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Weil seine Mutter zu dick fürs Kino war, erfand er das Autokino

watson.ch-Logo watson.ch 10.05.2020 Simone Meier

Wo kann man gleichzeitig Mobilität und Social Distancing feiern? In Gesellschaft ganz privat sein? Das alte Autokino könnte dank Corona zum Kulturgewinner dieser Tage werden. Hier ist seine kuriose Geschichte.

Ein Mann verkauft Autozubehör in der Firma seines Vaters. Er liebt drei Dinge: die beiden amerikanischen Errungenschaften Autos und Filme – das eine erlaubt ihm die Freiheit der Mobilität, das andere die Freiheit der Fiktion – seine dritte Liebe gilt seiner Mutter. Auch sie liebt Autos und Filme. Doch sie ist dick. Zu dick für einen Sitz in einem normalen Kino. Aber nicht zu dick für ein geräumiges Auto.

Der Mann heisst Richard Hollingshead und er macht den cineastischen Komfort seiner Mutter zu seiner Mission. Zuerst stellt er sich vor, wie es wäre, beim langen Warten an einer Tankstelle Filme zu schauen. Dann spannt er ein Tuch zwischen zwei Bäume, stellt einen Filmprojektor davor, tüftelt weiter und lässt 1932 als erster jenes Kino patentieren, wo man aus dem Auto heraus Filme schauen kann.

Am 6. Juni 1933 eröffnet Hollingshead in Camden, New Jersey, das erste Autokino der Welt. Auf einem Areal von 1,6 km2 finden 400 Autos Platz, die Filme werden auf eine weisse Mauer projiziert, das Bild ist 12 mal 15 m gross, riesige Lautsprecher beschallen das Areal. Die Werbung lautet: «Die ganze Familie ist willkommen, egal wie laut die Kinder sind.»

Der erste Film ist «Wives Beware», ein Mann hat darin seine Gattin satt und simuliert einen Gedächtnisverlust, um andere Frauen daten zu können.

Der Anfang ist gemacht, und weil so ein Autokino nicht teuer ist, bauen bald Bauern, deren Landwirtschaft nicht rentiert, Autokino um Autokino, kaufen sich irgendwo ein paar Filme zusammen und planieren den Boden notdürftig, so, dass die Wagen nach einem Landregen im Dreck stecken bleiben. Die Riesenlautsprecher weichen bald kleineren, die man von einem Ständer nehmen und ins Auto hängen kann.

Während des Zweiten Weltkriegs läuft nichts. Danach dafür umso mehr. Die Menschen sind ausgehungert nach Zerstreuung, haben Geld, gründen Familien und bauen sich in der Peripherie der Städte Einfamilienhäuser mit weissen Zäunen. Grosse Unternehmen bauen nun in Vorstadtnähe grosse Vergnügungsareale.

Zum reinen Autokino hinzu kommen Spielplätze und Pools für die Kinder, Telefonanlagen für Business-Leute, Wäschereien, damit sich auch die gestresste Hausfrau den Ausflug erlauben kann. Und die Möglichkeit, am Erfrischungsstand seine Babynahrung aufzuwärmen, allerdings vom Tipp begleitet, den kleinen doch «etwas Medizin» zu verabreichen, damit sie auf dem Rücksitz ruhig schlafen.

Man ist ganz bei sich und trotzdem unter Leuten, ungestört in Gesellschaft, das Auto auf dem riesigen Parkplatz spiegelt das Einfamilienhaus in der vorstädtischen Wohnanlage.

Gelegentlich ist da sogar ein Landeplatz für Kleinflugzeuge, die mit einem Traktor in die Nähe der Leinwand gezogen werden. Nachmittags gibt es Live-Konzerte statt Filme, und die Verpflegung ist ein einziges Schlaraffenland aus Junk Food und Zuckergetränken. Aus Popcorn, Hot Dogs, Corn Dogs, Burgern und vor allem Pizza, die ihren Siegeszug durch Amerika in den Autokinos beginnt. Projiziert wird noch immer auf weisse Mauern, hinter denen sich jetzt wahre Festungen samt Personalwohnungen für die Kinobetreiber verbergen. Nachts locken riesige Neonschilder die Autos von der Strasse weg ins Kino.

Autokino-Impressionen von heute

Über 4000 Autokinos gab es einst in Amerika. Heute sind sie auf etwas über 300 geschmolzen.

Über 4000 Autokinos gab es einst in Amerika. Heute sind sie auf etwas über 300 geschmolzen.

Die Feinde des Autokinos, wie es in den Nachkriegsjahren boomt, sind: Die Mücken, das Wetter und ab Mitte der Fünfziger das Fernsehen. Für die Mücken sind all die zuckergetränkten, reglos in ihren Autofenstern lehnenden oder auf den Kühlerhauben sitzenden Leute ein Fressen. Trucks besprühten deshalb regelmässig das Areal mit dem umstrittenen Insektizid DDT, man kann damit auch sein ganzes Auto duschen lassen.

Gegen Hitze und Kälte gibt es kuriose Versuche von Klimaanlagen. Doch dann pustet eine Kühlanlage mit unterirdisch verlegten Gummischläuchen zwar tatsächlich kühle Luft, vor allem aber Rattennester, die sich in den Schläuchen eingenistet haben, in die Cadillacs und Pontiacs, und man lässt es bleiben.

Das Fernsehen sorgt dafür, dass die Familien jetzt lieber hinter ihren Gartenzäunen zuhause bleiben. Allerdings sind aus den auf den Rücksitzen sedierten Nachkriegs-Babies jetzt renitente Teenager geworden und die hält keine Familie allzu lang zuhause aus. Und so übernehmen die Teens jetzt die Autokinos.

Das erste Auto und der erste Kuss verschmelzen dort in eins, Vehikel und Gefühle sind galaktisch gross, man knutscht sich unter den Sternen die Seele aus dem Leib, und die Filme im Hintergrund werden immer mehr auf die vier B-Movie-Bs reduziert, auf Blood, Breasts, Beasts and Beaches.

Am Morgen finden sich Büstenhalter auf den Lautsprecher-Ständern, und die Hauptqualifikation der Schauspielerinnen ist neben grossen Brüsten, dass sie gut schreien können. DisTeen-Horror-Flicks, Scream Queens und Disney-Club-Starlets machen Karriere. Selbst die Beatles geben Autogrammstunden in Autokinos. Schockmomente treiben Girls in die Arme ihrer Boys, und Romeros «Night of the Living Dead» wird 1968 zum Superhit der Autokinos.

Und in Europa? 1957 eröffnet das erste europäische Autokino in der Nähe von Rom – ohne Erfolg. Wenig später bereist der deutsche Ingenieur Hermann Franz Passage, der seit vielen Jahren in Afrika lebt und dort gut zwanzig Autokinos gebaut hat, seine alte Heimat. Und entdeckt ein riesiges, brach liegendes Gelände in einem Wald, das nicht nur in der Nähe einer Autobahnausfahrt und der Grossstadt Frankfurt liegt, sondern auch unweit von tausenden in Hessen stationierten amerikanischen Soldaten.

1960 eröffnet Passage dort Deutschlands erstes Autokino, 1100 Wagen finden Platz, gezeigt wird «The King and I», «Die Welt» schrieb, es handle sich bei dieser Art des Volksvergnügens um eine «okkulte Vision», die «Frankfurter Rundschau» nannte es «unheimliche Zauberei». Das Kino von Gravenbruch ist noch heute in Betrieb.

In den 70ern sorgt die Ölkrise dafür, dass die Autos kleiner werden und es nicht mehr so attraktiv ist, die Nächte darin zu verbringen. VCR ermöglicht noch mehr Heimkino-Feeling, und als die Sommerzeit eingeführt wird, bedeutet dies, dass die Autokinos frühestens ab 22 Uhr Filme zeigen können und ihr Programm daher lieber gleich auf Pornos um Mitternacht beschränken. Die alten Festungen werden zu Ruinen, 90 Prozent der über 4000 Autokinos in den USA verfallen.

Seit einigen Jahren ist eine Renaissance feststellbar. Mit neuen Locations, und neuer Technik, und ausgerechnet Corona, so ist abzusehen, wird dem nostalgischen Freizeitvergnügen, das die Freiheit von individueller Mobilität bei gleichzeitigem Social Distancing feiert, nun zu neuem Glanz verhelfen.

Quellen für diesen Artikel: Spiegel online, New York Film Academy, Historic Vehicle, NZZ am Sonntag, wikipedia, Der Dokfilm «Drive-in Movie Memories» von Kurt Kuenne (2001), imdb,

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