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Er will normal bleiben in der Glitzerwelt

Basler Zeitung-Logo Basler Zeitung vor 6 Tagen Peter M. Birrer
Er will normal bleiben in der Glitzerwelt © Bereitgestellt von Basler Zeitung Er will normal bleiben in der Glitzerwelt

Diego Benaglio wollte seine Karriere in Wolfsburg beenden – dann lockte plötzlich die Côte d’Azur.

Vor dem Casino findet ein Wettrennen statt, ohne dass die Autos fahren. Die Seitentüren von Ferraris sind hochgeklappt, ein Bentley reiht sich auf dem Parkplatz an den nächsten, es darf schrill, soll bunt, muss teuer sein. Hauptsache: Man fällt auf. Am Hafen haben gigantische Jachten angelegt, der Luxus wird auch im Wasser nicht versteckt. Und zwischen Casino und Port Hercule bieten sich ausreichend Möglichkeiten, um schnell viel Geld loszuwerden. Designer­läden, Bijouterien, edle Restaurants – willkommen in der Welt der Reichen, willkommen in ­Monaco.

«Vieles ist surreal. Aber wenn man das Normale nicht aus den Augen verliert, ist es fantastisch hier.» Sagt einer, der seit 14 Monaten im Fürstentum lebt: Diego Benaglio. Er will sich vom Glitzer dieser Welt nicht blenden lassen, er will normal bleiben. Und schafft das auch.

Die AS Monaco rief bereits zum zweiten Mal, und diesmal sagte der Goalie nicht mehr ab. Er verliess Wolfsburg, er ging fort aus einem Ort, der für viele grau ist, ein Synonym für VW und VfL, aber keine Touristen anlockt. Und manchmal vergessen sogar Schnellzüge, dort anzuhalten. Das mondäne Monaco ist ein krasser Gegenentwurf zur Autostadt Wolfsburg, aber Benaglio sagt: «Wir haben uns in Deutschland wohlgefühlt, nun ist der Alltag in Monaco kein anderer.»

Bekannt – und doch anonym

Benaglio hat ein Haus im Grünen gegen eine Wohnung im Zentrum eingetauscht. Er schätzt die kurzen Wege, den Strand, das Meer, das Klima. Er ist glücklich, dass für die Familie der Umzug in eine neue Umgebung problemlos verlief und die zwei ­Töchter gern die internationale Schule besuchen. Als Fussballer ist er zwar bekannt, aber in der Stadt mit einer hohen Dichte an Berühmtheiten und Sternchen dreht sich kaum jemand nach ihm um. Benaglio sagt: «Es ist schön, wenn ich anonym bleiben kann.»

Eigentlich ging er davon aus, in Wolfsburg seine Karriere zu beenden. Der Ort in Niedersachsen war seit Anfang 2008 sein Lebensmittelpunkt, seine beiden Töchter kamen dort zur Welt. Aber dann kam er unerwartet doch ins Grübeln, als sein belgischer Konkurrent Koen Casteels den Vorzug erhielt und für Benaglio seine Degradierung nicht zwingend nachvollziehbar war. Er wusste, was er nicht anstrebte: einen Transfer innerhalb der Bundesliga. «Wenn überhaupt noch Neuland, dann richtig», sagte er sich. Eine Zusatzschlaufe in einem anderen Land, das reizte ihn. Und er bekam eine. Eine schöne.

Er unterschrieb einen Dreijahresvertrag bei Monaco, Frank­reichs Meister von 2017, im Wissen, welcher Konkurrent ihn dort erwartete: Danijel Subasic, kroatischer Nationalgoalie. Benaglio startete als Nummer 2, blieb das auch, kam aber in vier verschiedenen Wettbewerben auf zehn Partien und bilanzierte im Sommer: «Ich bin mit der ersten Saison nicht unzufrieden.» Er wurde nicht links liegen gelassen, nein, er spürte, wie Trainer Leonardo Jardim an ihm schätzte, dass er, der Sprachgewandte, Einfluss nahm auf die Mannschaft. Dass er gerade für die Jüngeren zu einer Anlauf­stelle wurde. «Ich bin nach einem Training noch nie frustriert heim­gegangen», sagt er.

Ehrfürchtig in Stuttgart

35 wurde er am vergangenen Samstag, und die Jahre sind an ihm vorbeigeflogen, so empfindet er das zumindest. Benaglio erinnert sich an die Tage, an denen er als 19-jähriger Unbekannter beim VfB Stuttgart Altmeistern wie Zvonimir Soldo oder Krassimir Balakov ehrfürchtig begegnete, aber auch dachte: «Das sind schon alte Kläuse.» Nun ist er selbst im fortgeschrittenen Fussballeralter, «aber 18», sagt er, «möchte ich nicht mehr sein».

Benaglio hat seine Laufbahn so gestalten können, dass er nichts bereut und ihm nichts fehlt. Er war 2009 mit Wolfsburg deutscher Meister, spielte 61-mal für die Schweiz, war an der WM 2006 Stellvertreter von Pascal Zuberbühler, bevor er an der EM 2008 und an den WM-Endrunden 2010 sowie 2014 im Tor stand. Freiwillig verabschiedete er sich nach dem Turnier in Brasilien aus dem Nationalteam – mit der Überzeugung, dass er durch die wegfallende Belastung Energie sparen kann, die seine Karriere «um ein, zwei Jahre ­verlängert». In dieser Hinsicht unterscheidet er sich markant von Stephan Lichtsteiner, seinem Freund, mit dem er jahrelang bei Zusammenzügen bei Länderspielen das Zimmer geteilt hat. «Sein Antrieb ist beeindruckend und hat ihn zum Schweizer Spieler mit der grössten Karriere gemacht», sagt der Torhüter, «vermutlich würde er am liebsten weitermachen, bis er 48 ist. Er scheint eine unerschöpfliche Energie zu besitzen.»

Felix Magaths Schule

Heute ist Benaglio einfach ein Fan der Nationalmannschaft. Er freut sich über Erfolge; er bedauert es, wenn seine früheren Kollegen scheitern wie in Russland im Achtelfinal («da wurde eine Riesenchance verpasst»); und er findet auch, dass nach der Doppeladler-Geschichte im Serbien-Spiel «nicht die richtige Lösung gefunden wurde, um für das Spiel gegen Schweden total bereit zu sein».

Die Arbeitsweise von Vladimir Petkovic hat Benaglio nicht mehr kennen gelernt, darum verzichtet er auch auf eine Ferndiagnose zum Nationalcoach. Er hatte auch so genügend Trainer, solche, die ihn prägten. Zum Beispiel: Felix Magath. Er mag unzimperlich sein und knorrig, aber er brachte Benaglio bei, dass er mehr leisten muss als nur Dienst nach Vorschrift: «Dank ihm habe ich eine professionelle Einstellung bekommen, ich lernte, mich durchzubeissen.»

Benaglio traf auf Köbi Kuhn, der seinen Spielern Freiheiten gewährte. «Aber wir haben das nie ausgenutzt», sagt er, «wir wussten: Wenn wir schon an der langen Leine gehalten werden, verdient es der Trainer auch, dass wir es ihm mit Leistungen danken.» Nach Kuhn war es Ottmar Hitzfeld, der Benaglio imponierte, «weil er in all den Jahren nicht ein einziges Mal laut wurde und doch grössten Respekt bekam. Und weil er genau wusste, mit wem er wie umgehen musste.»

In Monaco hat er nun also Leonardo Jardim. Und der Portugiese setzt zu Beginn dieser Saison auf den Schweizer, weil Danijel Subasic angeschlagen von der WM zurückgekehrt ist. Subasic ist ein Konkurrent, aber einer, mit dem sich Benaglio gut versteht. Er gratulierte dem Kroaten per SMS zu den Auftritten in Russland, er unterhält sich mit ihm gern abseits des Platzes: «Er denkt ähnlich wie ich.»

«Saure Miene» bringt nichts

Der Auftakt in die Meisterschaft verlief für Benaglio und seine Kollegen mässig: vier Punkte in vier Ligue-1-Partien. Befürchtet der Goalie, bald wieder auf der Bank zu sitzen? «Daran denke ich nicht», sagt er, «aber wenn es so kommen sollte, muss ich das akzeptieren. Es bringt weder mir noch der Mannschaft etwas, wenn ich mit saurer Miene durch die Gegend laufe.»

Nach Wolfsburg unterhält ­Benaglio immer noch Kontakt, und er ist wieder intensiver geworden, seit der VfL mit Marcel Schäfer einen seiner besten Freunde als Sportdirektor angestellt hat. Der Club hat seinem früheren Goalie und Captain schon mehrfach signalisiert, dass er ihn nach der Laufbahn wieder beschäftigen möchte. Benaglio sagt: «Ich halte eine Rückkehr durchaus für möglich.» Allerdings soll das nicht heute und nicht morgen geschehen: «Ich liebe meinen Job und möchte ihn noch lange ausüben.»

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