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Der Shutdown hat viele Selbständige gleichermassen getroffen. Doch jetzt trennen sich die Wege von Dienstleistern, Künstlern und Veranstaltern

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 24.06.2020 Michael von Ledebur

Sechs Selbständige erzählen, wie es ihnen in der Corona-Krise ergeht. Die einen sind schon zurück in der Normalität, andere noch lange nicht.

Anproben sind wieder möglich: Eva Bräutigam verleiht dem massgeschneiderten ;Hochzeitsanzug eines Kunden den letzten Schliff. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Anproben sind wieder möglich: Eva Bräutigam verleiht dem massgeschneiderten ;Hochzeitsanzug eines Kunden den letzten Schliff. Karin Hofer / NZZ

«Es ist, als würden mir die Hände abgeschnitten.» Mit diesem Satz beschrieb Eva Bräutigam, wie sich der Lockdown für sie als selbständige Schneiderin anfühlte. Die Erfahrung, dass der Staat einem verbietet, dem eigenen Geschäft nachzugehen, war für alle Betroffenen beispiellos. Mitte März befragte die NZZ mehrere Zürcher Selbständige. Damals sassen sie alle im selben Boot – die Kosmetikerin, der Festival-Organisator, der Gastro-Unternehmer, die Soul-Sängerin.

Und heute? Ihre Wege haben sich getrennt. Es gibt diejenigen, deren Geschäft wieder einigermassen läuft. Diejenigen, die wieder vollständig zur alten Normalität zurückgekehrt sind. Und diejenigen, die nicht mehr daran glauben, dass es je wieder so werden wird, wie es einmal war.

Eva Bräutigam hat den Lockdown als Tage der Verzweiflung erlebt, wie sie sagt. Sie habe befürchtet, dass sie ihr Geschäft verlieren werde – und sich gleichzeitig gedacht, dass das doch einfach nicht sein könne, nicht nach jahrelangem, erfolgreichem Existenzkampf. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass sich eine Schneiderei in der Schweiz behaupten kann, noch dazu an guter, aber teurer Lage an der Europaallee.

Eine Boxerin

Bräutigam hat nicht nur einen seltenen Beruf, sondern auch ein aussergewöhnliches Hobby: Sie boxt. Ihre kämpferischen Eigenschaften dürften ihr geholfen haben. Sie wollte sich jedenfalls nicht mit dem Bescheid der Ämter abfinden, wonach sie keine Kunden mehr empfangen dürfe. Immer wieder habe sie bei Behörden und Amtsstellen angerufen. Auch die Verwaltungsangestellten seien unsicher gewesen, was denn nun gelte. «Je nachdem, wen man am Telefon hatte, war die Auskunft eine andere.»

Ihr Geschäft blieb zwar geschlossen während des Lockdowns, aber die Kunden duften Stoffe aussuchen: Eva Bräutigam in ihrem Schneideratelier an der Europaallee in Zürich. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Ihr Geschäft blieb zwar geschlossen während des Lockdowns, aber die Kunden duften Stoffe aussuchen: Eva Bräutigam in ihrem Schneideratelier an der Europaallee in Zürich. Karin Hofer / NZZ

Am Ende drang Bräutigam durch mit ihrem Anliegen. Ihr Geschäft blieb geschlossen, und sie durfte nicht Mass nehmen, aber die Kunden durften Stoffe aussuchen. Die Fertigung war zwar doppelt so aufwendig, weil jeder Schritt die Absprache mit dem Auftraggeber via Skype oder Facetime bedingte. Aber Bräutigam konnte wieder arbeiten. Die Existenzangst wich der Vollbeschäftigung.

Geholfen habe ihr eine Mietzinsreduktion ihres Vermieters, der SBB, sagt sie. Gerettet aber hätten sie ihre Kunden. Zu diesen habe sie immer schon einen engen Kontakt gepflegt. Nun hätten sie sie aufgemuntert, getröstet, und vor allem hätten sie bestellt. «Die Erfahrung des Lockdowns war schwierig auszuhalten. Die Unterstützung war enorm wertvoll», sagt sie. Daraus ziehe sie die Zuversicht, gewappnet zu sein für alles, was noch kommt.

Immer noch mehr Absagen

Tanja Dankner hatte vor dem Lockdown erreicht, was vielen Musikern verwehrt bleibt: Sie konnte von ihrer Musik leben. In den Charts war sie nicht präsent, aber im Hintergrund gut vernetzt und in diversen Projekten aktiv – zum Beispiel als Gesangstrainerin bei «The Voice of Switzerland». Konzerte und Anlässe von Unternehmen waren ihre wichtigsten Einnahmequellen. Beide sind versiegt, und Anzeichen auf Besserung gibt es nicht. Im Gegenteil: Nach wie vor folge in Hinblick auf den Herbst Absage auf Absage. Die Veranstalter hätten Angst vor einer zweiten Corona-Welle. «Normal wird es in diesem Jahr nicht mehr», bilanziert sie.

Viele Musiker sind unzufrieden mit der Entschädigung, die sie als Selbständige erhalten. Dankner erzählt von einem Bekannten, der pro Tag 1 Franken 50 bekommt. Bei ihr sind es 60 Franken pro Tag. Auch das ist zu wenig, um als Mutter von zwei Kindern in der Stadt Zürich zu leben. Sie hat in den vergangenen Wochen in einem Spital ausgeholfen in der Kinderbetreuung – ein Gelegenheitsjob. «Ich hätte jede Arbeit angenommen.»

Dankner hat aus der Situation den Schluss gezogen, dass sie ihr Leben umkrempeln muss. Nach den Sommerferien tritt sie an einer Schule eine Stelle als Musiklehrerin für die Primar- und Sekundarschule an. Nebenbei erweitert sie ihre privaten Gesangscoachings. Ihre eigene künstlerische Karriere tritt zurzeit in den Hintergrund. «Die Existenzangst und die depressiven Zustände der letzten Wochen möchte ich nicht noch einmal erleben. Ich werde nie mehr auf eine Karriere einzig als Musikerin setzen.» Auf der Bühne stehen will sie selbstredend weiterhin. Während des Lockdowns hat sie gemeinsam mit der Verwaltung ihrer Siedlung ein Hof-Konzert organisiert – unentgeltlich.

Zuerst die Einheimischen

Auch Oliver Oetjen aus Bülach muss nach wie vor zusehen, wie rund um ihn herum die Normalität zurückkehrt, er selbst aber zum Nichtstun verdammt bleibt. Oetjen organisiert Food-Festivals in Deutschschweizer Städten. Er ist abhängig von den Behörden. Eine Bewilligung zu erhalten, sei derzeit auch für kleinere Veranstaltungen unmöglich, sagt er. Als Auswärtiger habe er schon gar keine Chance. Das habe er mehrmals am Telefon zu hören bekommen: Wenn, dann seien zunächst die lokal Ansässigen dran.

Für seine Mitarbeiter konnte Oetjen Kurzarbeit beantragen. Er selbst steht seit Juni ohne staatlichen Zuschuss da, weil der Bund die Unterstützung für Selbständige nicht verlängert hat. In einem Nachtklub in Schaffhausen hat er ein Pop-up-Restaurant eröffnet, eine Zusammenarbeit mit dem Inhaber des Lokals. Es laufe gut – aber die Einkünfte deckten den Verlust im Kerngeschäft, den Festivals, bei weitem nicht.

Einen Hilfskredit des Bundes hat Oetjen zwar aufgenommen, aber dies nur als Vorsichtsmassnahme: Er hofft, dieses Geld nicht anfassen zu müssen. Wie vielen Selbständigen erscheint ihm dieser als ein vergiftetes Geschenk, weil man das Geld nur schwer zurückzahlen könne. «Wir sind eine gesunde Firma und stehen das durch», sagt Oetjen – aber das in den vergangenen Jahren hart erarbeitete Polster ist dahin.

Platz 2 hinter der Pizza Margherita

Tenzin Tibatsang hat in den vergangenen Jahren so gut wie alle Einkünfte in seine tibetischen Restaurants investiert. «Tenz Momo» begann als Marktstand, heute führt Tibatsang mit seinen Jugendfreunden Lobsang Reichlin und Chimey Nelung zwei Restaurants im Stadtzürcher Kreis 4, einen Foodstand in einer Markthalle in Zug und seit neustem ein Lokal in Bern. Der Lockdown hat ihn in einem denkbar ungünstigen Moment getroffen. «Wir haben 40 Angestellte, die wollen wir alle behalten», sagte er damals. Es klang nach Zweckoptimismus.

Tibatsang hätte alle seine Angestellten in die Kurzarbeit schicken und die Krise aussitzen können. Er entschied sich für einen anderen Weg und stellte rasch und konsequent auf Take-away um. Damit war er über alle Erwartungen erfolgreich. Tibatsang ist selbst erstaunt. «An manchen Tagen haben wir das Volumen eines normalen Tages erreicht.» Der Essenslieferdienst Eat.ch hat eine Auswertung der meistbestellten Gerichte publiziert. Momo, tibetische Teigtaschen, rangierten auf Platz 2, gleich hinter der Pizza Margherita. Das heisst nicht, dass «Tenz» gar keine Einbussen hat hinnehmen müssen. Aber es ist anzunehmen, dass das Unternehmen im Lockdown Kunden dazugewonnen hat.

Seine beiden Zürcher Restaurants seien bei der Wiederöffnung ab dem ersten Tag voll belegt gewesen, sagt Tibatsang – soweit es die Einschränkungen zuliessen. Eigenhändig hat er Plexiglaswände installiert. Der Arbeitsaufwand sei beträchtlich gewesen und das Material auch nicht ganz billig. «Ich verstehe jeden Gastronomen, der das nicht auf sich nimmt. Schliesslich weiss man nicht, ob in zwei Wochen wieder ganz andere Regeln gelten.»

Möbel bauen und auf Instagram anbieten

Die Feststellung ist banal, aber für die Betroffenen einschneidend: Drei Monate nach dem Lockdown gibt es unter den Selbständigen Gewinner und Verlierer. Pech haben jene, die etwas mit Veranstaltungen zu tun haben. Boris Hilton, der Dekorationen für Nachtklubs gestaltet, hat weiterhin hohe Fixkosten für die Ateliermiete, aber keine Aufträge, weil die Klubbesitzer selbst kein Geld verdienten und nicht investierten. Er gestaltet derzeit die Terrassen von Bekannten um oder zimmert Möbel aus Holzpaletten, die er auf Instagram verkauft – mit Erfolg, wie er sagt. Das Ziel sei es, durchzuhalten, bis wieder Normalzustand herrsche, erklärt der werdende Vater.

Frank Braun, Geschäftsleitungsmitglied der Zürcher Neugass Kino AG, hat festgestellt, dass Leute aller Gesellschaftsschichten wieder das Kino besuchten. Doch das Publikumsaufkommen sei noch zu spärlich, «der Betrieb lohnt sich überhaupt nicht». Auch die Vorgaben der Schutzkonzepte seien nach wie vor einschneidend. Sorge bereitet ihm, dass der Markt für neue gute Filme auszutrocknen drohe, weil viele Produktionen zurückgehalten würden für Zeiten, in denen keine Einschränkungen mehr gelten.

Nochmals eine Dernière

Und Michel Gammenthaler, Komiker aus Uster, der sein Programm «BLöFF» vor dem Lockdown nur gerade einmal hatte aufführen können, sagt, an einen normalen Comedy-Betrieb sei nach wie vor nicht zu denken. Die Restriktionen seien derzeit noch zu streng dafür. Immerhin kann er sein Programm doch noch zweimal zeigen – Ende Juni im Casino-Theater Winterthur.

Es gibt auch jene Selbständigen, die noch nicht zum ursprünglichen Umsatz zurückgekehrt sind, sich aber auf gutem Weg dahin sehen. Dies gilt für Susanne Dinten, die seit 40 Jahren das Kosmetikgeschäft Ladies Style Cosmetics in Altstetten betreibt. Zu 60 bis 70 Prozent seien ihre Mitarbeiterinnen wieder ausgelastet. Viele Stammkundinnen seien Businessfrauen in den umliegenden Unternehmen, die zum Teil noch im Home-Office arbeiteten. Aber der Sommer stehe ja vor der Tür, und somit hoffe sie auch auf eine steigende Nachfrage.

Marc Bourgeois, IT-Unternehmer und FDP-Politiker, schätzt den Umsatz in seiner Firma auf 75 Prozent des Normalzustands. Seine Kunden nähmen grosse Projekte nach wie vor zurückhaltend in Angriff. Die Investitionslust bleibe gedämpft.

Kämpfen, nach einer Perspektive suchen und dabei auf einen grünen Zweig kommen oder auch nicht – das ist für viele die Realität. Aber nicht für alle. Manchen fällt die Rückkehr in die Normalität leicht. Die Shiatsu-Therapeutin Claudia Zurbuchen hat ihr Geschäft für sechs Wochen eingestellt. In dieser Zeit sei sie zur zufriedenen Hausfrau geworden, sagt sie. Dann genügte ein Newsletter an die Kundinnen und Kunden, und diese meldeten sich wieder an. Die Dentalhygienikerin Ines Lorenzo aus Oerlikon hat ebenfalls wieder eine volle Agenda, «den Rauchern sei Dank», sagt sie halb im Scherz. Die Zeit ohne Einkünfte hat sie durchaus als existenzbedrohend erlebt, aber sie überstand sie unter anderem, weil ihr eine Kundin spontan 3000 Franken schenkte. Und darauf bestand, dass sie das Geld behalte.

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