Schlacht bei Sempach das Leben gekostet – hingeschlachtet worden sei er von den eigenen Untertanen, so empfanden es die Habsburger. Verhandlungen folgten auf weitere erbitterte Kämpfe, dann kam der Waffenstillstand. Als aber im Jahr 1415 Habsburg in Reichsacht fiel, eroberten die Eidgenossen sofort deren Stammland – den Aargau.

1470 sind jedoch die Eidgenossen die Geächteten. Aus Sicht der Habsburger befinden sie sich seit Leopolds Tod in offener Rebellion. Und jene können ihre rechtlichen Ansprüche erstaunlich gut belegen. Viel löchriger steht es allerdings um die Argumentation der Eidgenossen, weshalb der Landschreiber Schriber nun eifrig damit beginnt, das Weisse Buch von Sarnen anzulegen – mit allen für das Reichsachtsverfahren relevanten Rechtstiteln, Bündnisverträgen und Schiedsgerichtsurteilen. 508 Seiten wird es am Ende umfassen.

Um die habsburgischen Ansprüche auf die Eidgenossenschaft zu entkräften, versucht Schriber, die ehemalige Reichsfreiheit der drei «lender» Uri, Schwyz und Unterwalden zu beweisen. Sie besagt, dass die Eidgenossen unmittelbar dem König untertan sind – und sonst niemandem. Für Uri existiert ein solcher Freiheitsbrief (1231), und auch für Schwyz (1240), für Unterwalden aber sieht es düster aus.

In dieses klaffende Loch des fehlenden Nachweises muss nun Tell springen. Und so erzählt Hans Schriber die Geschichte des tyrannischen Vogtes Gessler, der am Ende nur darauf ist, die ihm vom König zur Verwaltung vertrauenswürdig in die Hände gegebenen Länder auszupressen, sie zu knechten und schliesslich ganz dem Reich zu entreissen.

Tell ist nicht allein, nach dem Mord an Gessler schwört er gemeinsam mit den Vertretern aus Uri und Schwyz auf der Rütliwiese, sich gegen die Willkür der Habsburger Vögte zu wehren. Sie vertreiben die Bösewichte und erobern ihre Burgen, auf dass die Eidgenossen endlich wieder ihre eigenen Herren sind – so wie einst vom römischen König Rudolf von Habsburg verbrieft.

Hans Schriber hat sich bei der Modellierung Gesslers an einem seinen Zeitgenossen ebenso bekannten wie verhassten Manne orientiert: dem süddeutschen Adligen und Fehdeunternehmer Hans von Rechberg. Ein habgieriger Mensch, der auf der ständigen wechselnden Seite des Geldes stand, die meist nicht die der Eidgenossen war – so auch im Alten Zürichkrieg.

Als er 1464 auf einem seiner Raubzüge das Vieh der Württemberger Bauern aus einem Hohlweg treibt, wird er aus dem Hinterhalt tödlich verwundet. Man munkelt, es sei ein Pfeil gewesen.

Ob die Geschichte von Tell, Gessler und dem Rütlischwur die Juristen des Reiches überzeugt hat, wissen wir nicht. Die Reichsacht aber wurde aufgehoben und bereits vier Jahre später standen die Eidgenossen gemeinsam mit den Habsburgern an der Front gegen Karl den Kühnen von Burgund.

Ein Freiheitsheld im Dienst des Söldnergeschäfts

Sieben Jahre nach Schriber, im Jahre 1477, bekommt Tell seinen Vornamen. Im «Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft», auch «Tellenlied» oder «Bundeslied» genannt. Allerdings findet darin nur der Apfelschuss Erwähnung, da ist keine Rede mehr vom Rütlischwur und auch nicht vom Mord an einem tyrannischen Vogt.

Denn Habsburg ist nun zum Verbündeten geworden, die Herzöge von Österreich, Lothringen und Mailand kämpfen in den Burgunderkriegen Seite an Seite mit den Eidgenossen – und siegen in den Schlachten bei Grandson (1476), Murten (1477) und Nancy (1477).

Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts schreiben zwei Luzerner an ihren Chroniken: die «Luzerner Chronik» von Melchior Russ (1482–1488) und die «Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft» (1505–1507) von Petermann Etterlin, in der das erste Bild von Tell erscheint.

Beide sind aber nicht einfach Geschichtsschreiber, sondern in erster Linie Diplomaten und Militärs. Beide sitzen in der Luzerner Ratskanzlei, befehligen kleine Truppen und verdienen ihr Geld mit der Vermittlung militärischer Unterstützung. Denn seit dem Sieg über Karl den Kühnen sind die Schweizer Söldner ein gefragtes Gut – und die zwei Politiker verschachern sie an alle möglichen Interessenten. Russ reist zum ungarischen König nach Wien, lässt sich von diesem gar zum Ritter schlagen und wechselt nach dessen Tod zum Herzog von Mailand, während Etterlin den Erzherzog Sigmund von Tirol lobbyiert und später gemeinsam mit dem Luzerner Schultheissen Seiler in die Dienste des französischen Königs tritt.

Der Schultheiss räumt seinen Konkurrenten Russ jedoch bald aus dem Weg, indem er ihn als bestechlich anklagt. Russ wird der Stadt verwiesen und stirbt als verarmter Söldner in Urner Diensten. Etterlin hingegen prahlt nun öffentlich, dass ihm solches niemals widerfahren könnte, weil er zu viel wisse und Schutz geniesse. Er arbeitet nun als französischer Agent, bespitzelt und besticht die pro-österreichische Seite.

1507 geht seine Kronica in Druck, doch nur zwei Jahre später verlieren die Franzosenfreunde ihren Einfluss in Luzern – und der Auftrag der Bilderchronik geht an Diebold Schilling, seines Zeichens Anhänger des Habsburger Kaisers Maximilian I. Radikal schreibt dieser nun die für die französische Seite schmeichelhaften Passagen Etterlins um. Tell, der alte Habsburgermörder, wird gar ganz totgeschwiegen. Es sind die Bilder seiner «Luzerner Chronik», die in den Schulbüchern des 20. Jahrhunderts abgedruckt werden.

Doch nach der verlorenen Schlacht von Marignano kam der Ewige Friede mit Frankreich – und mit ihm das Soldbündnis. König Karl I. erhielt 1521 das Recht, im Falle eines Verteidigungskrieges mindestens 6000 und maximal 16'000 Schweizer Krieger in Sold zu nehmen.

So war auch Schillings kaisertreue Chronik unbrauchbar geworden und man bediente sich wieder jener Etterlins, aus der nun die kommenden Chronisten Tells Apfelschuss und den Mord an Gessler übernahmen.

Der Freiheitsheld überlebte nicht nur jene Zeit, die bestimmt war von ständig wechselnden wirtschaftlichen Interessen und politischen Abhängigkeiten. Die Ironie wollte es, dass er förmlich zu gedeihen begann, in Etterlins Chronik erscheinen die Eidgenossen als von Gott erwähltes Volk, das sich seine Freiheit gegen die Tyrannei der Vögte zurückerkämpft, während die Eidgenossenschaft doch eigentlich bis ins 18. Jahrhundert hinein keineswegs eine Gemeinschaft freier Bauern war.

Sie wurde jeweils von den Herren regiert, die die Pensionen einstrichen für ihre Söldner-Vermittlungsarbeit. Männer, die Verträge machten mit im Krieg stehenden ausländischen Mächten und die auch nicht zögerten, sich von beiden Seiten gleichzeitig bezahlen zu lassen.

Denn das blutige Geschäft lohnte sich. Um 1507 machte es in Zürich fast die Hälfte der regulären Staatseinnahmen aus, in Luzern 60 Prozent, in Solothurn gar drei Viertel. Und das waren nur die offiziellen Zahlen.

Kein Wunder, galten dem Humanisten Erasmus von Rotterdam die Eidgenossen als Metzger, die gegen Geld ihre Landsleute ausschlachten und verkaufen.

Tells böser Zwillingsbruder

Und so dauerte es auch nicht lange, bis ein zweiter, weitaus böserer Tell auftauchte, einer, der weitaus besser passte zu einer so durchtriebenen Elite, deren Macht sich aus Täuschung und Betrug speiste.

Im «Hexenhammer» (1486) des Dominikaners Heinrich Kramer, jenem Werk, das die Hexenverfolgungen legitimieren sollte, wird die Geschichte des zauberischen Bogenschützen Punker von Rohrbach erzählt. Von einem Fürsten wird ihm befohlen, sein Talent unter Beweis zu stellen und eine kleine Münze vom Kopf seines Sohnes zu schiessen, was ihm ohne Mühe gelingt. Denn der Teufel gab ihm die Fähigkeit, drei Mal im Tag jedes Ziel zu treffen, möge es auch noch so winzig sein. Schliesslich hatte Punker in dessen Namen eine Statue des gekreuzigten Heilands mit drei Pfeilen durchbohrt.

Hier nun taucht auch das Detail mit dem zweiten Pfeil auf, den der Schütze vor dem Schuss in seinen Köcher steckt. Auf die Frage des Fürsten, warum Punker das getan habe, antwortet er:

«Wenn ich, vom Teufel getäuscht, mein Kind getötet hätte, wo ich hätte sterben müssen, hätte ich Euch sofort mit dem anderen Pfeile durchbohrt, um wenigstens so meinen Tod zu rächen.» //Der Punker im «Hexenhammer» (1486)

Jener Punker war nun viel bekannter als seine Innerschweizer Version, da der «Hexenhammer» ein weitaus wirkungsvolleres Buch war als die Chroniken, die von Tell berichteten. Er wurde von Gelehrten, Predigern, Juristen und Humanisten empfohlen und bis ins 17. Jahrhundert geschätzte 50'000 Mal gedruckt.

Hexer wie Punker hatten allerdings nichts zu befürchten, die Verfolgung traf fast ausschliesslich Frauen, sie werden im «Hexenhammer» als glaubensschwächer und dümmer als Männer dargestellt, was sie zu perfekten Opfern der angeblichen Teufelsbuhlschaft macht. Hexer wie Punker hatten allerdings nichts zu befürchten, die Verfolgung traf fast ausschliesslich Frauen, sie werden im «Hexenhammer» als glaubensschwächer und dümmer als Männer dargestellt, was sie zu perfekten Opfern der angeblichen Teufelsbuhlschaft macht.

Tell, der unintegrierbare Gewalttäter

Aegidius Tschudi sollte den Mythos Tell besonders prägen, auch Schiller wird sein «Chronicon Helveticum» (1534–1536) als Quelle nutzen. Er stammte aus einer Glarner Familie von Landammännern. Das war aber nicht immer so. Die Tschudis stiegen erst im 15. Jahrhundert in die oberen Ränge der Gesellschaft auf, vorher waren sie Bauern gewesen.

Dieser erste Schweizer Historiker nun ist bestrebt, seine adlige Herkunft immer wieder zu betonen, die ihm selbstredend schon immer gebührte – so wie den Eidgenossen ihr helvetischer Boden. Auch sie gehören nicht dem «pöwel» an, er erzählt nicht die Geschichte eines rebellischen Bauernhaufens, sondern diejenige von «fürnemen personen», von «erblandlüt». Auf dem Rütli beschwören deshalb auch die edlen Herren Walther Fürst von Uri, Wernher von Stouffach von Schwyz und Arnolt von Melchtal von Underwalden ihre Freiheit. Nur Tell muss ohne veredelndes «von» im Namen auskommen. Tschudi scheint nicht so recht zu wissen, was er mit diesem eigenwilligen Helden anfangen soll. Er verjagt ihn von der Gründungswiese und kritzelt ihn als eine Art aufmüpfiges Schachtelkopfwesen an den unteren Rand seines Manuskripts.

Er passt nicht in die Erzählung jener besonnenen Herrschaften, die in staatsmännischer Manier und ohne Gewalt die Vögte aus ihrem Lande vertreiben. Tell ist der Störenfried. Der Haudegen, der mit seinem «gemeinen anschlag» auf den Vogt beinahe die Gründung der Eidgenossenschaft vereitelt.

Tell ist weder real noch ein Schweizer

Nicht nur an der Legitimität seiner Taten wird gezweifelt, auch seine Echtheit gilt bald nicht mehr als sicher. Der Aufklärer Voltaire schreibt 1756 folgenden Satz:

Es scheint, dass man es für notwendig hielt, die Wiege der helvetischen Freiheit mit einer Fabel zu schmücken. //Voltaire in seinem «Essai sur les mœurs et l'esprit des nations», 1756

Und nur vier Jahre später gibt der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger eine anonyme Schrift heraus mit dem Titel: «Wilhelm Tell, ein dänisches Mährgen». Fast 300 Jahre vor Hans Schriber verfasst am Hof des dänischen Bischofs in Roskilde nämlich ein gewisser Saxo in besonders elegantem Latein die «Gesta Danorum» (zwischen 1185–1200), eine Chronik der Heldentaten der dänischen Könige. Darin wird der prahlerische Meisterschütze Toko vom König gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines Kindes zu schiessen.

Hier nun finden wir auch erstmals jenen zweiten Pfeil, den der Dominikaner Kramer seinem diabolischen Punker im 15. Jahrhundert ebenso wie der Geschichtsschreiber Tschudi im 16. Jahrhundert seinem Tell in den Köcher steckt. Toko aber trifft natürlich den Apfel und erschiesst den König erst später aus dem Hinterhalt.

Diese an Ketzerei grenzende Behauptung Freudenbergers war zu viel für die Urner Regierung. Sie liess sofort ein Exemplar dieses anonymen Lügenwerks öffentlich vom Scharfrichter verbrennen.

Und was hätten die Innerschweizer wohl getan, hätten sie nur erfahren, dass bereits um 1177 im nordöstlichen Persien unter dem Namen «Mantiq at-tair» («Konferenz der Vögel») die Sage vom Apfelschuss niedergeschrieben wurde?

Erzählt wird sie dort nicht vom Schützen, sondern aus der Perspektive seines Opfers: In der iranischen Version ist es ein Sklave, der von seinem König einen Apfel auf den Kopf gesetzt bekommt. Der Herrscher ist sich seiner Fähigkeiten so sicher, dass er für den gefährlichen Schuss seinen Favoriten auserwählt. Als dieser davon hört, wird er ganz blass – im persischen Original gelb. Denn, wenn der König ihn statt den Apfel treffe, so kann nur die Zielscheibe schuld daran sein. Der Herrscher ist und bleibt der beste Schütze des Landes. Trifft er den Apfel, so ist es allein die Leistung des Königs, die bejubelt wird. So sei es eben, beendet der Sklave seine Gedanken, wenn ein Mächtiger übermässige Zuneigung zu dir empfinde. Besser, man halte sich fern von deren Geschäften.

Damit ist Tell endgültig heimatlos geworden, fortan wandert er rastlos in der Welt herum und kehrt ein, wo immer er gerade gebraucht wird – sei dies in den rebellierenden britischen Kolonien der nordamerikanischen Ostküste oder in Frankreich.

Wilhelm vs. Guillaume: Wie der Eidgenosse gegen sein französisches Import-Double kämpfte

In Paris liebt man Guillaume Tell innigst, er wird mangels eigener Alternativen bald zur Galionsfigur der hehren Revolutionsideale aufsteigen. Hier weiss man auch mit seiner dunklen Seite umzugehen, sie legitimiert geradezu den Terror der Jakobiner, ganz besonders die Hinrichtung des letzten Königs des Ancien Régime, Louis XVI.

Und als dann Tell gänzlich französisiert gemeinsam mit der Revolution in die Schweiz kommt, bringt er eine neue Verfassung mit, auf die es nun zu schwören gilt.

Die ländlichen Nidwaldner hingegen schworen allein auf Gott. Sicher nicht auf ein fremdes Papier, auf dem noch fremdere Gesetze standen, die ihnen ihre Privilegien wegnahmen. Und so formierte sich unter der Fahne ihres ureigenen, eidgenössischen Tells der Widerstand gegen jene neuen Gesslerhüte der Jakobiner, die nun an den überall errichteten Freiheitsbäumen hingen.

Sollen doch die von «ennet dem See» schwören, worauf sie wollen. Die Vaterländer aber – so nannte man damals das konservative Lager – würden für die gottgewollte alte Ordnung kämpfen – bis zum bitteren Ende. Das trat dann auch ein, als 10'000 Franzosen über die Berge kamen und den 1600 Aufständischen innerhalb weniger Stunden eine vernichtende Niederlage beibrachten. Damit waren die «Schreckenstage von Nidwalden» vorüber. Doch jener verzweifelte Widerstand, die unglaubliche Hartnäckigkeit dieser Menschen beeindruckten den französischen General so sehr, dass er notierte:

«Deren Kühnheit ging bis zur Raserei. Man schlug sich mit Keulen. Man zermalmte sich mit Felsstücken.» //Der französische General Schauenburg, 1798

Auf der einen Seite stand also der eidgenössische Tell, der die alte, von den Franzosen bedrohte Freiheit verteidigte, auf der anderen sein französisches Pendant, das auf jedem offiziellen Dokument der Helvetischen Republik prangte und seinen Namen für die Truppenaushebungen gegen Österreich hergab.

Zwei Deutsche, zwei Schweizbilder

1801 will der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Seume unbedingt an die Ursprünge der Schweizer Freiheit reisen. Doch was er vorfindet, ist nichts Geringeres als die rücksichtslose Entzauberung des Tell-Mythos und seines wehrhaften Bergvolks. Die napoleonischen Truppen haben in Altdorf nichts als Ruinen hinterlassen:

«Dieser Krieg hat die Bergbewohner durchaus in Erstaunen versetzt: Man hat sich in ihrem Lande in Gegenden geschlagen, die sie für unzugänglich hielten.» //Johann Gottfried Seume, 1801

Im selben Jahr aber bastelt ein anderer Deutscher an der Fortsetzung desselben Mythos. Bei Schiller wird Tell nun gänzlich von den anderen isoliert, er wird zum einsamen Rächer, der Sätze sagt wie: «Der Starke ist am mächtigsten allein.»

Doch auch wenn er ein Mörder ist, so ist er doch nicht aus demselben Holz geschnitzt wie Johannes Parricida, der seinen Onkel, den habsburgischen König Albrecht I., tötet, weil dieser ihm das Erbe vorenthalten wollte. Schiller stellt Tell einen zweiten, in seinen Motiven niederträchtigen Mörder zur Seite, auf dass der helvetische Held reingewaschen werde. Denn als der flüchtige Parricida Tell um Beistand bittet, antwortet er diesem:

«Darfst du der Ehrsucht blutge Schuld vermengen | mit der gerechten Notwehr eines Vaters?» //Friedrich von Schiller, «Wilhelm Tell», 1804

Auf zur modernen Schweiz: Eine neue Figur muss her

Allmählich aber hatte Tell ausgedient. Ein Tyrannenmörder passte nicht ins Zeitalter bürgerlicher Emanzipation. Ein revolutionärer Akt war nicht mehr gefragt. Nach dem Zusammenbruch der Helvetischen Republik musste sich die 1815 neu organisierte Schweizerische Eidgenossenschaft erst wieder finden. Da war kein äusserer Feind mehr, jetzt galt es, im Inneren Einigkeit zu schaffen über die Frage, ob man fortan weiter ein loser Staatenbund sein – oder zu einem Bundesstaat zusammenwachsen wollte.

Als 1796 der Aufklärer Heinrich Zschokke – auch er ein Deutscher – voller Hoffnung in die Schweiz kam, um «die Segensfrüchte der Freiheit kennenzulernen», musste er mit Bedauern feststellen, dass ein Grossteil der Bevölkerung «in erblicher Dienstbarkeit von reichsstädtischen Patriziaten und Zunftherren eines Hauptstädtchens und in trauriger Geistesknechtschaft eines gebieterischen Priestertums lebt.»

Doch Zschokke schwebte ein ehrgeiziges Programm vor; er gedachte die Eidgenossen zu mündigen Bürgern umzuerziehen. Und mit Bürgern meinte er die Handwerker genauso wie die Bauern – alle, die seine Ideale teilten, waren damit angesprochen. Es war eine Willenskategorie, in der alle Kantone zu einem neuen Vaterland, alle Eidgenossen zu einer neuen Willensnation zusammenfliessen sollten.

Zschokkes Vorhaben bekam mit der Herausgabe seines «aufrichtigen und wohlerfahrenen Schweizerboten» eine Stimme und sie würde für lange Zeit die einzige liberale für die einfache Bevölkerung der Schweiz sein.

Die enormen Unterschiede, die die verschiedenen Kantone im Grad der Industrialisierung, in ihren Verfassungen, der Konfession, der Sprache und der ländlich oder urbanen Prägung voneinander trennten, versuchte der Volksaufklärer mit viel pathetischem Patriotismus einzuebnen:

«Vaterlandsliebe ist Teilnahme am Vaterland, und Gemeingeist vernichtet Ortsgeist.» //Heinrich Zschokke im «Schweizerboten», 1826

Für die Schaffung innerer Einigkeit aber musste eine andere Figur als Tell her und so griff man auf Niklaus von Flüe zurück. Den Mann, der als Offizier im Alten Zürichkrieg gedient hatte, im Obwaldner Rat sass, zehn Kinder zeugte und dann mit dem Einverständnis seiner Frau die Familie verliess, um fortan ein Dasein als Einsiedler zu fristen.

Ihn zog der Stanser Pfarrer Heimo zu Rate, als 1481 die Landorte so sehr mit den Städten Luzern, Zürich und Bern in Streit gerieten, dass die Eidgenossenschaft auseinanderzubrechen drohte. Bis heute weiss niemand, welche Botschaft der Einsiedler dem Pfarrer mitgab, doch die Ratsherren sassen daraufhin noch einmal zusammen und kamen nach zwei Stunden zu einer Lösung.

Jener Schweizer Schutzpatron stand seither für Konsens und Eintracht. Er sollte das konservative mit dem liberalen Lager versöhnen, auf dass eine neue Schweiz entstehen möge.

Zusätzlich begann man damit, die in Vergessenheit geratenen Schlachten-Erinnerungsfeiern wiederzubeleben. Früher besuchte man die Schlachtenkapellen, um der Gefallenen zu gedenken, nun aber wurde Gott ausgetauscht und an seine Stelle das Vaterland gesetzt. Mit jenen neuen Bürgerfeiern wurde aus Religion Politik, man zelebrierte nicht nur die siegreiche Schlacht von Sempach gegen die Habsburger (1386), sondern ebenso verlorene Schlachten wie jene bei St. Jakob an der Birs gegen Frankreich (1444), ja sogar Bruderkriege wie die von Villmergen (1656, 1712), in denen man sich als Feinde gegenübergestanden hatte.

Der Grund und der Ausgang der Schlachten waren nicht von Belang, es ging nur darum, eine gemeinsame Erinnerung zu schaffen, die Gegenwart durch das Gedenken an die Vergangenheit zu beschwören. Ziel war das festliche Zusammenkommen vom Volk aller Kantone.

Während der Feier wurde den Teilnehmenden ein angeblich auf dem Schlachtfeld gefundenes Kampfschwert vorgehalten, dem sie dann mit dreimaligem Hochrufen zu huldigen hatten. Die religiöse Weihe verschob sich so ins Säkulare, die Hostie wurde zur Waffe und von den Festgängern wurde Opferbereitschaft und gar das Sterben fürs Vaterland gefordert – auch wenn sie aussenpolitisch in so gut wie keine Auseinandersetzungen mehr verwickelt waren.

Es galt, diese neue, im Entstehen begriffene Schweiz an die Vorstellungen der alten zu knüpfen – an die Todesmutigkeit der alten Eidgenossen, die jederzeit bereit waren, ihre Heimat bis zum Letzten zu verteidigen.

Vom neuen Bürger aber wurde kein kämpferischer Einsatz mehr verlangt, sondern ein moralischer. Sein Opfer sollte ein ziviles sein. Er hatte seine Bürgerpflichten zu erfüllen und sich verantwortungsvoll am Staat zu beteiligen.

Man hielt sich also an einen imaginierten, erinnerten Krieg, um die neue Nation zu schaffen. An die einigende Kraft des Mythos. Am Ende war man von dem geschichtlich begründeten Gemeinschaftsgefühl so sehr überzeugt, dass die Gegner im Sonderbundskrieg 1847 als «Bundesbrüder» bezeichnet wurden. Rebellische zwar, aber eine wirkliche sprachliche Entzweiung war schon gar nicht mehr möglich.

Nachdem die konservativen Kantone besiegt waren, beschloss die Tagsatzung am 12. September 1848 die in ihren Grundzügen bis heute bestehende Bundesverfassung – und aus dem losen Staatenbund wurde ein fest gefügter Bundesstaat.

Die reale Wirkungsmacht erfundener Geschichten

Nur sollte dieser neue eidgenössische Gründungsmoment niemals dieselbe Strahlkraft entwickeln wie sein mythischer Vorgänger von 1291. Seit 1899 feiern wir am 1. August den Geburtstag unseres Landes, zum Gedenken an den Bundesbrief, jene mythisierte Urcharta.

Bis heute ist sie Symbol für einen revolutionären Akt bäuerlicher Selbstbestimmung, dem der Freiheitsschwur der «drei Tellen» auf dem Rütli vorausging. Hier, im innerschweizerischen Alpenraum, wurde die alte Schweiz geboren.

Nur ist dieses Pergamentblatt in Wirklichkeit Ausdruck für die Festigung der bestehenden Herrschaftsordnung im Interesse lokaler Eliten. Diese Männer waren keine freien Bauern, sondern Repräsentanten der Oberschicht, die sich gegenseitig ihre Hilfe zusicherten auch für den Fall, dass ihre Untertanen allzu aufmüpfig würden.

Direktdemokratisch ging es damals ganz sicher nicht zu. Aber mit der Berufung auf den Bundesbrief wurde die in Freiheit beschworene Gemeinschaft zu einer jahrhundertealten, verpflichtenden Tradition.

Den Mythos finden wir also immer dort, wo eine bestimmte Idee historische Ewigkeit beansprucht, als wäre sie schon immer da gewesen, als wäre sie nie etwas anderes gewesen als gelebtes Brauchtum. Politische Ziele werden durch jene mythischen Wahrheiten der Geschichte legitimiert und erscheinen so als ganz natürlich und ewig gültig.

An den Mythos zu glauben heisst, an die reale Wirkungsmacht erfundener Geschichten zu glauben.

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