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Ich pflegte meine Mutter bis in den Tod – und es war das pure Glück

Der Bund-Logo Der Bund 07.06.2018 Ruth Schneeberger
Es war die Hölle – und es war das pure Glück © Bereitgestellt von Der Bund Es war die Hölle – und es war das pure Glück

Viele erklärten mich für verrückt, als ich mit 29 meine schwer kranke Mutter zu mir holte. Eine Erinnerung.

Meine Mutter konnte die letzten zehn Jahre ihres Lebens nicht mehr gehen, sprechen oder alleine essen. Ich habe sie zu Hause gepflegt, seit ich 29 war. Meine Mutter, stark wie eine Löwin, war auf einen Schlag gelähmt. Aber sie konnte immer noch sehr lustig sein. Denke ich an sie, sehe ich sie lächeln.

Wer einen Angehörigen pflegt, wird von vielen für verrückt erklärt. «Wissen Sie, was für eine Verantwortung Sie übernehmen?», fragte die Sozialpädagogin im Spital. Mein Bruder versuchte zuerst mit allen Mitteln, mich davon abzubringen. Eine Freundin brach den Kontakt ab, weil sie dachte, ich würde mich und mein Umfeld überfordern – also auch sie. Pflege macht krank, heisst es. Pflege kann aber auch erfüllend sein.

Nicht dass ich mir mein Leben so vorgestellt hatte: Als meine Mutter 2007 krank wurde, hatte ich gerade mein Studium beendet, einen Vollzeitjob, mich von meinem Freund getrennt, wohnte in einer WG und tanzte die Nächte durch. Es hätte alles so weitergehen können. Dann kam dieser Schlag. Ein Hirnschlag.

Meine Mutter hatte schon lange Bluthochdruck und war alles andere als sportlich. Sie war eine Kämpferin auf anderen Gebieten: Für soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und Bürgerrechte hatte sie sich ein Vierteljahrhundert politisch eingesetzt, zuletzt als Bürgermeisterkandidatin der deutschen Kleinstadt, in der ich geboren wurde.

Nicken hiess bei ihr oft Nein

Ausgerechnet diese Frau sollte nie wieder sprechen können, nie wieder kämpfen, mit 61 Jahren? «Hoffentlich bleibst du kein Pflegefall», sagten ihre Freunde am Krankenbett, halb ehrfürchtig, halb spöttisch. Genau das aber wurde sie: ein schwerer Pflegefall. Sie war komplett von Hilfe abhängig, und bald lernte ich: von meiner Hilfe. In der Reha war sie monatelang von Fremden umgeben, die sie nicht verstanden, weil sie nur noch Ja und Nein sagen konnte, und auch das geriet durcheinander. Nicken hiess bei ihr oft Nein, Kopfschütteln Ja. Aber nicht immer. Die meisten waren damit überfordert. Ausser mir.

Ich kannte ihre Vorlieben. Ich wusste, dass sie ihren Kaffee nicht mit Zucker trinken, keine Strümpfe im Bett tragen, nichts Süsses zum Frühstück essen und bloss kein Wasser ohne Kohlensäure trinken wollte. All diese Kleinigkeiten, die die ständig wechselnden Schwestern immer wieder fragten. Meine Mutter war hilflos und verzweifelt. Eines Tages sagte mir die Therapeutin, dass sie nur dann nicht weine, wenn ich da sei. Also nahm ich sie zu mir nach München.

«Ich kaufte ihr Kleider, Schmuck, Modemagazine, hielt  ihr im Sommer das Glace, an dem sie schleckte.»

Hatte ich eine andere Wahl? Pfleger gaben ihr so lange falsche Tabletten, die ihr Herz schwächten, bis sie einen Herzschrittmacher brauchte. Ein Arzt, dem ich Atembeschwerden meiner Mutter schilderte, schrie mich an, ich sei jetzt minutenlang am Reden, ich solle gefälligst meine Mutter zu Wort kommen lassen. Als ich ihn aufklärte, dass sie nicht sprechen kann, stampfte er aus dem Raum – ohne Behandlung. Eine Last fiel von mir ab, als die Krankenversicherung endlich ein Pflegebett genehmigte und meine Mutter bei mir einzog.

Natürlich war nicht alles leicht. Zu sehen, wie die eigene Mutter von Pflegern ins Bett gewuchtet wird, brach mir die ersten Male fast das Herz. Dann begriff ich, dass wir im Alter oft wieder wie Kinder werden. Also tauschten wir die Rollen. Meine Mutter liess sich dankbar von mir bemuttern. Für mich machte das vieles leichter. Mich nervte stattdessen, wenn andere mich bemitleideten. Was ist an der Pflege eines Alten schlechter als an der eines Kindes?

Gespräche ohne Worte

Das Pflege-WG-Leben war anstrengend, aber es gab mir auch Kraft. Manchmal war es wunderschön, einfach neben meiner Mutter zu sitzen. Sie strahlte Ruhe aus, war fröhlich. Bei uns zu Hause tickten die Uhren langsamer. Für mich ein gesunder Ausgleich zum Büroalltag. Es war viel Arbeit, aber sie war heilsam. Für uns beide.

Wir blieben im Gespräch – auch ohne Worte. Körperlich war meine Mutter eingeschränkt, aber der Geist war noch fast voll da. Sie musste mich nur angucken, und ich wusste, was los war. Falls nicht, fragte ich sie ab: Ist dir kalt, hast du Bauchschmerzen, ist der Fernseher zu laut? Meistens einigten wir uns. Wenn nichts half, konnten wir uns ordentlich zanken. Weil sie nicht einsah, warum ich sie nicht verstand. Sie zeigte mir dann wütend den Vogel. Das war dreist, weil sie es ja war, die nicht sprechen konnte. Und doch war es schon wieder lustig.

Trotzdem merkte ich, dass auch ich Grenzen habe. Meine war, meiner Mutter den Po abzuwischen. Stattdessen putzte ich ihr die Zähne, bereitete das Essen zu und fütterte sie mit Medikamenten, erinnerte sie jede halbe Stunde ans Trinken, mass ihren Blutdruck, stritt mich mit Ärzten und bewegte dreimal täglich ihre Gelenke. Ich fuhr mit ihr stundenlang durch die Münchner Innenstadt. Ich kaufte ihr Kleider, Schmuck, Modemagazine, hielt ihr im Sommer das Glace, an dem sie schleckte. Ich liess sie abends Fussball und Boxen gucken, obwohl ich lieber anderes gesehen hätte.

«Ich gab meine ganze Kraft, meine Liebe, meinen Verstand, meine Zeit, um sie über die nächsten Monate zu bringen.»

Jedem, der selbst pflegen will, empfehle ich, sich rechtliche Hilfe zu holen. Die intimsten Kleinigkeiten müssen mit Fremden verhandelt werden. Ich war ja die gesetzliche Betreuerin meiner Mutter. Mein Bruder nahm mir davon viel ab. Damit ich noch arbeiten konnte, hatten wir halbtags eine Pflegehilfe.

Die Pfleger liebten meine Mutter, weil sie bei der Körperhygiene so gut mithalf. Für jeden hatte sie ein warmes Lachen parat. Sie war ungebrochen. Sie – von der ein Gutachter geschrieben hatte, sie vegetiere vor sich hin – wollte raus, liess sich von mir die Haare färben, blühte auf. Kein Wunder, dachte ich mir. So albern es klingt, manchmal war ich fast neidisch: Kein Wunsch wurde ihr abgeschlagen, jede Regung verfolgt.

Denn ihre Prognose war schlecht. «Vielleicht ein halbes Jahr», hatte die Ärztin gesagt. Zwei von vier Arterien zum Hirn seien zu, die dritte halb. Es sei möglich, aber unrealistisch, mit dieser Diagnose noch zehn Jahre zu leben. Eine medizinische Fehleinschätzung.

Langsam schwanden die Kräfte

Ich hätte niemals gedacht, dass meine Mutter die zehn Jahre schaffen würde. Ich gab stattdessen meine ganze Kraft, meine Liebe, meinen Verstand, meine Zeit, um sie über die nächsten Monate zu bringen. Meiner Mutter sollte es gut gehen. Und mir ging es auch gut. Wir hatten Spass, wenn wir in Zeitschriften blätterten, Filme guckten oder über unseren kleinen Hund lachten.

Mit den Jahren schwanden die Reserven dann doch. Zuerst die finanziellen. Meine Mutter wurde zum Sozialfall. Ein neuer Kampf begann. Was aber, wenn man keine Kraft mehr zu kämpfen hat? Bei mir war es 2016 so weit – unerwartet. Das Jahr begann voller Pläne: Ich sollte Korrespondentin in Köln werden und wollte meine Mutter mitnehmen. Sie freute sich, weil sie aus Köln stammt. Wir fanden eine behindertengerechte Wohnung. Doch die Stadt verweigerte uns die Unterstützung. Täglich ein paar Stunden Pflege – wie in München – lagen hier nicht drin. Wir mussten zurück.

Mein Bruder half uns beim Umzug. Zwei Tage später war er tot. Verdacht auf Schlaganfall. Ich dachte: Jetzt sterbe ich auch. Wer sollte dann für meine Mutter sorgen? Neun Monate lang war ich krank. In kürzester Zeit nahm ich 25 Kilogramm ab. Meine Mutter war stark, wie immer. Aber ich konnte nicht mehr. Und dann brach der neue Pflegedienst meiner Mutter die Schulter.

«Mit den Jahren schwanden die Reserven dann doch. Zuerst die finanziellen. Meine Mutter wurde zum Sozialfall.»

Das war der Anfang vom Ende. Nachdem sie Methadon gegen die Schmerzen bekommen hatte, wurde sie eine andere. Sie jammerte, sie wollte sich nicht mehr pflegen lassen. Bei einer Spazierfahrt fiel sie in Ohnmacht. Verdacht auf Epilepsie. Irgendwann fand man ein Medikament, sie wurde wieder friedlich. Die Klinikaufenthalte aber hatten sie geschwächt, sie bekam eine Lungenentzündung nach der anderen. An der vierten starb sie. Das war im Februar 2018.

Ich dachte: Ich halte das alles nicht aus – ich bekomme einen Herzinfarkt. Es ist zu viel. Aber es kam anders. Meine Mutter ist mir am nächsten Morgen «erschienen». Ich wachte auf, sah sie vor mir – sie war glücklich. Sie strahlte übers ganze Gesicht und sah aus, als könne sie nicht fassen, wie toll jetzt alles ist. Ich schlief wieder ein – und war die nächsten drei Tage in Hochstimmung.

Ich bin traurig, dass meine Mutter nicht mehr da ist, aber nur ein bisschen. Viel wichtiger ist das Gefühl, dass es ihr jetzt gut geht. Und dass ich alles dafür getan habe. Und dass sie das auch weiss.

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