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Wie weiter mit den Corona-Lockerungen? Trotz den vielen Leuten in den Bergen und den Bars droht nicht gleich eine zweite Welle im ganzen Land – falls nötig, soll es lokale «Mini-Lockdowns» geben

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 23.05.2020 Fabian Schäfer

Viele Ausflügler an Auffahrt, dicht gedrängtes Partyvolk in den Städten: Muss man sich Sorgen machen? Soll der Bundesrat die weiteren Lockerungen der Corona-Massnahmen aufschieben? Nein, sagt Experte Marcel Tanner.

Distanzlos geniesst diese Wandergruppe an Auffahrt die Aussicht von der Lüderenalp auf die Berner Alpen. Auch in anderen Regionen waren zahlreiche Ausflügler unterwegs. ; Peter Klaunzer / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Distanzlos geniesst diese Wandergruppe an Auffahrt die Aussicht von der Lüderenalp auf die Berner Alpen. Auch in anderen Regionen waren zahlreiche Ausflügler unterwegs. ; Peter Klaunzer / Keystone

Nach den Bars nun also die Berge. Letztes Wochenende sorgten Bilder feiernder Nachtschwärmer in Basel, Zürich und anderen Städten für Unruhe. Kaum waren Bars und Restaurants wieder offen, foutierten sich einige um die Distanzregeln. An Auffahrt folgten bange Berichte über Ausflügler, die scharenweise den Alpstein, den Mythen und andere schöne Orte heimsuchten.

An den Grenzen nahm der Verkehr ebenfalls zu, etwa auf der Holzbrücke von Stein ins deutsche Bad Säckingen. Dort und an weiteren Grenzübergängen gab es an Auffahrt keine systematischen Kontrollen. In Zürich musste die Polizei die Landiwiese und die Saffa-Insel räumen. Das Problem war überall dasselbe: Die zentrale Zwei-Meter-Regel konnte in den Menschenmengen nicht immer eingehalten werden.

Muss man sich Sorgen machen? Womöglich lagen die Kritiker richtig, die stets warnend sagten, die Lockerungen vom 11. Mai kämen zu früh. An diesem Tag durften neben der Gastrobranche auch die meisten Läden und die Volksschule wieder den Betrieb aufnehmen. War das zu viel? Hat der grosse Öffnungsschritt psychologisch falsche Signale ausgesandt?

Die Frage ist auch für den weiteren Fahrplan relevant. Der Bundesrat will nächsten Mittwoch definitiv über die Lockerungen entscheiden, die am 8. Juni geplant sind. Die Liste umfasst nebst den Kinos und weiteren Schulen unter anderem die Bergbahnen, was nach den Bildern von Auffahrt zumindest zu denken gibt.

An und auf der Aare in Bern war an Auffahrt punktuell ein grosses Gedränge zu beobachten, bei dem die Zwei-Meter-Regel nicht immer eingehalten werden konnte. ; Peter Klaunzer / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung An und auf der Aare in Bern war an Auffahrt punktuell ein grosses Gedränge zu beobachten, bei dem die Zwei-Meter-Regel nicht immer eingehalten werden konnte. ; Peter Klaunzer / Keystone

Ein «Auffahrt-Effekt» wäre erst Anfang Juni sichtbar

Doch Marcel Tanner winkt ab. Der Epidemiologe leitet in der wissenschaftlichen Task-Force des Bundesrats die Expertengruppe für öffentliche Gesundheit (Public Health). «Es gibt keinen Grund, Angst zu haben», sagt Tanner. Die Fallzahlen bewegten sich nach wie vor auf tiefem Niveau. Solange sich die Ausbreitung nicht enorm beschleunige, müsse man sich keine Sorgen machen.

Weder die Nachtschwärmer noch die Ausflügler sind für ihn ein Grund, vom Fahrplan abzuweichen. «Wir haben schon viel erreicht. Es ist wichtig, dass der Bundesrat die Lockerungen wie geplant fortsetzt und wir lernen, mit dem Virus zu leben.» Entscheidend sei die Botschaft, dass trotz allen Lockerungen die grundlegenden Distanz- und Hygieneregeln weiterhin beachtet werden müssten.

Da staunt der Laie. Wie kann der Fachmann so zuversichtlich sein, wo man bis dato gar nicht weiss, wie sich die Lockerungen vom 11. Mai ausgewirkt haben? Marcel Tanner weist selber darauf hin, dass neue Ansteckungen in den Statistiken erst nach etwa zehn Tagen auftauchen. So lange dauert es, bis ein Patient Symptome spürt, sich testen lässt und das Ergebnis übermittelt ist. Will heissen: Falls sich das Virus an Auffahrt unter Ausflüglern ausgebreitet hat, wird man dies erst Anfang Juni erkennen.

Die Basler machen es vor – lokal und fokussiert

Woher also der Optimismus? «Wenn wir jetzt nicht alles falsch machen, wird es keine flächendeckende zweite Welle geben», sagt Marcel Tanner. Er zeigt sich überzeugt, dass die Schweiz das Virus dank den tieferen Fallzahlen nunmehr gezielter eindämmen kann als bisher. Tanner gibt jenen Kreisen recht, die finden, es brauche jetzt keine national einheitlichen Massnahmen mehr, zumal die Unterschiede zwischen den Kantonen teilweise gross sind. Stattdessen plädiert der Epidemiologe für ein regionales Vorgehen: Die Kantone müssten die Lage vor Ort genau im Auge behalten und rasch lokal eingreifen, wenn es notwendig sei.

Zum Beispiel in Basel: Die Bilder aus der Steinenvorstadt, wo sich Partygänger auf den Füssen herumstanden, haben auch Tanner irritiert. Er begrüsst ausdrücklich die Entscheide, welche die Basler Regierung am Mittwoch gefällt hat. Die Aussenbereiche der Beizen werden ab sofort wieder verkleinert. Zuerst hatte der Kanton die Boulevardflächen vergrössert, um den Gastronomen angesichts der Corona-Auflagen entgegenzukommen. Dies wird nun wieder rückgängig gemacht. Falls das nicht genügt, will der Kanton die Öffnungszeiten einschränken oder gewisse Aussenbereiche ganz sperren.

Noch einmal die Schweiz «abschalten» – das geht nicht

Genau so stellt sich Marcel Tanner die Zukunft vor: lokal und fokussiert. «Wir können uns keinen zweiten, flächendeckenden Lockdown leisten, sowohl sozial als auch wirtschaftlich wären die Schäden fatal.» Als Rückgrat der neuen Strategie bezeichnet Tanner das Contact-Tracing. Es sei entscheidend, dass die Kantone möglichst jede angesteckte Person erkennten und deren Kontakte in Quarantäne setzten. «Wenn wir jetzt genau hinschauen, kommen wir kein zweites Mal in die Situation, dass wir die die Schweiz quasi abschalten müssen.»

Erkenne man regionale Übertragungsherde frühzeitig, liessen sie sich mit begrenzten Massnahmen eindämmen. Diese müssten stets an die Situation angepasst sein: Wenn in Restaurants die Regeln verletzt würden, sei eine andere Intervention notwendig, als wenn sich die Ansteckungen in einem Altersheim oder im öffentlichen Verkehr häuften.

Allerdings wird es nicht immer einfach sein, genau zu erkennen, welche Massnahme notwendig ist. Darauf weist die ETH-Professorin und Mathematikerin Tanja Stadler hin, die ebenfalls in der Task-Force des Bundes mitarbeitet. «Falls die Zahlen an einem Ort wieder steigen, werden wir nicht genau wissen, woran das liegt», sagt sie. Ist es auf die Öffnung der Restaurants zurückzuführen? Liegt es an den Schulen? Oder haben die Leute einfach ihr Verhalten geändert, zum Beispiel in puncto Distanz? Da sich dies nicht immer klar feststellen lasse, sei es schwierig, gezielt zu reagieren.

Der erste Lockerungsschritt hat keine Spuren hinterlassen

Stadler beurteilt den Fahrplan des Bundesrats als sehr schnell. «Rein aus epidemiologischen Gesichtspunkten geht es aus meiner Sicht etwas rasch vorwärts.» Wenn der Bundesrat am Mittwoch über die weitere Öffnung entscheide, werde er kaum aussagekräftige Daten zur Lage nach dem 11. Mai haben. Die Folgen dieses Lockerungsschritts liessen sich frühestens ab Ende nächster Woche beurteilen. In einem Punkt ist die Mathematikerin aber jetzt schon ziemlich sicher: Der erste Öffnungsschritt vom 27. April, der unter anderem Spitäler, Gartencenter und Coiffeure betraf, hat die Ausbreitung nicht beschleunigt.

Spannend ist nun die Entwicklung der Fallzahlen nächste Woche. Wegen des tiefen Niveaus ist ein Anstieg statistisch nicht sofort mit Sicherheit erkennbar – es sei denn, er sei sehr stark. Sprich: Solange es keine gesicherten Neuigkeiten gibt, sind das gute Neuigkeiten.

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