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Corona verschärft die doppelte Krise der Schweizer Banken

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 21.06.2020 Ermes Gallarotti

Die Finanzbranche steht vor einer doppelten Herausforderung. Sie muss zum einen die digitale Transformation vorantreiben und zum andern ihre Profitabilität verbessern. Die Corona-Krise macht alles schwieriger.

Wegen der Coronavirus-Pandemie schloss die Zürcher Kantonalbank (ZKB) am 23. März vorübergehend zahlreiche Kundenschalter. Nur noch die zentralen Schalter der Bank in Zürich-City blieben offen. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Wegen der Coronavirus-Pandemie schloss die Zürcher Kantonalbank (ZKB) am 23. März vorübergehend zahlreiche Kundenschalter. Nur noch die zentralen Schalter der Bank in Zürich-City blieben offen. Annick Ramp / NZZ

Die Schweizer Banken haben die Corona-Krise bisher gut überstanden. Anders als in der Finanzkrise 2008/09 sind sie nicht Teil des Problems, sondern eher der Lösung - keine milliardenschweren Abschreibungen auf notleidenden Positionen, keine Liquiditätsengpässe, kein Absturz in die Verlustzone.

Daneben ist es den Banken gelungen, den Betrieb während der Corona-Krise friktionslos sicherzustellen und für ihre Kunden erreichbar zu bleiben - auf digitalem, aber auch auf telefonischem Weg via Contact-Center. Und dies, obwohl bei der Grossbank Credit Suisse (CS) zeitweise über 90% der Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiteten. Ein Teil der Filialen blieb für das Publikum vorübergehend geschlossen oder wurde als sicherer Rückzugsort für Mitarbeiter genutzt.

Mittlerweile hat sich die Lage zwar normalisiert. Aber eine Rückkehr zur Vor-Corona-Realität wird es für die Banken nicht geben. Vielmehr zeigt sich, dass die Pandemie die zwei grössten Herausforderungen der Branche - die digitale Transformation und den Effizienzdruck - noch stärker in den Vordergrund gedrängt hat.

Ein digitaler Schub

Auffallend ist, wie stark die Mitte März in Kraft getretenen Corona-Massnahmen die Interaktion zwischen den Banken und ihren Kunden auf digitale Kanäle verlagert haben. Online-Logins, die digitale Eröffnung neuer Konten, Online-Banking-Handelstransaktionen und -Zahlungen, der Informationsaustausch über digitale Kanäle - die Nachfrage nach diesen Dienstleistungen nahm massiv zu. Gleichzeitig nutzen immer mehr Kunden mobile Geräte statt Desktop-Computer, um mit ihrer Bank zu verkehren.

Bei der CS beispielsweise nahmen die Online-Kontoeröffnungsanträge von Firmenkunden markant zu - allein im März registrierte die Bank, verglichen mit dem vorherigen Rekordmonat (November 2019), einen Anstieg der Anträge um über 60%, was nicht zuletzt auf das vom Bund lancierte KMU-Hilfsprogramm zurückzuführen sein dürfte. Mittlerweile eröffnen über 80% der CS-Privatkunden ein Konto online oder digital in einer Filiale.

Bei der UBS schnellten die Downloads, die eine digitale Kontoeröffnung ermöglichen, von Mitte März bis Mitte Mai um über 70% in die Höhe. Zudem registrierte die Bank eine Zunahme von zwei Dritteln des über die Bezahl-App Twint abgewickelten Volumens. Die kontaktlosen Zahlungsvorgänge expandierten um fast drei Viertel, und im Gegenzug nahmen die Bargeldbezüge ungefähr im gleichen Ausmass ab.

Noch ausgeprägter fiel der Anstieg bei Swissquote aus. Während die Online-Bank in Vor-Corona-Zeiten durchschnittlich 800 bis 1000 neue Konten pro Woche für ihre Kunden eröffnete, schnellte diese Zahl im März und April auf rund 5000 und stabilisierte sich bis im Juni auf 2000 bis 2500. Nach Aussage der Bank tritt eine neue Generation von Kunden auf den Plan, die nach den Corona-Erfahrungen darauf bedacht ist, stärker als bisher selber darüber zu entscheiden, wie das eigene Geld angelegt werden soll.

Teure Transformation

Zwar ist davon auszugehen, dass die Nutzung digitaler Kanäle und Produkte nach der Krise etwas abflauen wird, zumal das Filialnetz wieder verfügbar sein wird. Aber es besteht kein Zweifel: Die Zukunft im klassischen Retail-Geschäft ist je länger je digitaler. Der Grund liegt auf der Hand: Kunden können rasch, bequem und unabhängig von Zeit und Ort ihre Bankgeschäfte erledigen. Und die Digitalisierung macht auch vor dem zweiten Kerngeschäft der Schweizer Banken, der Vermögensverwaltung, nicht halt.

Dort hilft sie den Beratern, rasch und kostengünstig personalisierte Angebote zusammenzustellen. Sie durchdringt zusehends komplexere Bereiche wie das weite Feld der Nachhaltigkeit, die Diversifikation oder die Vorsorge, erschliesst neue Distributionskanäle und ermöglicht es, Angebote von Drittanbietern zu integrieren. Damit sollten immer breitere Kreise von Kunden in den Genuss zusehends massgeschneiderter Leistungen kommen - und zwar zu tragbaren Kosten.

Nur: Die digitale Transformation ist teuer, kannibalisiert teilweise traditionelle Ertragsfelder und wird durch regulatorische Hürden behindert, beispielsweise wenn es Landesgrenzen zu überwinden gilt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Margen seit Jahren in allen Geschäftsbereichen unter Druck stehen. Damit besteht die grosse Herausforderung darin, den durch Corona verstärkten Digitalisierungsschub zu bewältigen, ohne die ohnehin angegriffene Profitabilität noch stärker zu strapazieren.

Absehbarer Stellenabbau

In dieser Konstellation rücken die Kosten in den Vordergrund. Und weil rund 70% des Aufwandes einer Bank auf das Konto von Personalkosten gehen, ist auch klar, wo der Hebel angesetzt wird, wenn die betriebliche Effizienz erodiert. Die Corona-Erfahrung, dass das Home-Office funktioniert und Kunden einen immer grösseren Teil ihrer Geschäfte über digitale Kanäle erledigen können, wird zur Streichung von Stellen führen - in den Filialen, in den Middle und Back Offices, in den Stabsstellen. Manche Banken haben bereits ganze Management-Ebenen abgeschafft - Downsizing und Delayering sind die Schlagwörter.

Die Digitalisierung des Bankgeschäfts führt zwar dazu, dass Stellen wegfallen. Gleichzeitig erfordert sie aber zusätzliche berufliche Qualifikationen, die zur Einstellung neuer Mitarbeiter führen - es werden nicht nur Stellen gestrichen, sondern auch Stellen geschaffen. IT-Spezialisten, Compliance-Fachleute, Risiko-Management-Spezialisten, Vorsorgeexperten - diese Berufsgruppen müssen sich auch künftig keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen.

Und auch digital affine Kundenberater bleiben gefragt. Denn bei aller Digitalisierung: Wenn schwierige Entscheide anstehen, wird der Kunde auch in der Zukunft den persönlichen Austausch suchen.

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